„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein”
Alfred Scherlies
Alfred Scherlies ist emeritierter evangelischer Pfarrer. Als Kind wurde er mit seiner Familie in einem der berüchtigten Propagandamärsche kreuz und quer durch das Samland getrieben – zwei Familienangehörige bezahlten diese Strapazen mit ihrem Leben. Der Rest der Familie schlug sich später auf eigene Faust in den Heimatort Cranz durch, wo ein zäher Kampf gegen Hunger und Kälte begann. Der Glaube half, die schweren Prüfungen zu bestehen. Mit der Aussiedlung in die sowjetische Besatzungszone kam im November 1947 die lang ersehnte Befreiung.
Am nördlichen Ortsrand der heutigen Kreisstadt Zelenogradsk, des früheren Ostseebades Cranz, steht ein kleines Siedlungshaus. Noch heute leuchtet sein rotes Ziegeldach weithin ins Land, auch wenn der Zahn der Zeit im Laufe der Jahrzehnte beträchtlich an ihm genagt hat. „Niedergrund“ hieß die Straße, an der es stand und deren Anwesen größtenteils aus Schrebergärten bestanden. Vor unserem Häuschen dehnten sich eingezäunte Wiesen, die „Rossgärten“ des benachbarten Gutes Wosegau. Dort verbrachten die Zugpferde im Sommer ihre Freizeit – sie waren die Spielgefährten unserer Kindheit.
An unserem Grundstück führte die Kleinbahnstrecke der Samlandbahn von Cranz nach Neukuhren und Rauschen vorbei. Oft standen wir an der aus ausrangierten Gleisbohlen errichteten Hofmauer und bestaunten das fauchende Ungetüm, das die Kleinbahnstrecke entlang zuckelte. Wir benutzen die Gleise auch als Schulweg.
Etwa hundert Meter westwärts rauschte das „Seewäldchen“: ein kleiner Hain, der von den Dünen bis zu den Feldern der Güter Wosegau und Wargenau die westliche Ortsgrenze unseres Seebades bildete. Hier suchten wir die ersten Frühlingsblumen und hier standen unsere Kletterbäume. Das Rauschen des Meeres sang uns abends in den Schlaf.
An diesem Ort verlebte ich mit meinen Eltern, den Geschwistern Rudi, Erika und Siegfried, dem Kater Peter und der Hündin Senta glückliche Kinderjahre. Zu unserer Familie gehörten außerdem eine Tante meines Vaters (die „Omatante“) und seine Schwester Hedwig. Tante „Heta“ war querschnittsgelähmt und bettlägerig. Acht Personen hatten Platz in unserer Zweizimmerwohnung mit Küche und Innentoilette, aber ohne Bad. In meiner Erinnerung erscheint mir diese Wohnung geräumig wie ein Schloss. Als ich sie aber nach 47 Jahren, im Jahre 1992, erstmals wieder betrat, dachte ich: „Mutter, wie hast du es nur in diesen Puppenstuben mit uns vier Rackern ausgehalten!“. So lang ich denken kann, hatte ich kein eigenes Bett, sondern schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer, gemeinsam mit Tante Heta und Omatante, deren Betten ebenfalls im Wohnzimmer standen. Für mich war das selbstverständlich, und zu Weihnachten fühlte ich mich wie im Paradies, denn auf dem Wohnzimmertisch stand der Weihnachtsbaum, und ich durfte unter ihm einschlafen und aufwachen.
Die erste Zäsur in unserem Familienleben war die Einberufung unseres Vaters zum Militär im Jahre 1939. Von da an war Rudi, unser Ältester, das „Familienoberhaupt“, wenigstens für uns Kinder. Ihm hatten wir uns unterzuordnen, ob wir wollten oder nicht. Von den Kriegswirren spürten wir im fernen Ostpreußen wenig. rErst im August 1944 erlebten wir die verheerenden Luftangriffe der angloamerikanischen Bomberverbände auf Königsberg aus dr Ferne mit. Sie flogen über die Ostsee ein, direkt über uns hinweg. Wir standen nachts vor unserem Häuschen, sahen den unheimlichen Feuerschein der brennenden Stadt und hörten das Krachen der Einschläge. Die Erwachsenen waren erschüttert und ängstlich. Für uns Kinder war es mehr ein grausig-schönes Schauspiel. Das Leid und das Grauen konnten wir noch nicht fassen. Ein halbes Jahr später endeten abrupt unsere glücklichen Kinderjahre.
Es war der 26. Januar 1945, meine Schwester feierte ihren zwölften Geburtstag. Am Morgen waren wir zur Schule gegangen. Der Unterricht fand in einer provisorisch als Klassenraum hergerichteten Fahrradwerkstatt statt, das eigentliche Schulgebäude war schon vor Wochen zu einem Lazarett umfunktioniert worden. Zum Heizen musste jeder Schüler ein Brikett mitbringen. Plötzlich heulten die Sirenen. Unsere Klassenlehrerin, eine überzeugte Nationalsozialistin, verließ den Raum und kam wenig später kreidebleich zurück. „Kinder“, sagte sie, „geht nach Hause, ihr habt vorläufig keinen Unterricht mehr. Der Russe steht schon mit seinen Panzern in Tapiau, und Königsberg liegt unter Artilleriebeschuss“. Noch konnten wir nicht fassen, was das bedeutete, die Freude über die schulfreie Zeit überwog. Dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Front hatte uns eingeholt, Einheiten der Kurlandfront wurden über die Kurische Nehrung nach Cranz verlegt, Königsberg war schon eingekesselt. Cranz sollte zum Brückenkopf ausgebaut werden. Artillerie, schwere und leichte Flak wurden über Nacht in Stellung gebracht. Auf der Ostsee stand der Panzerkreuzer „Prinz Eugen“ und griff in die Kämpfe ein. Wenn seine Geschosse über uns hinwegsausten, blieb uns der Atem weg. Die russischen Panzerverbände sollten mit brachialer Gewalt am weiteren Vormarsch gehindert werden. Vergeblich! Die russische Luftwaffe griff die deutschen Stellungen an. Ihre kleinen Maschinen, zumeist Doppeldecker, schossen im Tiefflug auf alles, was sich bewegte.
In unserer kleinen Wohnung hatten wir Einquartierung bekommen. Unter den Soldaten war ein jüngerer Kanonier, Schütze an einer Vierlingsflak, die in den Wiesen vor unserem Haus postiert war. Da er für sein Alter zu alt aussah, wurde er „Opa“ genannt. Die russischen Flieger griffen an. Die deutsche Flak erwiderte das Feuer. Ich lief aus dem Haus und rief begeistert: „Der Opa feuert, der Opa feuert!“ Ein Geschoss sauste an mir vorbei. Noch heute spüre ich den Luftzug, den es verursachte. Ein Soldat riss mich zu Boden. Ich hatte in meiner kindlichen Abenteuerlust die Gefahr unterschätzt. Ziemlich unsanft wurde ich von den Soldaten zurück in die Wohnung befördert.
Bis dahin dachten nur wenige an Flucht. Nun setzte Panik ein. Wer konnte, versuchte zu flüchten. Es gab nur noch einen offenen Fluchtweg: an der Ostseeküste über Neukuhren, Rauschen, Palmnicken nach Pillau, um von dort noch eins der Flüchtlingsschiffe zu erreichen. Die Flucht über die Ostsee war die einzige Möglichkeit, in den sicheren Westen zu entkommen. Die Züge der Kleinbahn, die an uns vorbei rollten, waren überfüllt. Was sollten wir tun? Sollten wir auch fliehen? Die 85-jährige Großtante und die querschnittsgelähmte Tante Heta zurückzulassen? Meine Mutter brachte das nicht übers Herz. Sie war bewusste Christin, und die liebende Verantwortung wog bei ihr schwerer als das berechtigte Verlangen nach der eigenen Sicherheit und der ihrer Kinder. „So schlimm werden die Russen schon nicht sein“, war ihre Meinung.
Es kam anders. Nur einige Tage dauerten die Kämpfe. Es wurde von Stellungswechsel gemunkelt. Am Sonnabend, dem 3. Februar, rückte das deutsche Militär ab. Gerät und Geschütze, die nicht mitgenommen werden konnten, blieben stehen oder wurden gesprengt. Aus den verlassenen und noch überfüllten Vorratslagern holten wir Kinder eimerweise Kunsthonig, Marmelade und andere Lebensmittel. Eine Nacht unheimlicher Stille folgte, nur dann und wann durchbrachen die Detonationen der Sprengungen die Stille. Schließlich brach der Morgen des 4. Februar an. Es war ein Sonntag, ein stiller Wintertag. Das Thermometer zeigte minus 15 Grad. Von unserer Wohnung aus konnten wir über die Wiesen des Wosegauer Gutes die Straße von Neukuhren nach Cranz einsehen. Eine endlose Kolonne von Fahrzeugen füllte die Straße: Autos, dann und wann ein Panzer, aber meist Pferdefuhrwerke. Sie sahen fremdartig aus. Wir hatten uns den Einmarsch anders vorgestellt. Es sah mehr nach einer Landpartie als nach dem Einmarsch einer mächtigen Armee aus. Friedlich, ohne auf Widerstand zu stoßen, rückten sie mit ihren Panjewagen ein. Nun waren sie da, die gefürchteten Feinde. Cranz war ihnen kampflos in die Hände gefallen.
Dann kam mein Freund Ulrich mit seiner älteren Schwester Friedericke zu uns. Sie wohnten im „Preußeneck“, einer Wohnsiedlung auf der anderen Seite der Kleinbahnstrecke. „Die Russen sind da. Aber sie sind nicht schlimm. Sie fragen nur nach deutschen Soldaten und Uhren.“ Das erleichterte uns. Bald kamen auch in unsere Wohnung die ersten Soldaten. Nachdem sie sicher waren, dass keine Soldaten und Widerstandkämpfer sich bei uns versteckt hatten, begann ihre Siegesorgie. Wir deutschen Zivilisten waren Freiwild, besonders die Frauen. Unser Hab und Gut war zur Plünderung freigegeben. Dass wir am Leben geblieben sind, verdanken wir der treuen Fürsorge Gottes.
Nachdem das Militär abgezogen war, suchten Eduard Ostermann und seine Frau bei uns Schutz. Sie meinten, in Cranz sicherer zu sein als in ihrem Siedlungshäuschen in Wiekau, einer kleinen Siedlung einige Kilometer nördlich vor Cranz. Ostermanns waren Wolhyniendeutsche, die zu Beginn des Krieges aus ihrer Heimat nach Ostpreußen umgesiedelt wurden. Er war eine Patriarchenfigur – klein, untersetzt, mit einem eisgrauen Vollbart - und er sprach russisch. Um in das Wohnzimmer zu kommen, in dem wir ängstlich zusammengekauert saßen, musste man durch unsere Küche gehen. Wir beteten inbrünstig, während er in der Küche saß, auf seinen Knotenstock gestützt, und die russischen Soldaten empfing. Er versuchte sie in ihrer Sprache zu beruhigen und konnte so das Schlimmste von uns abwenden. Aber die Plünderungen und Vergewaltigungen konnte er auch nicht verhindern. Oft brachten die Soldaten polnische Frauen mit, die als Fremdarbeiterinnen nach Cranz verschleppt worden waren. Diese waren besonders habgierig beim Plündern. Es war furchtbar. Sie rissen die Schränke auf, nahmen mit, was ihnen gefiel, warfen das andere heraus oder machten es kaputt. Ein Bild meines Vaters in der Unteroffiziersuniform rissen sie herunter und zertraten es, aber ein Bild mit dem dornengekrönten Haupt Jesu rührten sie nicht an. Aus dem Keller mussten wir Eingemachtes und alle Saftflaschen herausholen. Man wollte Schnaps. Den hatten wir aber nicht im Hause. Die meisten Solodaten waren allerdings schon betrunken, wenn sie in die Wohnung kamen. Von den Flaschen wurde der Hals abgeschlagen und der Saft getrunken oder aus Ärger ausgeschüttet. So ging es etwa eine Woche lang. Ein Trupp löste den anderen ab. Uhren und Schmuck überlebten nicht den ersten Tag. Bei den Vergewaltigungen wurde keine Rücksicht darauf genommen, ob wir Kinder dabei waren oder nicht. Meine zwölfjährige Schwester konnte sich wiederholt in einem Schuppen verstecken. Einmal schoss ein Soldat in die Decke. Ein anderer schlug wütend mit einer Eierhandgranate auf den Tisch. Wir lebten ständig in Todesangst. Aber wir wurden nicht – wie manche anderen – erschossen. Dafür aber unser Kleinvieh: Hühner, Gänse und Kaninchen lagen tot im Hof. Unsere treue Senta, unsere geliebte Spielgefährtin, war verschwunden und kehrte nicht wieder. Auch mein lieber, alter Kater Peter wurde nicht verschont. Kampflos war Cranz in die Hände der Eroberer gefallen, kein Haus war zerstört. Aber schon am Abend des 4. Februar wurden eine Anzahl Häuser niedergebrannt. Gnadenlos wurde jedes Haus zerstört, das den Eindruck erweckte, dass seine Bewohner Nationalsozialisten waren. Wir wurden konfrontiert mit der Bestie, die im Menschen leben kann. Es traf uns umso härter, als wir Kinder damals nichts von den Gräueltaten der Wehrmacht und der SS wussten. Wir verstanden nicht den wahnsinnigen Hass und die brutale Rache der Sieger.
So vergingen etwa 14 Tage. Die Plünderungen ließen nach. Die sowjetische Kommandantur verbot und ahndete solche Übergriffe. Ostermanns waren wieder in ihr Haus nach Wiekau zurückgekehrt. Nun verbreitete sich das Gerücht, die Front käme zurück, und wir müssten Cranz aus Sicherheitsgründen verlassen. Wir hofften auf Befreiung. Aber das war eine trügerische Hoffnung. Dagegen war das Gerücht von einer bevorstehenden Evakuierung mehr als ein Gerücht.
Kurze Zeit später befahl die russische Kommandantur, dass alle Einwohner von Cranz sich an einer Sammelstelle einfinden sollten. In einem Treck sollten die Gesunden zu Fuß in Sicherheit gebracht werden. Die Alten und Kranken dagegen sollten mit Fahrzeugen abtransportiert werden. So begann einer der berüchtigten „Propagandamärsche“. Nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden die zurückgebliebenen deutschen Zivilisten in kleineren und größeren Trupps von Ort zu Ort getrieben. Die Menschen mussten sich unterwegs auf eigene Faust mit Lebensmitteln versorgen – viele starben vor Entkräftung, Kälte und Hunger. Ein Sinn war darin nicht zu erkennen. Vielleicht wollten die Sieger die Besiegten demütigen? Ein Teil der sowjetischen Propaganda schürte den Hass gegen alles, was deutsch war. Später wurden diese Märsche in Deutschland „Propagandamärsche“ genannt. Warum genau, kann ich nicht sagen.
Wir schlossen uns diesem Treck allerdings nicht an, sondern zogen auf eigne Faust los. Unsere kranke Tante Heta packten wir auf den Handwagen. Wir verstauten darin noch einige Kleinigkeiten und Lebensmittel, darunter ein Stück Speck. Unser erstes Ziel war Wiekau. Die „Omatante“ marschierte tapfer mit, trotz ihres hohen Alters. Es ist erstaunlich, was der Mensch in solchen Situationen leisten kann. Bei Ostermanns fanden wir Aufnahme. Aber schon nach einigen Tagen wurden wir weitergetrieben. Wohin, wussten wir nicht. Jedenfalls ging es ostwärts, auf die Südküste des Kurischen Haffes zu. Über gefrorene Äcker und auf Feldwegen wankten wir weiter. Die Anstrengungen hinterließen ihre Spuren. Omatante wurde immer schwächer, hielt aber noch tapfer mit. Mutter war bereits an Ruhr erkrankt. Zu essen hatten wir nichts. Das letzte Stückchen Speck zog eine Polin unter dem Kopfkissen unserer Tante hervor und nahm es mit.
Als wir unseren „Krankenwagen“ über einen gefrorenen Acker in der Nähe des Gutes Schulstein zogen, kam ein Offizier mit der berüchtigten grünen Schirmmütze der geheimen sowjetischen Staatspolizei GPU auf uns zu. Er sah meinen ältesten Bruder Rudi und befahl ihm mitzukommen. Aber wir brauchten ihn doch so nötig! Er war vierzehn Jahre alt und der Kräftigste von uns. Ich weinte, umklammerte die Hand des Offiziers und bettelte ihn an: „Bitte, Onkel, nimm ihn nicht mit: Lass ihn bei uns, bitte, bitte.“ Doch er blieb erbarmungslos hart, Rudi musste mit. So zogen wir ohne ihn mit unserem Handwagen weiter. Der nächste Aufenthalt war das Gut Schulstein. Die Häuser waren alle verlassen, die Wohnungen geplündert. Wir stöberten herum und suchten nach Essbarem. In den Kellern lagerten noch Kartoffeln, und auch Eingemachtes war zu finden. Von den Strapazen und der Ruhr waren wir alle geschwächt. Omatante quälte sich nur noch vorwärts.
Außer uns waren auch andere Familien und kleine Trupps unterwegs. Wo wir auch hinkamen, wurden wir nach nur kurzer Zeit aus unserem Quartieren vertrieben und mussten uns auf eigne Faust eine neue Bleibe in einem anderen Dorf suchen. Eine unserer Stationen war Wilkeim, ein Fischerdorf am Kurischen Haff. In einem Raum lagerten wir alle auf Stroh auf dem Fußboden. Mutter war durch die Ruhr, die mangelhafte Verpflegung und die Anstrengung so geschwächt, dass sie kaum aufstehen konnte. Omatante lag neben ihr. Dann hörte sie auf zu atmen. „Jetzt hat sie ausgehaucht“, sagte Mutter. Vor Erschöpfung war sie still und friedlich heimgegangen, sie war von den Qualen erlöst. Beerdigen konnten wir sie nicht. Der Boden war noch hart gefroren und wir waren zu schwach. So legten wir sie in ein Nebenzimmer und deckten sie mit einem Läufer zu. Einige Tage blieben wir noch dort. Als ich beim Herumtoben mit anderen Kindern unbeabsichtigt in das Zimmer mit der Toten kam, erschrak ich. Jemand hatte sie aufgedeckt. Nun sah ich dieses liebe, alte und vertraute Gesicht, über und über mit bläulichen Leichenflecken übersäht. Mich packte das Grauen. Ich habe später viele Tote gesehen und mich nie gefürchtet. Aber dieses eine Mal war es schrecklich.
Hier fand uns auch mein Bruder Rudi wieder. Die GPU hatte ihn eingesperrt und geschlagen. Er sollte sagen, wo die Hitlerjugend ihre Gewehre versteckt hätte, sonst würde man ihn erschießen. Aber er wusste doch von nichts. Noch nie hatte er ein Gewehr in der Hand gehabt. Zusammen mit einem anderen Mann wurde er in einem Keller eingesperrt. Eines Nachts wurde sein Genosse zum Verhör geholt. Er kam nicht wieder. Am anderen Morgen wurde Rudi herausgeholt. Man zeigte ihm die Leiche des Mannes, der in der Nacht erschossen wurde. „Wenn du nicht sofort sagst, wo die Gewehre versteckt sind, wirst du auch erschossen“. Doch er konnte nichts sagen, weil er nichts wusste. Mit einem Fußtritt in die Magengegend wurde er fortgejagt. Nach einiger Zeit des Herumirrens fand er uns in Wilkeim wieder. „Ich habe immer wieder gebetet, und Gott hat mich gerettet und wieder zu euch geführt“, bekannte er.
Bald mussten wir wieder weiter. Das Ziehen des Handwagens fiel uns schwer, da wir von Hunger und Ruhr sehr geschwächt waren. Der Frost ließ nach und die gefrorene Erde weichte auf. Aber unsere Tante konnten und wollten wir nicht im Stich lassen. Dieses Herumgetriebenwerden von Dorf zu Dorf, quer durch das Samland war unverständlich und sinnlos. Schließlich kamen wir nach Julienhöhe, einem Gut an der Haffküste. In einem großen Raum lagen wir mit vielen anderen auf Stroh. In diesem Dorf waren schon andere Cranzer angekommen. Es schien ein Sammellager zu sein. Unter unseren Bekannten war auch der frühere Meister meines Vaters, Zieglermeister Kriedemann. Er sprach etwas polnisch und arbeitete mit anderen als Fischer für das russische Militär – er gehörte also zu den „Spezialisten“, die bevorzugt behandelt wurden. Sie konnten dort bleiben, als wir weitergetrieben wurden.
An einem Nachmittag kamen zwei russische Soldaten in unseren „Schlafsaal“. Alle wurden hinausgetrieben und mussten sich in einem Schafstall sammeln. Wir hatten unsere Tante Heta wieder in den Handwagen gehoben und wollten sie selbstverständlich mitnehmen, doch die Soldaten erlaubten es nicht. Einer fasste vorn, der andere hinten an das Laken, auf dem die Tante lag – sie warfen sie zurück aufs Stroh. Ihr Weinen und Betteln um Barmherzigkeit rührten sie nicht. Mutter wollte die Kranke nicht im Stich lassen, aber einer der Soldaten drohte, sie mit dem Gewehrkolben zu erschlagen. Uns packte panische Angst: „Mama komm, sie schlagen dich tot!!!“ Wir fassten sie an den Armen und zogen sie hinaus. Tante Heta mussten wir liegen lassen. Die zurückgebliebenen Bekannten brachten ihr dann und wann etwas zu essen. So lag sie dort, einsam und hilflos, bis sie nach einigen Tagen oder Wochen starb. „Sie wurde förmlich von Läusen aufgefressen“, erzählte uns später Meister Kriedemann.
Am Tag nach dieser herzzerreißenden Szene war unsere „Freiheit“ zu Ende. Bis dahin wurden wir zwar immer weiter getrieben, konnten aber auf eigene Faust von Dorf zu Dorf marschieren. Nun wurden wir zu einem Treck zusammengestellt und wie eine Viehherde Richtung Osten getrieben – Greise, Frauen und Kinder. Bewaffnete Soldaten bewachten uns. Waren es hundert, zweihundert oder mehr Menschen? Ich weiß es nicht mehr. Etwa drei Wochen waren wir unterwegs. Dann kamen wir in Schlossberg (Pilkallen), einer Kreisstadt in der Nähe der litauischen Grenze, an. Dort wurden wir in verschiedene Dörfer eingewiesen und waren uns selbst überlassen. Ich kann diese Odyssee nicht mehr zusammenhängend beschreiben, nur einige Einzelheiten sind mir in Erinnerung geblieben. Grundsätzlich wurden auf diesem Elendsmarsch Straßen und größere Ortschaften gemieden. Wer nicht mehr weiter konnte, blieb liegen. Ein Mann zog eine Karre mit einigen Habseligkeiten hinter sich her. Rabiat stieß er eine kleine Frau, die mit dick geschwollenen Beinen nur mühsam gehen konnte, beiseite – sie fiel in den Straßengraben und blieb mit dem Gesicht nach unten gewandt liegen. Niemand kümmerte sich um sie. Wir waren zu schwach und wurden vorwärts getrieben, jeder hatte mit sich selbst zu tun. Unsere Bewacher halfen auch nicht. Und dies war kein Einzelfall. Ich weiß nicht, wie viele diesen Treck nicht überlebt haben. Hunger und Durst waren unsere ständigen Begleiter, wir wurden nicht verpflegt. Kamen wir durch ein Dorf, suchten wir verzweifelt in Kellern und Mieten nach etwas Essbarem. Fanden wir etwas, war es gut. Fanden wir nichts (und oft wurde uns keine Zeit zum Suchen gelassen), mussten wir mit leerem Magen und wankenden Knien trotzdem weiter. In einem Wald – unser Weg verlief meist am südlichen Rande der Elchniederung durch weite Wälder – überquerten wir einen Bach. Sein Wasser sprudelte klar und hell. Wir stillten an ihm unseren Durst. Etwa hundert Meter weiter lag im Bach die Leiche eines gefallenen deutschen Soldaten. Ein anderes Mal fanden wir ein Stück Brot. Es war total verschimmelt. Trotzdem kauten und knabberten wir daran herum, um unseren Hunger zu stillen. „Hätten wir jetzt ein Stückchen Brot, würde es uns besser schmecken als jedes Marzipan“, sagten wir uns gegenseitig. Ohne Marzipanherzen gab es kein Weihnachten, Marzipan war der Inbegriff der süßen Freuden – darum dieser Vergleich.
Siegfried, mein jüngster Bruder, blieb einmal verzweifelt sitzen. Er konnte und wollte vor Entkräftung nicht weitergehen. „Ich kann nicht mehr, ich bleibe hier“, weinte er. Seine guten Schuhe – es waren Soldatenstiefel, die ihm zu groß waren – hatte ein russischer Soldat ihm ausgezogen und seine zerrissenen Latschen dafür gegeben. Darum fiel ihm das Gehen besonders schwer. Alle Versuche, ihm Mut zu machen, waren zunächst vergeblich. Wir durften nicht zurückbleiben und hätten ihn allein zurücklassen müssen. Das wäre sicher das Ende seines erst neunjährigen Lebens gewesen. Doch endlich, endlich raffte er sich auf und zog mit uns weiter.
Kamen wir gegen Abend in ein Dorf, konnten wir uns eine Schlafstelle suchen. Aber nicht selten mussten wir auch im Freien schlafen. Einmal übernachteten wir im Wald. Es regnete. Wir kuschelten uns alle an unsere Mutter, um uns an ihrem Mantel zu wärmen. Am anderen Morgen hatten wir schwarze Gesichter – der Mantel hatte abgefärbt. Trotz allem Leid mussten wir lachen.
In einem Dorf machten wir längere Rast. Milizionäre führten eine Razzia in allen Häusern durch. Sie suchten Jungen im Alter von zehn bis dreizehn Jahren. Angeblich sollten sie in der Nähe einen Flugplatz planieren. Da die kleinen russischen Jagdmaschinen auf jeder ebenen Wiese landen konnten, war diese Aussage durchaus glaubhaft. Auch ich war unter den Auserwählten. Meine Brüder konnten bleiben. Wir waren ungefähr 20 bis 30 Jungen, die unter militärischer Bewachung einem unbekannten Ziel entgegen marschierten. Ich war einer der Kleinsten und Schwächsten. Unterwegs suchte ich eine Möglichkeit zu fliehen. Aber ich fand keine. Dann fing ich an zu weinen. Einer unserer Bewacher kam auf mich zu, legte mir die Hand auf die Schulter und fragte mich, was ich habe. „Ja bolnoi“, sagte ich mit den wenigen Brocken russisch, die ich inzwischen gelernt hatte – „Ich bin krank“. „Idti domoi“ („geh nach Hause“), sagte er. Die sowjetischen Soldaten konnten brutal, aber auch sehr kinderfreundlich sein. Glücklich lief ich zurück. Dass ich auch in dieser Situation kindlich und vertrauensvoll gebetet hatte, war selbstverständlich. Es war für mich dann auch klar, dass Gott mich vor Schlimmerem bewahrt hatte. Ich war von den Jungen der einzige, der zu seiner Familie zurückkam. Ob die anderen je ihre Angehörigen wieder gesehen haben, weiß ich nicht. Ich nehme an, dass sie in die Sowjetunion kamen und dort in Heimen russifiziert wurden.
Unser Treck musste weiter. Nach etwa drei Wochen kamen wir in Schloßberg an. Dort endete die gemeinsame Odyssee. Unterwegs gesellte sich Margarete Gensch zu uns, eine Freundin unserer Mutter, die sich im gleichen Treck befand. Sie war ledig und Schneiderin von Beruf. Ohne ihre Fürsorge und Hilfe hätten wir den Treck sicher nicht überlebt. Sie nahm gewissermaßen die Vaterstelle bei uns ein. Doch dazu komme ich noch an anderer Stelle.
Der Treck wurde nun in kleine Gruppen aufgeteilt, die Menschen in verschiedene Dörfer eingewiesen. Es hieß, der Kreis Schloßberg sei Straflager. Hier sollten Deutsche für die Gräueltaten büßen, die Nationalsozialisten, die Wehrmacht und die SS den Russen und Juden angetan hätten. Unser Treck war nicht der einzige, aus dem gesamten nördlichen Ostpreußen wurden in ähnlichen Gewaltmärschen Zivilisten in diese Kreise deportiert.
Wir kamen nach Kiesfelde, einige Kilometer südwestlich von Schloßberg. Das Dorf war entvölkert, aber wenig zerstört. Heute erinnert nur noch eine gepflasterte Dorfstraße daran, dass hier einmal Menschen wohnten. Im Schulhaus, in der ehemaligen Lehrerwohnung, konnten wir uns einquartieren. Dort waren wir uns selbst überlassen. Russische Soldaten sahen wir selten. Unserer Hauptbeschäftigung bestand wieder darin, Lebensmittel zu suchen. So durchstreiften wir die Häuser und Keller, suchten in Mieten nach Kartoffeln und in Scheunen nach Getreide. Im Nachbardorf Eschenhöhe war eine kleine Mühle hergerichtet worden, die von Hand angetrieben wurde. Hier konnten wir unsere gefundenen Körner mahlen lassen, um Brot backen zu können. Fleisch lieferten uns die während der Kämpfe getöteten Pferde. Noch war der Frühling nicht richtig eingezogen, das Fleisch war gefroren. Die Schlachtfelder der sowjetischen Offensive vom Herbst 1944 und vom Januar 1945 waren noch nicht geräumt: Tierkadaver, zerschossene Panzer, zerstörtes Kriegsgerät und die Leichen der gefallenen Soldaten lagen in den Dörfern und auf den Feldern. Vor dem Schulhaus verlief ein Schützengraben – in diesem Graben stand ein junger russischer Soldat, noch über sein Maschinengewehr gebeugt. Er war im Frost des strengen Winters 1944/45 erstarrt.
Im April wurde es wärmer, und je wärmer es wurde, umso mehr breitete sich ein süßlicher Leichengeruch aus. Nun mussten wir deutschen Zivilisten die gefallenen Soldaten beerdigen. Nein, wir beerdigten sie nicht, wir vergruben sie nur dort, wo wir sie fanden. Auch Kinder mussten mithelfen. Später sammelten wir die verstreut herumliegenden Handwaffen und Munition und brachten sie zu Sammelplätzen. Einmal fand ich einen Karabiner mit abgeschlagenem Kolben – so machte man die Waffen des Gegners unbrauchbar. Um das Gewehr vom gröbsten Schmutz zu säubern, stellte ich es aufrecht hin und reinigte mit einem Stäbchen den Abzughebel. Dabei beugte ich mich über den Gewehrlauf. Die Waffe war geladen, doch ich war überzeugt, dass sie gesichert war. Als wir die Waffen zum Sammelplatz trugen, stritt ich mich mit einem anderen Jungen, der behauptete, das Gewehr sei nicht gesichert. „Drück doch mal ab“, forderte er mich auf. Ich tat es, und der Schuss ging los. Wieder hatte Gott mein Leben bewahrt.
So vergingen Wochen. Bis wir an einem milden, lauen Maiabend plötzlich Geschützdonner hörten. Der nächtliche Himmel wurde von den berüchtigten „Christbäumen“ erleuchtet. Unser erster Gedanke war: „Die deutsche Armee kommt zurück! Wir werden befreit!“. Dann verstummte der vermeintliche Gefechtslärm. Erst nach Tagen sickerte zu uns die Nachricht durch, dass der Krieg zu Ende war. Deutschland hatte kapituliert. Die Sowjetarmee feierte ihren Sieg mit Salutsalven.
Mitte Juni war unsere relative Freiheit zu Ende. In den Dörfern und auf den Gütern wurden Kolchosen eingerichtet. Dort brauchte man Arbeiter – deutsche Zwangsarbeiter. Wir wurden mit Lastkraftwagen in ein anderes Dorf gefahren, dessen Name mir entfallen ist. Es lag unweit der ehemaligen Reichsstarasse 1 zwischen Gumbinnen und Insterburg. In den Scheunen dort lagerte noch die Getreideernte des Jahres 1944. Wir sollten dreschen. Russische „Spezialisten“ leiteten die Aktion. Elektrischen Strom gab es nicht. So wurde die Dreschmaschine mit einem Göppelwerk angetrieben (vier Pferde bewegten im Kreis ein riesiges Antriebsrad, das den Motor ersetzte). Wir Kinder mussten die Garben anreichen. Aber wir schafften unser Pensum nicht. Die Garben wurden nicht schichtweise weggenommen, so wie sie gestapelt waren, sondern willkürlich herausgezogen. Schließlich war das sorgfältig gestapelte Getreide nur ein wildes Durcheinander. Die Maschine lief leer, der Natschalnik fluchte. Diese unsachgemäß ausgeführte Arbeit ging über unsere kindlichen, geschwächten Kräfte. Wir brachen fast zusammen und wurden dann fortgeschickt. Wir beschlossen, die Kolchose heimlich zu verlassen und zurück nach Cranz zu wandern. Etwa 130 Kilometer lagen vor uns, ein gefährlicher Weg. Wir mieden die Hauptstraße und wanderten meist nachts. Tagsüber versteckten wir uns in Scheuen und anderen Verstecken. So erreichten wir Königsberg – eine gespenstische Ruinenstadt. Wir waren erschüttert. Das alte, schöne und stolze Königsberg gab es nicht mehr: Kahle, in den Himmel ragende Häuserwände starrten uns aus leeren Fensterhöhlen an. Oft mussten wir über Trümmer und Geröll klettern, denn die Straßen waren noch nicht alle geräumt. Einige Tage später kamen wir in Cranz an. In unsere Wohnung konnten wir nicht zurück – sie war schon belegt. So suchten wir uns eine andere Unterkunft. Das war nicht schwer, denn die meisten Häuser standen leer. Aus den verwaisten Wohnungen, die nicht vom russischen Militär besetzt waren, suchten wir uns Möbel und Hausrat zusammen. Doch nach nur wenigen Tagen kamen zwei Offiziere, besahen sich die Wohnung und befahlen uns, sie binnen zwei Stunden zu räumen. Außer unseren persönlichen Sachen konnten wir nichts mitnehmen. Noch einmal richteten wir auf die gleiche Weise ein Heim ein, diesmal in einer kleinen Villa. Aber auch hier erreichte uns das gleiche Schicksal. Schließlich konnten wir eine Wohnung beziehen, die sehr spartanisch und primitiv eingerichtet war. Dort konnten wir bleiben. Den verbliebenen deutschen Einwohnern wurde ein Ortsteil in der Nähe des Wasserturms zugewiesen, in dem wir gettoartig lebten. Es begann ein neuer Lebensabschnitt, der vom Kampf gegen den Hungertod gekennzeichnet war. Zweieinhalb Jahre blieben wir in Cranz. Im November 1947 gehörten wir zu den Ersten, die nach Deutschland ausgewiesen wurden.
Nun waren wir also wieder in meiner Heimat. Was uns hier erwartete, wussten wir nicht, als wir uns entschlossen, wieder nach Cranz zurückzuwandern. Etliche Häuser waren niedergebrannt. Die meisten standen leer. Andere waren vom russischen Militär besetzt. Als erstes bauten die Russen einen mindestens zwei Meter hohen Bretterzaum um ihre Anwesen. Wenn eine Einheit abgezogen wurde, nahmen sie alles mit, was nicht niet- und nagelfest war, oft auch Schalter und Steckdosen. Der Rest wurde demoliert. Die Ablösung musste wieder von vorne anfangen. Wir haben solche Handlungsweise nie verstanden und konnten es nur kopfschüttelnd beobachten. Die leer stehenden Häuser und Wohnungen waren Allgemeingut. Mobiliar und anderes Inventar wurde größtenteils auf Lastwagen nach Russland verfrachtet.
Auf die Segnungen der Zivilisation mussten wir verzichten. Die Strom- und Wasserversorgung waren zusammengebrochen, Geschäfte existierten nicht mehr, an Postverkehr war nicht zu denken. Nur einmal, im Jahr 1946, erreichte uns eine Karte von meinem Vater, die er aus Schleswig-Holstein an den Cranzer Bürgermeister geschrieben hatte und mit der er uns suchte. Wir waren glücklich, wussten wir doch nun, dass er lebt und aus norwegischer Kriegsgefangenschaft entlassen war. Aber antworten konnten wir ihm nicht. Er wusste bis zu unserer Ausreise nach Deutschland nichts von uns. Einmal suchte meine Schwester Erika in den Resten unseres früheren Besitzes, die um die alte Wohnung herum verstreut lagen, nach brauchbaren Gegenständen. Dabei fand sie ein Foto unseres Vaters. Vor Glück strahlend kam sie nachhause. „Ich habe den Papa gefunden!“ rief sie freudig aus. Aber es war nur sein Bild. Wir waren enttäuscht, hofften wir doch, er hätte den Weg zu uns gefunden. Trotzdem war unsere Freude über den Fund groß, das Bild bekam einen Ehrenplatz in unserer bescheidenen Wohnung.
Eines Tages im Sommer standen mein Freund Ulrich und seine Schwester Ulrike vor unserer Tür. Seine rechte Hand war verbunden. Wie wir waren auch sie mit ihrer Mutter und den anderen Geschwistern ins nordöstliche Ostpreußen getrieben worden. Er hatte mit der Zündkapsel einer Handgranate hantiert. Sie explodierte und riss ihm den Daumen und zwei weitere Finger der rechten Hand ab. In einem russischen Lazarett wurde er behandelt. Friederike begleitete ihn. Da wir Deutschen nie lange an einem Platz bleiben durften, hatten sie mit ihrer Mutter vereinbart: Wir treffen uns in Cranz. Aber ihre Mutter war nicht da, und ihre Wohnung im Preußeneck war von Russen besetzt. Meine Mutter nahm sie auf. Wir lebten wie Geschwister zusammen: Wir verstanden uns, spielten miteinander, gingen gemeinsam auf Nahrungssuche, stritten und zankten auch. Nach einigen Wochen kam auch ihr älterer Bruder Ernst. Er hatte als landwirtschaftlicher Eleve auf einem Gut in Pommern gearbeitet. Von dort sollte er einen Pferdetransport nach Russland begleiten, aber es gelang ihm zu fliehen. So kam auch er nach Cranz in der Hoffnung, seine Familie hier zu finden. Es war selbstverständlich, dass auch er bei uns blieb.
Hygiene und Körperpflege waren nur sehr begrenzt möglich, wenn man wie Ernst mit einem Pferdetransport unterwegs war. Läuse hatten wir alle, aber ihn hatten sie besonders befallen. Seine Kopfhaut eiterte. Mutter schnitt ihm die Haare ab und wusch seinen Kopf mit warmem Wasser. Das weiße Tuch, mit dem sie seinen Kopf abrieb, war schwarz von Läusen. Langsam heilte die Haut, und auch die Haare wuchsen wieder, diesmal ohne Läuseplage.
Bald hieß es jedoch Abschied nehmen. Die russischen Behörden suchten junge Leute, die sie als Arbeitskräfte einsetzen konnten. Ernst versuchte sich zu verstecken, wurde aber gefunden. Da die Geschwister sich nicht wieder trennen wollten, fuhren Ulrike und Ulrich mit ihm. Auf einem offenen Lkw verließen sie Cranz. Sie arbeiteten dann auf einer Kolchose in der Nähe der litauischen Grenze und hatten es dort verhältnismäßig gut. Jedenfalls brauchten sie nicht zu hungern. Auch ihre Mutter und die anderen Geschwister fanden sie dort wieder.
Der Hunger war in dieser Zeit unser ärgster Feind. Es gab einen festen Plan, wer von uns Kindern die Teller der Erwachsenen auslecken durfte. Oft drehten sich unsere Gedanken und Gespräche um köstliche Speisen, die wir uns in unserer Phantasie ausmalten – doch davon wurden wir nicht satt. Hunderte starben in den Jahren 1945-1947 an Hungertyphus, vor allem Kinder und alte Menschen. In der Wohnung unter uns wohnten zwei junge Mädchen, Schwestern. Die eine starb. Die andere wohnte noch tagelang mit der Toten zusammen, weil sich niemand um die Beerdigung kümmerte. In einer anderen, uns befreundeten Familie starb zuerst die Mutter, dann die vier Kinder. Wir hatten noch manches Mal miteinander gespielt, und Lenchen, die Älteste, war meine Klassenkameradin. Eine junge Frau in unserer Nachbarschaft war bei einer Vergewaltigung schwanger geworden. Ihr Kind lebte nur einige Tage, denn die vom Hunger ausgezehrte Mutter konnte es nicht stillen und Milch gab es nicht. Auf dem Friedhof war ein Massengrab ausgehoben, in das die Toten gelegt wurden.
Wie haben wir überlebt? Wovon lebten wir? Zunächst muss ich an dieser Stelle meinen Dank an Margarete Gensch, unsere treue Fürsorgerin ausdrücken. Sie hatte schon bei unserer Flucht nach Cranz die Führung übernommen und hat sich in der Zeit danach in selbstloser Weise um uns gekümmert. Als Schneiderin nähte sie für die Frauen der russischen Offiziere, die inzwischen ihren Männern nachgezogen waren. Irgendwo konnten wir eine alte Nähmaschine auftreiben. Bezahlt wurde mit Nahrungsmitteln. Selbstlos teilte sie alles mit uns und nähte auch für uns. Sie war unsere Lebensretterin.
Aber auch wir waren nicht untätig. Unsere Hauptbeschäftigung bestand darin, Essbares zu beschaffen. Waren wir unterwegs, war unser Blick immer auf die Erde gerichtet, ob wir nicht irgendwo etwas zu essen fänden, was andere weggeworfen hatten. Kartoffelschalen waren eine Delikatesse, und auch das Kerngehäuse eines verzehrten Apfels ließen wir nicht liegen. Wir suchten in den Abfällen der Armee und bettelten beim russischen Militär – die Russen waren ja die einzigen, die etwas hatten. Siegfried war besonders findig im „Organisieren“. Einmal kam er mit einem Beutel Gerstenkörner nachhause. Er hatte sie den Gänsen einer russischen Kompanie aus ihrem Futtertrog „geraubt“. Dafür wurde er wie ein Held verehrt, denn es war alles andere als ungefährlich. Die Körner wurden geröstet und mit der Kaffeemühle gemahlen. Sie gaben eine gute Suppe. Hatten wir Kartoffeln, so wurden sie gerieben und gekocht – „Zittersuppe“ nannten wir dieses Gericht. Die gequollene Kartoffelstärke ergab nämlich viel Suppe, so dass sich zunächst ein Sättigungsgefühl einstellte, das bald jedoch vom Hunger abgelöst wurde, da der Nährwert dieser Speise sehr gering war. Besonders hart waren die Winter. Im Sommer halfen uns Brennnessel, Melde, Löwenzahn und andere essbare Kräuter (später waren Brennnesseln kaum noch zu finden). Auch junge Buchenblätter aßen wir. Im Wald wuchsen Pilze und Beeren.
Angebaut wurde nichts. Uns war es verboten, zum Beispiel Kartoffeln anzubauen. Woher sollten wir auch das Saatgut nehmen? Außerdem wären das Saatgut lange vor der Ernte gestohlen worden. Im ersten Sommer stand auf den Feldern in großen Getreidediemen die Ernte des letzten Jahres. Es war verboten, sich von diesen Vorräten etwas zu holen. Trotzdem schlichen wir uns zu ihnen hin, zogen die Garben heraus und droschen sie auf einer mitgebrachten Plane mit einem kurzen Knüppel aus. Die Körner wurden zuhause mit der Kaffeemühle gemahlen. So konnten wir Schrotsuppe kochen und dann und wann auch Brot backen.
Eine andre „Einnahmequelle“ war der schwarze Markt. „Verrubeln“ nannten wir dieses Geschäft. Alles, was wir irgendwie ergattern und entbehren konnten, boten wir auf dem schwarzen Markt an: Blaubeeren, Pilze, Bücher, Hausrat und andere Dinge. Dafür kauften wir von den Russen Essbares. Meist waren es Getreidekörner, zum Beispiel Hafer mit den Schlauben (Bevor Hafer zu Nahrungsmitteln verarbeitet wird, wird er von den Schlauben befreit, die Russen verkauften ihn aber so). Gewogen wurde nicht, als Maß dienten Wassergläser. Ein Glas Hafer kostete drei Rubel, eine dicke Scheibe russisches Kommissbrot zehn Rubel.
Auch später, als wir schon arbeiteten, fragten wir uns immer, ob Mutter wohl etwas zu essen für uns haben wird, wenn wir abends nachhause kommen. Meist hatte sie ein Essen bereiten können, Siegfried half ihr beim Organisieren. Manchmal mussten wir aber auch mit leerem Magen zu Bett gehen. Einmal hatten wir zwei Tage lang gar nichts zu essen. Das kann man bei normaler Ernährung durchaus aushalten. Für uns war es aber lebensgefährlich, weil wir unterernährt und entkräftet waren. Durchfall und Ruhr verzehrten zusätzlich unsere Kräfte. Spültoiletten gab es nicht, und die Trockenklos reichten nicht aus oder waren zu weit entfernt, wenn der Körper sein Recht verlangte – der ganze Ort sah entsprechend aus. Viele Kinder hatten Wasserbäuche, sie starben zuerst. Erwachsene waren nicht selten an Furunkellose erkrankt. Auch unsere Mutter hatte offene eiternde Wunden an den Beinen. Medizinische Versorgung und Arzneien gab es nicht. So lernten wir mit Naturheilmitteln umzugehen. Mutters Leiden linderten wir mit Huflattich und Wegerichblättern.
Um Essen zu kochen und um im Winter eine warme Stube zu haben, brauchten wir Brennmaterial. Nur Holz stand uns zur Verfügung, und auch das mussten wir „organisieren“. Aus dem nahen Nehrungswald holten wir Bruchholz, aber das reichte nicht. Bäume fällen konnten wir nicht, dazu waren wir zu schwach und hatten kein Werkzeug. Außerdem war es verboten. So suchten wir im Ort nach Brennmaterial: Alte Möbelstücke, Dielen, Fensterrahmen und Türen aus den leer stehenden Häusern gehörten dazu. So wurden aus Not die noch intakten, aber leer stehenden Häuser immer mehr in Ruinen verwandelt. Natürlich war das ebenfalls verboten. Trotzdem mussten wir irgendwie für uns sorgen, um nicht zu erfrieren. Erst 1947 verbesserte sich die Lage.
Es war im Sommer 1945, kurz nachdem wir nach Cranz zurückgekehrt waren. Überall auf den Wiesen grasten herrenlose Pferde. Teils waren es Pferde der Bauern, die sie vor der Flucht im Januar 1945 zurückgelassen hatten, teils Pferde der deutschen Armee. Sie sollten nun für das russische Militär arbeiten, wurden eingefangen und zu Transporten zusammengestellt. Eines Tages, es muss Ende Juni gewesen sein, wurden junge Leute gesucht, die einen Pferdetransport von Nesselbeck, einem Dorf in der Nähe Königsbergs, nach Cranz begleiten sollten. Erika und ich gehörten zu ihnen. Mit einem Lastauto wurden wir in das Dorf gefahren. Dort stellten die Russen den Transport zusammen. Jeder von uns bekam zwei Pferde zugeteilt, die er nach Cranz reiten sollte, natürlich ohne Sattel und Zaumzeug. Nur provisorische Halter hatten wir uns aus Stricken angefertigt. Ich war der Kleinste und Schwächste unter den „Cowboys“. So bekam ich die Pferde, die niemand wollte. Es war ein Hengst und eine Stute. Der Trupp stand zum Abmarsch bereit. Plötzlich bäumt der Hengst sich auf, die Stute folgt, und beide galoppieren über mich hinweg und suchen das Weite. Der befehlende Offizier war wütend. Ich hatte Angst, er erschießt mich. Aber nein. Der Abmarsch wurde abgesagt. Er durfte ja nicht ohne die vorgesehene Anzahl der Pferde in Cranz ankommen, dann hätte er nämlich seinen Plan nicht erfüllt, was schlimme Folgen für ihn hätte haben können. Wir übernachteten in einer Scheune, bekamen Brot, Molke und Quark als Verpflegung. Kaum war die Sonne am andern Morgen aufgegangen, mussten alle ausschwärmen und die beiden Ausreißer suchen. Erika und ich gingen gemeinsam. Barfuß wateten wir durch das taufrische, kniehohe nasse Gras. Aber war das nicht ein aussichtsloses Unterfangen, in den weiten Wiesen und Feldern die Pferde zu suchen, ohne einen Anhaltspunkt zu haben? Wir waren fast verzweifelt. Was geschieht mit uns, wenn wir die Pferde nicht finden? Erika sagte dann: „Alfred, lass uns doch einmal beten.“ Wir stellten uns hin und baten Gott – kindlich und vertrauensvoll – uns doch die Pferde finden zu lassen. Mit neuer Hoffnung im Herzen suchten wir weiter. Es dauerte auch nicht lange, da fanden wir sie auf einer Wiese friedlich grasend wieder. Nun waren auch andere aus unserer Gruppe zu uns gestoßen. Die Tiere ließen sich mühelos einfangen, und der Tross setze sich in Bewegung. Ich wurde von meiner Aufgabe befreit und konnte mich auf den Panjewagen setzen, der den Transport begleitete. Auf dem Stroh war ich bald eingeschlafen. Selten habe ich so fest und so gut geschlafen wie auf dieser Fahrt. Dieses Erlebnis gehört zu den prägenden Gebetserhörungen, die meinen kindlichen Glauben in entscheidender Weise gestärkt haben.
Außerdem mussten wir uns an Aufräumungsarbeiten beteiligen. Wir mussten dann irgendwelche Gegenstände und Gerümpel von einem Ort an einen anderen transportieren. Ein Sinn war in dieser Tätigkeit nicht zu erkennen. Aber wir waren beschäftigt und hatten die Aussicht, etwas zum Essen zu bekommen. Unser Rudi, der inzwischen 16 Jahre alt war, bekam eine Anstellung als „Elektriker“. Zusammen mit anderen musste er bei jedem Wetter auf die Masten der Überlandleitungen klettern und die zerrissenen Stromleitungen reparieren.
Im Laufe des Jahres 1946 normalisierten sich die Verhältnisse. Eine russische Zivilverwaltung wurde eingesetzt, russische Orts- und Straßennamen ersetzten die deutschen. Das nördliche Ostpreußen wurde zu einem Teil des Sowjetstaates. Wir Deutschen wurden registriert und erhielten provisorische Dokumente. Lebensmittelkarten wurden eingeführt und „Magazine“ (Lebensmittelgeschäfte) eröffnet, in denen auch wir einkaufen konnten. Aber man musste sich schon abends anstellen, um am anderen Morgen, etwas von den Kostbarkeiten wie Mehl, Zucker, Salz, Öl oder Margarine zu ergattern. Unter den Wartenden gab es harte und rücksichtslose Verdrängungskämpfe. Diejenigen, die sich nicht durchsetzen konnten, gingen in der Regel leer aus. Als Zahlungsmittel war bereits der Rubel eingeführt. Außerdem brauchte man Lebensmittelkarten, um einkaufen zu können, und die bekam nur die „arbeitende Bevölkerung“. Viele waren aber zu schwach und zu krank, um arbeiten zu können.
Auch eine Bäckerei nahm ihre Arbeit wieder auf. Zwei junge Männer, Brüder aus unserer früheren Nachbarschaft, bekamen dort Arbeit. Sie waren glücklich. Als Lohn erhielten sie nach einigen Tagen ein ganzes, schweres und nasses Brot. Mit Heißhunger verzehrten sie es noch am gleichen Abend. Aber ihre unterernährten Körper vertrugen diese plötzliche Übersättigung nicht. Am anderen Tag starben sie.
Auch eine Schule für die deutschen Kinder wurde eingerichtet. Kinder bekamen nur Lebensmittelkarten, wenn sie diese Schule besuchten. Also gingen wir auch dorthin, allerdings ohne großes Interesse. Wir wurden von deutschen und russischen Lehrkräften unterrichtet, lernten das kyrillische Alphabet und eigneten uns die ersten Russischkenntnisse an. Viel Freude am Lernen hatten wir nicht. Die Notwendigkeit, Lebensmittel zu beschaffen, blieb ja bestehen. Wir versuchten zu dieser Zeit, in der Ostsee zu fischen. Wir fertigten uns provisorische Angeltaue an: lange Schnüre, an denen in Abständen von ca. 100 cm Angelhaken befestigt waren. Diese „Taue“ spannten wir von Mole zu Mole. Aber der Fang war bescheiden. Ab und zu hatte sich eine Flunder oder ein kleiner Dorsch festgebissen. Nachts mussten wir sie bewachen, damit sie nicht gestohlen wurden. Nach einer solchen Nachtwache schlief ich im Schulunterricht fest ein. Sanft und verständnisvoll weckte mich unsere Lehrerin. Ich erzählte von meinem nächtlichen Abenteuer. Sie schickte mich dann zum Ausschlafen nachhause. Etwa drei Monate besuchten wir diese Schule. Wenn wir auch keinen großen Bildungshunger hatten, tat es uns doch gut. Ohne diese Schulzeit wäre es schwer für mich gewesen, nach drei schulfreien Jahren den Anschluss wieder zu finden, als wir 1948 in Deutschland wieder den Schulbesuch aufnahmen.
Doch die Rationen, die uns auf unseren Kinder-Lebensmittelkarten zugeteilt wurden, waren sehr knapp. Darum suchten wir uns wieder Arbeit. Kinderarbeit war durchaus normal. Unsere Mutter und Siegfried bekamen keine Lebensmittelkarten, da Mutter nicht arbeiten konnte und Siegfried auch nicht mehr zur Schule ging. Er ging allein auf seine Streifzüge und hatte ein besonderes Geschick im „Organisieren“. In solchen Notzeiten verschieben sich auch die ethischen Maßstäbe, manches würde man heute als Diebstahl werten. Erika und ich wurden zum Wiederaufbau der Wosegauer Ziegelei abkommandiert. Hier hatte unser Vater in Friedenszeiten gearbeitet. Sie lag inmitten der Wälder des Cranzer Bruches, in dem auch Elche standen. Unweit war der kleine Hafen Cranzbeek, von dem der Seebäderverkehr über das Kurische Haff zu den Seebädern auf der Kurischen Nehrung und nach Memel ablegte. So hatten wir bis zu unserer Arbeitsstelle ca. drei Kilometer Fußweg. Die Ziegelei war teilweise zerstört. In den Schuppen, in denen die Ziegel vor dem Brennen getrocknet wurden, fehlten die Lattenroste. So mussten wir im Wald junge, schlanke Bäume fällen und sie zur Ziegelei tragen. Es war Schwerstarbeit – mehr als einmal brach ich vor Schwäche unter der Last zusammen. Dann mussten wir alte Ziegel putzen und krumme, rostige Nägel gerade klopfen. Spaß machte es nicht, aber es war nicht so anstrengend wie das Schleppen von Bäumen. Vor allem bekamen wir die Lebensmittelkarten und verdienten etwa 300 Rubel im Monat. So war eine Grundversorgung gesichert. Fertig wurde die Ziegelei allerdings nie – nicht ein Ziegel wurde dort gebrannt, solange wir dort waren. Und später wohl auch nicht. Heute existiert sie nicht mehr. Vieles von dem, war wir taten, war also zweck- und sinnlos. Aber die Arbeit bewahrte uns vor dem Hungertod. Der Winter 1946/47 raffte noch einmal viele unserer Landsleute dahin. Wer ihn überlebte, musste nicht mehr fürchten zu verhungern. Sehr, sehr langsam verbesserten sich die Verhältnisse.
Es wurde November. Inzwischen war von den russischen Behörden ein deutscher Bürgermeister eingesetzt worden. Eines Tages besuchte er mit Listen in der Hand die deutschen Familien. Wer in diesen Listen eingetragen war, war für die Ausreise nach Deutschland vorgesehen. Auch wir gehörten zu denen, die mit dem ersten Transport nach Deutschland ausreisen durften. Wir bekamen sogar Marschverpflegung: Brot, Zucker Fett. Soviel Proviant hatten wir lange nicht gesehen. Aber schon nach zwei Tagen hatten wir diese „Mengen“ aufgezehrt.
Auf dem Güterbahnhof in Königsberg wartete ein langer Güterzug mit etwa vierzig Waggons auf uns. Innen waren in mittlerer Höhe Holzpritschen eingebaut, so dass wir in zwei Etagen übereinander auf Stroh lagerten. Ungefähr 20 bis 30 Personen fanden so in einem Wagen Platz. In der Mitte stand ein kleiner eiserner Ofen, der etwas Wärme spendete. Als der Zug sich in Bewegung setzte, standen die meisten Insassen an den offenen Türen und sangen: „Nun ade, du mein lieb' Heimatland, lieb' Heimatland ade“. Obwohl wir froh waren, endlich der Not und dem Elend der Russenzeit in unserer Heimat zu entkommen und voller Erwartung einem neuen Leben entgegensahen, waren unsere Herzen schwer. Wir wussten: Es war ein Abschied für immer. In der ganzen Zeit davor hatten wir nur eine Hoffnung: irgendwann nach Deutschland, „ins Reich“ ausreisen zu können. Heimlich wurde in diesen Jahren ein Lied gesungen, dass immer mit der Frage endete: „Wann geht's heim ins Reich?“:
Dort im Lande, wo die schöne Ostsee liegt
Wo es keine Sonn- und Feiertage gibt
stehn die Preußen alle sorgenschwer und bleich
jeder hat nur eine Frage:
Wann geht's heim ins Reich?
Und das schönste Fest die deutsche Weihnacht war.
Unser dacht' das Reich und auch Amerika.
Doch die Töpf' und Teller blieben alle leer:
Über alle Spenden
Fiel der Russe her.
Von der Ruhr und von den Seuchen heimgesucht,
von den Russen ausgeplündert und verflucht,
zähneknirschend und die Ohren steif
denket nur ein jeder:
Wann geht's heim ins Reich.
Ein paar Jahre sind vergangen, nicht nach uns'rem Sinn.
Frühling ist's und fest sitzt noch der Russe drin.
Tränen rollen und die Augen rot geweint:
Lieber Gott, erhör uns!
Bring uns heim ins Reich.
Acht Tage waren wir von Königsberg nach Berlin unterwegs. Auf der Fahrt durch Polen wurden die Waggons zeitweise verplombt. Oft standen wir stunden- oder auch tagelang auf Bahnhöfen und auf freier Strecke. Das bot uns die Möglichkeit, unsere Notdurft zu verrichten. Der Kontakt zur polnischen Bevölkerung sollte nach Möglichkeit unterbunden werden. Trotzdem kamen bei den Aufenthalten hin und wieder einige an unseren Zug und brachten uns etwas zu essen. Sie taten es wohl aus Nächstenliebe, denn weder wir noch andere hatten Geld oder Tauschmittel, mit denen wir bezahlen konnten. Von anderen Transporten weiß ich aber, dass man versuchte, mit den Ausreiseneden Geschäfte zu machen und sie auch ausplünderte. Wir hatten nichts mehr.
Pasewalk war die erste Station auf deutschem Boden. Wir wurden offiziell als Spätheimkehrer begrüßt und willkommen geheißen. Rotkreuz-Schwestern brachten uns warmen Kaffee und Verpflegung. Nach all den Entbehrungen, Drangsalierungen und Schikanen fühlten wir uns wie im Paradies. Noch hatten wir keine Ahnung, wie es im Nachkriegsdeutschland, im „Reich“ aussah. Unsere Hoffnungen und Erwartungen waren wohl überzogen, denn auch hier waren die Folgen des Krieges deutlich zu spüren, auch hier herrschten Hunger und Not. Das erfuhren wir im Quarantänelager in Kirchmöser bei Brandenburg, in dem wir mehrere Wochen bis Mitte Januar 1948 blieben.
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes geht“, steht in der Bibel (Mt. 4,4). Die Nahrungsaufnahme allein kann nicht die Energie und Widerstandskraft geben, die nötig ist, solche Notzeiten zu durchstehen. Genauso lebensnotwendig sind geistige und geistliche Kraftquellen. Eine solche Kraftquelle können Lieder sein. So traf sich nach und nach die Jugend zum gemeinsamen Singen. Es war völlig unorganisiert, wir trafen uns einfach. Ich war immer einer der Jüngsten und stand mehr am Rande dieser Zusammenkünfte. Aber ich habe in dieser Zeit viele schöne deutsche Volkslieder gelernt. Meist waren es etwas schwermütige Weisen, etwa „Unter Erlen steht 'ne Mühle, unter der das Wasser rauscht“ oder „Dort unten in der Mühle saß ich in tiefer Ruh...“. Diese Lieder entsprachen unserer Situation und Stimmungslage. Später entwickelte sich aus dieser Singgemeinschaft eine Laienspielgruppe, die an Gemeinschaftsabenden auch Schwänke aufführte.
Aber es waren nicht in der Hauptsache Volkslieder, die uns innere Kraft gaben. Schon früher haben unsere Eltern viel mit uns gesungen. Nun waren es die Kirchen- und geistlichen Volkslieder, die uns Zuversicht und Durchhaltekraft gaben. An den langen Winterabenden saßen wir in der Wohnstube und sangen. Im Kachelofen prasselte das Feuerholz. Die Ofentür wurde offen gelassen, und so erleuchtete das Ofenfeuer spärlich den Raum. Elektrisches Licht gab es ja nicht und Kerzen waren eine Seltenheit – wir waren froh, wenn wir „Hindenburglichter“ hatten. Das war in Schuhcremedosen gegossenes hartes Wachs mit einem kurzen, festen Docht in der Mitte. So sangen wir meist auswendig. Eins meiner Lieblingslieder war:
„Fürchte dich nicht länger, sieh, ich bin bei dir!
Das ist meine Leuchte auf dem Wege hier.
Durch die Wolken funkelt der Verheißung Licht.
Siehe ich bin bei dir, und ich verlasse dich nicht.
Nein, niemals allein, so hat der Herr mir verheißen,
niemals lässt er mich allein.“
Das kirchliche Leben war zusammengebrochen, einen Pfarrer hatten wir nicht. Später erfuhren wir, dass unser Pfarrer Lege mit anderen Cranzern beim Untergang der „Steuben“ sein Leben lassen musste. Einmal kam Pfarrer Johannes Jänicke aus Palmnicken und wollte einen Gottesdienst halten. Er war zu Fuß im Samland unterwegs, um die Reste der Gemeinden zu besuchen und ihren Glauben zu stärken. In einem Saal des Hotels „Monopol“ sollte der Gottesdienst stattfinden. Viele waren gekommen. Aber dann drangen betrunkene, bewaffnete Soldaten in den Saal ein, störten den Gottesdienst und vertrieben die Besucher. Verängstigt kam meine Mutter nachhause. Da keine Gottesdienste mehr stattfinden konnten, hielt Frau Gensch jeden Sonntag eine Bibelstunde, an der auch wir Kinder teilnahmen. Sie war eine bewusste Christin, die ihren Glauben lebte und eine gute Bibelkenntnis besaß. Das Singen und die Bibelstunden waren unsere geistlichen Kraftquellen, aus denen wir Mut, Kraft und neues Gottvertrauen schöpften. Sie haben meinen kindlichen Glauben am Leben erhalten und mich ganz entscheidend geprägt.
Die beiden Christfeste der Jahre 1945 und 1946 gehören für mich zu den schönen, unvergesslichen Erlebnissen. Zwar gab es keine Geschenke und keinen bunten Teller, überhaupt kaum etwas zu essen. Aber wir hatten aus dem Wald ein Tannenbäumchen geholt und aus Papier Sterne und Christbaumschmuck gebastelt. Irgendwie waren wir zu einigen Kerzen gekommen. Unter dem Baum wurde Vaters Bild aufgestellt, und so feierte er mit uns. 1946 war es uns sogar möglich, etwas plätzchenähnliches Gebäck zu fabrizieren. Woraus es bestand, kann ich heute nicht mehr sagen. Wir lasen das Weihnachtsevangelium, beteten und sangen unsere schönen Weihnachtslieder. Gerade weil alles Beiwerk fehlte, das zur „deutschen Weihnacht“ gehört, wurde mir der eigentliche Inhalt des Christfestes bewusst: „Christ, der Retter ist da“. Wir wussten und spürten, er ist auch uns nahe. So gehörten auch diese beiden Weihnachtsfeste zu den geheimen Kraftquellen dieser Jahre. Ich weiß nicht, ob wir ohne diese geistige Nahrung diese schwere Zeit überlebt hätten.
Oft wurden wir gefragt: „Wie habt ihr diese Zeit durchlebt und überstanden?“ Wir haben es uns auch selber gefragt. Nun, als Kind lebt man in der Gegenwart. Trotz aller Not erlebten wir diese Zeit auch als ein Abenteuer. Die Erwachsenen, vor allem die Mütter, die Verantwortung für ihre Kinder trugen und in den ersten Monaten den Übergriffen und Vergewaltigungen schutzlos ausgesetzt waren, haben diese Zeit tiefer und schmerzlicher durchlitten. Meine Mutter hat später nie mehr über diese Jahre gesprochen.
Außerdem suchten und fanden wir kleine Freuden. Eine solche Freude empfanden wir, als Erika das Foto unseres Vaters fand. Auch eine erfolgreiche Jagd nach Lebensmitteln beglückte uns. Konnten wir uns einmal an einem Tag richtig satt essen, war es ein richtiges Fest.
Auch waren nicht alle Russen uns feindlich gesinnt. Wir lernten edle und freundliche Menschen unter ihnen kennen. Nicht wenige wollten die deutsche Kultur näher kennen lernen. Ehefrauen von Offizieren lernten von den deutschen Frauen, ihren Schal so zu binden, dass daraus eine wärmende Kopfbedeckung, eine Art Mütze wurde. Besonders durch Frau Gensch, die für die Familienangehörigen der Offiziere nähte, gab es freundliche, sogar herzliche Begegnungen. Aber sie blieben nur flüchtig, tiefere Freundschaften gab es nicht. Wir Deutschen blieben unter uns, auch wenn die meisten von uns für russische Einrichtungen arbeiteten.
In mir hatten sich eine tiefe Ablehnung und ein brennender Hass gegen alles Russische und vor allem gegen die Rote Armee festgesetzt. Zu tief hatten sich die Erlebnisse dieser Jahre in meine kindliche Seele eingegraben. Darum gab ich mir auch keine große Mühe, als Russisch in der Schule Pflichtfach wurde. Begegnete mir später in der DDR ein Sowjetsoldat in Uniform, entfachte er in mir innere, allerdings hilflose Wut. Noch jahrelang verfolgten mich diese negativen Gefühle, und es dauerte lange, bis ich sie überwunden hatte – selbst als ich schon als Geistlicher tätig war, lebten sie noch in mir. Zwar wusste ich, dass ich diese Gedanken und Gefühle nicht mit meinem Glauben vereinbaren konnte – aber bezwingen konnte ich sie trotzdem nicht. Eines Tages hatte ich ein „Aha-Erlebnis“. Mir wurde neu bewusst, was ich theoretisch schon lange wusste: Jesus Christus ist an seinem Kreuz nicht gegen Russen, Marxisten und Kommunisten gestorben, sondern für sie, er liebt alle Menschen. Den Hass konnte ich überwinden, und die Ablehnung machte einer Sympathie, ja Liebe zu ihnen Platz. Später verfestigte sich diese Einstellung, als ich bei verschiedenen Reisen in die ehemalige Sowjetunion den russischen Menschen sowie Angehörige anderer Völker der Sowjetunion von einer anderen, liebenswerten Seite kennen lernte. Nach meiner Pensionierung im Jahre 1999 half ich als Rentnerpastor in den evangelisch-lutherischen Gemeinden im nördlichen Ostpreußen, der heutigen Oblast Kaliningrad, mit. Diese Gemeinden sind seit 1991 vor allem durch Russlanddeutsche, die aus Mittelasien in dieses Gebiet umgesiedelt wurden, entstanden. Noch heute fahre ich öfter nach Ostpreußen, um in partnerschaftlicher Weise den Neubürgern in unserer alten Heimat mit „Rat und Tat“ behilflich zu sein. Ich vertrete in Deutschland einen 2001 in Kaliningrad (Königsberg) gegründeten gemeinnützigen Verein gleichen Namens, mit dem wir durch fachliche Beratung und Vergabe von Kleinkrediten Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.
Hungerjahre in Königsberg – Ein Zeitzeuge schildert seine Jugendzeit in Cranz, den Einmarsch der Russen, einen Lageraufenthalt und den anschließenden zweijährigen Überlebenskampf in den Ruinen von Königsberg.