Jugendzeit in Ostpreußen

Als Haustochter in Ostpreußen

Aufzeichnungen von Hilde Carstensen


Es war mir selbst unfassbar, wie ich zu dem Freudenausbruch kam, als ich von Franz Werners Vorschlag las, Haustochter auf einem kleinen Gut in Ostpreußen zu werden. Vielleicht war es die aussichtslose Lage für uns junge Lehrerinnen, vielleicht Erlebnis- und Schaffensdrang, es kam wohl viel Bewusstes und Unbewusstes zusammen, so dass ich sofort zusagte. Ohne noch einmal nach Hause zu fahren, startete ich in der zweiten Julihälfte 1932 vom Ferienort, traf Mutter in Leipzig, Hans in Berlin und fuhr in seiner Begleitung in „das Land der Zukunft“. Am Morgen des 1. August rollten wir in den Bahnhof von Elbing ein. Erwartungsvoll ließ ich das Fenster herunter, eine fremde Kühle wehte mich an. Als wir an einer der nächsten Stationen ausstiegen, empfing uns ein strahlender Morgen und Franz Werner auf dem Bock einer Kutsche. Noch nie zuvor bin ich mit solch einem Genuss gefahren: das gemächliche Traben vor mir, die frische klare Luft um mich herum, die stille Straße durch Felder und Wälder, die Sonne und Schatten in willkommenen Wechsel bot. Der Empfang beim Lehrer in „unserem“ Dorf war herzlich. Da Franz Werner schon als Kind des Hauses galt, wurden auch seine Geschwister gleichermaßen aufgenommen. Es war eine große Familie und, wie ich bald merkte, mit patriarchalischer Hausordnung, obwohl Mutter und Töchter mit weiblicher Klugheit die eigentlich Handelnden waren. Der Vater, der einzige Lehrer, war auch Bienenvater, Siedlungsbesitzer, Poststellenverwalter und Gemeindevertreter und als geistiger Mittelpunkt des Dorfes – eine Kirche gab es dort nicht – Berater in vielen Dingen. Durch die Aufsiedlung des großen Gutes war die Gemeinde erst vor kurzem zur Selbstständigkeit erwacht. Später entdeckte ich bei manchen Siedlern, die vorher zur Gutsverwaltung gehörten, das gleiche Gefühl, wie es große Kinder haben: den Stolz des Erwachsenseins, der Selbstständigkeit und das kindlich rührende Gefühl des Verbundenseins mit der alten Familie, der Gutsherrschaft. „Herrschaft“ ist dabei im guten Sinne zu verstehen, eben auch im patriarchalischen. So zeigte der erste Rundgang neben dem alten Schloss mit seinen riesigen Bäumen ringsum und den großen Stallungen auch die neuen, kleinen Siedlungshäuser mit roten Dächern, überall noch nackt in der Landschaft verstreut. Die erste Mahlzeit war uns zu Ehren ein Festessen, für mich wirklich etwas Neues. Karpfen blau in Biersoße, hinterher Blaubeeren in Milch – ich habe sie nicht vergessen, weil ich sie leider wiedersehen musste, es war wohl alles zu aufregend und neu gewesen. Meine Hausfrau wird sich gewundert haben über das Stadtfräulein, das sich am Antrittstage eine Hafersuppe mit Wasser kochte.

Herr H., mit rotem, sommersprossigem Gesicht unter dem grünen Hut, holte mich am nächsten Morgen mit der Kutsche ab. Eine kurze Strecke ging es die Straße, dann den Weg hinunter ins Bachtal zur Mühle und dem ehemaligen Vorwerk, das jetzt Restgut war. Am Wehr polterte der Wagen über die Brücke, rechts sah ich den großen Mühlenteich mit Uferschilf und feuchten Wiesen, von links drang das Rauschen des fallenden Wassers ans Ohr. Die ausgewaschene, steinige Tiefe setzte sich in eine kleine Schlucht mit dämmernden Schatten unter hohen Bäumen fort. In einem großen Halbkreis umfloss der Bach weiterhin den Hof mit seinen Stallungen und den Garten hinter dem Wohnhaus, überall nur durch Dickicht und Brennnesseln zugänglich. Das jenseitige Ufer war mühselig über Baumwurzeln zu erklettern. Hatte man es aber erreicht, sah man sich unvermutet auf einer weiten Koppel, während ein friedlicher Waldstreifen die kleine Wildheit, die man zurückließ, verbarg. Dieser Bach war auch das Paradies der Enten, die manchmal vergaßen, von ihren Ausflügen rechtzeitig heimzukommen. Ich zog mir dann meine westfälischen Holzschuhe an und stolperte mehr als ich watete durch das dämmerdunkle Bachbett. Mit dem Stecken am Ufer entlang streifend, konnte ich sie aus dem ersten Schlummer aufscheuchen, oder sie verrieten sich durch ihr leises Geplauder. Nur einmal war es nicht möglich, sie aufzufinden, und wir schliefen mit Sorgen ein. Doch am frühen Morgen weckte uns ihr aufgeregtes Gequake – sie verlangten ihre Mahlzeit. Ungewohnt war zuerst das unaufhörliche Rauschen des Wassers, aber herrlich erfrischend war es, abends noch hinein zu steigen und sich von den sprühenden Tropfen den Staub des Tages abspülen zu lassen, und dann einen Lauf über die taunassen Wiesen zu machen. Allerdings stand es bald bei allen Hofbewohnern fest, dass ich in dieser Beziehung wohl etwas verrückt sei – man badete sonst nicht. So legte ich denn meine Badezeit, um allen Anstoß zu vermeiden, möglichst in die Dunkelheit. An einer verschwiegenen Stelle der steilen Uferböschung plätscherte eine klare, kalte Quelle. Sie war in ein dünnes Tonrohr gefasst, und lieferte jeden Freitag das tiefgekühlte Wasser zum Buttern. Da man aber nur im Bach auf einem Stein stehend diese natürliche Wasserleitung erreichen konnte, war Frau H. froh, dass ich ihr diese Arbeit gern abnahm.

Vielleicht hat es mir gerade das Wasser in Ostpreußen so angetan, angefangen bei den Quellen und Bächen, den kleinen und großen Seen zwischen weiten Feldern und Hügeln, versteckt im Bruchwald und Sumpf oder bekränzt vom hohen Saum eines Kiefernwaldes bis hin zu den großen Flussläufen im fruchtbaren Urstromtal oder feuchter Wiesenlandschaft und der weiten Ostsee, die mit Nehrung, Haff oder Steilküste so verschiedenartigen Charakter bot. Reichlich und in vieler Form fand ich hier das in meiner Heimat so knapp bemessene und darum entbehrte Wasser. Oft auch fuhr ich mit dem Rade nach Behlenhof zu Franz Werner oder er holte mich zu einem Spaziergang ab. Wie liebte ich diese Gänge in den heraufziehenden Abend hinein. Dunkel hoben sich die klaren Linien des welligen Landes gegen den helleren Himmel ab, unterbrochen von markanten Formen vereinzelter Fähren oder dunklen Saumgruppen. Es war so still ringsherum, nur das Mahlen der wiederkäuenden Kühe hörte man, die träge auf den Koppeln lagen – man musste aufpassen, dass man nicht gegen sie stolperte. Die Pferde waren auch bei Nacht lebendiger. Von weitem schon hörte man das Dröhnen der Hufe auf dem Rasenboden, wenn sie heranstoben. Neugierig und anhänglich verfolgten sie uns weithin.

Aber nun drängen sich mir die Menschen in den Vordergrund. Da waren als Hauptpersonen, und gewiss nicht zu übersehen in Größe und Umfang, die neuen „Gutsbesitzer“. Freundlich, aber doch abwartend, wurde ich in mein sauberes, einfaches Zimmer im ersten Stockwerk geleitet. Bei einem Rundgang lernte ich den blonden zehnjährigen Bruder der Frau kennen, der später die Wirtschaft übernehmen sollte, weil keine Kinder da waren. Außer den vier Knechten, die sie zur Zeit der Ernte beschäftigten (zwei waren Saisonarbeiter aus Elbing), gab es noch ein altes Melkerehepaar. Er war als junger Mann aus der Schweiz eingewandert, sie dagegen eine waschechte Ostpreußin, so dass ich außer dem „Freileinche“ in der Anrede zu Anfang kaum etwas verstand. Sie redete mich nur in der dritten Person an, wie auch andere, die es von der Herrschaft nicht anders gewohnt waren. Geschätzter Gast war der Briefträger, der meistens zu Mittag eintraf und dann an unserer Mahlzeit teilnahm. Dafür erhielten wir von ihm außer der Post und der Zeitung die Neuigkeiten aus der nahen und weiteren Umgebung. Außerdem bekam er die undankbare Aufgabe festzustellen, ob ich schon dicker geworden sei – undankbar, weil man trotz allen guten Willens mir nichts auffuttern konnte. So etwas hatte man noch nicht erlebt, weder im Schweinestall noch sonst. Wohl wurden meine Arme und Schultern muskulöser durch das Tragen mit der Pede, dem Tragholz, und die Hände kräftiger bei Waschen und Brotteigkneten, aber sonst war ich ein schlechter „Futterverwerter“ und man bemühte sich nach dieser Erkenntnis nicht mehr um mich, indem man mir etwa den Wurstteller erneut zugeschoben hatte. Aber ich habe trotzdem tüchtig zugelangt und es mir schmecken lassen.

Mit den Instleuten kam ich nur wenig in Berührung. Ich weiß nicht mehr, wie viele Kinder zu dem kleinen Haus mit den zwei Familien gehörten, das vor der Brücke stand. Es waren sicher mehr als zehn. Die eine der Frauen arbeitete, trotz ihrer Schwangerschaft, täglich auf dem Hof, leistete oft richtige Männerarbeit. Erst als sie zum Liegen kam, und ich ihr in der ersten Woche täglich die kräftige Suppe brachte, bekam ich Einblick in die elenden Verhältnisse dieser Familie. Der Vater war geistig und körperlich nicht normal, er versorgte den Haushalt so gut oder schlecht, wie er es konnte. Statt seiner musste die Frau der Dienstpflicht nachkommen. Die Wohnung bestand aus Küche, Kammer und kleinem Gelass und war in unglaublich schlechtem Zustand – der Ofen war am Zusammenfallen, dazu die vielen ungepflegten Kinder. Meinen Eindruck von diesem jammervollen Zustand, in dem Wohnung und Familie sich befanden, äußerte ich dem Bauern gegenüber nicht ganz ohne Vorwurf. Er tat verwundert: Das sei immer so gewesen, sie seien es so gewohnt. Im übrigen sei Hilfe umsonst, sie könnten es doch nicht in Ordnung halten. Aber die Familie bekam doch zum Winter ihren neuen Ofen. Später wurde auch das ganze Haus erneuert. Zwei Tage half ich auf mein Bitten und zur Verwunderung der Leute auf dem Felde beim Kartoffelsammeln. Eine der Frauen, die dabei arbeiten, besuchte ich abends in ihrer bescheidenen aber blitzsauberen, aufgeräumten kleinen Kate. Sie zeigte mir eine besondere Strickart für Handschuhe. Ihr rundes, gutmütiges Gesicht unter dem weißen Kopftuch strahlte vor Freundlichkeit.

Von den Knechten ist mir einer besonders in Erinnerung geblieben – blond und sommersprossig war er, immer etwas lächelnd, aber still. Plötzlich stand er einmal hinter mir, kurz und stämmig, als ich mich vom Herdfeuer aufrichtete. Es war in der stillen Stunde nach dem Mittagessen, die anderen Knechte hatten die Küche schon verlassen. Unmissverständlich breitete er die Arme mit den aufgekrempelten Ärmeln aus, ließ sie aber schnell wieder sinken, als er kein Entgegenkommen sah. Treuherzig meinte er, wozu die Arme denn sonst da seien und war sicher mit meiner Ansicht „zum Arbeiten“ nicht einverstanden. Von Frau H. hörte ich, dass er eine Frau und zwei Kinder hatte. Sie suchte übrigens auf höchst unsolide Weise, noch mehr über ihre Leute zu erfahren. Ein wenig benutzter Flur des Hauses hatte eine nicht benutzte Tür zur Knechtekammer. Diese Tür vermittelte die etwas unbequeme, abendliche Unterhaltung, an der sie mich so gerne teilnehmen lassen wollte. Aber dieses Vergnügen überließ ich ihr gern allein.

Nie werde ich vergessen, wie ich im Abenddämmern auf den seltsam roten Mond mit seinem großen Hof hinwies, harmlos entzückt über den wunderbaren Anblick, aber die anderen still und beklommen blieben, und Herr H. schließlich erklärte, dieser rote Mond bedeute Blut und Tränen für das Land. Das diese Weissagung gerade aus seinem Munde kam, machte mich betroffen, denn er war ein so robuster, diesseitiger Mann, ganz auf praktische Arbeit und Wohlleben ausgerichtet, dass ich solche Gedanken gar nicht bei ihm vermutet hätte. Ein andermal gestand er ganz offen, dass sie eigentlich noch halbe Heiden seien. Herr H. war freundlich aber wortkarg, nur gelegentlich, wenn er seine Autorität verletzt fühlte, konnte er aufbrausen und jähzornig werden. Ich erlebte es einmal beim Mittagessen, als ich, mit Zustimmung der Hausfrau es gewagt hatte, Wurzeleintopf zu kochen, um den eintönigen Speisezettel zu unterbrechen und auch mal ein Gemüsegericht auf den Tisch zu bringen. Natürlich fehlte nicht das Rauchfleisch dazu. Aber trotzdem rührte der Hausherr nichts an. Sein rotes Gesicht war noch dunkler geworden, als er aufstand und sagte „Solch einen Fraß kann man doch den Leuten nicht vorsetzen!“ Aber die Knechte waren sehr einverstanden mit meiner Neuerung, als ich sie nach dem Essen danach fragte. Die „giftige“ Fliederbeersuppe allerdings wollten sie nicht essen, und auch Frau H. kostete erst, als sie sah, dass ich danach nicht gestorben war. Wir beiden leisteten uns dann öfters Extravaganzen in Form von Bohnen und Weißkohlgemüse, sogar Blumenkohl, den Mutter uns mit einem Obstpaket sandte. Für Herrn H. war weiterhin der Schweinestall der beste Gemüsegarten. Er war zufrieden mit Kartoffeln und Fleisch, geräuchert oder frisch. Speck – gekocht oder gebraten („Spökel“) mit Soße („Suppe“) und Gurken als Gemüse in allen Zubereitungsarten. Hühnersuppe oder Fischsuppe von Hecht oder Barsch war willkommene Abwechslung. Der junge Bruder fing sich kleine Krebse im Bach. Am Freitag wurde gebuttert, dann gab’s mittags zur frischen Buttermilch Pfannkuchen („Flinsen“) oder knusprige Waffeln, am Sonntag Hühner- oder Entenbraten. Das Abendbrot war meist „zweigleisig“ – vom linken Teller aß man die Bratkartoffeln, die im Fett schwammen, vom rechten das „Klunkermus“, eine Magermilchsuppe mit Mehlklüten, deren Herstellung Fingerspitzengefühl benötigte. Frau H. machte sie immer selbst.

Zu den Menschen gehört die Arbeit und bei der Arbeit kam man sich näher. Der Tag war lang. Morgens um sechs Uhr musste ich das Feuer angemacht und Kaffee und Brot für die Knechte fertig haben. Ein großer, gemauerter Herd stand in der Küche, der alte Rauchfang darüber war sauber gestrichen und nur noch ein Rudiment. In anderen älteren Häusern erlebte ich noch die „schwarze Küche“, ein kleiner dunkler Raum in der Mitte des Hauses. Mir taten die Hausfrauen Leid, die – besonders an Festtagen mit ihren vielen Gästen – in dieses Loch verbannt waren. Trotzdem zauberten sie dort Hervorragendes an Gerichten und Backwerk, sogar herrliches Marzipan, das mit der Stricknadel verziert und mit der glühenden Pflugschar überbacken wurde.

Wir heizten nur mit Holz, das ich körbeweise aus dem Schuppen holte, zumeist große Buchenscheite. Das Schweinefüttern, das ich morgens und nachmittags mit der Hausfrau gemeinsam machte, war für mich auch etwas Neues. Zu Anfang gehörten zum Bestand noch Mastschweine, die nach einigen Wochen verkauft wurden. Zurück blieben mehrere Säue und ein ganzes Rudel Ferkel. Ich lernte die richtige Futtermischung machen, holte mit der Pede das Wasser vom gegenüberliegenden Kuhstall und war froh, wenn das Grunzen, Quieken und Schreien in ein zufriedenes Schmatzen überging. Nächste tägliche Arbeit war das Bettenmachen, das Aufräumen und Saubermachen. Das letztere war einfach, man fegte die weißen Dielen und scheuerte sie einmal in der Woche. Aber dass das Bettenmachen so schwierig war, hatte ich nicht geahnt. Ganz gerade abgezirkelt musste das dicke Oberbett liegen, und ein paar Mal musste mir Frau H. ihre kleinen Kniffe dazu zeigen, ehe ich es nach vierzehn Tagen zu ihrer Zufriedenheit schaffte, und nicht vergaß, mit dem Besenstiel der Oberfläche den letzten Schliff zu geben. Auch sonst nahm es meine Hausfrau, die vor ihrer Heirat Mamsell gewesen war, sehr genau. Sie stammte aus einer Handwerkerfamilie in der nahen kleinen Stadt. Der Vater hatte mit einem Zuschuss den Kauf des Hofes ermöglicht, und die Tochter war sich ihres neuen Standes wohl bewusst. Sie sprach auch nicht ein so breites Ostpreußisch wie ihr Mann, der auf dem Lande aufgewachsen und Verwalter gewesen war. Bei ihm musste ich „ächt“ aufpassen, um etwas zu verstehen. Bei ihr machte mir die Verkleinerung vieler Worte immer wieder Spaß, mit der sie ihrer Zärtlichkeit Ausdruck gab. Sie rief ihren Hund „Kommche, kommche! Näche, kommche dochche schonche!“.

Die meisten Arbeiten machte ich mit der Hausfrau gemeinsam, das Waschen auf dem Hof draußen und das Kochen der einfachen Gerichte. Sie zeigte mir das Brotbacken und überließ es mir bald ganz; ich half ihr beim Wurstmachen, brachte es allerdings nicht fertig, von dem rohen Blutwurstteig zu kosten, den sie mir mit der rotbemanschten Hand aus der großen Schüssel greifend anbot. Zweimal wöchentlich wurden zwei Brote zu je acht Pfund und eines zu vier Pfund gebacken. Am Vortage verrührte ich die Reste des Sauerteigs vom letzten Backen mit lauwarmen Wasser und stellte sie warm. Abends, vor dem Schlafengehen, wurde die ganze Brühe mit der Hälfte des Mehls zu dickem Brei verrührt, obenauf noch eine Mehlschicht gestreut, damit es über Nacht keine Kruste gab. Am nächsten Morgen knetete ich in der großen Backmulde die zweite Hälfte des Mehls und das Salz dazu, formte die Brote, und ließ sie noch einmal gehen. Inzwischen wurde der große, gemauerte Backofen mit dicken Buchenscheiten geheizt, bis er durch und durch heiß war, und die Asche herausgenommen werden konnte. Dann erst wurden in das gleiche Ofenloch die Brote eingeschoben, die nach etwa zwei Stunden fertig gebacken waren und nur noch mit Wasser bepinselt wurden, um ihnen den schönen Glanz zu geben. Nach alter Überlieferung, die sehr ernst genommen wurde, musste dann vor dem ersten Anschnitt des Brotes mit dem Messer ein Kreuz darüber geschlagen werden. Die Menschen dieser Landschaft waren evangelisch und gewiss fromm und gläubig zu nennen. Es war aber eine andere Art Frömmigkeit, wie ich sie aus meiner Heimat kannte – natürlicher und kraftvoller – die ohne Schaden auch heidnischen Kult und manch alten Aberglauben gelten ließ, wohl manchmal vermengt mit der Ahnung vom Wirken übernatürlicher Kräfte. Oder ist es ein Instinkt gewesen, den man hier im Westen nur noch ganz selten bei einsamen oder naturverbundenen Menschen findet?

Ich saß in meiner Stube, schrieb Briefe oder nähte, hatte dabei den großen, schwarz-weißen Kater zur Gesellschaft, den ich der vielen Mäuse wegen – sie fraßen sogar die Seife an – oft herauf holte. Draußen rauschte unaufhörlich das Wasser, der Wind rauschte in den Baumkronen.

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