Ost-Preußen (Geogr.), 1) seit 1772, in welchem Jahre das bisherige polnische Preußen oder Herzogthum Preußen unter preußische Herrschaft bekam und unter dem Namen West-Preußen zum Königreich Preußen geschlagen wurde, einer von den zwei Haupttheilen dieses Königreichs; begriff die alten Landschaften Samland, Natangen, Oberland und das preußische Litthauen und bildete die zwei Kammerdepartements Königsberg und Gumbinnen; doch ward ein Theil des Oberlandes zu West-Preußen, und dagegen das Ermeland, das früher zu West-Preußen gehörte, zu O. genommen; 2) Provinz des preußischen Staates nach seiner jetzigen Organisation, gebildet aus dem ganzen vormaligen O.; wird im Nord-Ost von Rußland, im Ost und Süd von Polen, im West von West-Preußen und im Nord-West von der Ostsee begrenzt, enthält 702 3/4 QM. und ist eine Ebene, über welche sich nur in einigen Gegenden Anhöhen und Sandberge erheben, darunter der höchste der Galtgarben ist. Längs der flachen Küste erstrecken sich Sanddünen und gewähren Schutz gegen die Überschwemmungen des Meeres. Der Boden ist im Ganzen fruchtbar, besonders in den Niederungen. Etwa 2/3 desselben sind mit guter Dammerde und 1/3 mit Sand bedeckt. [...] Hauptflüsse [sind] die Memel und der Pregel, wovon die erstere hier die Jura und Scheschuppe, und der letztere die Alle mit der Gubee aufnimmt außerdem die Küstenflüsse: die Dange, Minge, Frisching, Passarge und Baude; mehr südlich Nebenflüsse der Narew, Wkra und Weichsel. Kanäle: die neue Gilge, der große und kleine Friedrichsgraben, die neue Dieme und der johannisburgische Kanal. Mit Landseen ist der südliche Theil der Provinz wie besäet, darunter der Spirding, der mauer- oder angerburgsche See, der Löwentin, das rheinsche und talter Gewässer, der Warschau, der Drewenz u.s.w.
Die Provinz bringt vorzüglich viel Getreide und Hülsenfrüchte, Flachs, etwas Tabak, Obst in den Niederungen in Menge hervor; hat viele und ausgedehnte Waldungen, worunter die johannisburger Haide 12 Meilen lang ist, starke Rindvieh- und Schweinezucht, die stärkste und beste Pferdezucht in der Monarchie, mittelmäßige Schafzucht, wichtige Fischerei, aber, außer Torf, Bernstein und etwas Sumpfeisenerz, wenige Mineralien. Die Einwohner, deren Zahl 1821 1.069.453 (928.454 Evangelische, 137.128 Katholiken, 888 Mennoniten und 2.983 Juden) betrug und 1827 sich auf 1.200.000 vermehrt hat, sind Teutsche, Polen und Litthauer und wenige Kuren und Juden. Die Industrie ist von keiner großen Bedeutung. Den Seehandel begünstigen die Lage an der Ostsee und einige gute Häfen und Rheden, den Landhandel die schiffbaren Flüsse und Kanäle. Den stärksten Seehandel unterhalten Königsberg, Pillau und Memel; auch Braunsberg, Insterburg, Tilsit sind noch als Landhandelsplätze anführenswerth.
An öffentlichen höhern Unterrichtsanstalten giebt es eine Universität zu Königsberg; 8 Gymnasien, nämlich zu Königsberg (zwei daselbst), Rastenburg, Braunsberg, Rössel, Lyck, Gumbinnen und Tilsit; 6 Schullehrerseminare zu Königsberg, Dexen, Mühlhausen, Braunsberg, Kumetschen (Karalene) und Szabienen; ein Priesterseminar zu Braunsberg, eine katholisch-theologische und philosophische Facultät ebendaselbst. Hebammenschulen sind zu Königsberg und Gumbinnen, eine Schifffahrtsschule zu Pillau, ein Taubstummen- und Blindeninstitut zu Königsberg, eine königliche teutsche Gesellschaft und eine Kunst- und Gewerbsschule ebendaselbst.
Die Provinz, deren Hauptstadt Königsberg ist, bildet die zwei Regierungsbezirke Königsberg und Gumbinnen, deren beide Provinzialregierungen unter dem zu Königsberg für Ost- und West-Preußen errichteten Oberpräsidium stehen. Auch hat jetzt die Provinz Stände, die mit denen in West-Preußen (doch ist der damalige alte Kreis Marienwerder, der in administrativer Hinsicht zu West-Preußen gehört, in ständischer Beziehung zu O. gerechnet), einen ständischen Verband bilden, und für O. nebst Lithauen aus 60 Mitgliedern bestehen, nämlich 30 aus dem Stande der Ritterschaft, 15 aus dem Stande der Städte und 15 aus dem Stande der unter dem ersten Stande nicht begriffenen Kölmer (Besitzer kölmischer Güter, welche ihren Namen von dem kulmischen Privilegium haben, welches der teutsche Orden, nach Eroberung des kulmischen Districts, 1233 in der Stadt Kulm dem Lande ertheilt hat, und die völlig freie Allodialgüter sind) und Freien und der bäuerlichen Grundbesitzer. Der Versammlungsort dieses ständischen Verbandes ist Königsberg, abwechselnd mit Danzig. 3) (Gesch.) s. unter Preußen.
Quelle: Encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, bearb. von mehreren Gelehrten, hrsg. von H. A. Pierer, Herzogl. sächsischem Major a. D., Altenburg 1831, Bd. 15, S. 522f.