Jugendzeit in Ostpreußen

Hungerjahre in Königsberg

„Mit Geld konnte man nichts anfangen. Für seine Arbeit bekam man einfach zu essen.”

Dr. Elimar Moser

Zwei lange Jahre war Hunger sein ständiger Begleiter. Elimar Moser beschreibt seinen täglichen Existenzkampf in dem von Russen besetzten Königsberg. Die Arbeit in einem Krankenhaus sichert dem 15-Jährigen eine kärgliche Tagesration Graupenbrei und Wassersuppe. In den Ruinen der Stadt verdient sich der Junge ein Zubrot – er reißt Holz aus zerbombten Häusern aus und tauscht es bei russischen Familien gegen Lebensmittel ein. Wer jung und kräftig ist, kann sich durchschlagen, Alte und Kleinkinder bleiben aber auf der Strecke, sterben an Entkräftung oder Typhus. Vor dieser beispiellosen Notzeit verlebt Elimar Moser eine sorgenfreie Kindheit in Cranz. Die Sandstrände dieses berühmten Ostseebades ziehen im Sommer Scharen von Tagesausflüglern aus dem nahe gelegenen Königsberg an. Moser schildert auch dieses unbeschwerte, sommerliche Leben. Und erzählt von den Kniffen der Nazis, die es meisterlich verstanden, die Jugend für sich zu gewinnen.


Ein gutbürgerliches Leben

Dr. Moser: Ich bin in einer Kleinstadt namens Cranz aufgewachsen. Cranz war ein Ostseebad, lag 30 km nördlich von Königsberg und hatte etwa 5.000 Einwohner. Ich bin in Cranz zur Volksschule gegangen und ab meinem zehnten Lebensjahr auf ein Gymnasium in Königsberg, weil es in Cranz nur eine Mittelschule gab. Mein Vater war Arzt – einer von drei Ärzten im ganzen Ort, ein so genannter Landarzt.
Frage: Also ein Arzt für alles?
Dr. Moser: Genau. Er musste viel aufs Land fahren, auf die Bauernhöfe rund um Cranz. Das war damals sehr mühselig, denn die Straßen waren zum Teil sehr schlecht.
Frage: Und wie ist Ihr Vater zu seinen Patienten gefahren?
Dr. Moser: Wir hatten ein eigenes Auto, einen Opel Kadett. Er ist mit dem Auto hingefahren oder wurde mit dem Pferdewagen oder Schlitten von den Bauern abgeholt.
Frage: Und was hat Ihre Mutter gemacht?
Dr. Moser: Sie hat in Vaters Praxis als Arzthelferin gearbeitet. Außerdem hatten wir noch eine weitere Arzthelferin. Es gab viel zu tun damals, und Vater hat ganz gut verdient. Wirtschaftlich ging es uns gut – 1936 konnten wir uns in Cranz ein Haus bauen, das den Krieg gut überstanden hat. 1992 habe ich es wieder gesehen – es war noch sehr gut erhalten und beherbergte ein russisches Kinderheim. Wir wurden dort sehr freundlich aufgenommen, konnten alles besichtigen und bekamen auch etwas zu Essen. Erst im Frühjahr 1998 ist es abgerissen worden – irgendein Russe wollte das Grundstück haben, denn es lag direkt an der Ostsee.
Frage: Sie haben damals gut gelebt. Wie äußerte sich das? Haben sich Ihre Eltern zum Beispiel Urlaub leisten können?
Dr. Moser: Wir führten ein gutbürgerliches Leben. Meine Jugendzeit fiel in den Krieg hinein, deshalb ist unsere Familie nicht gereist. Ich bin lediglich zu meinen Großeltern aufs Land gefahren – meine Mutter stammte von einem Bauernhof in der Nähe von Königsberg, da habe ich oft meine Sommerferien verbracht. An der Ostsee ist es auch so schön, dass man kaum wegzufahren brauchte. Vor dem Krieg sind meine Eltern natürlich schon einmal verreist, sie waren in Rom, in Dresden und in Bayern – aber wir Kinder nicht. Die Fahrt nach Rom wurde vom Bischof von Ermland organisiert.

»Jede Familie sollte die Möglichkeit haben, Hitlers Reden zu hören«

Frage: Hatten Sie ein Radio?
Dr. Moser: Wir hatten ein sehr gutes, modernes Radio. Und einen sehr guten Plattenspieler. Mein Vater war ein großer Musikliebhaber, er hat sehr oft Platten gehört.
Frage: War Radiohören sehr verbreitet?
Dr. Moser: Fast jede Familie hatte ein Radio, es gab ja diesen billigen Volksempfänger, den sich praktisch jeder leisten konnte. Das war die Absicht der Nationalsozialisten: Jede Familie sollte die Möglichkeit haben, Hitlers Reden und sonstige Propaganda zu hören. Aber die Sendungen waren durchaus nicht nur propagandistisch, es gab bis zum Schluss ausgezeichnete Musiksendungen, zum Beispiel das Wunschkonzert am Sonntag oder Sonnabend. Mein Vater hat regelmäßig klassische Musik gehört, und die Sendungen hatten zum Teil ein sehr hohes künstlerisches Niveau. Natürlich gab es auch Nachrichten über den Kriegsverlauf, daran kann ich mich auch gut erinnern.
Frage: Sind Ihre Eltern essen gegangen?
Dr. Moser: Gelegentlich schon, aber nicht oft. Weil Cranz ein Badeort war, gab es dort ganz gute Lokale, im Sommer jedenfalls, und da sind meine Eltern mit Freunden hingegangen.
Frage: Was waren das für Leute, die Freunde Ihrer Eltern?
Dr. Moser: Ein Bäcker- und Konditormeister, ein Rechtsanwalt, ein Lehrer und der katholische Pfarrer. Meine Eltern hatten eine sehr nette, gesellige Zeit in Cranz. Vor allem im Winter haben sie Freunde zu uns nachhause eingeladen – aber nicht zu einem großen Essen, denn das war damals nicht üblich. Es wurde nur Wein oder Bier getrunken. Man traf sich, um zusammen zu sein und miteinander zu sprechen, nicht um zu essen. Außerdem haben uns oft Verwandte aus Königsberg besucht. Das war aber nur deshalb möglich, weil sie in der Nähe wohnten. Eine Schwester meines Vaters, die in Allenstein lebte, hat uns nur ein oder zwei Mal besucht, obwohl das – nach heutigen Maßstäben – gar nicht so weit weg war. Damals war das Reisen aber nicht so üblich. Mein Vater hatte noch eine Schwester in Fulda – sie ist kein einziges Mal zu uns gekommen.
Frage: Wurde der Karneval gefeiert?
Dr. Moser: Nein. Karneval war in dem überwiegend protestantischen Ostpreußen völlig unbekannt – jedenfalls im nördlichen Teil, wo wir wohnten. Nur Silvester wurde gefeiert – das sogar sehr kräftig. Vor dem Krieg gab es in den Lokalen Tanzveranstaltungen.
Frage: Hat man auch Partys veranstaltet?
Dr. Moser: Meine Eltern haben, wie gesagt, Freunde eingeladen. Aber das spielte sich in einem sehr mäßigen Rahmen ab. Das waren keine aufregenden Partys, sondern ruhige Abende.
Frage: Und was haben Sie als Kind in Ihrer Freizeit gemacht?
Dr. Moser: Ich habe gerne gelesen – Karl May und andere Abenteuerbücher. Wir hatten eine gute Bücherei in Cranz, für einige Pfennige konnte man dort Bücher ausleihen, zehn oder zwanzig Pfennig hat man pro Band gezahlt. Ich habe davon regen Gebrauch gemacht.
Frage: Haben Ihre Eltern keine eigene Bibliothek gehabt?
Dr. Moser: Nein, das kann man nicht sagen. Wir hatten natürlich Bücher, aber da von einer Bibliothek zu sprechen, das wäre zu viel. Mein Vater war ein viel beschäftigter Arzt und hatte kaum Zeit zum Lesen, jedenfalls stand das nicht im Vordergrund. Sehr häufig ist er aber ins Kino gegangen. Ich glaube, dass er jeden Film besucht hat. In Cranz gab es nur ein Kino, und das war eine der wenigen Möglichkeiten, etwas Unterhaltung zu haben – vor allem im Winter, der ziemlich ruhig und eintönig war. Man musste deshalb rechtzeitig hingehen, um eine Karte zu bekommen.
Frage: Und was hat das gekostet?
Dr. Moser: Von 80 Pfennig an bis 1,20 Mark. Es gab unterschiedlich gute Plätze. Das Kino in Cranz war relativ einfach, aber nicht unbedingt primitiv. Ich war auch in Königsberg oft im Kino. Dort gab es sehr unterschiedliche Kinos – manche waren sehr einfach, und manche richtig pompös.
Frage: Und wie oft kamen neue Filme ins Kino?
Dr. Moser: Ich glaube, jede Woche wurde der Film gewechselt.

»Die Nazis wollten die Jugend vom Kirchenbesuch abhalten«

Frage: Gab es in Cranz auch die „Jugendfilmstunde“?
Dr. Moser: Ja. Sie war in der Regel am Sonntagvormittag angesetzt. Das waren zum Teil keine schlechten Filme, also nicht nur Propagandafilme. Die Nationalsozialisten wollten die Jugend damit vom Kirchenbesuch abhalten. Mein Vater bestand darauf, dass wir Kinder vormittags zur Kirche gingen, und da musste ich betteln, dass ich doch zu dem Film gehen konnte. Mein Vater stammte aus dem Ermland und war katholisch. Wir Kinder auch, unsere Mutter war aber evangelisch. Sie ging in die große evangelische Kirche, und der Rest der Familie in die kleine katholische. Eine Besonderheit war, dass es für die 200 Katholiken in Cranz einen eigenen Pfarrer gab, der nur für Cranz zuständig war.
Frage: Wurde bei Ihnen gut gegessen?
Dr. Moser: Vor dem Krieg wurde bei uns immer sehr gut gegessen, weil mein Vater Wert legte auf ein gutes, üppiges Essen. Es gab immer viel Fleisch und Wurst, was in anderen Familien nicht der Fall war. Denn viele hatten nur ein geringes Einkommen – ich weiß zum Beispiel, dass viele Familien sich keine Butter leisten konnten und Margarine aßen. Als unser Haus gebaut wurde, haben mich die Arbeiter mal zum Kaufmann geschickt, um Zigaretten zu kaufen. Sie hatten so wenig Geld, dass ich nur eine kleine Packung mit sechs Zigaretten kaufen konnte, obwohl eine Zigarette nur zwei Pfennig gekostet hat.
Frage: Und wie sah ein typisches Mittagessen aus?
Dr. Moser: Es gab viel Kartoffeln und oft Suppen – vor allem Kartoffel- und Erbsensuppe, als Eintopf. Wenn Kartoffeln beim Mittagessen übrig blieben, gab es sie am Abend als Bratkartoffeln.
Frage: Können Sie sich an typisch ostpreußische Gerichte erinnern?
Dr. Moser: Ja. Es gab das so genannte Schwarzsauer – die Innereien einer Gans mit Backpflaumen und Klößen. Ich fand es scheußlich, aber meinen Eltern hat es geschmeckt.
Frage: Und Königsberger Fleck?
Dr. Moser: Ja, Königsberger Fleck, das war auch so eine Besonderheit, aber das hat es bei uns nie gegeben, weil die Zubereitung so furchtbar schwierig war. Das Zeug musste furchtbar lange gekocht werden. Häufig gab es dafür Königsberger Klopse.
Frage: Und was gab es zu Weihnachten und zu Ostern?
Dr. Moser: An Weihnachten gab es in Ostpreußen immer den berühmten Gänsebraten – mit Kartoffeln, denn Knödel waren bei uns eher unbekannt. Und zu Ostern gab es eigentlich keine besonderen Gerichte.
Frage: Cranz war ein Badeort – können Sie etwas dazu sagen?
Dr. Moser: Das sommerliche Leben war sehr angenehm. Es kamen sehr viele Gäste, die meisten allerdings aus Königsberg – sie kamen morgens mit der Bahn und fuhren abends wieder zurück. Zeitweise gab es auch einen Busverkehr zwischen Cranz und Königsberg, der aber nach einigen Jahren eingestellt wurde. Bei schönem Wetter war der Ort sehr, sehr voll. Dafür war es im Herbst und im Winter sehr ruhig. Nur sonntags kamen dann Ausflügler aus Königsberg, um die zugefrorene Ostsee zu sehen. Bei einem sehr starken Winter sah das sehr schön aus, die weiße Pracht. Aber sonst waren Herbst und Winter ziemlich trostlos. Ein Teil der Läden und Restaurants war dann geschlossen, richtig zugenagelt. Ihre Besitzer hatten in Königsberg oft ein anderes Hotel und konnten so über die Runden kommen. Nur wenige Hotels hatten auch im Winter geöffnet.
Frage: Es gab aber nicht nur Tagesbesucher aus Königsberg, sondern auch Gäste, die in Cranz übernachtet haben?
Dr. Moser: Ich erinnere mich an ein Ehepaar aus Österreich, das drei Jahre hintereinander im Sommer kam. Mit den Kindern habe ich gespielt, und dabei fiel mir auf, dass ihr Dialekt anders war. Es kamen auch Gäste „aus dem Reich“. Man konnte in Cranz Moorbäder nehmen, auch im Winter. Aber das war nicht die Masse. Die große Masse bildeten Ausflügler, die morgens kamen und abends wieder zurückfuhren.

»Jedes Jahr gab es ein Sommerfest mit Umzügen und einem Feuerwerk«

Frage: Hat sich das sonst noch irgendwie bemerkbar gemacht, dass Cranz ein Badeort war?
Dr. Moser: Noch bis zum Sommer 1944 fuhr ein kleiner Ausflugsdampfer von Cranz nach Nidden auf der Kurischen Nehrung. Außerdem gab es Kurkonzerte in der so genannten Plantage. Aber nicht jeden Tag, sondern nur, glaube ich, am Sonntag oder Sonnabend. Und dann gab es Hotels und Cafés. Aber es war kein überaus vornehmer Badeort, das hielt sich in Grenzen. Ach ja, jedes Jahr gab es ein Sommerfest mit Umzügen und einem Feuerwerk! Es gab Wagen, von Pferden gezogen, auf denen Fischer saßen und Szenen aus ihrem Alltag nachstellten – den Verkauf von Fischen, das Flicken der Netze usw. Denn ursprünglich war Cranz ein Fischerdorf, und bis zuletzt gab es dort Fischer, die mit ihren Booten auf die Ostsee hinausfuhren.
Frage: Und wo wurden diese Fische verkauft?
Dr. Moser: In Cranz selbst. Die Fischerfrauen hatten Handkarren, da saßen sie drauf und hatten ihre Fische ausgebreitet. Eine besondere Spezialität, die es im Sommer gab, waren geräucherte Flundern. Manche Fischer fuhren auch nach Königsberg, um ihre Fische loszuwerden.
Frage: War das Verhältnis zwischen Cranz und Königsberg gut? Galten die Königsberger nicht als hochnäsige Städter?
Dr. Moser: Ich glaube, das Verhältnis war vernünftig. Als hochnäsig haben wir die Königsberger nicht angesehen, denn man war auf sie angewiesen. Und vor allen Dingen gab es ganz starke Kontakte privater und beruflicher Natur. Viele Cranzer haben ja in Königsberg gearbeitet und pendelten täglich zwischen Cranz und Königsberg. Man fuhr dorthin auch, um – beispielsweise – in ein Theater zu gehen. Es war eine Strecke von etwa 30 Kilometern, und in einer Stunde war man da. Zwei Mark hat die Fahrt hin und zurück gekostet. Meine Eltern sind in Königsberg regelmäßig in die Oper und ins Theater gegangen, auch mit uns Kindern. Ein Stück aus jener Zeit fällt mir noch heute ein: „Peterchens Mondfahrt“. Das Schauspielhaus in Königsberg steht übrigens heute noch, es wurde im Krieg nur geringfügig beschädigt. Die Oper ist bei dem schweren Bombenangriff im August 1944 zerstört worden.

Eine Kindheit im Schatten der Diktatur

Frage: Waren Sie Mitglied im Deutschen Jungvolk?
Dr. Moser: Damals mussten wir alle Mitglied des deutschen Jungvolks sein, von 10 bis 14 Jahren. Das war eine Art Zwangsmitgliedschaft. Am Mittwoch und Samstag gab es den so genannten Dienst. Es war aber nichts Unangenehmes, weil man da mit anderen Jungen zusammen war. Es war auch schwierig, sich davon auszuschließen, dann hätte man nämlich keine Freunde gehabt. Man musste also mitmachen, ob man wollte oder nicht, denn sonst wäre man als Kind sehr stark isoliert gewesen.
Frage: Gab es überhaupt welche, die da nicht mitmachen wollten?
Dr. Moser: In meinem Ort kenne ich keinen. Nach dem Krieg haben viele behauptet, sie hätten sich ferngehalten. Aber das ist so nicht ganz hinzunehmen. So einfach war das nicht, weil das, wie gesagt, eine Zwangsmitgliedschaft war. Man konnte zwar hin und wieder fehlen, das war ohne weiteres möglich, aber man musste sich dann entschuldigen.
Frage: Gab es eine Anwesenheitsliste?
Dr. Moser: Eigentlich nicht, aber es wurde schon darauf geachtet, dass alle da sind. Es fiel auf, wenn man längere Zeit nicht da war. Aber die meisten Menschen waren von den Ideen der Nazis sowieso überzeugt und schickten ihre Kinder dorthin. Das muss man ja leider sagen.
Frage: Und wie war das Jungvolk organisiert?
Dr. Moser: Also in der kleinen Ortschaft Cranz gab es ein so genanntes Fähnlein. Das waren vielleicht 80, 90 Jungen. Und dieses Fähnlein gliederte sich in vier so genannte Jungzüge. Die Jungzüge waren nach Jahrgängen eingeteilt und bestanden aus 20, 30 Leuten.
Frage: Und was wurde im Dienst gemacht?
Dr. Moser: Geländespiele. Da sind die Jungzüge in den Wald gegangen und mussten die anderen bekämpfen oder suchen. Oder man musste sich irgendetwas erkämpfen. Das war sehr beliebt. Außerdem gab es beim Jungvolk sehr viel Sport. Es gab sogar große Sportwettkämpfe unter den einzelnen Jungzügen.
Frage: Welche Sportarten waren das?
Dr. Moser: Leichathletik, also Laufen, Springen, Werfen, Kugelstoßen. Außerdem wurde natürlich sehr viel Fußball gespielt und auch Feldhandball. Heute wird Handball in der Halle gespielt, damals spielte man draußen auf einem Rasen. Dazu wurde der Sportplatz der Schule benutzt.
Frage: Und Schwimmen?
Dr. Moser: Schwimmen stand nicht im Vordergrund. Wir lebten ja an der Ostsee, da war es selbstverständlich, dass jeder in der Ostsee schwamm.
Frage: Und was hat man bei schlechtem Wetter gemacht?
Dr. Moser: Es gab so genannte Heimabende. Da wurden unter anderem Lieder gesungen. Viele waren nationalistisch oder antisemitisch, aber es gab auch Lieder, die absolut harmlos waren – „Auf der Heide blüht ein Erika“, so ein Quatsch halt. Außerdem wurde deutsche Geschichte gelehrt und der Lebenslauf von Adolf Hitler in der damals üblichen, sehr positiven Färbung. Es wurden auch Bücher vorgelesen – über die „Kampfzeit“, als die Nationalsozialisten um die Macht kämpften, und über den Ersten Weltkrieg.
Frage: Und wer hat das organisiert?
Dr. Moser: Es gab Jungen, die älter waren und die Jungzüge leiteten, die Jungzugführer.
Frage: Und die haben etwas über Hitler vorgetragen?
Dr. Moser: Genau. Das war natürlich alles sehr einfach und schlicht, aber sie haben sich offenbar ein bisschen darauf vorbereitet.

»Die Nazis haben es meisterlich verstanden, die Kinder für sich zu gewinnen«

Frage: Und wie waren diese Jungzugführer? Ich meine die menschliche Seite.
Dr. Moser: Das war unterschiedlich. An sich waren das immer ganz sympathische Jungen, die wir ja auch alle kannten, zumindest alle, die in Cranz aufgewachsen sind. Das waren vernünftige Jungen, wir wurden nicht schikaniert. Es war durchaus so, dass man zum Jungvolk gerne hinging. Denn wenn Sie in einem kleinen Ort wohnen und sich von dieser Sache ausschließen, dann sind Sie ja ausgegrenzt, dann haben Sie keine Freunde. Und als Kind, da will man ja dabei sein. Es wurde also nicht als Zwang empfunden.
Frage: Wie lange hat so ein Heimabend gedauert?
Dr. Moser: Etwa zwei Stunden. Um drei Uhr nachmittags fing es an.
Frage: Hatte das Jungvolk ein eigenes Lokal für seine Aktivitäten?
Dr. Moser: Wir haben uns vor der Schule in Cranz versammelt, draußen, und dann gab es Heimabende im Zeichensaal der Schule. Das war das Jungvolk. Die ältere Jugend, die eigentliche Hitlerjugend, nutzte die ehemalige Synagoge als Heim.
Frage: Hatte das Jungvolk eine eigene Bibliothek in der Schule?
Dr. Moser: Nein, das ist mir nicht bekannt.
Frage: Und welche Aktivitäten waren die beliebtesten? Sport, Geländespiele oder Heimabende?
Dr. Moser: Sport und Geländespiele waren beliebter als die Heimabende, weil in den Heimabenden gesungen wurde und diese Unterrichtung über den Lebenslauf von Hitler stattfand, den man immer wieder hörte. Es gab natürlich auch mal unangenehme Sachen, zum Beispiel Exerzieren, aber der Sport war beliebt.
Frage: Und wie war der Anteil von Politik und Freizeit?
Dr. Moser: Man kann vielleicht sagen: fifty-fifty.
Frage: Gab es im Cranzer Jungvolk Spezialeinheiten?
Dr. Moser: Es gab eine Gruppe, die Modellflugzeuge baute – das war sehr beliebt. Die Nazis haben es meisterlich verstanden, die Kinder auf diese Weise für sich zu gewinnen. Mit einem gewissen Erfolg, muss man sagen.
Frage: Gab es auch einen Fanfarenzug?
Dr. Moser: Ja, Sie sind gut informiert. Den gab es bei uns auch, ich hatte aber keine Befähigung dazu. Diese Jungen begleiteten die Umzüge am 1. Mai.
Frage: Wurde der 1. Mai unter den Nazis gefeiert? Das war doch eigentlich eine kommunistische Erfindung!
Dr. Moser: Der 1. Mai war im Nationalsozialismus ein großer Feiertag. Der Fanfarenzug spielte aber auch an allen anderen Gedenk- und Feiertagen, wenn Märsche organisiert wurden.
Frage: Wurde Hitlers Geburtstag besonders gefeiert?
Dr. Moser: In der Schule gab es eine Feierstunde. Der Rektor hielt eine Rede und danach wurde, nach meiner Erinnerung, die Nationalhymne gesungen. Ich habe auch gehört, dass in der Nähe von Königsberg eine Feldparade abgehalten wurde, war aber selber nie dabei.
Frage: Gab es viele überzeugte Nazis unter den Lehrern an Ihrer Schule?
Dr. Moser: In Cranz gab es auf der Volksschule einen oder zwei Lehrer, die nationalsozialistisch gesinnt waren – von insgesamt vielleicht sechs oder acht Lehrern. Auf dem Gymnasium in Königsberg gab es auch von 20, 25 Lehrern mindestens zwei oder drei überzeugte Nazis.
Frage: Und der Rest?
Dr. Moser: Der Rest war eher konservativ-neutral. Man weiß natürlich nicht, wie ihre innere Einstellung war, aber zum Beispiel der Rektor, der ein sehr feiner Mann war, musste Mitglied der NSDAP sein, um seine Funktion bekleiden zu können.
Frage: Die damalige Zeit war reich an Ereignissen von historischer Bedeutung: Anschluss von Österreich, Rückgliederung des Memellandes, Kriegsausbruch. Hat Sie das alles sehr beeindruckt?
Dr. Moser: Ich habe eigenartigerweise keine Erinnerung an den Kriegsausbruch, dafür aber an den Anschluss von Österreich im März 1938. Die Radiosendungen, die Begeisterung der Österreicher, die man im Radio hören und in der Wochenschau sehen konnte, haben sich mir sehr eingeprägt. Der Anschluss des Memellandes ging dagegen ziemlich geräuschlos vor sich, da hat man kaum etwas gemerkt. Und den Kriegsbeginn habe ich kaum in Erinnerung, obwohl ich damals schon neun Jahre alt war. Dafür kann ich mich noch gut an den 22. Juni 1941 erinnern, als der Krieg gegen die Sowjetunion begann: Das war ein Sonntag, ein wunderschöner Sommertag, Cranz war voll, und es gab eine Sonderzeitung.
Frage: Waren die Leute nicht betrübt wegen dem Krieg?
Dr. Moser: Damit habe ich mit niemandem gesprochen. Meine Eltern werden sich sicher Gedanken gemacht haben, haben das aber für sich behalten, denn es war gefährlich, Zweifel an dem Ausgang des Krieges zu äußern.
Frage: Haben sie nicht einmal mit den eigenen Kindern darüber gesprochen?
Dr. Moser: Meine Eltern haben mit meiner Schwester und mit mir über ihre Zweifel gesprochen. Aber sie haben uns eingeschärft, mit niemandem darüber zu reden.

»Ein Bekannter hat mir mal erzählt, dass er als Hitlerjunge in der Synagoge Pingpong gespielt hat«

Frage: Gab es in Cranz Juden?
Dr. Moser: Es soll in Cranz sieben jüdische Familien gegeben haben, wie ich nachträglich von alten Leuten aus Cranz gehört habe. Bei einer Familie kann ich mich sogar noch an den Namen erinnern: Freschinsky, ein Apotheker. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Und dieser Apotheker ist leider schikaniert worden unter den Nationalsozialisten, das wurde mir nach dem Krieg erzählt. Man hat die Türe und die Treppe in seinem Haus beschmiert. Glücklicherweise ist die Familie 1938 oder auch erst 1939 nach Palästina ausgewandert. Alte Leute aus Cranz haben nach dem Krieg zu ihnen Kontakt aufgenommen. Die Eltern waren schon tot, aber es gelang, die Kinder zu finden. Doch die haben die Kontakte abgelehnt. Das kann man ja verstehen. Dann gab es noch eine Familie Zamori (wie man den Namen genau schreibt, weiß ich nicht). Sie wohnten anfangs sogar in unserer Nachbarschaft. Weil wir aber unser Haus bauten, sind wir 1936 dort weggezogen und haben den Kotakt zu der Familie verloren. Soweit ich aber hörte, ist es dieser Familie auch gelungen, rechtzeitig wegzukommen. Was mit den anderen jüdischen Familien passiert ist, weiß ich leider nicht. Es gab in Cranz eine sehr stattliche, große Synagoge. Aber nicht, weil so viele Juden in Cranz gelebt haben, sondern wegen der jüdischen Badegäste. Bis zur Machtergreifung muss es wohl viele jüdische Badegäste gegeben haben, und deswegen wurde schon im Jahre 1904 eine sehr ansehnliche Synagoge gebaut. Unter den Nazis wurde sie als Heim für die Hitlerjugend und später als Obdachlosenunterkunft genutzt. Das Gebäude hat den Krieg unversehrt überstanden. Als ich 1992 zum ersten Mal nach dem Krieg wieder nach Cranz kam, war sie schon sehr stark beschädigt, die Russen haben das Gebäude wohl benutzt, um Baumaterial zu gewinnen. Sogar bei meinem Besuch 1995 waren noch Reste davon zu sehen, erst 1997 oder 1998 ist die Synagoge ganz abgerissen worden.
Frage: Haben Sie selbst etwas davon mitbekommen, dass jüdische Kinder schikaniert wurden und dass jüdische Familien wegzogen?
Dr. Moser: Nein, man hat das leider nicht bemerkt. Ich als Kind schon gleich gar nicht, aber auch meine Eltern nicht. Meine Eltern wussten nur, dass die Familie Freschinsky sich entfernen konnte, Gott sei Dank, und auch die Familie Zamori wohl, aber von den anderen haben wir nichts mehr erfahren. Wir wissen nicht, was mit ihnen passiert ist.
Frage: Und die Reichskristallnacht hat es in Cranz nicht gegeben?
Dr. Moser: Für diese Frage habe ich mich sehr interessiert. Ich habe in den letzten 15, 20 Jahren immer wieder alte Cranzer gefragt, ob die Synagoge angezündet wurde. Sie sagten alle, dass das nicht geschehen ist. Dafür spricht auch, dass man darin das besagte Hitlerjugend-Heim untergebracht hat. Ein Bekannter hat mir mal erzählt, dass er als Hitlerjunge in der Synagoge Pingpong gespielt hat. Ich selbst war damals, im November 1938, zwar erst acht Jahre alt, aber Cranz war ja ein kleiner Ort, und ein großer Brand war da immer eine Sensation, da lief jeder hin – also hätte auch ich als Achtjähriger das irgendwie mitbekommen. Das war aber nicht der Fall. Man kann also mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Synagoge am 9. November 1938 nicht angezündet wurde.
Frage: Dass die Synagoge nicht angezündet wurde, muss aber nicht zwangsläufig heißen, dass es keinen Antisemitismus gab…
Dr. Moser: Der Antisemitismus war durch den Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda leider bei den normalen Menschen ziemlich stark.
Frage: Und wie äußerte sich das konkret?
Dr. Moser: Es wurden sehr abfällige Bemerkungen über die Juden gemacht. Wenn es zum Beispiel laut war in der Klasse, dann hieß es: „Hier geht es zu wie in der Judenschule“. Oder: „Der sieht aus wie ein Jude“. Oder: „Der betrügt wie ein Jude“. Das haben Erwachsene gesagt, und die Kinder haben das nachgeplappert.
Frage: Und wie lange hat sich der Glaube an den Nationalsozialismus gehalten?
Dr. Moser: Das ist sehr schwierig zu sagen, das war sehr unterschiedlich. Viele wussten schon lange, dass der Krieg verloren ist, aber sie wagten nicht, es auszusprechen. Weil wir ja in einer Diktatur lebten, hat jeder versucht, den Mund zu halten. Aber so ab Anfang 1944 waren viele sehr skeptisch. Diejenigen, die an den Sieg glaubten, wurden immer weniger.
Frage: Gab es welche, die noch nach Kriegsende überzeugte Nazis waren?

»Was in Auschwitz geschehen ist, wussten wir nicht«

Dr. Moser: Ganz wenige. Wir hatten leider keinerlei Informationen, die Russen haben uns über nichts unterrichtet. Deshalb kannten wir auch nach der Kapitulation nicht das gesamte Ausmaß der von den Deutschen begangenen Verbrechen. Was in Auschwitz geschehen ist, wussten wir, solange wir unter den Russen lebten, nicht. Es gab ja keine Zeitung, keine Informationen für uns Deutsche. Meine Eltern hatten Kenntnis von Konzentrationslagern, von Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald, die Namen waren bei uns bekannt, aber den Namen Auschwitz habe ich während des Krieges nie gehört.
Frage: Und woher wussten Ihre Eltern von Dachau und Sachsenhausen?
Dr. Moser: Von Bekannten, die davon erzählt haben. Das waren Angestellte, die im öffentlichen Dienst arbeiteten, in irgendwelchen Behörden. Außerdem machten verschiedene Gerüchte die Runde. Das waren natürlich keine genauen Fakten, aber gewisse Gerüchte gab es schon. Man wusste also, dass derjenige, der ein Feind des Nationalsozialismus ist, in ein so genanntes Konzentrationslager kommt. Aber was da genau geschah, dass da entsetzliche Morde passierten – das wussten wir nicht.
Frage: Und wann haben Sie davon erfahren?
Dr. Moser: Das ganze Ausmaß erst nach unserer Ausweisung nach Westdeutschland, wo wir den vollen Zugang zu Informationen hatten. Es gab einen Film über die Nürnberger Prozesse mit all den furchtbaren Dingen, die da geschildert wurden. Außerdem gab es darüber Bücher und viele Artikel.
Frage: Der Krieg brachte auch Einschnitte im Alltagsleben, zum Beispiel bei der Versorgung mit Lebensmitteln. Haben Sie das damals bemerkt?
Dr. Moser: Die Lebensmittellage war bis zuletzt relativ gut. Wir hatten Beziehungen zum Lande, wie man so sagte, und da bekam man schon mal etwas. Und wir wohnten an der Ostsee und haben immer Fische bekommen. Die Einschnitte waren aber auf anderen Gebieten zu bemerken, zum Beispiel fuhren die Züge nach Königsberg nicht mehr so häufig wie früher, und im Sommer 1944 gab es nur noch wenige Badegäste, das war deutlich zu merken. Außerdem gab es die Verdunkelung, die nicht nur in Königsberg, sondern auch in Cranz sehr ernst genommen wurde. Man wurde bestraft, wenn man da nachlässig war. Aber wir haben ja in Königsberg bis 1944 wenig Luftangriffe gehabt und in Cranz schon mal gar nicht. Erst im August 1944 hatten wir zwei schwere britische Bombenangriffe in Königsberg. Vorher gab es einige russische Angriffe, aber die waren weniger schwerwiegend, so dass Königsberg eigentlich bis August 1944 von größeren Luftangriffen verschont blieb.
Frage: Und als es diese großen Luftangriffe auf Königsberg gab, gab es dann auch in Cranz Alarm?
Dr. Moser: Ja. Die britischen Maschinen sind zumindest auf dem Rückweg über Cranz geflogen. Aber Bomben sind nicht gefallen.
Frage: In vielen ländlichen Gegenden gab es Ausgebombte aus den Großstädten. Gab es in Cranz auch welche?
Dr. Moser: Nach den beiden schweren Angriffen auf Königsberg wurden viele Ausgebombte in Cranz einquartiert, wir hatten in unserem Haus auch welche. Aber das waren Königsberger. Ausgebombte aus dem Reich gab es in Ostpreußen auch, aber in Cranz weniger. Nur Kinder aus dem Ruhrgebiet, die zeitweise in Cranz zur Schule gingen. Wir hatten auch einen Jungen von dort, zwei oder drei Monate lang.
Frage: Haben Ihre Eltern Geld für seine Verpflegung bekommen?
Dr. Moser: Nein, dafür musste man selbst aufkommen.
Frage: Aber gerne wurde das nicht gemacht?
Dr. Moser: Das wurde gewünscht, und man musste das machen, wie es im Dritten Reich so üblich war.
Frage: Gab es in Cranz Kriegsgefangene oder Fremdarbeiter?
Dr. Moser: Ja, französische Kriegsgefangene, die arbeiten mussten, und zivile Polen – überwiegend Frauen und Mädchen, seltener auch junge Männer. Sie haben in den kleinen Familienbetrieben gearbeitet, zum Beispiel bei einem Bäcker oder in einer Wäscherei.
Frage: Und wo waren sie untergebracht?
Dr. Moser: Bei diesen Familien. Wir wussten, dass die Polinnen sich sehr unglücklich fühlten. Ich glaube nicht, dass sie von den Familien schikaniert wurden. Ich glaube, dass sie im Großen und Ganzen vernünftig behandelt wurden und auch nicht gehungert haben. Aber sie fühlten sich doch sehr unglücklich, dass muss man sagen. Sie sind mit Gewalt verpflichtet worden, in Deutschland zu arbeiten. Und wer kann schon darüber glücklich sein? Niemand. Viele kamen übrigens in die katholische Kirche zum Gottesdienst. Später wurde das geändert, dann mussten die Polen gesonderte Gottesdienste aufsuchen.

Die Russen kommen

Frage: Und wie war es, als die Front 1945 näher rückte?
Dr. Moser: Die letzten vier oder fünf Tage, bevor die Russen kamen, gab es keinen Strom, kein Wasser, kein Radio und keine Telefonverbindung mehr.
Frage: Gingen damals irgendwelche Gerüchte um?
Dr. Moser: Die Leute erzählten, dass die Wehrmacht Ostpreußen halten würde. Daran glaubte man fest, das waren ja die Versprechungen der Reichsregierung, die natürlich nicht eingehalten werden konnten. Auch im Radio, solange es das noch gab, wurde Siegeszuversicht verbreitet, der Tenor war: „Aushalten, wir werden hier alles freikämpfen!“
Frage: Also haben sich die Leute selbst betrogen?
Dr. Moser: So ist das.
Frage: Und wann hat man aufgehört, daran zu glauben?
Dr. Moser: Tja, das ist ganz schwierig zu sagen…
Frage: Waren Ihre Eltern bis zum Schluss vom Nationalsozialismus überzeugt?
Dr. Moser: Nein, meine Eltern waren nicht überzeugt, schon lange nicht. Aber im Nachhinein behauptet das jeder. Nach dem Krieg sagte jeder: „Wir waren immer dagegen.“ Dabei waren die meisten immer dafür. Die Mehrheit der Bevölkerung war bis zum Schluss der Ansicht, dass Ostpreußen noch gerettet werden könnte.
Frage: Und dass der Nationalsozialismus richtig ist?
Dr. Moser: Ja, die Mehrheit. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Vor allem die Jugend war überzeugt, aber die Erwachsenen auch. Es gab wirklich nicht allzu viele überzeugte Gegner des Systems. Erst nach dem Krieg gab es unheimlich viele Widerstandskämpfer (Lachen).
Frage: Die Generation Ihrer Eltern wurde wahrscheinlich sehr patriotisch erzogen…
Dr. Moser: … und die Nazis und ihre Propagandisten haben es meisterlich verstanden, diesen gesunden Patriotismus auszunutzen.
Frage: Haben Sie damals von Nemmersdorf gehört? Das wurde von der Nazi-Propaganda ja sehr ausgeschlachtet.

»Die Eltern dachten, mein Vater ist Arzt und ein Arzt wird gebraucht – also wird alles gut gehen«

Dr. Moser: Wir haben natürlich mitbekommen, was da passiert ist, und das war ein gewisses Warnzeichen. Das hätten meine Eltern eigentlich ernster nehmen müssen. Weil sie aber ein gutes Gewissen hatten und keine Nationalsozialisten waren, haben sie sich entschieden, in Cranz zu bleiben – in der Hoffnung, dass die Russen uns anständig behandeln würden. Es gab natürlich auch andere Gründe – es war schwierig, wegzukommen. Diese Entscheidung war ein verhängnisvoller Irrtum.
Frage: Haben Ihre Eltern das mit den Kindern besprochen?
Dr. Moser: Ich war damals vierzehn, meine Schwester war sechzehn… Es wurde darüber gesprochen, aber es wurde letztlich keine Entscheidung getroffen. Die Eltern dachten, mein Vater ist Arzt und ein Arzt wird gebraucht – also wird alles gut gehen.
Frage: Wie viele Bewohner von Cranz sind dageblieben?
Dr. Moser: Ich glaube, dass die meisten Leute geflohen sind. Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist in Cranz geblieben.
Frage: Welche Fluchtmöglichkeiten gab es denn?
Dr. Moser: Viele Cranzer hat die Wehrmacht mitgenommen. Bis Ende Januar gab es auch die Zugverbindung. Die Leute sind nach Pillau gefahren und kamen dort auf Schiffe. Das war aber gefährlich, viele sind untergegangen. Das war auch ein Grund für meine Eltern, zu bleiben – diese Ungewissheit, ob wir es überhaupt schaffen.
Frage: Und direkt von Cranz gab es keine Schiffe?
Dr. Moser: Nein.
Frage: Und wie war Ihre erste Begegnung mit den Russen?
Dr. Moser: Die Russen haben Cranz am 4. Februar 1945 besetzt. In Cranz selbst ist nicht gekämpft worden – drei oder vier Kilometer nördlich der Stadt schon. Die Wehrmacht zog sich am Nachmittag und Abend des 3. Februar zurück und plötzlich war Cranz im Niemandsland – die ganze Nacht. Am Morgen des 4. Februar waren die Russen da. Um sieben oder acht Uhr morgens kamen sie ins Haus, haben uns erst einmal die Uhren weggenommen und meinen Vater und mich verhaftet. Zusammen mit acht oder zehn anderen Männern wurden wir in einem Haus gefangen gesetzt. Zwei Tage später, am 6. Februar, mussten wir unter Bewachung herausmarschieren. Wir sind dann im Samland herummarschiert und kamen über verschiedene Stationen am 18. Februar nach Tapiau, östlich von Königsberg.
Frage: Und wo haben Sie unterwegs geschlafen? Was haben Sie da zu Essen bekommen?
Dr. Moser: Wir haben sehr primitiv geschlafen, manchmal auf einem Dachboden, manchmal in einer Scheune oder einem Stall – und immer unter Bewachung. Aber das Essen war noch ordentlich und ausreichend. In dieser Zeit haben wir noch nicht gehungert. Nur in einem Durchgangslager war es sehr schlecht, Karmitten hieß es, da war die Verpflegung sehr schlecht.
Frage: Sind Sie den ganzen Weg zu Fuß gelaufen?
Dr. Moser: Bis Karmitten sind wir marschiert, und von dort brachte man uns mit Lastwagen nach Tapiau.
Frage: Und wie groß war der Transport?
Dr. Moser: Etwa vierzig, fünfzig Leute.
Frage: Hatten Sie unterwegs Kontakt zu anderen Deutschen?
Dr. Moser: Nein, überhaupt nicht.
Frage: Und wie ist es Ihrer Mutter und Ihren Geschwistern ergangen?
Dr. Moser: Meine Mutter, mein Bruder und meine Schwester mussten auch am gleichen Tag, dem 4. Februar, das Haus verlassen. Sie kamen in eine Sammelunterkunft, die mitten im Ort lag, eine frühere Berufsschule. Dort sind sie bis zum 18. Februar geblieben. Am 18. Februar mussten alle Einwohner von Cranz den Ort verlassen. Jung und alt, Kind, Frau oder Mann – alle wurden hinausgetrieben, kamen in verschiedene andere Orte und kehrten erst im Sommer 1945 zurück.

»Ich war mit acht oder neun Leuten in einer Zelle«

Frage: Wohin kamen sie?
Dr. Moser: In die Gegend des so genannten Moosbruchs, nordöstlich von Königsberg. Meine Mutter ist mit meinem Bruder und mit meiner Schwester mitgewandert. Wir sind erst im Sommer 1945 in Königsberg zusammengekommen.
Frage: Und wie sah das Lager aus, in das Sie mit Ihrem Vater gekommen sind?
Dr. Moser: Es war ein ehemaliges deutsches Zuchthaus. Wir wurden in Zellen untergebracht. Sie waren überbelegt. Ich war mit acht oder neun Leuten in einer Zelle, die vielleicht für fünf oder sechs Personen vorgesehen war. Die hygienischen Verhältnisse waren äußerst unzureichend – für die vielen Leute gab es auf dem Korridor nur ein oder zwei Toiletten. In den Waschräumen gab es kein fließendes Wasser – es wurden nur Wasserkübel aufgestellt! Außerdem musste das Waschen sehr, sehr schnell gehen, und man durfte sich auch nicht jeden Tag waschen. Deshalb gab es auch viele Läuse. Ein Wunder, dass keine Epidemie ausgebrochen ist.
Frage: War Ihr Vater in der selben Zelle wie Sie?
Dr. Moser: Nein. Er war im selben Gebäude, aber nicht in derselben Zelle. Wir konnten aber losen Kontakt halten.
Frage: Und wie war die Verpflegung?
Dr. Moser: Verpflegung gab es zweimal am Tag. Wir hatten immer Hunger, aber man ist nicht verhungert. Morgens und abends gab es Brot und Suppe. Man musste mit Dosen oder Kochgeschirr antreten und bekam dann einen Schlag hinein. Das Kochgeschirr hatten wir uns schon vorher besorgt, das hatte uns mal jemand gesagt: Es ist das Wichtigste im Leben, dass man so ein Kochgeschirr hat.
Frage: Aber in einem ehemaligen Zuchthaus muss so was doch bereits vorhanden gewesen sein?
Dr. Moser: Ja, aber das bekamen wir nicht. Wir hatten jedenfalls beide schon vorher ein Kochgeschirr. Und auch einen Löffel, was ja lebenswichtig war.
Frage: Und Brot?
Dr. Moser: Zu der Suppe gab es Brot, nicht ausreichend, aber immerhin so, dass man gerade noch überleben konnte. Man musste draußen im Hof antreten, es wurde abgezählt, und dann bekam man sein Brot in die Hand gedrückt.
Frage: Haben Sie in diesem Lager gearbeitet?
Dr. Moser: Wir haben unter anderem an einer Brücke gearbeitet, Holz herangeschleppt…
Frage: Für diese Brücke?
Dr. Moser: Ja, für die Brücke. Und sonst saß man herum und langweilte sich. Wir mussten nicht jeden Tag zur Arbeit ausrücken, die meiste Zeit saß man herum.
Frage: Konnte man sich diese Zeit irgendwie vertreiben? Zum Beispiel spazieren gehen im Hof?
Dr. Moser: Nein, das nicht. In der Zuchthausbibliothek gab es aber noch deutsche Bücher. Darin konnte man etwas lesen, und die Leute haben das auch gemacht.
Frage: Wurden die Leute im Lager auch verhört?
Dr. Moser: Nein, überhaupt nicht.
Frage: Und wie haben sich die Wachposten benommen?
Dr. Moser: Wir wurden nicht misshandelt, die Aufpasser waren ganz normal. Nicht höflich, natürlich nicht, aber sie haben uns nicht misshandelt.
Frage: Wurde Ihnen gesagt, warum Sie inhaftiert sind?
Dr. Moser: Nein.
Frage: Und wie sind Sie dann freigekommen?
Dr. Moser: Plötzlich marschierten wir zum Bahnhof und wurden dort in einen Zug gesteckt, der nach Königsberg fuhr. In Königsberg hat man zu uns gesagt: Ihr könnt nachhause gehen. Viele andere wurden verschleppt und kamen nach Sibirien – wir kamen frei. Mein Vater und ich hatten Glück.

Hungerjahre in Königsberg

Frage: Und wie hat die Familie sich wieder gefunden?
Dr. Moser: Mein Vater hatte in Erinnerung, dass er einmal im Katharinen-Krankenhaus tätig war. Da sind wir hingegangen. Die Schwestern waren alle da, sie waren nicht geflohen. Sie haben sofort gesagt, dass mein Vater dort als Arzt arbeiten kann und ich als Hilfsarbeiter. Kurz darauf hat mein Vater erfahren, dass meine Mutter in Cranz ist. Er ist zu Fuß nach Cranz gelaufen. Ein Stück wurde er auch von einem russischen Lastwagen mitgenommen. Meine Mutter kam dann zu uns. Sie war zu Fuß aus der Gegend um Labiau nach Cranz zurückgegangen.
Frage: War das ein Krankenhaus für Deutsche oder für Russen?
Dr. Moser: Überwiegend für Deutsche, aber unter russischer Leitung. Nur am Anfang, 1945, stand das Krankenhaus noch unter deutscher Leitung.
Frage: Und was waren Ihre Aufgaben dort?
Dr. Moser: Ich habe verschiedene handwerkliche Arbeiten ausgeführt. Lange Zeit war ich Gehilfe eines Maurers und Dachdeckers. Dann war ich Kutscher und habe zwei Pferde betreut. Später habe ich bei einem Elektriker mitgeholfen – war also immer als Hilfsarbeiter beschäftigt, ich hatte ja keine Fachkenntnisse. Ich wurde im Krankenhaus überall eingesetzt, wo es nötig war. Mein erster Vorgesetzter war ein Deutscher, später waren es Russen. Diese russischen „Natschalniks“ waren sehr anständig zu uns, wir sind nicht schikaniert worden. Anfangs bekamen wir kein Geld, sondern nur etwas Verpflegung. Erst Ende 1946 gab es Geld, und zwar Rubel. Auf dem Schwarzmarkt konnte man sich dafür gerade mal ein Brot kaufen.
Frage: War die Versorgungslage so schlecht, dass man auf den Schwarzmarkt angewiesen war?

»Lebensmittel bekam nur derjenige, der gearbeitet hat«

Dr. Moser: Die Ernährung war sehr, sehr schlecht. Die Russen haben uns sehr wenig zu essen gegeben. Überhaupt war die Versorgungslage ausgesprochen schlecht. Lebensmittel bekam nur derjenige, der gearbeitet hat. Das führte dazu, dass viele Leute in Königsberg und auch in Cranz verhungert sind. Vor allem alte Menschen und kleine Kinder waren schlecht dran. Ich selbst hatte zwar immer ein bisschen Hunger, bin aber nicht verhungert – in meinem Alter konnte man sich durchschlagen. Man musste aber auch, wie man das damals nannte, organisieren. Wenn man zum Beispiel Kartoffeln ablud, musste man sehen, dass man sich ein paar Kartoffeln in die Tasche steckte. Mit solchen Dingen konnte man sich über Wasser halten. Und es ist gelungen, aber es war eine sehr mühselige Zeit.
Frage: Ich habe gehört, dass die Menschen in den Ruinen nach Lebensmitteln gesucht haben…
Dr. Moser: Das habe ich nicht mehr gemacht, weil das nur im Frühsommer 1945 noch möglich war. Als wir im Juli nach Königsberg kamen, war schon alles weg.
Frage: Gab es Lebensmittelgeschäfte?
Dr. Moser: Im Jahre 1945 gab es nach meiner Erinnerung keine Geschäfte und auch kein Geld. Mit der Reichsmark konnte man überhaupt nichts anfangen. Für seine Arbeit bekam man einfach zu essen. Das Krankenhaus wurde von der russischen Verwaltung mit Lebensmitteln beliefert. Aus diesen Vorräten wurden die Kranken und das Personal verpflegt. Natürlich bescheiden, aber immerhin so, dass die Leute nicht verhungert sind. Deshalb war das Krankenhaus ein Zufluchtsort für Deutsche – wer ins Krankenhaus kam, hatte die Gewissheit, dass er dort nicht verhungern würde, denn ein gewisses Minimum an Verpflegung wurde von den Russen geliefert – vor allem Kohl und Kartoffeln. Wir bekamen drei Mahlzeiten am Tag. Es gab oft Kohlsuppe und außerdem Kascha (Graupen – Red.). Kascha war aber schon etwas besseres, das war ja feste Nahrung und die war immer sehr begehrt. Auch Zucker wurde geliefert und ab und zu etwas Speck. Erst Ende 1946 wurde der Rubel eingeführt. Damit konnte man in den Magazinen – so nennen die Russen ihre Lebensmittelgeschäfte – zu sehr hohen Preisen Lebensmittel kaufen. Da unser Verdienst aber relativ gering war, reichte das Geld nicht für viel. Ab und zu haben wir dort Brot gekauft. Außerdem gab es einen Schwarzmarkt, wo man Textilen gegen Lebensmittel tauschen konnte, aber wir hatten ja nicht mehr viel. In Cranz ist alles verloren gegangen. Wir mussten das Haus ja verlassen und konnten so gut wie nichts mitnehmen, nicht einmal unsere Pässe oder andere Dokumente.
Frage: Und wo haben Sie in Königsberg gewohnt?
Dr. Moser: In einem halb zerstörten Haus, etwas weiter weg vom Krankenhaus, zusammen mit einem anderen jungen Mann.
Frage: Ohne Ihre Eltern?
Dr. Moser: Die Eltern waren im Krankenhaus untergebracht, drei Personen in einem winzigen Raum. Die Wohnung war aber nicht das einzige Problem. Unsere Kleidung ging kaputt, und es gab keinen Ersatz. Lederschuhe, um nur ein Beispiel zu nennen, nutzten sich sehr schnell ab. Ich hatte, Gott sei Dank, irgendwo ein Paar Holzschuhe aufgetrieben, die sich nicht so schnell abnutzten.
Frage: Und wie war es mit der Heizung? Die ersten Nachkriegswinter sollen besonders kalt gewesen sein, und Ostpreußen hatte ohnehin ein raues Klima.
Dr. Moser: Kohlen gab es nur für das Krankenhaus. Einmal musste ich zusammen mit anderen Arbeitern aus einem Güterwagen Kohle ausladen – bei dieser Gelegenheit habe ich mir einen Korb Kohle abzweigen können. Sonst musste man mit Holz heizen, das war das übliche Brennmaterial.
Frage: Und wie hat man es aufgetrieben?

»Ich habe Holz kleingemacht und bei russischen Familien gegen Lebensmittel eingetauscht«

Dr. Moser: Das war nicht schwierig. Es gab ja in Königsberg zahlreiche Ruinen, die nicht abgebrannt waren, da war überall Holz drin. In der Nähe von unserem Krankenhaus befand sich zum Beispiel eine Schule. Dort gab es zahlreiche Schulbänke, und sie waren alle schön trocken, brannten also gut. Oder wir haben ganze Balken abgesägt, die irgendwo herunterhingen. Aber es musste immer trockenes Holz sein, man konnte also keinen Baum fällen – das bringt nichts, der brennt ja gar nicht. Ich habe das Holz nicht nur für den Eigenbedarf geholt, sondern auch zum Tauschen. Ich habe es kleingemacht, zusammengebündelt und bei russischen Familien gegen Lebensmittel eingetauscht. Ich muss sagen, dass da sehr fair und anständig gehandelt wurde, ich bin also nicht betrogen worden. Es waren überwiegend russische Frauen, die das Holz entgegennahmen. Sie haben mir dafür Brot, Zucker oder Kascha gegeben. Nichts Kostbares, also kein Fleisch, kein Fett und keine Eier, nur einmal vielleicht ein Stückchen Speck. Nur einmal öffnete mir nicht eine Frau, sondern ein russischer Offizier die Tür. Er hat mir das Holz einfach weggenommen und ich bekam nichts dafür.
Frage: War dieses Holzholen nicht verboten?
Dr. Moser: Da hat sich kein Mensch darum gekümmert, man konnte überall hingehen und es war nicht gefährlich. Es war alles herrenlos.
Frage: Und woher hatten Sie das nötige Werkzeug?
Dr. Moser: Aus dem Krankenhaus. Ein Beil, eine Axt und eine Säge. Meistens waren wir zu zweit unterwegs, aber alleine ging das auch.
Frage: Gab es dabei keine Konkurrenz unter den Jugendlichen?
Dr. Moser: Es gab keine besondere Konkurrenz. Jeder kannte seine Quellen und wusste, wo „seine“ Russen wohnten. Das war kein Problem.
Frage: Und wo haben Sie Wasser geholt?
Dr. Moser: Auch das war nicht einfach. Anfangs gab es in Königsberg kein fließendes Wasser. Aber es gab glücklicherweise viele Pumpen, da holte man sich das Wasser. 1945 gab es auch keinen Strom.
Frage: Und später schon?
Dr. Moser: Ja, 1946 oder 1947 gab es wieder Strom. Aber wir hatten kein Radio, Radios waren für Deutsche streng verboten. Und da es auch fast keine Zeitungen gab, hatten wir keinerlei Informationen. Nur gelegentlich kam eine Zeitung aus der Sowjetzone, aber ganz selten. Es gab natürlich russische Zeitungen, aber damit konnten wir nichts anfangen.
Frage: Und wie haben Sie vom Kriegsende erfahren?
Dr. Moser: Das Kriegsende habe ich in der Haft in Tapiau erlebt. Die Russen haben viel geknallt und uns zugerufen „wojna kaputt!“, das heißt „Der Krieg ist kaputt!“.
Frage: Wie haben die deutschen Lagerinsassen diese Nachricht aufgenommen?
Dr. Moser: Alle waren ziemlich nachdenklich, meine ich mich zu erinnern. Einerseits war man natürlich sehr froh, dass nun endlich alles vorbei ist, andererseits war man aber auch irgendwie nachdenklich.

Ausweisung nach Deutschland

Frage: Wie lange sind Sie dann noch in Ostpreußen geblieben?
Dr. Moser: Bis November 1947. Im Herbst 1947 begannen die Russen, die im nördlichen Ostpreußen verbliebenen Deutschen nach Deutschland auszuweisen. Das war uns natürlich nur recht. Es ging uns so schlecht, dass wir so schnell wie möglich aus Königsberg wegkommen wollten.
Frage: Wie ging das vor sich? Wurden die Deutschen vorher in Listen erfasst? Gab es irgendwelche Plakate oder Anschläge?
Dr. Moser: Plakate habe ich keine gesehen. Plötzlich hieß es, dass die Deutschen aus der Oblast Kaliningrad – so hieß das ja jetzt – nach Deutschland kommen. Die einzelnen Personen wurden erfasst und jeder bekam einen so genannten Propusk (Passierschein – Red.), also eine Bescheinigung, dass man ausreisen darf.
Frage: Wo bekam man diese Passierscheine? Und wie sahen sie aus?
Dr. Moser: Wir bekamen sie von der Krankenhausverwaltung. Es stand darauf der Name und irgendwas auf Russisch.
Frage: Und wie ging es weiter?
Dr. Moser: Nur wenige Tage später hieß es plötzlich: Da kommen Lastwagen, und um soundso viel Uhr müssten wir da sein. Mit diesen Lastwagen wurden wir zum Bahnhof gefahren und in einen Zug gesetzt. Da gab es übrigens zum ersten Mal ausreichend Verpflegung, viel Brot und auch andere Lebensmittel. Zum Schluss wollte die mächtige Sowjetunion doch noch ihre angenehme Seite zeigen (Lachen).
Frage: Durften Sie Gepäck mitnehmen?
Dr. Moser: Wir hatte ja gar nichts mehr, wir hatten ja nur unsere Kleider und sonst nichts.
Frage: Und aus Ihrem Haus in Cranz konnten sie nichts mitnehmen?
Dr. Moser: Nein, das war ja alles schon verloren, gleich am ersten Tag, als die Russen kamen.
Frage: Wie sah der Zug aus?

»Jeder hatte Angst, sich vom Zug zu entfernen, denn jeder wollte nach Deutschland fahren«

Dr. Moser: Es war ein Personenzug, ein ganz normaler Personenzug. Wir sind dann über Allenstein gefahren, die Dirschauer Weichselbrücke, Stettin bis nach Pasewalk in Mecklenburg. Das hat mindestens zwei bis drei Tage gedauert, denn der Zug fuhr sehr langsam.
Frage: Wurden sie an der sowjetisch-polnischen Grenze und an der polnisch-deutschen Grenze kontrolliert?
Dr. Moser: Nein, überhaupt nicht.
Frage: Durfte man unterwegs aus dem Zug aussteigen?
Dr. Moser: Ja, der Zug hat an verschiedenen Stationen Halt gemacht, und da durfte man aussteigen. Aber natürlich hatte jeder Angst, sich vom Zug zu entfernen, denn jeder wollte nach Deutschland fahren.
Frage: Es gab also keine Fluchtgefahr…
Dr. Moser: Nein, jeder war daran interessiert, dabei zu bleiben und wegzukommen.
Frage: Wurden Sie unterwegs noch einmal verpflegt?
Dr. Moser: Ja, zwischendurch bekamen wir immer wieder Lebensmittel. Das war also sehr ordentlich organisiert, muss ich sagen.
Frage: Wurden Sie von Russen oder Polen misshandelt oder ausgeplündert?
Dr. Moser: Nein. Wir hatten aber auch nichts mehr. Wir waren ja schon von den Russen völlig ausgeplündert worden. Aber unterwegs wurden wir überhaupt nicht belästigt.
Frage: Gab es auch Wachposen?
Dr. Moser: Es gab russische Zugbegleiter. Sie fuhren bis zur ostdeutschen Grenze mit. Danach gab es ostdeutsche Beamte.
Frage: Und diese Russen sind auch durch Polen gefahren?
Dr. Moser: Ich glaube schon.
Frage: Wo sind Sie dann hingekommen?
Dr. Moser: Erst einmal in die Ostzone. Mein Vater wurde Ambulanzarzt in einem kleinen Ort bei Magdeburg und später in Teltow bei Berlin. Ich bin aber schon im Februar 1948 über die damalige Grenze nach Westdeutschland gegangen.
Frage: Über West-Berlin?

»Wir sind einfach durch den Wald gegangen und waren plötzlich in Westdeutschland«

Dr. Moser: Nein, über Thüringen. Das war damals noch ohne weiteres möglich. Ich bin mit meiner Mutter in den Thüringer Wald gefahren. Dort haben wir uns von Einheimischen erklären lassen, wo man am Besten geht. Das war also problemlos – wir sind einfach durch den Wald gegangen und waren plötzlich in Duderstadt, drüben in Niedersachsen.
Frage: Wurde die Grenze nicht bewacht?
Dr. Moser: Sie wurde von der Volkspolizei bewacht, aber sehr lückenhaft. Ich muss auch sagen: Die Volkspolizisten waren manchmal sehr großzügig und ließen die Menschen einfach herüber gehen. So etwas hat es auch gegeben, jedenfalls 1948.
Frage: Und Ihr Vater ist dort geblieben?
Dr. Moser: Auch meine Mutter, denn sie ging dann wieder zurück, sie wollte mich nur beim Grenzübertritt begleiten. Meine Eltern blieben zunächst in Teltow und sind erst 1952 in den Westen gekommen.
Frage: Und Sie selbst, wo sind Sie dann untergekommen? Was haben Sie dort im Westen gemacht, ganz alleine?
Dr. Moser: Ich habe zunächst in der Landwirtschaft gearbeitet. Man musste eine so genannte Zuzugsgenehmigung haben, und die bekam man nur, wenn man eine Arbeit hatte. Ich fand Arbeit bei einem Bauern in der Nähe von Hannover und bekam so die Zuzugsgenehmigung, mit der ich später auch woanders hingehen konnte.
Frage: Sie sind dort also nicht lange geblieben?
Dr. Moser: Die Arbeit war so schwer, dass ich mir sagte: „Nein, dass kann nicht der Rest deines Lebens sein, da musst du weg.“ Und da habe ich mich bemüht, wieder zur Schule zu gehen. Ich fand eine Schule in Königsstein im Taunus. Dort gab es ein Internat, wo ich wohnen konnte. Das Lernen fiel mir ausgesprochen schwer, da ich dreieinhalb Jahre nicht zur Schule gegangen war und sehr viel vergessen hatte. Und wenn man dreieinhalb Jahre nur körperlich arbeitet, dann wird der Geist langsam. Aber ich habe es geschafft, habe 1951 das Abitur gemacht und dann in Frankfurt am Main Jura studiert.
Frage: Wovon haben Sie in der Schulzeit gelebt?
Dr. Moser: Meine Eltern haben mir Geld geschickt. Außerdem hat mir die Internatsschule ein Stipendium gewährt.

Hinweis

Das Ende einer glücklichen Kindheit – ein weiterer Bericht aus Cranz.

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