Jugendzeit in Ostpreußen - NSDAP in Ostpreußen

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei in Ostpreußen 1921-1933

Beliebt war die NSDAP in Ostpreußen zweifellos. Doch dies schlug sich nicht in den Mitglieder- und Ortsgruppenzahlen nieder. Eine Quellenstudie berichtet über die Geburtsstunde der NSDAP in Ostpreußen.

Umschlag: Die NSDAP in Ostpreußen 1921-1933Bis zum Ende der Zwanzigerjahre blieb die NSDAP eine von vielen nationalistischen Gruppierungen in Ostpreußen – ohne jegliche politische Bedeutung. Trotz der Gründung des NSDAP-Gaues Ostpreußen im Mai 1925 ist es der Partei nicht gelungen, außerhalb von Königsberg und einigen Provinzstädten Fuß zu fassen. Die Erfolge kamen überraschend nach dem dem Amtsantritt des Gauleiters Erich Koch am 3. September 1928.

Die zentralen Elemente der Naziideologie – Nationalismus, Fremdenhass und Antisemitismus – und der stets hervorgehobene vermeintliche Verrat an den Interessen der Provinz seitens der Reichsregierung waren nichts Neues im politischen Leben von Ostpreußen. Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges existierten zahlreiche rechtsorientierte politische und paramilitärische Organisationen. Bevor die NSDAP zwischen 1928 und 1932 die bürgerlichen Parteien aus dem politischen Alltag verdrängen konnte, wurde dieser von der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) geprägt. Konservativ und antirepublikanisch, bediente sie sich in ihrer Propaganda aller Ressentiments – unter anderem des Antisemitismus, der nebenbei bemerkt auch der katholischen Zentrumspartei nicht fremd war. So fielen die Propagandaparolen der NSDAP in Ostpreußen auf einen fruchtbaren Boden. Die Wirtschaftskrise erhöhte noch die Anfälligkeit der Bevölkerung für den nationalsozialistischen Radikalismus. Infolge der schlechten Konjunktur gerieten nicht nur Bauernfamilien an den Rand der Armut, sondern alle, die in agrarnahen Wirtschaftszweigen beschäftigt waren. Die Weltwirtschaftskrise verstopfte zudem das Sicherheitsventil in Form von Auswanderung der überschüssigen Arbeitskräfte in die west- und mitteldeutschen Industriegebiete. Daraus erklärt sich die außergewöhnliche Popularität der NSDAP in Ostpreußen, die sich in immer besseren Wahlergebnissen – deutlich über dem Reichsdurchschnitt – manifestierte. Von einem Prozentbruchteil bei den Wahlen am 20. Mai 1928 (0,8%) brachte es die NSDAP zu einer absoluten Mehrheit am 3. März 1933 (56,8%).

Es ist allerdings bemerkenswert, dass dem Zuwachs an Wählerstimmen weder die Mitgliederstärke noch die Ortsgruppenzahl entsprachen. Die Bevölkerung Ostpreußens gehörte eher zu den passiven Sympathisanten der NSDAP – man wählte ihre Kandidaten, wich aber einer Mitgliedschaft aus. Auch wenn die organisatorischen Erfolge von Erich Koch enorm waren – die Zahl der Mitglieder steig zwischen 1928 und 1933 von 300 auf 27.526 – kann von einem dichten Netz lokaler Parteistellen nicht die Rede sein. Den 4805 Gemeinden von Ostpreußen standen lediglich 439 Ortsgruppen gegenüber.

Anfang der Dreißigerjahre – zu dem Zeitpunkt also, als die NSDAP auch in Ostpreußen zu einer Massenorganisation wurde – veränderte sich die soziale Struktur der Partei. Sie wurde zu einer heterogenen Organisation, in der sämtliche sozialen und beruflichen Gruppen vertreten waren. Obwohl ihr eine zahlenmäßig starke Arbeitergruppe angehörte, blieb die NSDAP vor allem eine Partei des Mittelstands. Dieser Schicht entstammte auch ihre Leitung. Mit der Machtübernahme 1933 endet die Darstellung von Koziello-Poklewski.

Der Leitgedanke der Studie ist die Annahme, dass die gesamtdeutschen Erfolge der NSDAP „von unten“ beleuchtet werden müssen, um ihr richtiges Verständnis zu gewährleisten. Ein sorgfältiges Quellenstudium erlaubt es, nicht nur die lawinenartig steigende, durch Wahlerfolge bestätigte politische Bedeutung der NSDAP in Ostpreußen zu schildern, sondern auch die organisatorische Entwicklung der Partei nachzuzeichnen. Dem Verfasser waren Quellen aus mehreren Archiven zugänglich: dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem, dem sogenannten Koch-Bestand im Berlin-Document-Center, dem Bundesarchiv in Koblenz, dem Archiv der Neuen Akten in Warschau, dem Archiv des Hauptausschusses zur Erforschung nazistischer Verbrechen in Polen (Prozessakte des Gauleiters Koch) und dem Staatsarchiv in Allenstein. Die inhaltliche Darstellung wird von einer kommentierten Übersicht über die frühere Forschung zur NSDAP-Entwicklung in Ostpreußen ergänzt. Der Autor († 2002) war Professor an der Universität Allenstein.

Bohdan Koziello-Poklewski: Narodowosocjalistyczna Niemiecka Partia Robotnicza w Prusach Wschodnich 1921-1933 [Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei in Ostpreußen. 1921-1933]. Olsztyn [Allenstein]: Osrodek Badan Naukowych 1995. ISSN 0585-3893, 160 Seiten, 6,90 PLN.

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