Jugendzeit in Ostpreußen

»Brockhaus' Conversations-Lexikon« (1885)

Ostpreußen, die nordöstlichste Provinz der preuß. Monarchie und des Deutschen Reiches, gebildet 1. April 1878 durch Gesetz vom 19. März 1877 aus dem östl. Teile der bisherigen Provinz Preußen, grenzt im W. an die Provinz Westpreußen, im S. und O. an Rußland, im NW. an die Ostsee, umfaßt 36.980,06 qkm, ausschließlich jedoch des Kurischen Haffs (1.619,47 qkm) und des zu O. gehörigen Teils (578,61 qkm) vom Frischen Haff, und zählt (1880) 1.933.936 E. (Deutsche, Litauer und Masuren), von denen 1.654.510 dem evang. und verwandten prot. Bekenntnissen, 250.462 der röm.-kath. Kirche und 18.218 der jüd. Religion angehören; außerdem sind 5.526 Baptisten und 1.028 Mennoniten vorhanden, letztere ziemlich dicht in der tilsiter Niederung. O. bildet seiner physischen Beschaffenheit nach einen Teil des von W. nach O. streichenden südbaltischen Küstenplateau und ist ein aus Hügel- und Flachland bestehender, mit zahlreichen größern und kleinern Landseen (Ostpreußische Seenplatte) durchsetzter und von vielen Flußläufen durchzogener , im NO. und S. vielfach sumpfiger und mooriger , an der Küste mit kahlen Dünen eingerahmter Abschnitt des norddeutschen Tieflandes, der neben umfangreichen sterilen Sandflächen mit erratischen Blöcken auch große Strecken des fruchtbarsten Bodens enthält. Die bedeutendsten Höhen liegen östlich von den masurichen Seen, insbesondere in der Gegend von Goldapp (Goldapper Berge 272 m, Seesker Berg 309 m) und südlich von Osterode (Kernsdorfer Höhe 313 m). Die größten der in mehreren Gruppen auftretenden Landseen sind die masurischen Seen, der Mauersee (105 qkm), der Spirdingsee (102 qkm), der Lötzener (Löwentin-) und der Rosche (Warschau-) See, ferner die Seen bei Liebenmühl, von denen der Geserichsee schon nach Westpreußen hinüberreicht. Die Hauptflüsse sind: die Dange, die Minge, der Niemen oder die Memel mit seinen Zuflüssen Jura (rechts) und Szeszuppe (links), der Nemonien, der Pregel mit Inster, Pissa und Angerapp und seinem linken Nebenflusse Alle, die Passarge. Die natürlichen Wasserstraßen, im ganzen etwa 430 km schiffbar (davon entfallen 117 km auf den Pregel, 64 km auf die Memel, 48 km beziehungsweise 42 km auf dessen Mündungsarme Ruß und Gilge), werden durch ein den zahlreichen Seen sich anschließendes Kanalnetz von rund 415 km Länge ergänzt; die wichtigsten Kanäle sind der König-Wilhelmskanal (23 km, mit der kanalisierten Minge 49,8 km), der Seckenburger Kanal (11 km), der Große Friedrichsgraben (19 km), die Masurische Wasserstraße (126 km, mit den Seitenlinien 163,9 km), der mit 11 geneigten Ebenen versehene Elbing-Oberländische Kanal (196 km, davon eine Strecke in Westpreußen) und der Schilling-Drewenz-Kanal. Das Klima ist verhältnismäßig rauh; das Temperaturjahresmittel ist in Memel und Königsberg 6,6 °C, in Tilsit und Klaussen bei Lyck 6,3 °C. Die jährlichen Niederschläge belaufen sich im vieljährigen Mittel auf 493 mm in Klaussen, 599 mm in Königsberg und 671 mm in Tilsit.

Die Bewohner beschäftigen sich weniger mit Industrie als mit Landwirtschaft und Viehzucht. So waren nach der Berufszählung von 1882 unter den 923.509 Erwerbsthätigen der Provinz, neben welchen 1.104.738 Angehörige ohne Hauptberuf ermittelt wurden , allein 57,12 Proz. in der Bodennutzung und Tierzucht, in Industrie und Gewerbe aber nur 15,49 und in Handel und Verkehr 4,99 Proz. beschäftigt, während 11,91 in persönlichen Dienstleistungen und 3,85 im Heer- und Verwaltungsdienste, sowie in den freien Berufen thätig waren. Daher ist auch der Kleinbetrieb in den bürgerlichen Gewerben durchaus vorherrschend; Gewerbe, Handel und Verkehr zählten im Juni 1882 88.516 Betriebe mit 153.947 beschäftigten Personen, und davon waren nur 1890 größere Betriebe (von je über 5 Gehilfen) mit 35.469 Personen. Fischerei, Torfgräberei, Ziegelei, Eisengießerei und Eisenverarbeitung, Weberei und Bleicherei (Leinwand), Schiffbau, Holzbearbeitung (Sägemühlen) und Bereitung vegetabilischer und animalischer Nahrungsmittel sind die wichtigsten Gewerbszweige, neben denen noch die Gewinnung von Bernstein an der Küste als eine Spezialität Erwähnung verdient. Der Handel, namentlich der Großhandel, und die Verkehrsgewerbe haben sich, begünstigt durch die zahlreichen Wasserstraßen, die guten Seehäfen Memel, Pillau, Königsberg und Braunsberg und ein allerdings nicht engmaschiges, aber zweckmäßig angelegtes und in neuerer Zeit durch Nebenbahnen vervollständigtes Eisenbahnnetz (Anfang 1885 1.265,3 km = 34,2 m auf dem Quadratkilometer, übrigens die geringste Eisenbahnausstattung von allen preuß. Provinzen) gut entwickelt. Landwirtschaft und Viehzucht werden in ausgedehntem Maße betrieben; auch hier überwiegt der kleinere und mittlere bäuerliche Besitz. Von der Gesamtfläche O.s (ohne die Haffe) entfielen 1883 auf Acker- und Gartenland 51,84 Proz., Wiesen 12,68, Weiden, Öd- und Unland 10,81, Wald- und Holzland 17,90 und 6,77 Proz. auf weder land- noch forstwirtschaftlich genutzte Flächen. Unter den landwirtschaftlichen Erzeugnissen nehmen Roggen und Hafer die erste Stelle ein, demnächst folgen Kartoffeln und Hülsenfrüchte; Weizen und Gerste sowie Handelsgewächse treten zurück. Der Wald besteht zu 79,58 Proz. aus Nadelholz und liefert wertvolle Produkte für den Ausfuhrhandel. Die Viehzucht erfreut sich sorgfältiger Pflege. Berühmt ist die litauische Pferdezucht; die „Trakehner“ haben Weltruf. Gefördert wird sie durch das königl. Hauptgestüt zu Trakehnen mit 20 Beschälern und über 300 Mutterstuten, sowie durch die 3 Landgestüte zu Insterburg, Rastenburg und Gudwallen mit zusammen etwa 450 Beschälern und 160 Deckstationen. Aus der Deckung durch die Beschäler dieser Gestüte stammen jährlich allein gegen 16.000 Fohlen. O.s Pferdezucht ist die bedeutendste im preuß. Staate. Auch die Rindviehzucht ist hoch entwickelt, nicht minder die Schweine-, Gänse- und Bienenzucht. Die Schafzucht dagegen geht, wie fast überall in Deutschland, zurück, wenngleich sie noch immer zu den hervorragendsten gehört. Der Viehstand betrug 1883: Pferde 383.555, Rindvieh 824.944, Schafe 1.413.820, Schweine 610.952, Ziegen 14.022, Bienenstöcke 114.801.

In administrativer Hinsicht ist O. in zwei Regierungsbezirke, Königsberg mit 20 und Gumbinnen mit 16 Kreisen eingeteilt und zählt 67 Städte, 5.395 Landgemeinden und 2.462 Guts- und Forstbezirke. Für die Reichstagswahlen bestehen 17 Wahlkreise. In das Abgeordnetenhaus sendet die Provinz 32 Abgeordnete; im Herrenhause ist sie durch 27 Mitglieder, darunter 6 mit erblicher Berechtigung und 15 auf Präsentation berufene, vertreten. O. bildet den Oberpostdirektionsbezirk Königsberg und, nebst Westpreußen rechts der Weichsel, den Ersatz- und Garnisonsbezirk des 1. Armeekorps (Generalkommando und Kommando der 1. Division in Königsberg). Die Provinz umfaßt den Oberlandesgerichtsbezirk Königsberg und zählt 8 Landgerichte (Allenstein, Bartenstein, Braunsberg, Insterburg, Königsberg, Lyck, Tilsit und Memel) und 70 Amtsgerichte. Das Berg- und Hüttenwesen O.s untersteht dem Oberbergamte zu Breslau. Die Aufsicht über die Angelegenheiten der evang. Landeskirche wird von dem königl. Konsistorium zu Königsberg, welchem auch Westpreußen zugeteilt ist, geführt. Die Angelegenheiten der röm.-kath. Kirche ressortieren von dem exemten Bischof von Ermland. Die Selbstverwaltungsorgane der Provinz haben ihren Sitz in Königsberg. Handelskammern befinden sich zu Königsberg, Memel, Braunsberg, Tilsit und Insterburg. An Bildungsanstalten besitzt O. die 1544 durch Herzog Albrecht von Preußen gestiftete Albertus-Universität zu Königsberg, das 1568 vom Kardinal Hosius gegründete Lyceum Hosianum für kath. Theologen zu Braunsberg, das königl. pädagogische Seminar für Gymnasial- u.s.w. Lehrer zu Königsberg, die königl. Kunstakademie ebenda, 16, Gymnasien, 2 Progymnasien, 6 Realgymnasien, 2 Realprogymnasien, 1 höhere Bürgerschule, 12 öffentliche höhere Mädchenschulen und 8 Mittelschulen für Knaben, 8 Schullehrerseminare, 2 königl. und 10 private Präparandenanstalten, 2 Navigationsschulen, 2 Hebammenlehranstalten, 1 Kunsthandwerks- und Bauhandwerksschule, das mit der Universität verbundene landwirtschaftliche Institut, 2 Landwirtschaftsschulen und 7 niedere landwirtschaftliche Lehranstalten. Außerdem hat O. 4 Taubstummenanstalten, sowie eine Blindenanstalt.

Das Wappen der Provinz O. ist ein schwarzer Adler mit goldenen Kleestengeln und FR auf der Brust in silbernem Felde. Die Farben der Provinz sind Schwarz-Weiß.

Quelle: Brockhaus' Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie, 13. vollst. umgearbeitete Aufl., Leipzig 1846, Bd. 12, S. 573ff.

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