„Ich verurteile die Polen nicht”
Josef Block
In Schmolainen, einem Dorf bei Guttstadt im Kreis Heilsberg, verlebt Josef Block eine unbeschwerte Kindheit auf dem Bauernhof seiner Eltern. Das Leben der ostpreußischen Bauern ist einfach und arbeitsreich – dafür kennt man keine Versorgungsengpässe und auch der Krieg macht sich auf dem Land nur wenig bemarkbar. Die trügerische Ruhe endet 1945 mit dem Einmarsch der Rotarmisten. Der Vater wird nach Sibirien verschleppt, die Mutter mehrmals vergewaltigt. Ein Baby verhungert, nachdem die Sowjets die letzte Ziege der Blocks geschlachtet haben. Doch all die Kriegsverbrechen und Schicksalsschläge können ihren Lebenswillen nicht brechen. Gewitzt und mutig „organisiert“ Josef Essbares aus den Beständen der Roten Armee und spannt sich selbst vor den Pflug, um die Felder zu bestellen. Wenig später beginnt die Landnahme durch polnische Siedler. Die Feindschaft zwischen den alten und neuen Dorfbewohnern ist groß, vereinzelt gibt es aber auch Freundschaften. Im Frühjahr 1947 müssen die Blocks Ostpreußen verlassen und bauen sich eine neue Existenz als Flüchtlinge in der DDR auf. Die Friedensparolen der Kommunisten gefallen Josef, er engagiert sich in der FDJ, durchschaut aber bald die Verlogenheit der Machthaber und entzieht sich durch eine „Republikflucht“ dem wachsenden ideologischen Druck.
Mein Geburtsdatum ist der 19. März 1933. Ich bin Bauernsohn und hatte zwölf Geschwister. Unser Leben verlief wie auf einem kleinen Bauernhof üblich – alle hatten ihre Arbeit, die erledigt werden musste. Es lebten 15 Personen in dieser Gemeinschaft: Vater und Mutter, Vaters Mutter, seine Schwester Martha und elf Kinder. Das waren in der altersmäßigen Reihenfolge: Franz, Josef, Paul, Gretel, Hubert, Theresia, Alois, Anna, Luzia, Leo und Monika. Der Bauernhof hatte 60 Morgen [15 Hektar]. Vater hat neben der Landwirtschaft, immer wenn er Zeit hatte, Langholz aus dem Wald geholt und zum Sägewerk nach Guttstadt gebracht. Schmolainen war ein Dorf von vielleicht 700 Seelen und fast alle waren katholisch. Ich kannte nur eine einzige Familie, die evangelisch war. Im Dorf gab es auch eine Schule, die ich besucht habe. Es war eine kleine Schule mit zwei Klassenräumen, in denen jeweils vier Jahrgänge gleichzeitig Unterricht hatten: die Klassen 1–4 nachmittags, die Klassen 5–8 vormittags.
Die Leute waren bei uns alle glücklich – obwohl sie keinen Reichtum besaßen. Sie kannten einfach nichts anderes. Man hat das Dorf damals kaum verlassen, es sei denn, um Verwandte zu besuchen. Die Reisen waren meist recht kurz, denn die ganze Verwandtschaft wohnte in den umliegenden Ortschaften: Stolzhagen, Liewenberg, Heilsberg, Altkirch Sommerfeld, Guttstadt, Wolfsdorf oder Althof. Nur eine Cousine von Vater wohnte in Berlin. Jedes Jahr kamen diese Berliner im Sommer für 3–4 Wochen zu uns, um die Ferien auf dem Bauernhof zu verbringen. So konnten sie als Stadtmenschen das Landleben kennen lernen, wobei wir Kinder auch manchmal über sie gelacht haben. Als wir ihnen einmal erklärten, dass aus dem Korn, das wir geerntet haben, Brot wird, waren sie sehr erstaunt: ,,Nee, bei uns gibt's das Brot beim Bäcker!“.
Wir größeren Kinder durften auch mal zu Tante Hanna nach Sommerfeld in die Ferien. Die 15 Kilometer Anreise bewältigten wir natürlich zu Fuß, doch das machte uns nichts aus. Denn wir freuten uns schon auf den reich gedeckten Tisch bei Tante Hanna, besonders auf den leckeren Kuchen. Auf dem Hof dort arbeitete zu dieser Zeit ein Franzose, den wir Maxl nannten. Heute denke ich, das er wahrscheinlich Marcell mit richtigem Namen hieß. Er war immer sehr lustig und hat viel mit uns gespielt. Maxl war am Anfang des Krieges in Gefangenschaft geraten und arbeitete dann in der Landwirtschaft. Er hatte es sehr gut bei Tante Hanna, durfte sich frei bewegen und nahm seine Mahlzeiten, wenn nicht gerade ein Posten zur Kontrolle kam, zusammen mit der Familie ein. Dies war ansonsten streng verboten.
Von der Politik der Nazis haben wir in unserem Dorf nicht viel mitbekommen. Unser Lehrer war Parteimitglied und man konnte ihn gelegentlich in Uniform sehen. Er verlangte von uns den „Heil-Hitler-Gruß“ anstatt des „Guten Morgen“ in der Schule; auch mussten wir so grüßen, wenn wir ihm auf der Straße begegneten. Ich nehme außerdem an, dass unser Bürgermeister und auch der Ortsbauernführer Mitglieder der NSDAP sein mussten – nach außen haben sie aber den braunen Firlefanz nicht mitgemacht. Die beiden waren einfache, gut angesehene Bauern und gläubige Christen. Als in der Reichkristallnacht die jüdischen Synagogen vernichtet wurden, sagte mein Vater: „Jetzt hat er sich an der Kirche vergriffen, jetzt hat er verloren!“. In der Hitlerjugend waren wir nicht. Wohl aber die älteren Jungen und Mädchen aus dem Dorf.
Besonders gut aufgetischt wurde bei verschiedenen Familienfesten wie Taufe, Erstkommunion oder Firmung. Es war ein einfaches, derbes und fettreiches Essen. Das ist heute verpönt, aber damals schufteten die Menschen in der Landwirtschaft so schwer, dass sie dieses ganze Fett verarbeitet haben – verbrannt, wie man heute sagt. Wegen dem Essen wurde also keiner krank. Es gab im Dorf auch keinen Arzt. Die meisten Bauern hatten keine Krankenversicherung und mussten den Arzt selbst bezahlen – Geld war aber immer knapp. Deshalb wurden zur Heilung der wenigen Krankheiten meistens Naturheilmittel angewandt. Die Frauen und Mütter hatten über Generationen weitergegebene eigene Rezepte. Einmal hatten wir alle eine starke Erkältung mit Husten und Schnupfen. Da hat die Mutter einen großen Topf Wasser heiß gemacht und einen Bund Haferstroh darin abgekocht. Diesen Sud hat sie mit braunem Kandiszucker gesüßt und uns zum Trinken gegeben. Das hat wirklich geholfen!
An einem normalen Arbeitstag gab es zum Frühstück selbstgebackenes Sauerteigbrot aus Roggenmehl (das Weizenmehl wurde nur für Kuchen genommen), dazu Butter, Wurst, Käse, selbstgekochte Marmelade, Honig (wir hatten eigene Bienenstöcke) und Milch. Anfangs haben wir selbst gebuttert, aber in der Kriegszeit mussten wir die Milch abliefern. Wir bekamen allerdings soviel Butter und entrahmte Milch zurück, dass wir überhaupt keine Not zu leiden brauchten. Zum Mittagessen gab es immer Kartoffeln und gekochtes oder gebratenes Fleisch, hauptsächlich Schweinefleisch. Außerdem Soßen, Suppen und Gemüse. Wir haben selbst geschlachtet. In der Kriegszeit war das rationiert, aber wir waren eine Großfamilie mit 15 Personen und durften viermal im Jahr schlachten. Das Gewicht des Schlachttieres war nicht vorgeschrieben und deswegen wurden die Tiere ziemlich fett gefüttert, so dass sie ein Gewicht von 5–6 Zentnern erreichten. Ab und zu, muss ich dabei wahrheitsgemäß sagen, wurde auch schwarz geschlachtet. Bei der Tierzählung gaben die Bauern fast nie alle Bestände an. Denn es gab auch Verwandte, die keinen Hof hatten und dann froh waren, wenn sie sich mal etwas abholen konnten.
Das Abendbrot bestand meistens aus einer Milchsuppe, sei es mit Mehl als Klunker- oder Klekkersuppe, sei es mit Haferflocken oder Nudeln. Eine Delikatesse für uns Kinder waren Kartoffeln, die mittags übriggeblieben waren. Sie wurden abends zu der Milchsuppe als Bratkartoffeln gereicht. Am Sonntag war das Essen nicht viel anders. Zur Abwechselung gab es manchmal statt Schweinebraten einen leckeren Gänsebraten. Kuchen gab es Sonntags auch nicht immer, und wenn, dann war es ein einfacher Streuselkuchen. Bei Feierlichkeiten wurden dafür viele Torten und Kuchen auf den Tisch gebracht, es wurde gebacken, was die Küche hergab.
Noch heute kann ich mich an eine nette Begebenheit erinnern. Wir hatten Kommunion-Unterricht. Ein Kaplan aus Guttstadt unterrichtete uns im Saal unserer Dorf-Gaststätte. Nach Ende des Unterrichts führte der Kaplan „small talk“ mit den Schülern und fragt einige Kinder, was es denn zu Haus zum Mittagessen gibt. Verschiedene Gerichte wurden genannt. Ich sagte, dass es bei uns „Schwarzsauer“ gebe. Der Kaplan wiederholte in langgezogenen Worten: „Hmmmm, Schwaaaarzsauer! Mein Leibgericht! Ich muss euch besuchen kommen“. Zu Hause angekommen, sagte der Kaplan zu Mutter: „Ich bitte vielmals um Entschuldigung Frau Block! Aber ihr Junge sagte, dass es bei Ihnen heute Schwarzsauer gibt, da konnte ich nicht widerstehen.“ Mutter freute sich über diesen unerwarteten Besuch und wollte den Tisch in der guten Stube decken. Der Kaplan lehnte das aber ab, er wollte mit uns an dem schon gedeckten Tisch in der Küche essen. Auch als Vater vom Feld kam und sich für diesen hohen Besuch umkleiden wollte, lehnte er dies kategorisch ab. Das Arbeitskleid sei das schönste Kleid, sagte er, und Vater solle ruhig so zu Tisch kommen. Nachdem der Kaplan das Tischgebet gesprochen hatte, langten alle kräftig zu und es hat gut gemundet. Ich glaube, dass der Kaplan mit diesem einfachen Gericht zufriedener war, als wenn er Kaviar und Sekt bekommen hätte.
Wir Kinder haben in der Landwirtschaft natürlich tüchtig mitgeholfen – nicht nur zur Erntezeit. Wenn wir aus der Schule kamen, mussten wir uns immer erst umziehen und gewisse Arbeiten erledigen, dann noch unsere Hausaufgaben machen und erst dann begann unsere Freizeit. Auch an Sonntagen gab es immer etwas zu tun – die Tiere mussten versorgt werden, so dass der Sonntag eigentlich nur ein halber Sonntag war. Ab und zu bekamen wir ein Dittchen, damit wir uns etwas zum Naschen kaufen konnten. So nannte man ein Zehn-Pfennig-Stück, und für diesen Betrag konnte man eine schöne Portion Bonbons für alle Kinder kaufen.
Was die Freizeit angeht, so hatten die Mädchen es einfacher: Sie haben gesungen, Ringelreihen gespielt oder sich mit ihren Puppen beschäftigt. Wir Jungs waren da ein bisschen anders. Gern spielten wir mit dem Trunsel – so nannten wir den Kreisel, den wir mit einer Peitsche in Bewegung hielten. In einer Ecke unseres Hofes hatten wir eine Fläche von ca. 100 Quadratmetern mit feinem hellen Sand. Dort haben wir oft mit unseren Freunden aus der Nachbarschaft gespielt. Die kleinen Kinder spielten mit Förmchen, wir Größeren bauten uns oft Erdbunker. Außerdem sind wir oft in den Wald gegangen und haben uns ein Baumhaus oder einen Bunker unter der Erde gebaut. Zum Arger des Försters natürlich, der uns manchmal auch erwischt hat! Dann mussten wir den alten Zustand wieder herstellen und alles abreißen. Wir sind auch oft Pilze suchen gegangen, am liebsten mit unserem Vater. Er kannte die besten Steinpilz-Plätze und wir waren richtige Pilz-Experten. Blaubeeren und Himbeeren suchten wir dagegen mehr oder weniger auf Anordnung unserer Mutter.
Wir sind auch gerne fischen gegangen – der kleine Fluss Alle war so fischreich, dass wir nur einen Angelhacken, ein Stück Schnur und einen Ast brauchten. Mit dieser Ausrüstung fingen wir Hechte und alles andere, was dort vorhanden war. Eine Delikatesse waren Flusskrebse. Diese holten wir mit den bloßen Händen aus ihren Löchern am Ufer, was manchmal auch sehr schmerzhaft war. Aber die Vorfreude auf das leckere Krebsessen ließ uns diesen Schmerz vergessen. Wir hatten auch eine Stelle in der Alle, wo wir immer gebadet haben. Der Fluss machte dort einen Bogen, das Ufer war sandig, anfangs flach und wurde erst allmählich steiler. Oft sind wir in die Mitte abgetrieben worden, das war sehr gefährlich für diejenigen, die nicht schwimmen konnten. Mein Schulfreund Hansi wäre einmal beinahe ertrunken, wenn ihn nicht unser Freund Erich gerettet hätte.
Ich kann mich noch an ein anderes großes Ereignis erinnern: Einmal hatte in dem fünf Kilometer entfernten Städtchen Guttstadt ein Wanderzirkus seine Zelte aufgeschlagen – wir durften hin. Mutter gab uns das Geld für den Eintritt, die großen Kinder haben die kleineren Geschwister mitgenommen. Natürlich sind wir zu Fuß gelaufen. Das war für uns wirklich ein Ereignis, das kann man sich einfach nicht vorstellen! Einen Zirkus und diese Tierarten zu sehen, die man nur aus Bildern kannte, es war einfach fantastisch. Und genauso war es auch bei unserem ersten und für lange Zeiten einzigem Kinobesuch. Wir kannten zwar Filme aus der Schule, aber das waren ja alles Stummfilme, und einen Kinofilm zu sehen, in dem gesprochen wurde, war etwas ganz anderes.
Silvester und Neujahr wurden damals nicht besonders gefeiert – außer in unserer Familie! An Neujahr war nämlich Geburtstag meines Vater. Er hatte ein besonderes Geburtsdatum: den 1. Januar 1900! Ostern war der religiöse Höhepunkt des Jahres. Am Palmsonntag nahmen wir sogar geweihte Sachen mit nach Hause. Die regelmäßigen Kirchgänge bewältigten wir zu Fuß, die Pferde wurden nicht angespannt – sie sollten sich an diesen Feiertagen von den alltäglichen Strapazen erholen. Das „Schmackostern“ muss kurz vor meiner Zeit ein großes Ereignis für die Kinder gewesen sein. Erwachsene, die am Ostermontag nicht zeitig aus dem Bett kamen, bekamen von den Kindern ein paar Schläge mit einer Birkenrute. Dabei wurden folgende Worte gesprochen: „Schmackostern, Schmackostern! Drei Eier, Stück Speck, sonst gehe ich nicht weg!“ Anschließend erhielten alle eine Gabe. Ich persönlich kenne diesen Brauch nur aus Erzählungen. Auf mein Nachfragen bei älteren Bekannten berichtete man mir, das Hitler diesen Brauch verboten hätte, denn das deutsche Volk bettelt nicht! Dafür sind wir zu Ostern Eier suchen gegangen. Es waren bemalte, gekochte Hühnereier und gezuckerte Eier.
In einer so großen Familie wie der unseren gab es immer wieder verschiedene Familienfeste wie Taufe, Erstkommunion oder Firmung, zu denen auch die Verwandtschaft kam. Manchmal kamen die Verwandten natürlich auch ohne besonderen Grund zu Besuch. Sie kamen immer vormittags, um am Mittagessen teilzunehmen. Nach dem Mittagessen wurde ein Spaziergang durch die Felder gemacht. Dabei war es meines Vaters ganzer Stolz zu sehen, wie das Getreide stand und alles andere, was man angebaut hatte – die Eltern waren richtig stolz darauf. „Das Korn oder die Kartoffeln stehen gut“ – das war die Unterhaltung der Erwachsenen. Wir Kinder sind wohl mitgegangen, hatten aber unsere eigenen Interessen – mal einem Frosch nachzulaufen, der durch die Wiese hüpfte, oder einfach nur herumzutollen. Nach dem Spaziergang gab es zu Hause Kaffee und Kuchen. Danach gingen wir Kinder spielen und die Erwachsenen spielten meistens Karten, vor allem Skat.
Weihnachten! Bis heute sind mir die Weihnachtsfeiern in Ostpreußen als etwas Unvergessliches, besonders Schönes in Erinnerung geblieben. Es war so einfach, und doch so wunderschön. Es fing schon mit der Vorweihnachtsbäckerei in Mutters Küche an: Pfeffernüsse, Pfefferkuchen, Marzipan, Mürbeteigplätzchen! All das wurde selbst gebacken. Dass wir Kinder dabei mit Begeisterung mitgeholfen haben, ist wohl selbstverständlich. Das Essen zu den Weihnachtsfeiertagen bestand aus gebratenem Geflügel (Gänsen) und Kuchen: Mohnrolle, Biskuitrolle, Streuselkuchen. Der Baum war immer wunderbar geschmückt, die Kerzen brannten – und das waren keine elektrischen, sondern immer richtige Kerzen. Wir waren bei der Oma im Stübchen, meistens hat sie den Rosenkranz mit uns gebetet, und warteten dort gespannt auf das helle Bimmeln der Weihnachtsglocke. Denn, wenn das Glöckchen läutete, dann bedeutete es, das Christkind war schon da gewesen. Wir sind dann, Oma wollte es so, nicht einfach reingestürmt in die gute Stube – nein, ganz gesittet mussten wir gehen: Wir haben uns, jeweils zwei Kinder, an der Hand gehalten. Dann sahen wir den brennenden Baum, bunt geschmückt – die Augen wurden immer größer. Vor allen Dingen bei den Kleinen. Und die Gaben, die Geschenke, ja was war das denn? Die Puppen von den Mädchen hatten ein neues Kleid an oder eine neue Mütze – das hat Mutter alles selbst genäht, gestrickt oder gehäkelt. Die Schwestern haben sich riesig darüber gefreut. Wir Jungs hatten einen kleinen Holzbollerwagen mit einem Pferdchen davor, da kam zu Weihnachten irgend eine Kleinigkeit dazu, eine Ladung zum Beispiel. Gegenüber Heute war das verschwindend wenig, aber die Freude war damals viel größer als bei den heutigen Kindern.
Oder nehmen wir den bunten Teller: Das war selbst gebackenes Gebäck, erweitert um etwas gekaufte Schokolade und ein paar Pralinen, zusätzlich etwas Obst aus dem eigenen Garten. Außerdem lag auf jedem Teller mindestens ein besonders schöner Apfel, den wir bestimmt nicht auf den Bäumen hatten – den musste die Mutter also auch noch besorgt haben. Und die wenigen Apfelsinen, die wir zu dieser Zeit aßen, bekamen wir zu Weihnachten geschenkt. Wir freuten uns riesig.
Zur Christmesse und zu den Kirchgängen an den Weihnachtsfeiertagen spannte Vater unsere beiden Pferde vor den Schlitten, und es ging mit Glöckchengebimmel nach Guttstadt zur Kirche. Vater saß dabei, genüsslich eine Zigarre rauchend, auf dem Kutschbock. Im Winter, wo es wenig Arbeit gab, war dies für die Pferde eine willkommene Bewegungstherapie.
Mein Vater wurde bei Kriegsbeginn nicht eingezogen, er war damals schon an die vierzig. Erst im November oder Dezember 1944 wurde er zum Volkssturm einberufen. Das waren alles ältere, zum Teil auch richtig alte Männer. Sie waren nicht bewaffnet, sondern mussten Stellungen ausbauen und ähnliche Tätigkeiten verrichten. Das nützte aber nichts, die Front kam immer näher. Mitte Januar 1945 kam der Vater zurück. Der Offizier hatte zu ihnen gesagt: „Es hat keinen Zweck mehr, was wollt ihr hier noch! Geht nach Hause zu euren Familien und bringt sie in Sicherheit.“ Vater kam zurück, hat den Wagen umgebaut und wollte mit uns Richtung Westen flüchten. Vaters Mutter und Tante Martha, die noch ledig war, blieben auf dem Hof. Oma sagte: „Nee, nee, Josef fahre du nur und bringe deine Familie in Sicherheit“. Wir sind früh losgefahren und abends waren wir schon wieder zu Hause. Es war einfach kein Durchkommen! Die Straßen waren dermaßen verstopft, dass man keinen Fußbreit vorwärts kam. Dazu war es sehr kalt, zwischen 20 und 30 Grad minus. Da sagte Vater ,,Wir fahren wieder zurück, sonst überstehen wir die Kälte nicht“.
Ein paar Tage später, kam eine Anordnung vom deutschen Militär. Der Melder sagte, dass wir zumindest von der Hauptstraße wegbleiben sollten, unsere Ortschaft liege an einer Hauptverbindungsstraße und könnte ein größeres Kampfgebiet werden. So sind wir nach Sternberg gefahren. Ein bekannter Bauer hat uns dort aufgenommen. Oma und Tante Martha sind aber wieder auf dem Hof geblieben. Von Schmolainen war das vielleicht sechs oder sieben Kilometer entfernt, vielleicht auch weniger, aber es ging immer durch den Wald. Außerdem lag der Hof ein bisschen außerhalb der Ortschaft.
Am 4. Februar 1945 kamen die Rotarmisten. Wir haben draußen gespielt und wurden auf einmal beschossen. Wir hörten die Kugeln pfeifen und sind natürlich schnell nach Hause gelaufen. Die drei Männer, die dort waren, darunter mein Vater und Bauer G., dem der Hof gehörte, haben sich im Strohfach versteckt. Nur Kinder und Frauen sind im Haus geblieben. Und dann, auf einmal, polterte es. Die Tür wurde aufgetreten, dann kam ein Gewehrlauf rein, hinterher kam erst der Kopf und fragte „Doitsch Soldat iist?“. Als er sich überzeugt hatte, dass kein deutscher Soldat anwesend war, kamen die Russen herein und nahmen uns als erstes die Uhren ab und andere Wertgegenstände. Als nächstes wurden Alkoholika gesucht und schließlich kamen die Mädchen und Frauen dran. Die sechzehnjährige Tochter des Bauern G. war das erste Opfer der brutalen Rotarmisten. Da es schon später Nachmittag war und diese russische Einheit von vielleicht 15 Leuten nicht mehr weiterziehen wollte, bezogen sie bei uns Quartier. Als die Russen in das Heulager wollten, um Heu für ihre Pferde zu holen, haben wir uns aufgedrängt und erledigten diese Tätigkeit für sie. Wir hatten natürlich Angst, dass die versteckten Männer entdeckt würden.
Viel später sind wir Kinder nach draußen gegangen und haben versucht, uns mit den Russen zu unterhalten. Das ging. Es gab sogar welche, die Deutsch sprachen. Wir mussten dann feststellen, dass es auch ganz normale Menschen unter ihnen gab, die keine Frau angerührt haben. Die Schlimmsten waren eigentlich diese politisch Geschulten – das waren keine normal denkenden Menschen. Die Kampftruppen gingen immer weiter, es blieben aber immer „politische“ Russen in den Kommandanturen zurück. Auch in Lagern und Lazaretten, die eingerichtet wurden, gab es Stammbesatzungen. Und da waren auch ganz Schlimme dabei, solche, die nur immer auf Tour gingen.
Am nächsten Tag mussten alle den Hof verlassen, er befand sich angeblich im Kampfgebiet. Später erfuhren wir von Vater, dass sie dort eine Artilleriestellung aufgebaut und sehr viel geschossen hatten. Die ganze Zeit hielten sich die Männer versteckt im Stroh, nur nachts schlichen sie sich in den Kuhstall, um etwas Milch zu holen. Wir sind aber alle tief in den dichten Wald gegangen – ich weiß heute nicht mehr, wie viele Familien es waren. Bis auf zwei alte Männer waren nur Frauen und Kinder dabei. Und das im Februar, also im tiefsten Winter, bei starkem Frost und Schnee. Im Wald haben wir unter freiem Himmel an mehreren Lagerfeuern übernachtet. Die Feuer haben wir auch in unseren Rücken entfacht, um uns vor Kälte zu schützen.
Mein Zwillingsbruder Paul, mein ältester Bruder Franz und ich, wir drei sind dann weggegangen, denn wir wussten, dass irgendwo in der Nähe eine Försterei war. Wir hofften, dort Nahrungsmittel zu finden, wir waren ja sehr viele Menschen dort in dem Wald und hatten nicht genug zu essen. Wir haben die Försterei gefunden und dort alles durchsucht. Draußen lief ein Schwein herum, um die zwei Zentner schwer. Wir haben es eingefangen. und sofort geschlachtet. Das war nicht leicht, wir haben es aber geschafft. Wir großen Jungs waren ja immer dabei, wenn zu Hause geschlachtet wurde, und somit wussten wir, wie es geht. Nur hatten wir da nicht das Gerät, das man dazu brauchte. Nichtsdestotrotz, wir haben es geschafft und das Schwein mit einer Axt geschlachtet. Außerdem haben wir dort Kartoffeln, einen Sack Mehl, Salz und etwas Zucker. Wir haben alles auf eine Schubkarre verladen und zu unserer Feuerstelle im Wald gebracht. Die Försterei war ca. zwei Kilometer von unserem Waldlager entfernt, und diese Strecke bedeutete wegen des tiefen Schnees eine extreme Arbeit für uns drei Jungs. Abwechselnd haben wir geschoben und gezogen. Immer zwei vorne am Strick und einer hinten am Holm. Nachdem wir endlich im Lager angekommen sind, haben die beiden alten Männer das Schwein zerlegt, es wurde auch sofort Essen zubereitet. Denn als wir von dem Bauernhof weggegangen sind, konnten wir nur wenig mitnehmen: etwas Speck und Brot, aber allzu lang hätte das nicht gereicht.
Wir waren drei Nächte in diesem Wald. Am vierten Tag kam zu unserer Freude der Vater mit zwei Pferden und einem Schlitten und holte uns ab. Er hatte von irgend jemandem erfahren, wo wir sein könnten. Und da er den Wald kannte wie seine Westentasche, brauchte er nicht lange zu suchen. Er hat uns zurück nach Sternberg zu dem Bauern G. gebracht. Die russische Stellung war nicht mehr da. Wir waren dort noch zwei Tage zusammen. Am dritten Tag kamen Rotarmisten und haben unseren Vater abgeholt. Das war unser schlimmster Tag.
Diese Rotarmisten haben Frauen und Männer geholt, die nach Sibirien zur Zwangsarbeit verschleppt wurden: den Bauern G., Tante Maria und unseren Vater. Vater hat irgendwie geahnt, was ihm bevorsteht. Er hat sich von jedem seiner Kinder der Reihe nach verabschiedet, streichelte ihnen über den Kopf, redete mit ihnen. Die russischen Soldaten waren hinter ihm und sagten immer wieder „Dawei, dawei!“ Wir wussten damals nicht, was dieses Wort bedeutet. Am Ende kam Vater zu uns älteren Kindern und hat sich von uns mit den Worten „Helft der Mama“ verabschiedet. Dann ging er zu Mutter, nahm sie in den Arm und sprach: „Pass man schön auf die Kingerchen auf“. Der Iwan drückte ihm die Maschinenpistole in den Rücken: „Dawei, dawei!“. Aber Vater ließ sich nicht stören. Mutter gab ihm den Rucksack, den sie für ihn gepackt hatte. Dann nahm Vater seine Frau noch einmal in den Arm und sagte zu ihr: „Wir werden uns wohl nicht mehr wiedersehen“. Diese Worte werde ich nie vergessen! Dann musste er mit den Russen mitgehen. Keiner konnte auch nur ein Wort sprechen; wir waren alle am Boden zerstört. Mutter war plötzlich mit zehn Kindern allein. Aber die Pflicht, die Mutterpflicht, nahm sie in den nächsten Tagen schnell wieder in Anspruch. Denn das Baby wollte gestillt werden, die anderen Kleinen, Leo und Luzie, verlangten auch nach ihr: ,,Mama, ich hab’ Hunger, ich hab’ Durst“. Ihr blieb einfach nichts weiter übrig, als ihren Mutterpflichten nachzugehen und sich der Kinder anzunehmen. Nur nachts hat sie geweint, ich bin einmal wach geworden, und habe das gesehen.
Nach diesem tragischen Ereignis hat sich die Bäuerin G., deren Mann jetzt auch weg war, als richtige Hexe entpuppt – sie schikanierte uns, wo sie nur konnte. Mutter ließ sich nicht so leicht einschüchtern, aber es war trotzdem kein Zusammenwohnen mehr möglich. Deshalb sind Paul und ich nach Schmolainen gelaufen, um zu sehen, wie es auf unserem Hof aussieht. Es war alles in Ordnung. Oma und Tante Martha waren da und sagten, dass wir zurückkehren können. Auf dem Rückweg nach Sternberg wurden wir von Rotarmisten aufgegriffen und mussten mit zwei anderen Jungs arbeiten, Straßenzeug und Kriegsmaterial wegräumen: alles, was die Fahrt behinderte. Es war schönes Wetter, die Sonne stand strahlend am Himmel. Da kamen etliche Lkws vorbei. Es waren alles Menschen drin, Männer und Frauen. Von einem dieser Wagen winkte uns ein Mann zu. Es war ein großer Mann und er winkte uns zu. Die Sonne stand gegen die Plane, konnte aber das Innere nicht ausleuchten. Der Mann, davon bin ich heute noch überzeugt, war unser Vater. Der Posten fragte uns: „Was diese Mann?“ Ich sagte ihm: „Das ist unser Vater!“. Darauf erwiderte er: „Mann Sibirien, Mann kaputt!“. Am Abend wurden wir zur Oberförsterei in der Nähe von Schmolainen gebracht und sollten am nächsten Tage wieder zur Arbeit abgeholt werden. Wir haben die Nacht dort tatsächlich verbracht, sind aber, bevor die Russen uns mitnehmen konnten, sehr früh nach Sternberg gelaufen.
Wir haben der Mutter erzählt, dass wir wieder auf unseren Hof zurück können. Am nächsten Tag wurde gepackt. Frau G. hat fast jedes Wäschestück von uns kontrolliert – wir hätten ihr ja etwas wegnehmen können! – was uns natürlich nie im Leben eingefallen wäre. Ganz im Gegenteil – Frau G. wollte unserer Mutter noch Sachen vorenthalten. Da kam sie aber genau an die Richtige, denn Mutter hatte ihre ganze Wäsche selbst gewebt. Das war früher bei den Mädchen so üblich, sie haben ihre Aussteuerwäsche selbst hergestellt. Wir packten unsere Siebensachen auf einen Schlitten und fuhren auf unseren Hof zurück Oma und Tante Martha hatten alles soweit unbeschadet überstanden.
Nach unserer Rückkehr war irgend eine ungewöhnliche Begebenheit im Haus. Mutter sagte ganz spontan „Das ist ein Gruß von Vater“. Ich kann mich leider nicht mehr genau erinnern, was es war. Dieses Ereignis konnte jedenfalls von keinem Außenstehenden verursacht worden sein. Mutter war davon überzeugt, das dies der letzte Gruß von Vater war. Sie hat später über Standesamt I (Berlin-West) die Nachricht erhalten, dass unser Vater in der Zeit vom 10.–15. März 1945 auf dem Transport zwischen Moskau und dem Ural gestorben ist.
Leider war unser Aufenthalt zu Hause nicht sehr lang. Denn etwa Mitte März kamen andere Russen und vertrieben uns von unserem Hof. Dort sollte nun eine Kommandantur eingerichtet werden, und diesmal mussten auch Oma und Tante Martha mitgehen. Einer, der ziemlich gut Deutsch konnte, sagte zur Mutter: „Bleibt nicht hier im Ort, hier wird ein Lazarett eingerichtet und das ist nicht gut für die Mädchen und Frauen. Geht bitte weiter weg!“ Wir sind dann wieder nach Sternberg gegangen, aber nicht mehr zu der Frau G., sondern auf einen anderen Hof. Dort wohnte auch nur noch die Frau mit den Kindern alleine. Sie besaß ein großes Haus, so dass wir alle Platz hatten, und sie nahm uns gerne auf. Die Familie hieß Lingnau. Wir bewohnten unten zwei große Räume. Den einen benutzten wir als Schlafraum und den anderen als Küche und Wohnraum. Mutter und Oma bekamen jede ein Bett. Alle anderen schliefen auf dem Fußboden. Mit uns zog auch Familie Wiezorreck dort ein. Sie kamen aus Angerburg und waren schon früher immer mit uns zusammen. Sie hatten auf der Flucht bei uns Station gemacht und kamen mit ihrem Wagen genauso nicht weiter wie wir. Wir schliefen auf einem Strohlager von Wand zu Wand einer neben dem anderen. Neben mir lag Helga Wiezorreck, die fünfzehnjährige Tochter von Frau Wiezorreck.
Der Umzug half so gut wie gar nicht! Die Russen kamen trotzdem durch den Wald zu uns ins Haus. Wir größeren Kinder wussten natürlich genau, was sie wollten, wenn sie hereinkamen und sagten: „Frau komm!“. Einmal kam ein Iwan alleine und sagte zu Frau Wiezorreck: „Frau komm!“. Sie ist dann aufgestanden, mein Zwillingsbruder Paul hielt sie aber am Arm zurück und sagte „Geh nicht!“. Da hat der Russe ihm einen brutalen Tritt versetzt, so dass Paul durch die halbe Stube geflogen ist! Es hatte wirklich keinen Zweck, sich irgendwie dagegen zu stellen. Meistens kamen die Russen am Tage. Mutter wurde dann auch zum ersten Mal vergewaltigt. Es waren wieder einmal mehrere russische Soldaten zu Besuch. Einer nahm Paul und mich auf den Heuboden mit, der sich über dem Stall befand. Wir sollten im Heu nach versteckten Gegenständen suchen: „Zeug suchen“. Währendessen war ein Russe mit Mutter unten im Stall. Wir hörten auf einmal Stimmen auf russisch und dann die lauten Worte unserer Mutter: „Nein, das tue ich nicht!“. Kurz danach fiel ein Schuss und das Projektil ging ganz dicht an dem Russen auf dem Heuboden vorbei. Er bedeutete uns, wieder runterzugehen und wir mussten in unsere Wohnstube zurückkehren. Nachdem die Russen alle wieder weg waren und Mutter noch nicht wider bei uns war, liefen wir zum Stall hinüber: Mutter saß weinend im Stroh. Da wurde mir bewusst, wie wenig ein Menschenleben bedeutete, wenn die Männer nicht zum Ziel kamen.
Als die Russen das erste Mal auch nachts kamen, haben sie die verschlossene Tür brutal mit Gewehrkolben zertrümmert und sich so Zutritt verschafft. Durch den Lärm sind natürlich alle wach geworden und die kleinen Kinder haben geweint. Seit diesem Ereignis verschlossen die Frauen die Tür nicht mehr. Frau Lingnau ist einmal von zwölf Russen hintereinander vergewaltigt worden. Ein andermal erlebte ich das fast hautnah. Ein Russe kam und hat mit der Taschenlampe nach den Frauen geleuchtet. Dann entschied er sich für Frau Wiezorreck, die direkt neben Helga lag. Er legte die Lampe zur Seite und zog sich die Jacke aus. In diesem Moment hat sich Helga schnell über mich gerollt um von dem Russen und ihrer Mutter wegzukommen. Sie hatte Angst, dass der Russe sich auch an ihr vergreifen würde.
Sie hatten überhaupt keine Skrupel! Ob wir Kinder das mitbekamen oder nicht, interessierte die Russen herzlich wenig. Die nächtlichen Besuche hörten lange nicht auf, auch später, nach unserer Rückkehr nach Schmolainen nicht. Sie kamen oft abends, Mutter musste ihnen dann Essen bereiten und ist nachher vergewaltigt worden. Wir lagen im Bett und schliefen. Einmal wurde sie direkt neben meinem Bett von zwei Russen vergewaltigt. Alle anderen schliefen, aber ich war wach. Wir haben uns in solchen Situationen immer still verhalten, denn wir wussten ja, was passiert, wenn wir uns da irgendwie bemerkbar gemacht hätten. Die Gegenwehr bei den Frauen und Müttern war gebrochen, denn sie mussten für uns Kinder da sein, und so haben sie es über sich ergehen lassen.
Das Jahr 1945 brachte noch andere tragische Ereignisse mit sich: den Tod meiner Schwestern Monika und Anna und den Tod der Großmutter. Als erste starb Monika. Sie war noch ein Säugling! Außer unserer Mutter hatte noch eine andere Frau in der Nachbarschaft ein kleines Baby. Die schlechte Ernährung zu dieser Zeit führte dazu, dass die Mütter nicht genug Milch hatten, um die Säuglinge zu stillen. Die Babys mussten nachgefüttert werden. Glücklicherweise haben wir eine Ziege gerettet, die nun der Milchspender für zwei Babys war. Denn jeden Tag kam die andere Frau und hat auch zusätzliche Milch für ihr Baby abgeholt.
Eines Tages kamen wieder mal einige Russen und haben alles abgesucht – es blieb keine Stelle, die sie nicht durchsucht hätten. Leider haben sie dabei unsere Ziege entdeckt und aus dem Stall geführt. Mutter ist sofort nach draußen geeilt und hat fast auf Knien gebettelt: sie bräuchte das Tier doch für ihr Baby und da wäre noch eine andere Frau mit einem kleinen Kind, wir brauchen dringend die Milch! Es hat absolut nichts genutzt. Die Russen haben das Tier sofort geschlachtet, ein Lagerfeuer entzündet und sich ein Stück Ziegenfleisch am Spieß gebraten. Den Rest des Tieres haben sie liegen gelassen – dies ist dann noch von uns verzehrt worden. Aber das Tier und somit auch die lebenswichtige Milch waren weg. Die Babys haben beide nicht mehr lange gelebt. Unsere Monika ist am 17. April gestorben, sie wurde 137 Tage alt. Die ganze Familie hat sie am Waldesrand beerdigt, ich hatte einen Sarg zusammengezimmert. Das andere Kleinkind ist auch gestorben, es hat nur ein paar Tage länger gelebt. Kurz danach ist auch unsere Oma im Alter von 80 Jahren gestorben. Paul und ich haben wieder aus Kisten einen Sarg zusammengezimmert. Die Oma wurde am Waldrand neben Monika beerdigt.
Das Jahr 1945 neigte sich dem Ende zu, als meine Schwester Anna, sie war sechs Jahre alt, krank geworden ist. Wir waren zu diesem Zeitpunkt schon wieder zurück in Schmolainen. Es gab keinen Arzt, keine Medikamente, nichts – die Krankheit war schier unheilbar. Anna hatte riesengroße, dunkle Augen und war ein sehr hübsches Mädchen, das nie mit anderen Kindern zankte. Frau Wiezorreck hatte dieses Mädchen, wie eigentlich wir alle, sehr ins Herz geschlossen. Auch Vater war immer sehr von seiner Anna angetan. Einmal nachts, als Anna nicht schlafen konnte und unruhig in ihrem Bettchen lag, ist Vater aufgestanden und fragte: „Was hoste denn, Meechen?“. „Ech fing nich enn Zempel“, sagte Anna darauf. Übersetzt heißt das: „Was hast du denn Mädchen“ – „Ich finde nicht den Zipfel“. Gemeint waren die Ecken vom Kopfkissen. Vater machte ihr Kissen glatt, Anna schlug eine Ecke um, legte ihren Kopf darauf und schlief ein.
Und nun wurde sie krank. Das fing unten an Füßen an, die auf einmal dick wurden, und stieg immer weiter nach oben. Es war unaufhaltsam. Eines Spätabends im November war es soweit, sie sagte nur noch „Mama, Mama, Mama“ und ist dann eingeschlafen. Mutter hatte Anna in den letzten Minuten auf dem Schoß. Es war der 25. November 1945. Ich bin hochgegangen zur Frau Wiezorreck und habe es ihr gesagt. Mutter hat uns alle zu Bett geschickt und niemand weiß, wie lange sie noch mit ihrer toten Tochter dort gesessen hat. Am nächsten Tag fingen Paul und ich wieder an, eine Kiste zusammenzunageln. Wir hatten unsere Anna dann noch zwei bis drei Tage im Haus. Dann fuhren Paul und ich mit Annas Sarg auf dem Handwagen nach Guttstadt, auf den Friedhof. Dort beerdigten wir sie, nur wir zwei, ohne Pfarrer. Mutter wollte nicht mit zur Beerdigung , was ich heute gut verstehen kann.
Eines Tages habe ich mit Paul draußen gespielt. Wir haben, ich weiß nicht warum und weshalb, den Rappel gekriegt und sind einfach auf und davon nach Schmolainen gelaufen – ohne der Mutter etwas zu sagen! Wir wollten einfach nach dem Rechten schauen: Wie ist es dort? Können wir wieder zurück in unser Haus? Es war aber nicht möglich, denn die russische Kommandantur bestand noch. Da die kalte Jahreszeit nun schon vorbei war und unsere gehorteten Lebensmittel langsam zur Neige gingen, wollten wir dort etwas Essbares auftreiben. Denn bis dahin hatten wir immer wieder von den Russen zurückgelassenes Fleisch gefunden, das an deren Rastplätzen herumlag und aufgrund der Kälte tiefgefroren war – jetzt wurde es aber Zeit, für Nachschub zu sorgen. In Schmolainen gab es auch eine Wassermühle, der Besitzer hieß Werr. Dort haben russische Soldaten Korn gemahlen. Da wir die Mühle wie unsere Westentasche kannten, war es für uns eine Leichtigkeit, unbemerkt in die Mühle einzudringen.
Die Russen haben oben das Korn hineingeschüttet und wir haben unten zweimal ca. 50 Pfund Mehl abgezapft. Diese Säcke konnten wir unbemerkt rausbringen und verstecken. Neben der Mühle haben die Russen gerade zwei Bullen geschlachtet. Wir blieben, und wollten sehen, ob wir auch etwas von dem Fleisch mitbekommen könnten. Aber es war leider nicht möglich, denn es waren viele Russen dort versammelt und die Gefahr, entdeckt zu werden, war sehr groß. Nachdem die Bullen getötet waren, kam der Koch und schnitt den Tieren die Hoden ab, um sie in der Küche der Mühle zuzubereiten. Wir warteten so lange, bis die Russen gegessen und die Küche verlassen hatten, und drangen dann von hinten ein. Wir konnten noch etwas von diesem zweifelhaften Mahl essen, es schmeckte sogar gut. Wir ergatterten außerdem die zwei Köpfe und etwas von den Innereien. Schließlich bauten wir uns einen Handwagen zusammen, luden das Mehl und die Fleischreste auf und sind damit zu unserer Familie zurückgekehrt. Dies allerdings erst am nächsten Tag, denn es wurde schon dunkel und wir übernachteten dort im Stroh.
Wir kamen nachmittags nach Sternberg zurück. Unsere Mutter war heilfroh, uns wieder zu sehen. Frau Wiezorreck hat dagegen sehr mit uns geschimpft: „Wie könnt ihr so etwas machen! Ihr habt nicht an eure Mutter gedacht!“. Aber die Mutter hatte Vertrauen zu uns, sie sagte immer wieder zu Frau Wiezorreck: „Meine Jungs kommen wieder, ich kenne sie!“. Damals haben wir uns nichts dabei gedacht, heute denke ich ganz anders darüber. Das war wirklich sehr viel, was wir Mutter zugemutet haben. Ohne etwas zu sagen, wegzugehen und dann zwei Tage nicht wiederzukommen. Wir sind dann noch einmal nach Schmolainen gegangen, um zu erkunden, ob wir wieder auf unseren Hof zurück können. Schließlich waren die Russen nicht mehr da und wir kehrten zurück. An das genaue Datum kann ich mich nicht mehr erinnern, es wurde aber schon wärmer, es war etwa Ende April.
Nach der Rückkehr fingen wir sofort an, unsere Felder zu bestellen, denn wir mussten dringend Kartoffeln pflanzen. Der Boden musste umgepflügt werden, aber wir hatten keine Pferde mehr. So spannten wir uns selber vor den Pflug und zogen so die Ackerfurchen. Zusätzlich gruben wir das Land auch mit dem Spaten um. Es waren harte Arbeitstage für uns Kinder. Aber wir haben unsere Felder so gut bestellt, wie wir konnten.
Während dieser Zeit ging das Gerücht um, dass der Ortsbauernführer Franz Grimm von den russischen Besatzern erschlagen in der Wohnung der Familie Klein liegen sollte. Herr Braun, Herr Gehrmann und wir Jungs sind dann dort hingegangen , um nachzusehen, ob dies der Wahrheit entspricht. Lothar Wiezorreck und ich stiegen in den Keller durch eine kleine Bodenluke. Vorher mussten wir dafür einen Haufen Schutt und Möbelreste beiseite räumen. Tatsächlich, wir stießen sehr schnell auf eine männliche unbekleidete Leiche, die bereits am verwesen war. Nachdem wir ein heruntergelassenes Seil um die Füße der Leiche gebunden hatten, wurde sie von den alten Männer hochgezogen. Draußen bei Tageslicht bestätigten die Männer, dass es sich wirklich um Herrn Grimm handelte. Der arme Mann ist brutal zu Tode gefoltert worden, so dass ein Gerichtsmediziner einen langen Bericht hätte schreiben müssen. Wir haben den Leichnam im angrenzenden Garten beerdigt.
Es dauerte nur ein paar Tage, dann zogen wieder Russen durch die Dörfer, um größere Kinder zur Zwangsarbeit zu verschleppen. So auch unseren Bruder Franz, Helga Wiezorreck und andere Nachbarskinder. Sie wurden alle nach Braunsberg transportiert und mussten zusammen mit deutschen Kriegsgefangenen hart arbeiten. Franz und Helga kamen erst am 24. November, einen Tag vor Annas Tod, wieder zu uns zurück. Für die Mütter war dies eine unendlich lange Zeit, bis sie ihre Kinder wieder in die Arme nehmen konnten.
Eines Tages zogen Russen mit einer größeren Herde Pferde durch das Dorf. Wir beobachteten diese Kolonne und bemerkten, dass ein Pferd zurückblieb. Paul und ich liefen sofort zu dem Pferd, mussten aber leider feststellen, dass es schwer verletzt war. Wir hatten nämlich schon den Hintergedanken, dieses Pferd gesund zu pflegen und es dann zur Feldarbeit zu gebrauchen. Mit viel Mühe führten wir das Tier nach Hause in den Stall. Mutter untersuchte das Pferd und stellte fest, dass ohne einen Tierarzt und entsprechende Medikamente hier nichts auszurichten ist, wir könnten das Pferd nur schlachten und verzehren. Paul und ich wechselten einen Blick und jeder wusste, was zu tun war. Paul holte das Schlachtmesser und ich holte eine scharfe Axt. Der arme Gaul hatte sich inzwischen vor Erschöpfung niedergelegt. Obwohl wir beide erst zwölf Jahre alt waren und bis dahin noch nie eine Pferdeschlachtung gesehen hatten, gingen wir beherzt zu Werke. In unserer Notlage blieb uns auch gar nichts anderes übrig.
Mit einem stumpfen Axthieb gegen den Kopf betäubte ich das Pferd. Dann schnitt Paul ihm die Kehle durch. Nach kurzer Zeit bewegte sich das Tier plötzlich und machte Anstalten, sich zu erheben. Nun bekamen wir beide Angst und gerieten in Panik. Blitzschnell sprangen wir über den Futtertrog, kletterten durch die Heuraufe auf den Heuboden. Nun waren wir in Sicherheit und beobachteten, was geschah. In der Zwischenzeit hatte das Pferd es geschafft aufzustehen, und wir sahen, wie das Blut aus dem Tier herausschoss. Kurze Zeit später fiel es tot um. Plötzlich meldete einer unserer jüngeren Geschwister, dass ein berittener Russe im Anmarsch ist. Jetzt war Eile geboten. Mit Stroh und Mist bedeckten wir das tote Pferd, um es zu tarnen. In dieser Situation hatten wir das Glück des Tüchtigen. Der Reiter durchsuchte vor unserem Haus erst einige andere Häuser und wir bekamen dadurch einen kleinen Zeitvorsprung. Der Russe suchte tatsächlich nach dem vermissten Pferd. Unsere Tarnung war aber perfekt und er hat keinen Verdacht geschöpft.
Erst nachdem der Russe unverrichteter Dinge wieder das Dorf verlassen hatte, konnten wir uns der weiteren Schlachtung widmen. Jetzt aber unter Mithilfe von Herrn Boch, den wir auf Geheiß von Mutter zur Unterstützung holen mussten. Unsere Fleisch-Beschaffungs-Aktion hatte sich in Windeseile im Dorf herumgesprochen, und die Menschen kamen auf unseren Hof um etwas Pferdefleisch zu erbitten. Für unsere Familie allein hätte der Vorrat längere Zeit gereicht, aber dies ließ Mutter nicht zu. Alle bekamen einen Teil des Fleisches.
Das Korn war im Juli/August reif, und wir mussten es für die Russen abernten. Wir arbeiteten täglich 12 bis 14 Stunden. Unseren Anteil an der Ernte mussten wir uns regelrecht stehlen, denn freiwillig haben unsere Besatzer uns nichts gegeben. Das Korn brauchten wir dringend, um für den nächsten Winter zu planen. Die Russen haben in dieser Zeit auch große Herden von Rindern durch unser Dorf getrieben und zweimal Station gemacht. Die Euter der armen Tiere waren so prallvoll, dass sie vor Schmerzen gebrüllt haben. Alles, was an Menschen noch im Dorf lebte, wurde von den Russen zusammengetrieben, um die Kühe zu melken. Die Milch haben sie dann in einer Zentrifuge entrahmt und sofort Butter hergestellt, die sie auch mitgenommen haben. Uns blieb aber die restliche Magermilch und wir konnten davon nehmen, soviel wir wollten.
Auch die Kartoffelernte stand jetzt an, und wir hatten alle Hände voll zu tun, die für uns so lebenswichtigen Kartoffeln zu ernten, per Handwagen nach Hause zu bringen und einzumieten. Zu dieser Zeit kamen Flüchtlinge zu uns. Es war eine Familie, die weiter Richtung Westen fahren wollte. Bei der jungen, hochschwangeren Frau setzten am nächsten Tag die Wehen ein. Mutter hat als Hebamme fungiert und der Frau bei der Geburt geholfen. Das Kind war das Produkt einer Vergewaltigung; die Mutter hat das Kind bei uns im Haus mit dem immer vorhandenen Weihwasser getauft. Sie blieben ca. eine Woche bei uns und zogen dann weiter.
Ein freudiges Ereignis war dann die vollzählige Rückkehr der vor Monaten verschleppten Kinder. Aber kaum dass Franz, Helga und die anderen zurück waren, holten die Russen wieder alle größeren Kinder, diesmal auch Paul und mich, zu einer besonderen Arbeit. Sie zwangen uns, die gefallenen und vor Ort beerdigten Rotarmisten wieder auszugraben und in Kisten zu legen. Egal ab Einzelgräber oder Massengräber, wir mussten alle Leichen ausgraben. Der Gestank war unerträglich, denn die Leichen lagen schon fast zehn Monate in der Erde. Atemschutz oder Handschuhe hatten wir nicht. Diese Arbeit ging über mehrere Tage, bis alle Russen umgebettet waren. Heinz, ein Nachbarjunge von uns, war gerade erst von der monatelangen Zwangsarbeit zurückgekehrt und musste auch bei dieser Umbettaktion mitmachen. Kurz danach hatte er einen großen Verlust zu beklagen. Seine Mutter und seine beiden kleinen Schwestern starben kurz hintereinander und Heinz brachte sie nach Guttstadt auf den Friedhof. Wohl auch eine Folge des unmenschlichen Verhaltens der Russen. Mutter nahm Heinz solange bei uns auf, bis er von Verwandten abgeholt wurde. In der Zwischenzeit bekämpften wir noch eine ganz üble Krankheit: die Krätze. Erst nach mehreren Mitteln, die nicht halfen, bekamen wir vom polnischen Bürgermeister eine Schwefelsalbe, die endlich mit dieser Krankheit ein Ende machte.
Die ersten Polen, die zu uns kamen, das waren Kolonnen von Frauen und Männern, die nur auf Raub aus waren – keine Siedler, die sich später im Dorf niederlassen wollten. Solange noch Russen im Dorf waren, hatten wir, so paradox es auch klingt, Schutz vor den raubenden Polen. Denn wenn Polen uns heimsuchen wollten, lief eines von uns Kindern schnell zur russischen Kommandantur und bat um Hilfe. Die Russen gingen äußerst brutal mit den Polen um, Schläge mit den Gewehrkolben konnten wir öfters beobachten.
Dann zog der Russe mehr und mehr ab, und es kamen die ersten polnischen Bauern zu uns. Aber dieses organisierte Massenrauben ging immer noch weiter. Der polnische Bürgermeister war zu diesem Zeitpunkt auch schon im Dorf – er war im Grunde genommen ein ganz toller Mann, wir haben ihn eigentlich etwas verehrt. Oft holten wir ihn zu unserem Schutz vor seinen eigenen Landsleuten. Er hat versucht, uns zu beschützen, aber oft genug kam er zu spät oder konnte gegen die Überzahl nichts ausrichten. Erst als der polnische Bauer unser Haus beschlagnahmte, verschwanden die räubernden Horden. Zu den Polen, die bei uns im Dorf waren und stetig dazukamen, war das Verhältnis sehr schlecht. Sie stammten meistens aus Zentralpolen und hassten die Deutschen. Einen Kilometer weiter, auf dem Gut Schmolainen, waren ausnahmslos Ostpolen angesiedelt, und mit ihnen waren wir regelrecht befreundet. Sie haben uns auch beigestanden, wenn wir Krach mit der polnischen Jugend aus unserem Dorf hatten.
Die ersten polnischen Siedler kamen Ende 1945. Sie haben die Liegenschaften, die sie in Besitz nehmen wollten, gekennzeichnet. Wir waren nicht zu Hause, als das geschah. Als wir dann nach Hause kamen, war ein rot-weißes Fähnchen an der Haustür angenagelt. Wir wussten erst gar nicht, was dies bedeuten sollte. Einige Wochen später kam ein Pole zu uns ins Haus. Es war alles schön und gut, wir haben uns unterhalten, er konnte auch etwas gebrochen Deutsch und sagte, er würde jetzt auf diesem Hof einziehen, wir werden zusammen arbeiten, es wird uns allen gut gehen. Und wir empfanden es eigentlich als gar nicht so schlecht. Ein paar Tage später zog er mit seiner Familie bei uns ein. Sie hatten fünf oder sechs Kinder, wobei die Jüngsten in unserem Alter, also ca. zwölf Jahre alt waren. Er hat dann unten gewohnt , und wir sind nach oben gezogen. Den ersten Zusammenstoß mit uns deutschen Kindern gab es schon nach ein paar Tagen. Meine Mutter und Frau Wiezorreck haben Lothar Porschatek und seinen Bruder Gerd in unsere Gemeinschaft aufgenommen, nachdem die Russen ihre Mutter verschleppt hatten. Lothar streichelte den im Hof angebundenen Hund des polnischen Bauern, was einem hinzukommendem Sohn des Bauern nicht gefiel. Er versuchte, den Hund auf Lothar zu hetzen. Doch das Tier gehorchte ihm nicht und wollte lieber weiter gestreichelt werden. Darüber wurde der polnische Junge so zornig, dass er mit den Fäusten auf Lothar zuging. Gott sei Dank war Frau Wiezorreck in der Nähe und konnte schlichtend eingreifen.
Es kam immer wieder zu Spannungen und letztendlich hat der Pole uns nach kurzer Zeit, im Frühjahr 1946, aus unserem Haus gejagt. Wir mussten unser Heim verlassen und umziehen. Der Hauptgrund war wohl, dass er unsere Habseligkeiten und Einrichtungen, die wir oben hatten, für sich behalten wollte. Aber da hat Mutter ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir arbeiteten auf dem Gut mit zwei Ostpolen zusammen, sie hießen Josef und Ignaz. Meine Mutter bat sie, mit dem Wagen zu kommen und uns beim Umzug zu helfen – alles, was wir nicht brauchen oder mitnehmen könnten, dürften sie dann für sich behalten. Josef und Ignaz haben äußerst gründlich gearbeitet. Es blieb nichts, aber auch gar nichts mehr für den polnischen Bauern übrig. Er war ziemlich wütend darüber, aber uns war das egal. Wir bezogen nun ein letztes Mal ein anderes Haus in Ostpreußen. Dieses Haus hatte nur ein Strohdach und war sehr beschädigt, aber es war das einzige, wo wir noch wohnen konnten. Schlimm war es bei Regenwetter: Das Dach war so undicht, dass wir überall in den Räumen Schüsseln und Eimer hingestellt haben, sogar mitten auf den Betten. Aber dies war uns egal, Hauptsache wir hatten ein Dach über dem Kopf.
Dieser Hof lag an dem kleinen Fluss Alle. Wir brauchten nur einen kleinen Abhang herunterzulaufen und schon standen wir am Ufer des fischreichen Flusses. Franz war sehr geschickt mit dem Kescher, und es gelang ihm öfters, Hechte und andere schmackhafte Fische zu fangen. Meine Spezialität waren die Flusskrebse: In den Uferlöchern musste man bis zu einer Armlänge hineingreifen, um sie herauszuholen. Die Tiere haben sich natürlich gewehrt und kräftig zugekniffen. Aber da kannte ich kein Pardon. Die polnische Jugend hat uns oft dabei beobachtet. Nachdem ihre Fangversuche teilweise kläglich gescheitert waren, wollten sie sich an unserem Fang vergreifen. Wir schickten Schnell die Kleinen mit den Fischen und Krebsen zu Mutter ins Haus und stellen uns den Polen entgegen. Es kam zu Rauferein, bei denen beide Seiten Blessuren und Schrammen davontrugen. Nicht lange danach waren sämtliche polnischen Väter vor unserem Haus. Aber da stellte sich Mutter entgegen, und es gelang ihnen nicht, das Haus zu betreten. Hilfreich war dabei ein Pole, der gut deutsch sprach. Man warf vor, dass wir den Streit verursacht und Brutalitäten begangen hätten. Durch die Übersetzungen wurden die Missverständlichkeiten beseitigt. An folgende Worte unserer Mutter kann ich mich noch ganz genau erinnern. „Was wollt ihr hier. Das ist unser Land, ihr steht auf deutschem Boden. Geht wieder zurück!“ sprach sie. Und letztlich zogen die Polen wieder ab. Frau Wiezoreck war während der ganzen Zeit im Haus und hat gebetet. Dies hat sie hinterher berichtet und fragte Mutter: „Haben Sie den keine Angst gehabt?“. Mutter antwortete mit einem klaren „Nein!“. Alle Kinder waren mächtig stolz auf sie. Heute denke ich anders darüber! Aber Mutter hat uns mit der Aktion viel Halt gegeben in diesen schwierigen Zeiten. Denn wir waren für viele Polen vogelfrei und ständiges Ziel ihrer Attacken. Sie beschossen uns öfters mit Fletschen und zerstörten dabei unsere Fensterscheiben oder andere Gegenstände. So wurde auch unsere Latrine Ziel ihrer Zerstörungswut.
Zu dieser Zeit wurden Paul und ich einmal von zwei befreundeten polnischen Gutsarbeitern zum Essen eingeladen. Der kurze Weg durch das Dorf war uns verwehrt, wehe, wenn uns die Polen dort gesehen hätten! Deshalb machten wir einen riesigen Umweg über Feld und durch den Wald, um der Einladung nachzukommen. Wir wurden dort durch ein Festmahl entschädigt. Die Frauen der Arbeiter waren sehr freundlich und tischten gut auf. Solche Erlebnisse mit Polen gab es also auch. Auf dem Rückweg hat uns Kaschuk [Kazik?] sogar durch das Dorf begleitet, zurück zu unserem Haus, und bewahrte uns so vor den Angriffen der polnischen Jugend. So lebten wir in dem beschädigtem Haus und arbeiteten weiter auf dem Gut.
Ich musste einmal alleine mit dem Pferdewagen durch das Dorf fahren und etwas abliefern. Auf der Rückfahrt, am Ende eines schmalen Weges, erwarteten sie mich. Sie waren bewaffnet mit Eisenstangen, Knüppeln und Steinen. Es gab keine Möglichkeit mehr zu wenden. Ich gab den Pferden die Peitsche, duckte mich unter das Sitzbrett des Kastenwagens und hoffte so, mit heiler Haut davonzukommen. Als ich die Gruppe passierte, prasselte es nur so von ihren Schlägen und die Pferde gerieten in Panik. Im schnellen Galopp ging es weiter, und ich hatte große Mühe, die Tiere wieder zu beruhigen. Das Fuhrwerk kam schließlich zum Stehen und ich schaute besorgt zurück. Glücklicherweise ist kein Pole zu Schaden gekommen – nicht auszudenken, was dann mit mir geschehen wäre.
Ähnlich haben sich vielleicht auch Deutsche in Polen verhalten, auch bei uns gab es Gute und Schlechte. Deshalb verurteile ich die Polen nicht – aber ich hätte Grund, den einen oder anderen anzuklagen. Das waren eben die Nachkriegsjahre mit dem ganzen Hass und so weiter. Heute ist es, Gott sei Dank, nicht mehr so – zwischenzeitlich bin ich bereits zweimal in Ostpreußen gewesen und konnte mich davon überzeugen.
In die Schule sind wir zu der Zeit übrigens nicht mehr gegangen, denn es durften nur noch Kinder in die Schule, deren Eltern unterschrieben hatten, die polnische Staatsbürgerschaft anzunehmen.
Zu hungern brauchten wir in jener Zeit eigentlich nicht. Als die Erntezeit 1945 kam, mussten wir das Getreide für die Russen abernten. Es wurde gedroschen und das Korn ging alles nach Russland. Wir haben uns natürlich ein paar Säcke abgezweigt, obwohl sie scharf aufgepasst haben. Aber wir wussten ganz genau – wenn wir über den Winter kein Brot haben, dann sind wir verloren. Bei der Kartoffelernte war der Russe schon abgezogen, Kartoffeln hat er nicht mehr mitgenommen.
Einen Teil der geernteten Kartoffeln haben wir zu Hause aufbewahrt, der Rest wurde in Erdlöchern eingemietet. Später, es ging schon auf das Frühjahr 1946 zu, haben wir auch, das hatte ich bereits erwähnt, auf dem Gut in Schmolainen gearbeitet. Ich glaube, die polnische Kirche hatte das Gut in Verwaltung. An Geld kriegten wir sehr wenig, 1 Zloty pro Tag, glaube ich – dafür konnte man ungefähr ein Kilo Brot kaufen – aber wir wurden verpflegt. Das bisschen, was wir dann noch verdient haben, das war für die Geschwister, die zu klein waren zum Arbeiten. Hunger hatten wir jedenfalls nicht.
Nur mit den Kartoffeln hatten wir Pech, als sie zu Ende gingen. Das war jetzt noch Winterszeit und wir mussten die erste Miete öffnen. Das haben wir gemacht – bei Nacht und Nebel, so leise wie es ging. Der Pole hat uns auch nicht gehört, aber am nächsten Tag doch festgestellt, dass an dieser Stelle gegraben wurde. Somit hat er vermutet, weil wir ja wieder Kartoffeln besaßen, dass wir noch mehr eingemietet haben. Er suchte also alles ab. Mit einer Eisenstange hat er den Boden systematisch abgesucht und überall durchstochen. Er hat dadurch auch die schützende Frostschicht durchhauen und letztlich auch unsere letzte Miete gefunden. Als er sie aufmachte, musste er aber feststellen, dass alle Kartoffeln verfault und damit verdorben waren – dies ist uns noch nie passiert! Da hat meine Mutter gesagt, dass werde ich nicht vergessen: „Siehst du, das ist Gottes Strafe! Du wolltest uns das wegnehmen, was wir angebaut haben. Wir hätten nichts davon gehabt, aber du hast jetzt auch nichts davon!“
Die Kartoffeln, die er uns stehlen wollte, brauchte der Pole wahrscheinlich zum Schnapsbrennen. Denn er hat immer viel Schnaps aus Kartoffeln und auch Roggen gebrannt, obwohl es nicht viel zu essen gab. Wenn er genug Schnaps gebrannt hatte, brachte er Mehl zu Mutter und forderte sie auf, Brot zu backen. Und dann hat er mit anderen Männer gefeiert. Mutter musste für sie alle Brot backen. Sie brachten das Mehl an und so wie das Brot heiß aus dem Ofen kam, wurde es sofort aufgeschnitten und heiß, wie es war, von ihnen gegessen. Dazu tranken sie den selbstgebrannten Schnaps. Weil ihnen dieses Brot besonders gut schmeckte, kamen dann immer mehr Männer auf den Hof, um Brot backen zu lassen. Es war alles Sauerteigbrot, kein Hefebrot. Und dazu wurde, wie gesagt, Schnaps getrunken. Wenn sie dann betrunken waren, haben sie gesungen und getanzt.
Bevor wir im Sommer 1947 ausgewiesen wurden, hatte ich im Frühjahr noch etwas ganz Übles erlebt. Eines Nachts kam die polnische Miliz zu uns und verhaftete einige von uns. Meine Brüder Franz und Hubert und mich. Paul sollte auch abgeholt werden, aber die polnischen Gutsarbeiter Kaschuk und Pjoter halfen ihm, sich vor der Miliz zu verbergen. Ich war damals noch 13 Jahre alt, Hubert gar nur 11 Jahre. Wir wurden nach Guttstadt gebracht und dort verhört. Man beschuldigte uns, auf einen Polen geschossen zu haben, den wir überhaupt nicht kannten. Das furchtbarste bei diesem Verhör war, dass diese sogenannten Polizisten uns dabei gefoltert haben. Sie schlugen uns mit einem Stück Elektrokabel, das ungefähr einen Durchmesser von 3 Zentimetern hatte, auf das Gesäß, trafen dabei aber auch den Rücken. Wir mussten uns zu diesen Prozeduren über einen Stuhl legen, ein Pole klemmte den Kopf zwischen seine Beine ein, ein anderer hielt uns an den Beinen fest. Der dritte wiederum schlug mit dem Kabel auf uns ein. Franz banden sie draußen auf eine Leiter so fest, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. Dann schlugen sie mit dem Kabel auf ihn ein.
In dem Verhörzimmer saß ein Offizier und auf seinem Schoß seine Freundin. Sie tranken Wein, rauchten Zigaretten und lachten. Und wir haben vor Schmerzen geschrieen. Dann wurden wir eingesperrt, jeder in einen einzelnen Raum ohne Möbel – es gab nichts drin, nur den kahlen, kalten Boden. In dieser Zelle war ich zwei Tage eingesperrt. Es gab nichts zu essen und nichts zu trinken. Am dritten Tag legten uns die Polen zusammen. Gott sei Dank hat es geregnet und wir fanden eine Blechdose, mit der wir etwas Regenwasser auffangen konnten. Zwischendurch gab es immer wieder Verhöre, dazu regelmäßig Schläge.
An diesem Tag wurde eine junge Polin in unseren Raum gebracht, welche nach kurzer Zeit Besuch von ihrer Mutter bekam. Der Posten reichte der jungen Frau ein Essgeschirr, gefüllt mit duftendem Eintopf herein und sperrte anschließend wieder zu. Die Frau übergab uns mit den Worten „Kinder essen“ den Topf und unterhielt sich durch die verschlossene Tür lautstark mit ihrer Mutter. Wir schlangen in der Zwischenzeit das Essen dankbar herunter. Und dann, am dritten Abend, wurden wir alle in einen Raum gebracht und man verkündete uns eine Art Urteil. Ich versuche es hier wörtlich wiederzugeben: „Franz Block – wird abgeschossen, Helmut Joswig – wird abgeschossen, Lothar Porschatek – 20 Jahre Zuchthaus, Josef Block – 15 Jahre Zuchthaus, Hubert Block – 10 Jahre Zuchthaus!“
Am nächsten Tag früh wurde ich alleine von den Milizen geholt. Da hatte ich schon wieder Angst vor den Schlägen, aber diesmal wurde ich nicht geschlagen. Der Offizier sagte zu mir: „Du gehst nach Hause, Mutter soll deinen kranken Bruder holen!“. Ich konnte es erst nicht glauben, aber ich wurde zur Haustür geführt und durfte raus. Dann bin ich gerannt und gerannt – bis ich nicht mehr konnte – um schnell wegzukommen. Es waren ja immerhin 5 Kilometer bis nach Hause. Ich glaube, die Hälfte bin ich gerannt. Und Mutter ist dann mit einem Handwagen mit den kleineren Geschwistern zu der polnischen Milizstation hingefahren und hat den Franz geholt. Sie hat die größeren Kinder nicht mitgenommen aus Furcht, dass die Polen diese dann verhaften würden.
Hubert und die anderen Kinder wurden am nächsten Tag freigelassen. Ich konnte danach drei Wochen lang nicht mehr sitzen und auch nicht auf dem Rücken liegen. Meinem ältesten Bruder Franz haben sie das Hinterteil so zerschlagen, dass es schon faulte. Mutter und Frau Wiezorreck versorgten die Wunden mit Heilkräutern wie Kamille und dergleichen. Die Heilung dauerte mehrere Wochen.
Mitte Juni 1947 kam der Befehl der Ausweisung. Der Bürgermeister sagte uns, dass wir zum Transport nach Heilsberg gebracht würden. Zum damaligen Zeitpunkt gab es nur noch 16 Deutsche im Dorf – das war unsere Familie, die Wiezorrecks und noch eine Frau mit ihrer Tochter – dazu noch einige Familien auf dem Gut. Frau Wiezorreck und die Familie Olszewski vom Gut mussten wegen ihrer polnisch klingenden Namen dableiben.
Auf Anordnung des Bürgermeisters sollten die Kinder und das Gepäck auf zwei Pferdewagen zu diesem Transport gebracht werden. Die Erwachsenen sollten die Strecke von ca. 18 Kilometern zu Fuß gehen. Die gesamte polnische Bevölkerung stand um uns herum. Wir haben unser Gepäck aufgeladen, die kleinen Kinder saßen dann oben darauf, die größeren Kinder standen unten neben den Wagen. Als die Wagen anfuhren – ich kann es nicht anders ausdrücken, wie ich das damals empfunden habe – stürzten sie sich wie die Geier auf unser verbliebenen Habseligkeiten, die wir auf den Wagen hatten. Die Polen nahmen sie uns weg, so dass wir nur ein wenig mehr mitnehmen konnten als das, was wir auf dem Leibe trugen. Sie haben uns die Gegenstände einfach entrissen. Wir Kinder konnten sie auch gar nicht festhalten, denn das waren ja alles erwachsene Männer, die das soeben Gestohlene nach hinten zu ihren Angehörigen reichten um schnell nach dem Nächsten zu greifen! Das war der letzte Eindruck, den wir von Schmolainen hatten.
In Heilsberg wurden alle vertriebenen Deutschen in Viehwaggons verladen – die wurden ziemlich eng belegt – und nachdem man die Türen von außen verriegelt hatte, ging es irgendwann los. Wir kamen nur sehr langsam, etappenweise voran. Wir haben manchmal stundenlang auf Bahnhöfen gestanden, bis wieder mal eine Strecke frei wurde. Die Polen verpflegten uns nur ein einziges Mal und dies sehr schlecht. Es gab nicht genug Gefäße, um den verteilten Eintopf zu essen. Die Frau, die das Essen verteilte, war sehr nett. Sie setzte auch gegen den Willen der Posten durch, dass die deutschen Frauen einige Eimer Wasser zum Waschen bekamen. Wir hatten überhaupt nichts, wir waren total darauf angewiesen, was wir bekamen. Es gab auch keine sanitären Einrichtungen. So ging das bis zur Grenze. Dann wurde unser Zug nach Dresden hingeleitet. Die Fahrt endete nach drei Nächten und zwei Tagen schließlich in Pirna bei Dresden.
In Pirna kamen wir erst in eine ehemalige Kaserne. Es begann damit, dass wir einige Schutzimpfungen über uns ergehen lassen mussten. Danach die Entlausung, obwohl wir gar keine Läuse hatten. Aber das war überhaupt keine Frage! Wir kamen ja aus dem Osten und alles, was von dort kam, hatte nun mal Läuse. Die Sachsen behandelten uns so, als hätten alle die Pest. Alle Kleider wurden eingesammelt, und in einer Art Backofen bei großer Hitze desinfiziert. Schließlich verteilte man ein wenig Kleidung, denn sehr viele Menschen, wir ja zum Teil auch, hatten nicht einmal mehr Unterwäsche zum Wechseln. Nachdem wir so erst einmal notdürftig versorgt und auch alle Personalien festgestellt waren, verteilte man die Vertriebenen über die gesamte sowjetische Besatzungszone. Die Familie Block kam so in die Gegend von Chemnitz, in einen Ort namens Limbach-Oberfrohna in Sachsen. Wir bezogen dort eine Wohnung und man teilte uns auch einiges an Möbeln zu.
Ja, so fing dann ein einigermaßen normales Leben an. Mein ältester Bruder Franz, mein Zwillingsbruder Paul und ich, wir waren schon vierzehn Jahre alt und darüber, deshalb wurden wir sofort zum Arbeitsamt und zu einer Arbeitsstelle geschickt. Man fragte nicht, ob wir einen Schulabschluss hatten oder nicht. Wir hatten das Alter und wurden zu unterschiedlichen Arbeiten eingewiesen. Die kleineren Geschwister schulte man in die Klassen ein, wo sie auch altersmäßig hingehörten. Sie hatten anfangs große Schwierigkeiten, mit dem Lehrstoff mitzukommen, nach den Jahren ohne Schulunterricht in Ostpreußen.
Ich bekam eine Arbeitsstelle in einem Kleinstbetrieb, wo ich als einziger Arbeiter tätig war. Mein Chef und ich haben die Produktionsabfälle der dortigen Trikotagenfabriken aussortiert und zur Weiterverarbeitung versandfertig gemacht. Die Stoffballen wurden von Spediteuren abgeholt. Ich hielt es dort zwei Jahre aus. Der Chef hatte mir anfangs keine Feiertage bezahlt, ich selbst hatte ja keine Ahnung von solchen Sachen. Mein Stundenlohn betrug 45 Pfennig. Durch Freunde erfuhr ich, dass diese Feiertage wohl bezahlt werden müssen. Ich ging dann zur Gewerkschaft und habe mich erkundigt und beraten lassen. Das Ergebnis war, dass mein Chef die ganzen Feiertage nachbezahlen musste – da hielt ich erstmals in meinem Leben eine größere Geldsumme in den Händen.
Obwohl mein „Trikotagen“-Chef mich unbedingt behalten wollte und sogar mein Einkommen auf 55 Pfennige pro Stunde erhöhte, habe ich trotzdem die Arbeitsstelle gewechselt. Die nächste Station war ein volkseigener Betrieb. Es war eine Färberei. Da ich noch nicht 18 Jahre alt war, meldete mich der Betrieb ordnungsgemäß in der Berufsschule an. Dort kam ich aufgrund des Alters allerdings in die letzte Klasse. Nach nur fünfeinhalb Jahren Volksschule und dann fünf Jahre ohne Schule hatte ich erhebliche Probleme und es wurde eine ganz harte Angelegenheit für mich. In guter Erinnerung ist mir die erste Mathematikarbeit geblieben. Dieses Zahlengewirr hatte ich noch nie gesehen und konnte absolut nichts damit anfangen. Auf die Frage des Lehrers, ob ich keine Lust hätte, antwortete ich ihm wahrheitsgemäß und erklärte laut meine Situation. Die Klassenkameraden brachen darauf in schallendes Gelächter aus und ich habe mich sehr geschämt. Währen die anderen Schüler die Arbeit schreiben mussten, saß der Lehrer neben mir und ließ sich meine Lage genau schildern. Ich erhielt später dann von ihm freiwilligen Nachhilfeunterricht. Durch intensives Lernen gelang es mir dann noch, auf den Leistungsstand der Klasse zu kommen.
Die Färberei hieß VEB Textil-Veredelungs-Werk; später hieß sie dann VEB „Roter Färber“. In dieser Firma habe ich nicht nur gearbeitet, sondern wurde auch erstmals mit der Politik des Proletariats konfrontiert und bin dann der Jugendgruppe FDJ (Freie Deutsche Jugend) beigetreten. Eine unserer Parolen war zum Beispiel: „Wir Deutschen fassen nie wieder eine Schusswaffe an!“. Es gab viele ähnliche Parolen. Damit konnte ich mich sehr identifizieren, denn vom Krieg hatte ich genug gesehen und am eigenem Leibe erfahren müssen. Ich wurde sogar FDJ-Betriebsgruppenleiter und musste an verschiedenen Seminaren und Tagungen teilnehmen. Einmal fuhr ich zum Beispiel nach Dresden, wo sich alle Gruppenleiter aus Sachsen versammelten. Der Leiter der FDJ war Erich Honecker, der spätere Staatschef der DDR. Doch nach einigen Veranstaltungen dieser Art merkte ich, was das für ein Lug und Trug war. Wir sollten dieses Gedankengut in unseren kleineren Orts- und Betriebsgruppen weitergeben. Das konnte ich aber nicht, weil es einfach nicht der Wahrheit entsprach. Auf einem der Seminare sagte einmal ein Genosse: „Aber das entspricht doch nicht der Wahrheit!“. Dem widersprach man auch nicht, sondern gab zur Antwort, dass man die Formulierung halt so wählen soll, dass es als richtig und wahr angenommen wird.
Bei den eigenen Betriebsversammlung habe ich es immer so gedreht, dass nach der Eröffnung ein anderer Genosse, der Parteibetriebssekretär, diese Thesen den Kollegen vortragen musste. Doch lange konnte dies nicht mehr gut gehen. Die Funktion des Gruppenleiters hätte ich gerne wieder abgegeben, das hat man aber nicht angenommen. Wer einmal in diesen Kreisen tätig ist, kommt nicht mehr heraus. Schließlich blieb mir nichts weiter übrig, als unter fadenscheinigen Gründen zu kündigen, obwohl ich dort gerne gearbeitet habe. Denn das Arbeitsklima und die Kollegen waren super. Ich kündigte aber, um von diesem politischen Zwang loszukommen.
Der eigentliche Anlass für diesen Schritt waren die Jugendweltfestspiele 1950 in Berlin. Dort musste ich selbstverständlich als FDJ-Betriebsgruppenleiter teilnehmen. Drei Wochen lang betreute ich mit anderen Leitern Jugendliche. Wir waren in einem Zeltlager am Müggel-See die Ansprechpersonen für die uns zugewiesenen Gruppen, die wochenweise wechselten. Während dieser Festspiele durften wir sogar West-Berlin besuchen. Erstaunlich war auch, dass wir nichts zu bezahlen brauchten. Auch nicht im Westen. Straßenbahn, Bus, S-Bahn! Sogar die Verpflegung war umsonst. Wir sind mehrfach nach West-Berlin gefahren, die Grenze war ja noch offen, und sprachen dort mit den Menschen. Ich konnte einfach nicht glauben, was uns in der FDJ gelehrt wurde. Dass Westdeutschland der Feind Nummer Eins für unsere DDR im Osten war.
Einmal gab die Führung den Befehl aus, zu einer West-Kundgebung des damaligen Oberbürgermeisters zu gehen. Wir sollten unter unserer Kleidung Fahnen und Transparente verstecken, um unsere Absicht bis zum Schluss zu verschleiern. Denn unsere Aktion sollte diese Kundgebung stören. Die Westberliner Behörden waren aber informiert. Auf dem Wege zum Versammlungsort kamen Polizisten zu uns und sagten: „Jungs, macht es nicht, haltet Frieden. Geht wieder zurück.“ Und ich bin dann auch tatsächlich mit ein paar Freunden in die S-Bahn eingestiegen und wieder zurück in den Ostteil gefahren. Die anderen Genossen haben es aber „durchgezogen“! Sie störten die Kundgebung erheblich und es ist sogar zu Prügeleien gekommen. Aber die Berichterstattung der DDR-Presse hat dies natürlich anderes dargestellt. Zu den Jugendweltfestspielen kamen Vertreter aus vielen verschiedenen Ländern, auch aus dem Westen. Aber alles was man dort von offizieller Seite verkündete, entsprach nicht der Wahrheit!
Nach meiner Kündigung in dieser Färberei bin ich mit meinem Zwillingsbruder nach Chemnitz gegangen, um andere Arbeit zu suchen. Wir fanden auch sehr schnell Arbeit auf dem Bau, denn im Krieg waren die Zerstörungen überall riesig. Es war eine schwere und harte Arbeit, aber uns machte dies nichts aus. Ich war froh, mit dem Politischen nichts mehr zu schaffen zu haben. Im Gegenteil, ich habe mich nach meinem Erlebnissen in Berlin vollkommen zurückgezogen. Zu den auch für die Bauarbeiter veranstalteten FDJ-Abenden bin ich manchmal noch hingegangen. Meist aber hatte ich gute Gründe, mein Fehlen zu erklären. Denn wir machten oft spät Feierabend und konnten so den Zug nach Limbach nicht mehr erreichen.
Unser Meister auf dem Bauplatz, er hieß Müller, war ein wunderbarer Mensch und hat zu uns gehalten. Er sagte öfters zu uns: „Jungs, was wollt ihr hier? Ihr habt doch keine Zukunft. Haut doch ab in den Westen!“ Dieses Gedankengut haben wir beiden Brüder lange mit uns herumgetragen und oft darüber diskutiert. Eines Abends im Herbst 1952, wir waren nicht zu Hause, sind zwei Männer vom Staatssicherheitsdienst oder von der SED gekommen und haben nach Josef und Paul Block gefragt. Mutter konnte dies nicht genau beschreiben, hatte aber ein ungutes Gefühl. Auch wir haben ein wenig Angst bekommen und unser Entschluss stand fest: „Wir hauen ab aus der Ostzone!“. Wir sagten Mutter, dass sie uns eine Tasche mit den nötigsten Sachen packen sollte und wir wollten jetzt nicht in der Wohnung bleiben. Mitten in der Nacht klingelten wir ein vereinbartes Zeichen und holten unsere Tasche, verabschiedeten uns schnell von Mutter und machten uns auf den Weg zum Bahnhof nach Chemnitz. Die ganze Strecke sind wir zu Fuß gelaufen, und nach ca. 3 Stunden erreichten wir noch rechtzeitig den Frühzug nach Berlin.
Unterwegs im Zug wurde sehr viel kontrolliert. Denn Berlin hatte zu dieser Zeit noch keine trennende Mauer. Sehr hilfreich waren für uns meine Auszeichnungen, die ich als Aktivist und Mitglied der FDJ in der Färberei erhalten habe. Diese Medaillen habe ich mir angesteckt und dies war schon die halbe Passage durch die Polizeikontrollen. Wir wurden oft gefragt, was wir in Berlin wollten. Als Reiseziel gaben wir einen Besuch bei unserem Onkel in Ost-Berlin an. Dort sind wir auch tatsächlich hingefahren. Von dort aus sind wir dann am nächsten Tag mit der S-Bahn nach West-Berlin gefahren. Da wir außer der kleinen Tasche keinerlei Gepäckstücke mit uns führten, wurden wir auch nicht mehr von der Volkspolizei kontrolliert. Man hielt uns wohl für Pendler, die im Westen arbeiteten. So kamen wir in West-Berlin an und meldeten uns bei der Behörde als Flüchtlinge. Dort wurden wir informiert und sollten uns am nächsten Tag im Flüchtlingslager melden. Im Lager angekommen wurden wir verpflegt und bekamen Unterkunft. Die Zeit im Lager dauerte ungefähr 14 Tage. Während dieser Zeit mussten wir uns in allen Kommandanturen der westlichen Besatzungsmächte melden. Bei den Amerikanern, Engländern und Franzosen durchliefen wir alle möglichen Behördenstellen und man stellte uns immer wieder die gleichen Fragen: „Warum, weshalb, wieso haben Sie die Ostzone verlassen?“. Unsere Antwort war immer die gleiche: „Aus politischen Gründen!“. Meine FDJ-Abzeichen hatte ich da natürlich längst weggeworfen.
Schließlich bekamen wir kostenlose Flugtickets mit denen wir Berlin dann in Richtung Hamburg verlassen haben. Auch dort kamen wir wieder in ein Lager für Flüchtlinge. Jetzt wollte man von uns wissen, welche Arbeiten wir gelernt hätten, bzw. wofür wir uns interessierten. Zwei Bereiche suchten dringend Arbeitskräfte: die Landwirtschaft und der Bergbau! Da haben wir uns zum Bergbau gemeldet, die Landwirtschaft kannten wir ja von Zuhause her. Außerdem wollten wir auch etwas Neues kennen lernen und auch mehr Geld verdienen. Bis zum nächsten Sammeltransport in die Bergbauregion an Rhein und Ruhr dauerte es allerdings wieder 14 Tage. In der Zwischenzeit stellte man auch unsere Tauglichkeit für die Arbeit unter Tage fest. In der restlichen Zeit verdingten wir uns als Gelegenheitsarbeiter.
Ich kann mich noch gut an eine CDU-Veranstaltung in einer Gastwirtschaft unweit des Lagers erinnern. Nachdem wir erklärten, woher wir kamen, durften wir an der Sitzung als Zuhörer teilnehmen. Man spendierte uns sogar ein Freibier. Jetzt konnte ich den politischen Unterschied zwischen West und Ost gut feststellen.
Dann hieß es Abschied nehmen von Hamburg und wir fuhren mit der Eisenbahn in das Ruhrgebiet nach Essen und wurden dann weitergeleitet auf die Zeche Niederberg nach Neukirchen-Vluyn. Dort kamen wir in ein Ledigenheim, wo wir Bergarbeiter wohnen, schlafen und essen konnten. Siebeneinhalb Jahre habe ich dann untertage gearbeitet, bis ich aus gesundheitlichen Gründen den Bergbau verlassen musste. Während dieser Zeit im Jahr 1954 heiratete ich meine Frau Renate. Ich kannte sie noch aus meiner Zeit in Sachsen und wir waren schon sehr eng befreundet. Renate ist mir nach meiner überstürzten Flucht aus Limbach-Oberfrohna, ca. ein halbes Jahr später, auch noch über die „Berlinflucht“ nachgereist. Da sich zu dieser Zeit nur Verheiratete in die Liste von Wohnungssuchenden eintragen konnten, haben wir auch sehr jung geheiratet. Ich war gerade 21 Jahr alt geworden und meine Frau war noch 19 Jahre alt. Mein Zwillingsbruder Paul ist leider 1959 an unerkannter Zuckerkrankheit gestorben. Dies war ein großer Verlust für mich.
Ich fand nach dem Bergwerk dann sehr schnell Arbeit auf dem Bau und wurde Estrichleger. In diesem Beruf, den ich später auch ordnungsgemäß erlernte, habe ich fast dreißig Jahre gearbeitet. Im Oktober 1989 musste ich aufgrund meiner durch die harte Arbeit hervorgerufenen Knieprobleme aufgeben. Die Ärzte haben mich dann auch für berufsunfähig erklärt. In Neukirchen-Vluyn habe ich auch eine neue Heimat gefunden und mit meiner Frau eine Familie gegründet. Wir haben zwei Kinder und wohnen in einem schönen Eigenheim.
Die Zeit nach der Republikflucht muss ich noch erwähnen. Meine Frau und ich wendeten viel Zeit und Geld auf, um unsere Angehörigen in der DDR zu unterstützen. In den Spitzenzeiten haben wir ca. 40-50 Pakete pro Jahr an die Familie geschickt. Als später dann auch Reisen erlaubt waren sind wir jedes Jahr mindestens einmal hinübergereist. Manchmal sogar öfters. Was für uns immer mit hohen Kosten verbunden war. Denn wir mussten neben dem teuren Visum auch noch täglich 25 DM in Ostwährung 1:1 pro Person umtauschen. Für das eingetauschte Ostgeld durften wir aber oft nicht in den Westen ausführen, was wir gebrauchen konnten, sondern nur das, was die DDR-Behörden erlaubten. Und das war wenig nützliche Ware. Die Grenzsoldaten behandelten uns bei den Einreisen oft nett und zuvorkommend, aber auch manchmal wie den „letzte Dreck“! So mussten wir uns sogar einigen Leibesvisitationen unterziehen und wurden absichtlich drangsaliert. Es war auch Pflicht eines jeden Westbesuchers, sich auf der Behörde am Zielort an- und abzumelden. Hierbei hat man uns auch manchmal schlecht behandelt. Gott sei Dank machte die Wiedervereinigung im Jahre 1989 diesem ganzen Spuk ein Ende.