Ostpreußen heißt der am östlichsten gelegene Theil der preuß. Monarchie, der in Verbindung mit Westpreußen die Provinz Preußen oder das eigentliche sogenannte Königreich Preußen bildet. Vom russ. Lithauen, dem Königreiche Polen, Westpreußen und der Ostsee umgrenzt, zählt es auf 706 QM 1.360.000 E., die aus eingewanderten Deutschen, Abkömmlingen der alten Lithauer und Masuren gemischt, größtentheils der evangelischen Confession angehören; zur katholischen Kirche bekennen sich 175.000, zur griechischen 1.000, Mennoniten gibt es über 1.000 und Juden gegen 6.000. Die Landschaft bildet ihrer physischen Beschaffenheit nach einen Theil des von Westen nach Osten sich ziehenden großen südbaltischen Küstenplateaus, ein Flachland, welches, von einzelnen Sandbergen und Anhöhen überragt und von zahlreichen größern und kleinern Seen bedeckt, neben vielen umfangreichen Flächen sterilen Sand- und Felsbodens auch große Strecken Weideland, Getreide- und Holzboden enthält. Die größten Landseen sind der Spirdingsee, der Warschausee, der Maransersee und besonders der Mauersee; die Hauptflüsse die Memel nebst der Jura, Minge und Dange, der Schleschuppe und dem Nemonin, die Passarge und der Pregel mit der Inster und Alle; außerdem gibt es mehrere bedeutende Kanäle, z.B. den großen und kleinen Friedrichsgraben, die neue Eilge, die neue Dieme, den johannisburgischen Kanal u.s.w., die zur Verbindung der größern Seen untereinander dienen, wie denn z.B. der Kanal von Lötzen den Mauersee mit dem Löwentinersee verbindet. Die Bewohner beschäftigen sich weniger mit Fabrikindustrie als mit Production der Urstoffe des Planzen- und Thierreichs. Neben ergiebigem Flachs- und Getreide-, namentlich Weizenbau, trägt das Land Hülsenfrüchte, etwas Taback und Obst, besonders aber in reichlicher Menge Holz und Torf, und außer der Fischerei ist vorzüglich die Gänse-, Bienen- und Rindviehzucht sehr bedeutend. Die Pferdezucht wird mit besonderer Vorliebe in dem lithauischen Theile von O. behandelt und durch das Hauptgestüt zu Trakehnen und die Marställe zu Insterburg und Gudwallen wesentlich gefördert. In der Nähe der Ostsee, besonders am Kurischen Haff, findet man Bernstein. Die Hauptfabrikationsgegenstände sind Leinengarn und Leinwand, welche letztere namentlich in den vier ermländischen Kriesen des Regierungsbezirks Königsberg gefertigt wird. Sie und das Holz bilden die für die Prvinz wichtigsten Ausfuhrartikel. Der Handelsverkehr wird nach außen zu durch die Lage an der Ostsee und mehrere gute Häfen und Rheden, im Innern durch die schiffbaren Flüsse und Kanäle begünstigt. In politischer Hinsicht ist die Landschaft in die zwei Regierungsbezirke Königsberg mit 796.000 E. auf 408 QM und Gumbinnen mit 597.000 E. auf 298 QM getheilt. Für die katholische Kirche besteht das Bisthum Ermeland , dessen Sprengel sich zugleich über Westpreußen erstreckt und dessen Bischof zu Frauenburg seinen Sitz hat. Die Provinzialstände, die im Verein mit den Ständen Westpreußens sich abwechselnd in Königsberg und Danzig versammeln, bestehen aus 30 Deputirten der Ritterschaft, 15 Deputirten der Städte, Deputirten der kölmischen Güter. An wissenschaftlichen Anstalten besitzt O. die Universität zu Königsberg, das akademische Lyceum Hosianum für katholische Theologen und das bischöfliche Seminar zu Braunsberg, die Gymnasien zu Königsberg, Brunsberg, Rastenburg, Gumbinnen, Lyck und Tilsit, die Kunst- und Baugewerkschule zu Königsberg und Gumbinnen, die Schullehrerseminare zu Königsberg, Angerburg, Eylau, Karalene und Braunsberg und die Hebammenlehrinstitute zu Königsberg und Gumbinnen. Die Hauptstadt von O. wie der ganzen Provinz Preußen ist Königsberg; außerdem ist Pillau durch seinen Hafen, Eylau und Friedland durch die Schlachten am 6. und 7. Febr. und am 14. Juni 1807, und Tilsit durch den für Preußen unglücklichen Frieden merkwürdig.
Quelle: Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände. Conversations-Lexikon, 9. Originalauflage, Leipzig 1846, Bd. 10, S. 578f.