„Es passierte einiges, was nicht
für unsere Augen bestimmt war.”
Helmut Steinke
Helmut Steinke zeichnet zunächst das Bild eines Lebens weit abseits des Krieges. Lange Zeit verbreiten sowjetische Panzer am Bahnhof von Heilsberg keinen Schrecken – denn es sind abgestellte Beutefahrzeuge, die als Spielplatz für die männliche Jugend herhalten müssen. Ende 1944 beginnen die Tage des Plünderns – mit Fleischkonserven, Marmelade und Haferflocken aus dem bombardierten Lebensmitteldepot der Wehrmacht wird sich Helmuts Familie noch Monate über Wasser halten. Kurz vor dem Einmarsch der Roten Armee verlagert sich das Leben in die Keller, nur wenige fanatisierte Hitlerjungen haben sich irgendwo am Stadtrand verschanzt, um ebenso erbitterten wie sinnlosen Widerstand zu leisten. Und als die Russen da sind, bekommt Helmut vieles mit, was nicht für seine Kinderaugen bestimmt ist – die Rotarmisten gehen auf Frauenjagd, rauben die Bevölkerung aus und legen Brände. Leichen, Tierkadaver und Massengräber markieren in der einst so schönen Stadt Heilsberg eine Spur der Verwüstung. Nach wenigen Monaten kommen die Polen, treiben die verbliebenen Deutschen aus der Stadt aufs Land, um sie schließlich hinter die Oder auszusiedeln. Hunger, Bettelgänge und Konflikte mit Einheimischen prägen dort den Alltag der Ostflüchtlinge.

Die Brüder Helmut und Walter Steinke im Hof ihres Elternhauses in Heilsberg, im Hintergrund die Plätterei Wien.
Es muss das Jahr 1938 gewesen sein, als sich meine Eltern entschlossen, von Mehlsack, wo ich am 17. April 1936 geboren wurde, nach Heilsberg umzuziehen. Heilsberg war eine kleine Kreisstadt mit 11.000 Einwohnern. Mein Vater, ein gelernter Automechaniker, Schmied und Feinmechaniker, bekam dort eine Arbeitsstelle in einer Kfz-Werkstatt. Auf dem Firmengelände gab es eine schöne Wohnung für uns. Doch schon im nächsten Jahr brach der Krieg aus – mein Vater wurde eingezogen, kam für ein halbes Jahr nach Frankreich und dann an die Ostfront.
Mit dem Schulbeginn im Jahre 1942 begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Zu dieser Zeit wohnten wir in der Ferdinand-Schulz-Straße 32, in der Nähe des Flusses Alle, der in Heilsberg ungefähr 40 Meter breit ist. Im Winter nutzten wir die zugefrorene Alle als Schulweg – es war eine gewaltige Abkürzung für uns. Auch unsere Freizeit verbrachten wir sehr gerne dort. Die Alle lag in einem tiefen Tal und war deshalb ein guter Platz zum Rodeln. Man konnte an der einen Seite den Hang herunterfahren, über den Fluss schlittern und zum Abbremsen auf der anderen Seite wieder ein Stück hinauf fahren. An manchen Wintertagen kamen wir aber nicht aus der Wohnung heraus, weil einfach zu viel Schnee lag. An solchen Tagen hatte Mutter Zeit und Muße, uns einiges beizubringen. Sie lehrte uns zum Beispiel Häkeln, Stricken, Stopfen und Sticken. Mein Bruder Walter strickt heute noch Jacken.
Wenn das Eis zu brechen anfing, wurde es für meine Freunde interessant: Sie suchten sich eine schöne, große Eisscholle, ließen sich, mit einer Bohnenstange bewaffnet, ein Stück treiben und stakten sich dann irgendwo wieder an Land. Doch für mich kam das nicht in Frage, denn mit Wasser hatte ich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Und nicht nur mit Wasser – ich kam überall zur rechten Zeit, wenn es galt, irgendwelchen Mist zu bauen.
Mein Opa hatte aus dem ersten Weltkrieg einen Granatsplitter mitgebracht, mit dem Walter und ich „Pferde beschlagen“ spielten. Als ich wieder mal „Schmied“ war, hielt ich wie üblich den Granatsplitter unter Walters Schuhsohle und schlug dann mit dem Hammer darauf. Es löste sich ein kleiner Eisensplitter und flog mir direkt ins Auge. Nur der Augenarzt konnte mir helfen, und die Augenärzte waren damals nicht so gut ausgerüstet wie heute. Ein langes, spitzes Ding führte er durch ein trichterförmiges Gerät und kratzte mir damit den Eisensplitter vom Augapfel.
Für viel Abwechslung in unserem Kinderalltag sorgten auch die beiden Kasernen, die sich in Heilsberg befanden – eine Infanterie- und eine Artilleriekaserne. Alle Soldaten, die zum Einkaufen in die Stadt wollten, mussten an unserem Haus vorbeigehen. Im Winter nahmen wir einfach unseren Rodelschlitten, mit einer schönen, langen Schnur versehen, und brauchten nie lange zu warten, bis sich ein Soldat erbarmte und uns ein Stück zog – manchmal mehrere hundert Meter. Auch wenn die Soldaten mittwochs geschlossen zum Kino marschierten, hatten wir unseren Spaß, denn sie freuten sich spitzbübisch, wenn sie uns unter ihrem langen Mantel in einen für uns Kinder verbotenen Film schmuggeln konnten. An einen dieser Filme erinnere ich mich noch, er hieß „Rosen aus dem Süden“.
Von Zeit zu Zeit konnten wir Beerdigungen mit allen militärischen Ehren miterleben. Für uns war es interessant, wenn eine Gruppe Soldaten zum Salutschießen anmarschiert kam. Sobald das Begräbnis zu Ende war, stürmten wir zum Grab, um die leeren Patronenhülsen aufzusammeln.
Einmal im Jahr war „Tag der Wehrmacht“. Überall in der Stadt und auf den Kasernenhöfen gab es dann irgendwelche Veranstaltungen. Der Höhepunkt war aber immer am Schwimmbassin der Artilleriekaserne. Hier gab es im Wasser interessante und lustige Vorführungen – zum Beispiel spielten einige der Soldaten Ertrinkende, die gerettet werden mussten, und das Ganze war mit einer gehörigen Portion Clownerie versehen. Mein Bruder und ich konnten gar nicht dicht genug herankommen, und plötzlich war es passiert – alle beide lagen wir im Wasser. Ich will es nicht beschwören, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass hier die Wurzeln meiner Wasserscheu liegen.
Die Schulferien verbrachten wir fast ausschließlich in Mehlsack bei Oma Schacht. Es gab zwei Möglichkeiten, dorthin zu kommen: den Postbus oder die Reichsbahn. Der Zug war mir immer lieber, denn am Bahnhof gab es etwas, was mich immer wieder faszinierte: den Süßigkeiten-Automaten. Für zwei Dittchen konnte man eine Schachtel gebrannte Mandeln ziehen, und für fünf Dittchen gab es schon eine kleine Tafel Schokolade.
An Wochenenden war bei Oma und Opa Schacht immer die Hölle los. Die Tanten und Onkel kamen mit ihren Kindern dorthin, und das waren nicht gerade wenige, mindestens 20-25 Kinder. Die Männer spielten dann an drei Tischen Skat und die Frauen kochten. Es gab immer einfaches ostpreußisches Essen wie Brennsopp mit Schucke, Krischel oder Spirkel (gebratener Bauchspeck) mit Soltschucke und Schmunzelsoße. Krischel war ausgelassener, magerer Speck und Schmunzelsoße wurde aus fetten, kräftig ausgelassenen Speckwürfeln und einer dunklen Mehlschwitze hergestellt. Oder es gab Pellschucken mit Krischel oder Hering. Die Essensreste kamen alle in einen großen Eimer – der Inhalt nannte sich dann „surer Drank“, und diesen „suren Drank“ bekam das Schwein.
Oma hatte eine Kuckucksuhr. An einer Kette hingen zwei Kontergewichte, und wenn das eine Kontergewicht oben angelangt war, musste es heruntergezogen werden. Wurde das vergessen, blieb die Uhr stehen. In so einem Fall klopfte Oma immer an die Wand und fragte die Nachbarin, Frau Misekowski, wie spät es ist – und das hörte sich so an: „Du, Misekowsch, wat is de Seejer?“.
Jedes Mal, wenn wir zur Oma Schacht kamen, zog der Sicherungskasten Walter und mich wie ein Magnet an. Für gewöhnlich haben die Sicherungskappen ein kleines Glasplättchen, einen Isolator hinten drin, aber an diesem Kasten war das nicht so. Also steckten wir unsere Finger hinein. Dann zuckte es im Finger so schön und schließlich tat es sogar weh. Heute weiß ich, wie gefährlich das war. Damals gab es niemanden, der uns daran gehindert hätte.
Opa Schacht arbeitete in der Eierbude als Fahrer und brachte abends immer Brucheier mit, eine ganze Kanne voll, die wir mit Zucker verrührt aßen. Außerdem trank er sehr gern. In trunkenem Zustand ging er keinem Streit aus dem Weg, und ein Messer hatte er auch immer im Stiefelschaft. Es durfte auch keiner wagen, ihn aus der Kneipe zu holen – außer Walter und ich. Wir gingen gerne hin, um ihn zu holen, denn es gab jedes Mal eine Tafel Schokolade.
Hin und wieder fuhren wir auch nach Lawden, wo eine Freundin von Mutter wohnte. Sie hatte eine ganze Menge Kinder, mit denen man gut spielen konnte, und eine riesige Schar Gänse, die ständig etwas fallen ließen. Da wir immer barfuss liefen, kam es häufig vor, dass uns der Gänsedreck zwischen den Zehen hervorquoll. Quer durch die Wiese lief ein kleiner Bach – da stiegen wir dann kurz rein, und schon war wieder alles sauber.

Das Tal des Flüsschens Simser war ein beliebtes Ausflugsziel der Heilsberger. Dort entstand dieses Foto der Geschwister Steinke (von links): Walter, Regina, Helmut und Monika.
Zum ersten Mal merkten wir, was der Krieg bedeutet, als die Brüder Schmidt, die im selben Haus wohnten, ihren Vater verloren. Er war an der Front gefallen, und wir hörten und sahen, wie sie geweint und getrauert haben. Und als Trost schenkte man ihnen Kriegsspielzeug, man stelle sich das mal vor!
Recht selten gab es auch Fliegeralarm, zuerst nur nachts, später auch schon mal tagsüber. Passiert ist aber nichts, denn die Flugzeuge waren alle nach Königsberg unterwegs. Die Schule fiel dann trotzdem aus, und wir gingen auf dem Güterbahnhof spielen. Dort waren russische Beutefahrzeuge, Panzer und Raupenschlepper, abgestellt, und auch eine ausgebrannte Ju 52 war dort zu bewundern.
Wegen der Bombengefahr standen auch überall Kisten mit Löschsand, der für Brand- und Phosphorbomben gedacht war. Dazu gab es auch Gebrauchsanweisungen, die überall angeschlagen waren. Wehe, der Luftschutzwart kam und es war etwas nicht in Ordnung! Erwähnenswert sind auch die vielen Plakate, die überall an den Wänden prangten: „Achtung! Feind hört mit!“ oder „Räder müssen rollen für den Sieg“.
Dann fingen die Geschäftsleute an, ihr Hab und Gut zu verlassen und zu flüchten. Die Zeit des Organisierens und Plünderns begann – obwohl die meisten Schaufenster mit Brettern vernagelt worden waren. Mutter und ich beteiligten uns auch daran und schafften Lebensmittel heran, soviel wir konnten – und das war eine ganze Menge! Später stellte es sich heraus, dass wir klug gehandelt hatten. Zucker, Kakao, Haferflocken waren dabei und eigentlich alles, was nicht leicht verderblich war. Am Güterbahnhof gab es ein Lebensmitteldepot der Wehrmacht, das einen Volltreffer bekommen hatte – Konserven, die nicht angeschmort waren, eigneten wir uns auch an. In den Dosen war Schmierkäse, verschiedene Sorten Wurst, Schmalzfleisch, Marmelade und noch einige Dinge mehr. Sogar Wein organisierten wir – und dann kam es, wie es kommen musste. Nachdem ich viel Kakao mit Haferflocken und Zucker genascht hatte, probierte ich im unbeobachteten Moment auch von dem Wein, der auf dem Tisch stand. Die Katastrophe war perfekt – so viel und so schlimm habe ich in meinem ganzen Leben nicht mehr brechen müssen.
Dann begann eine öde Zeit, man pendelte zwischen Wohnung und Luftschutzkeller hin und her. Unser Luftschutzkeller befand sich im Wohnhaus der Familie Stutz, die eine Baufirma besaß. Sie waren schon geflüchtet, und so stromerten wir während der Gefechtspausen im verlassenen Haus herum. Der Sohn des Hauses, Ludwig Stutz, hatte eine riesige Sammlung von Zinnsoldaten, schön aufgebaut in einer Glasvitrine. Na, das war was für uns! Das waren Dinge, die wir zwar kannten, aber nie besessen hatten. Wenn immer es ging, waren wir im Obergeschoss und spielten dort. Etwas zu entwenden, trauten wir uns aber nicht, denn im Allgemeinen glaubte man ja, dass sich bald wieder alles normalisiert und die Leute alle wieder zurückkommen.
Auch viele Bauern waren offensichtlich getürmt, denn am Stadtrand waren Hunderte von Kühen aus der ganzen Umgebung zusammengelaufen. Ihr Brüllen konnte man meilenweit hören und es war kaum auszuhalten. Sie hatten wahrscheinlich Schmerzen in den Eutern, weil sie über Wochen hinweg nicht gemolken worden sind. Nicht wenige sind auch verendet. Den Leuten war das zwar nicht egal, aber was sollten sie machen?
Tagelang gab es schwere Straßenkämpfe, man konnte immerzu das Geheul der Granaten hören. Eine Gruppe von Hitlerjungen verschanzte sich in einer Siedlung am Stadtrand, die nur eine Zufahrt hatte, und wehrte sich fast einen ganzen Tag gegen russische Panzer. Das Wummern der Granaten hörten wir damals bis in unseren Luftschutzkeller und wir waren mindestens drei Kilometer Luftlinie entfernt.
Am 5. Januar 1945 war es soweit. Wir saßen mit vielen Nachbarn wieder mal im Luftschutzkeller – da sahen wir den ersten russischen Soldaten. Die Russkis kamen, ziemlich wild und emotional aufgeladen, in unseren Keller und verlangten zuerst nur Schmuck und Uhren. Als nächstes waren die Frauen dran. Gott sei Dank waren die Russen sehr kinderlieb, und meine zwei kleinen Geschwister – drei und ein Jahr alt – bewahrten Mutter vor Vergewaltigungen.
Es passierte natürlich einiges, was nicht für unsere Augen bestimmt war. Vor allen Dingen machten die Russen kurzen Prozess mit den brüllenden Kühen: Was sie nicht zum Essen brauchten, erschossen sie kurzerhand. Die Kadaver wurden mit Räumfahrzeugen verscharrt. Dann legten sich die ersten Stürme, doch wir hausten noch eine ganze Weile im Luftschutzkeller, und immer noch kamen Russen, die nach Frauen suchten. Vor allem die Menschenmenge war es, die einen guten Schutz gegen streunende Russen bot. Das klappte aber nicht immer. Bei uns im Keller gab es zwei gut aussehende Frauen, Mutter und Tochter. Es war unschwer zu erkennen, dass sie viel Geld hatten, denn sie waren sehr arrogant und in Pelze gehüllt. Das machte die Russen regelrecht auf sie aufmerksam, und beide hatten das richtige Alter: die Mutter nicht zu alt und die Tochter alt genug. Die Vergewaltigung der beiden Frauen durch mehrere Soldaten, es waren auch Offiziere dabei, bekam ich mit. Wie schlimm das war, begriff ich damals noch nicht, denn ich war eben Kind.

Der Vater von Helmut Steinke verbrachte den Krieg bei der Instandsetzungstruppe an der Ostfront in Russland. Vor dem Einmarsch der Roten Armee wollte er seine Familie abholen.
Unser Wohnhaus wurde von Russen angezündet und brannte aus – auf dem Dachboden hatten sie eine Fanfare mit einem Hakenkreuzwimpel entdeckt, die einem jugendlichen Mitbewohner gehörte, der im Jungvolk war. Als das Haus brannte, versuchte Mutter noch schnell, ein paar Dinge in Sicherheit zu bringen, unter anderem eine wertvolle Standuhr und eine Singer-Nähmaschine. Vater war bei der Wehrmacht bei der Instandsetzungstruppe und war immer mit einem Bus mit Ersatzteilen für Kraftfahrzeuge unterwegs. Er sagte zu Mutter immer: „Wenn etwas passiert, komme ich mit dem Bus und hole euch, die Standuhr und die Nähmaschine“. Leider kam alles anders, denn er wurde verwundet und geriet kurz darauf in Gefangenschaft. Aber das sollten wir erst gut drei Jahre später erfahren.
Es muss März 1945 gewesen sein, als uns die Russen aus den Kellern holten und aus der Stadt jagten. Spätestens da gingen die vor dem Brand geretteten Gegenstände doch verloren. Der Weg durch die Stadt war grausam. Obwohl schon mehrere Wochen seit dem Zusammenbruch vergangen waren, stank es immer noch nach Qualm und Verbranntem. Aber viel schlimmer waren die vielen Leichen und Tierkadaver, die überall herumlagen und bestialisch stanken – den süßlichen Leichengeruch habe ich manchmal heute noch in der Nase, wenn ich im Fernsehen Kriegsbilder sehe. Es waren auch viele Zivilisten unter den Toten. Einer alten Frau hatte man vermutlich mit dem Gewehrkolben das Gebiss in den Hals geschlagen. Einem Soldaten war man mit dem Panzer über den Kopf gefahren, so dass das Gesicht nur noch ein breiiger Matsch war. Wir konnten gar nicht schnell genug aus der Stadt herauskommen.
Damit man uns besser bewachen konnte, wurden wir in einer Siedlung am Stadtrand zusammengetrieben und auf alle leer stehenden Häuser verteilt. Wir kamen in das Haus einer Frau, die beim Einmarsch der Russen Witwe geworden war. Die Russen hatten versucht, sie zu vergewaltigen. Ihr kriegsgeschädigter Mann stieß zusammen mit dem Sohn einen der Russen die Treppe herunter – dabei brach sich der Typ das Genick. Seine Kameraden schafften ihn fort. Kurze Zeit später kamen sie wieder und warfen eine Handgranate durchs Fenster – dabei wurde der arme Kerl getötet. Die Frau grub ihn direkt hinter dem Haus ohne Sarg ein. Da liegt er ganz bestimmt heute noch, denn der Sohn der Familie war geisteskrank und bekam das alles nicht richtig mit. Die Frau war so verzweifelt, dass sie fortan gleich freiwillig mitging, wenn Vergewaltiger kamen – und es kamen einige. Sie hatte die Unterhose mehr aus als an und war so schlimm an der Blase erkältet, dass sie sich in jeder Pause breitbeinig über einen kleinen Kanonenofen stellen musste – wie das roch, kann sich wohl jeder vorstellen. Aber das hat meine Mutter und vier weitere Frauen, die dort noch mit ihren Kindern wohnten, vor Vergewaltigungen geschützt. Immer, wenn ein russischer Vergewaltiger kam, sagte die Frau „Bringt erstmal die Kinder hier weg!“. Doch manchmal ging es gleich an Ort und Stelle zur Sache.
In dieser Siedlung gab es auch eine Kommandantur. Der Kommandant, sein Name war Sascha, stellte dort täglich Arbeitstrupps zusammen. Dort empfing er auch die Menschen zu Verhören. Dabei zog er immer wieder seine Pistole raus und schoss ein paar Mal in die Luft. Ich erlebte oft, dass er alte Männer mit Fußtritten traktierte. Mutter hatte leider auch das Pech und wurde drei Tage lang verhört. Nach den Verhören wurden alle Leute über Nacht in einen Hühnerstall gepfercht, und zwar so viele, dass sie nur stehen konnten. Da suchte ich Mutter immer an einem kleinen Fenster auf und holte mir Ratschläge, wie es weiter gehen soll. Meine Angst, dass sie nicht wieder kommt, war groß. Nach drei Tagen war der Spuk, Gott sei Dank, vorüber.
Damit Mutter nicht allein war, ging ich immer mit, wenn sie mit anderen Frauen und den alten, invaliden Männern Leichen und Tierkadaver in Massengräbern einbuddeln musste. Eines der größten Massengräber wüsste ich sogar heute noch zu finden, es sei denn, jemand anders hat schon dafür gesorgt, dass die Leichen exhumiert wurden. Das Grab war in der Nähe der Kopernikusbrücke an der Strasse nach Allenstein. Es war so riesig, dass man bequem ein großes Haus darin hätte verschwinden lassen können. Selbst heute, nach über 60 Jahren, sehe ich noch manchmal die Frauen und Invaliden, wie sie mit langen Seilen die riesigen Pferde und toten Soldaten in das große Loch ziehen.
Manchmal musste Mutter auch zum Lazarett. Dort wurde Verbandsmaterial gewaschen, gebügelt und die Binden wieder aufgewickelt. Im Lazarett war es auch, wo mir die Russen das Rauchen beigebracht haben. Je mehr Mutter schimpfte, umso mehr freuten sich die Soldaten. Ich bekam sogar gekaufte Zigaretten, während die Russen sich Machorka in irgendwelches Papier wickelten.
Trotz dieser Arbeitseinsätze blieb uns noch Zeit, durch die Gegend zu stromern. So passierte es einmal, dass wir in der Nähe der Kopernikusbrücke einen großen Bücherhaufen sahen. So etwas macht neugierig, die Bücher stammten wohl alle aus der Bücherei auf der anderen Straßenseite. Der Haufen wurde natürlich gründlich untersucht. Da Schätze meistens verborgen sind, griff ich auch mal tiefer in den Haufen hinein. Plötzlich hatte ich etwas Kaltes und Sperriges in der Hand. Mit einiger Mühe zog ich diesen Gegenstand heraus. Ich war wie versteinert, als ich in meiner Hand ein amputiertes Bein sah, einen Unterschenkel bis zum Knie hinauf. Diese Sache ging mir ganz schön an die Nieren. Leichenteile hatte ich ja schon öfter gesehen, aber so etwas in der Hand zu halten, war für mich dann doch zu viel.
Ein anderes Mal fanden wir einen Stützpunkt der deutschen Wehrmacht. Es war ein ziemlich hoher Berg, um den rundherum Gräben gezogen waren, ungefähr zwischen 50 und 80 Meter tief. Vermutlich wollte man damit russische Panzer aufhalten. Als wir endlich über den einzigen Zugang auf den Berg gelangten, schauten wir uns erst einmal um: Russische Panzer waren nicht in dem tiefen Graben, aber deutsches Kriegsgerät und tote Soldaten und Pferde. Auf dem Berg selbst standen mehrere Geschütze und auch einige Panzerabwehrkanonen. Munition gab es in Hülle und Fülle und auch alles, was man brauchte, um die Kartuschen wieder schussbereit zu machen. Die Füllung für die Kartuschen, alles in kleinen Säckchen, sah aus wie Hörnchennudeln. Wir schütteten diese Hörnchen auf einen Haufen und versuchten, sie mit einem Brennglas zu entzünden. Nach etlichen Versuchen, klappte es – aber um was für einen Preis! Waldemar Konrad, der das Brennglas bediente, hatte sich über den Haufen gebeugt, und als es plötzlich zischte, war es schon zu spät. Er verbrannte sich das ganze Gesicht. Es war schlimm, denn es gab ja keine ärztliche Versorgung. Aber irgendwie ist er damit fertig geworden.
An einer großen Menge Pistolenmunition konnte man ja auch nicht so einfach vorbeilaufen, also wurde sie mitgenommen. Damit schießen wollten wir natürlich nicht, obwohl auch genügend Pistolen herumlagen. Wir hatten anderes im Sinn. Die Patronen wurden aufrecht auf einen großen, platten Stein gestellt, und dann wurde ein anderer großer Stein darauf geworfen. Das Ergebnis: Es knallte so schön!
Allzu gerne wären wir auch mal in einen Panzer, einen Königstiger, geklettert, der am Straßenrand vor dem Krankenhaus stand. Leider hatten die Russen ausgerechnet dort die Stadtkommandantur eingerichtet und russische Flintenweiber schoben dort immer mit der Kalaschnikow unterm Arm Wache. In dieser Kommandantur war immer was los: Es gab immer ganz laute Musik, es wurde getanzt und gesungen, und wahrscheinlich floss da auch der Wodka in Strömen. Ein weiterer Panzer stand auf der Chaussee nach Guttstadt, aber da konnten wir auch nicht rein, weil ein deutscher Soldat mit dem Kopf nach unten aus dem Turm hing.
Wir machten aber auch vernünftige Dinge. Ich drosch zum Beispiel in einer Scheune Roggen und Weizen mit einem Knüppel. Das Getreide wurde zum Teil für Kaffee geröstet, dem Ganzen mischten wir noch Zichorie bei, die wir beim Herumstromern in der Stadt gefunden hatten. Das war wohl der echteste Muckefuck, den es je gegeben hat. Außerdem mahlten wir in der Kaffeemühle Weizen und Roggen zu Mehl, um daraus Brot zu backen. Auch Klunkermus mit Melde konnte man von dem Mehl kochen. Diese Melde (auch „spanischer Spinat“ genannt) pflückten wir hinter dem Haus, das gab einen besonderen Geschmack und Vitaminreich war das wohl auch. Das einzige Problem war das fehlende Salz – alles schmeckte ziemlich fade, aber der Hunger trieb es rein.
Außerdem gab es in Heilsberg eine Domäne, also ein großes Staatsgut. In einer riesigen Scheune war dort bis unters Dach Mohn eingelagert, und das war natürlich auch etwas für uns. Wir nahmen das Zeug zum Backen, auch für den Brotteig. Wir holten aber auch „Chljeb“ bei den Russen, denn Fritz' Mutter arbeitete in einer russischen Militär-Bäckerei. In dieser Bäckerei musste ich feststellen, dass die Russen ziemliche Ferkel waren. Fritz und ich kamen einmal dorthin, und sie hatten seine Mutter gerade dazwischen – nackt, wie Gott sie geschaffen hat. Sie schnappten sich Fritz und legten ihn auf die Mutter. Sie bettelte, sie sollen aufhören, denn es wäre doch ihr eigener Sohn. Statt Fritz legten sie also mich drauf. Was da passieren sollte, verstand ich schon sehr wohl, denn ich hatte in den letzten zwei Monaten genug Anschauungsunterricht bekommen. Aber ich hatte fürchterliche Angst und schämte mich sehr. Das merkten sie und ließen mich dann in Ruhe. Fritz' Mutter nahm mich einen Tag später in den Arm und sagte, dass das nur Spaß gewesen sei, und ich solle auch mit niemandem darüber reden, denn die Russen würden öfter so einen Blödsinn machen. Was Fritz dabei dachte und empfand, habe ich nie erfahren, denn wir haben nie über die Sache gesprochen.
Mit Fritz war ich oft unterwegs, immer wenn Mutter nicht arbeiten musste. Einmal fanden wir einen Raum, der voll mit Haferflocken war, und da die zuerst organisierten Flocken schon zu Ende waren, kam uns das gerade recht. Außerdem trieben wir in einer großen Gärtnerei jede Menge Möhren auf, die so frisch waren wie gerade aus der Erde geholt. Oft war ich auch alleine unterwegs. Eines Tages fiel mir am Gesundheitsamt, an dem ich immer vorbeigehen musste, wenn ich aus der Stadt kam und nach Hause in die Siedlung ging, ein riesiger Haufen auf. Aus Erfahrung wusste ich, dass die Russen den Haufen bald anzünden würden – so entsorgten sie alles, was sie nicht gebrauchen konnten. Ich näherte mich dem Haufen, wurde aber von einem russischen Posten verjagt. Doch ich versuchte es später noch einmal – durch die Not, die herrschte, hatte ich gelernt, die Angst zu verdrängen. Es waren hauptsächlich Medikamente, wahrscheinlich Lagerbestände des Gesundheitsamtes. Unter anderem lagen dort kleine Röhrchen mit Panflavin, einem Mittel gegen Husten und Grippe, das irgendwie nach Kakao schmeckte und die Zunge so schön betäubte. Außerdem fielen mir kleine braune Fläschchen auf, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Es war Vigantol, das meine Mutter früher vom Kinderarzt für meine kleinen Schwestern verschrieben bekam. Es war eine ölige, geschmacklose Substanz. Ich sammelte alle Fläschchen ein, und es waren sicherlich ein paar Dutzend. Mit diesem Zeug brieten wir dann Kartoffeln. Bisher machten wir die Bratkartoffeln mit selbst geröstetem Kaffee – so bekamen sie wenigstens etwas Farbe und brannten in der Pfanne nicht an.
So vergingen ungefähr vier Monate, und mittlerweile waren auch die Aufräumarbeiten beendet. Aber immer noch liefen verwundete Pferde herum, die von den alten Männern eingefangen und geschlachtet wurden. Von diesem Fleisch kochten sie eine Zeit lang jeden Tag einen Eintopf. Außerdem kam es oft vor, dass die Russen mit Handgranaten oder Dynamit fischten. Die Alle floss direkt an unserer Siedlung vorbei – wenn wir also Explosionen von der Alle her hörten, rannten wir dorthin. Es fiel immer etwas für uns ab, die vielen Fische, die an der Wasseroberfläche trieben, konnten die Russen gar nicht alle einsammeln.
Zusammen mit Freunden versuchte ich auch, mir ein Fahrrad aus russischen Beständen zu beschaffen. Die Russen hatten alle Fahrräder, deren sie habhaft werden konnten, in die Einzelteile zerlegt und in Holzkisten verpackt. Wir brachen diese Kisten auf und schusterten uns von diesen Teilen jeder einen Drahtesel zusammen. Nur, so sehr wir auch suchten, Bereifung war nicht aufzutreiben. Ich unternahm trotzdem einen Fahrversuch – mit blanken Felgen und im tiefen Sand. Doch kaum war ich oben, lag ich auch schon wieder unten. Meine Knie und Ellenbogen wurden dabei fürchterlich lädiert, was mich veranlasste, meine Versuche auf später zu verschieben.

Mutter Steinke mit ihren Söhnen Helmut und Walter. Im Sommer 1945 wurde die Familie aus ihrer Heimatstadt vertrieben.
Wir hatten uns gerade an dieses Leben gewöhnt, da übergaben die Russen den Polen die Verwaltung und zogen sich selber zurück – wir mussten also wieder umdenken. Die Polen trieben uns im Sommer 1945 aus der Stadt aufs Land. Es war eine sehr anstrengende Tippelei, und nach etwa 15 Kilometern kamen wir auf einem großen Gut an. Es erwartete uns schwere Erntearbeit. Das Gut war in einem Kaff, das sich Krekollen nannte. Zum Glück wohnte dort eine Freundin meiner Mutter. Sie lebte mit ihren beiden Kindern und ihrem invaliden Mann, der nicht kriegsverwendungsfähig war, auf einem winzigen Bauernhof.
Bei Nacht und Nebel – es war von den Polen noch nichts organisiert und es gab auch keine Wache – verließen wir das Gut, um bei der Freundin meiner Mutter unterzukriechen. Die neue Umgebung musste natürlich inspiziert werden, und so landete ich auch in einer Scheune. Doch kaum hatte ich einen Fuß in die Scheune gesetzt, da war ich auch schon wieder draußen – vor Schreck, versteht sich. Die Russen hatten dort einen Polen aufgehängt, und er stank schon bestialisch.
Bei Mutters Freundin gab es viel und gut zu essen. Alles kam ganz frisch aus dem Garten oder vom Feld. Außerdem waren wir, da gerade Saison war, sehr oft im Wald in den Pilzen. Es gab dort auch einen etwas größeren Teich, wo wir ein paar Fische fangen konnten. Sorge machte uns nur Walter, der so etwas wie Rheuma hatte und kaum laufen konnte. Mit Schilfbädern, die angeblich helfen sollten, versuchten wir ihm zu helfen. Aber es war alles umsonst.
Es ging uns dort gut, doch Mutter hatte den sehnlichen Wunsch nach Mehlsack zu tippeln, in der Hoffnung, dort noch Verwandte anzutreffen. Im Spätsommer bastelten wir mit Hilfe des Hausherrn zwei Bollerwagen. Einen Kinderwagen hatten wir schon, und nun brauchten wir noch ein bis zwei Wagen, um alles zu verstauen, was wir besaßen. Es war nicht viel, aber man konnte das eben nicht alles in den Händen tragen. Im Herbst brachen wir dann auf. Die 52 Kilometer bis Mehlsack legten wir in etwa drei Wochen zurück. Unterwegs erlebten wir natürlich einiges. Zum Beispiel wurden wir während einer Verschnaufpause im Straßengraben von einem Polen überfallen. Während er sich einen kleinen Koffer schnappte, riss er mir auch noch mein Käppi vom Kopf. Das größte Problem war aber das Essen, und so kam es, dass wir auch einmal Frösche, „Poggen“ wie wir sagten, zu essen bekamen. Bei mir blieb es auch beim Probieren und ich denke heute noch mit Ekel daran.
Natürlich waren Mutter und ich mit der Kraft ziemlich am Ende. Wir zogen jeder einen Bollerwagen und schoben gleichzeitig noch abwechselnd den Kinderwagen, in dem Walter saß, der wegen seinem Rheuma uns nicht helfen konnte. Auch die beiden Mädchen saßen die meiste Zeit auf den Wagen. Zuerst hatte ich Blasen an den Händen und später Schwielen. Unser Schuhzeug, das ohnehin nicht mehr das Beste gewesen war, bekam bei der Tippelei den Rest.
Bei der Ankunft war unsere Enttäuschung sehr groß, denn im Grunde genommen war alles umsonst gewesen. Verwandte wie Oma und Geschwister, die Mutter sich so sehr gewünscht hatte hier anzutreffen, waren nicht in Mehlsack, und es gab auch niemanden, der uns etwas über deren Verbleib hätte sagen können. So mussten wir den Winter alleine hier verbringen. Nur Vaters Mutter und seine Schwester Frosina mit zwei Kindern, Bruno und Lisbeth, waren in Mehlsack. Mit Bruno stromerte ich ein bisschen durch die Stadt, aber es lag ja alles in Schutt und Asche. Die Russen hatten in der Mehlsacker Kirche die Orgel zerstört und wir holten uns da einige Orgelpfeifen, und zwar die kleinen, denn für die großen hatten wir keine Luft, da konnten wir keinen Ton herausbekommen.
Wer die Möglichkeit hatte, versuchte sich einen Polen an Land zu ziehen, denn sie hatten wenigstens zu essen. So auch die junge Frau, bei der wir im Haus wohnten. So fiel hin und wieder etwas für uns ab. Ansonsten war mit der Esserei nicht viel los.
Im März wurden wir in einem großen Schulgebäude am Stadtrand gesammelt. Ein alter Mann um die 70 hatte dort versucht, den Polen Stampfkartoffeln als Butter zu verkaufen. Man nahm ihn in die Mitte und schlug auf ihn ein. Wo er hinflog, bekam er einen Faustschlag ins Gesicht. Er überlebte das wohl nicht, denn beim anschließenden Fußmarsch nach Braunsberg war er nicht mehr dabei.
Bei diesem Marsch waren wir mit Oma Ernst und den Kindern eines Verwandten zusammen: Lisa, Paul und Karl-Heinz. Es muss ungefähr Mitte März gewesen sein, als man uns in Viehwaggons verfrachtete. Die Fahrt ging mal hierhin, mal dorthin. Manchmal blieb der Zug tagelang stehen, weil keine Kohlen für die Lok da waren. Ich erinnere mich noch gut an die Kälte in dem Viehwaggon. Es gab riesige Ritzen im Bretterboden, der mit ganz wenigen Strohhalmen ausgelegt war. Bei einem Zwischenstopp kampierten wir in der Kälte auf dem Bahnsteig. Da stahl uns ein Pole, der dort auf und ab ging und lauthals „Sapauki, Papjerossi“ (Streichhölzer, Zigaretten – Red.) schrie, blitzschnell das letzte Kopfkissen. Die Viehwaggons verließen wir endgültig erst im Dezember 1946 in Parchim in Mecklenburg. Der ständige Hunger und der Durst hatten jetzt ein Ende. Wir landeten in einer riesengroßen Gartenanlage, und der Rosenkohl hatte schon ein paar Mal den so wichtigen Frost abbekommen.
Weihnachten 1946 verbrachten wir in einem großen Gutgebäude in Karow, und da kehrte mal wieder etwas Ruhe ein. Wir hatten wieder etwas Zeit, um unsere Körper zu pflegen. Kleiderläuse, Kopfläuse und Flöhe waren nämlich dabei, sie zu zerfleischen. Die Quälgeister wurden einfach zwischen den Daumennägeln oder auf den teuren Marmorfensterbänken des Gutshauses zerdrückt. Räume, in denen man dies ungestört tun konnte, gab es genug – die Russen hatten auch hier gewütet und alle Räume fein säuberlich leer geräumt.

Männer zerlegen ein verendetes Pferd – unmittelbar nach Kriegsende ein häufiges Bild auf Deutschlands Straßen. Foto aus den Beständen des Bundesarchivs (Nr. 183-R77871).
Dieses große Gebäude hatte allerdings auch einen Nachteil: Man hätte eine Nadel fallen hören können und zwar mit einem fürchterlichen Getöse, so schlimm schallte es durch die leeren Räume. Es gab dort einen Leidensgenossen, schätzungsweise 50 Jahre alt und mit einer Beinprothese, der immer Hunger hatte und alles heranschaffte, was halbwegs essbar war. So auch einen toten Gaul, der schon grausam stank, was den Invaliden aber nicht daran hinderte, das Fleisch in einer großen Konservendose ohne Salz und Gewürze zu kochen und zu essen. Die Folge war: Er bekam einen fürchterlichen Durchfall, und das tagelang, wobei die Nächte am schlimmsten waren. Der Teufel wollte es, dass seine Beinprothese dringend einen Tropfen Öl benötigt hätte, aber woher nehmen? So quietschte sie erbärmlich und ließ uns nicht schlafen. Wegen der großen Kälte platzierte Julius seine Tretminen dicht vor dem Hauseingang, indem er seinen Hintern ganz einfach aus der Tür hielt. Es war erstaunlich, wie weit er seinen Durchfall schleudern konnte, und es war auch ein Halbkreis zu erkennen. Der Frost hatte dafür gesorgt, dass alles gut begehbar war und man nicht vorsichtig das Gebäude verlassen musste.
Zu essen gab es dort wirklich nicht viel. Wenn meine kleine Schwester morgens wach wurde, waren ihre ersten Worte: „Mutti, Brot!“. Die meiste Zeit war ich unterwegs, um zu betteln, von morgens bis abends. Oft tippelte ich die 15 Kilometer nach Plau – dem größten Ort in der Nähe – zu Fuß, und wenn ich mal Glück hatte, kam ein Russe mit einem Panjewagen des Weges und nahm einen mit. Kinderlieb waren sie ja, das muss man ihnen lassen. Manchmal konnte man auch für 50 Reichspfennig mit dem Zug von Karow nach Plau oder umgekehrt fahren – erstaunlich, dass das damals schon möglich war. In Plau bekam ich einmal ein warmes Mittagessen. Es gab Bratkartoffel mit geräuchertem Fuchs, das war die reinste Schlemmerei.
Manchmal war ich ganze Tage unterwegs, schlug ziellos eine Richtung ein und hoffte, dass ich etwas zu essen bekomme. Wie gefährlich es war, einfach durch tief verschneite Felder zu laufen, um an irgendeinen Bauernhof zu gelangen, konnte ich damals noch nicht einschätzen. So weit das Auge reichte, war alles weiß, der Boden ging in den Himmel über. In dieser Wüste hätte ich mich verlaufen und erfrieren können, denn es war für mich eine total fremde Gegend.
Organisieren und sogar Klauen waren an der Tagesordnung. Erlaubt war alles, was satt machte. Und weil das so war, passierte mir einmal ein Ding, das mir noch heute nachläuft. Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, lag doch tatsächlich ein Kuchen auf der Fensterbank eines Hauses, und zwar hinter einem Eisengitter. Nun war der Kuchen zu meinem Glück länglich und passte genau durch das Gitter. Die Leute, denen der Kuchen gehörte und die sich sicher auch sehr darauf freuten, tun mir noch heute Leid. Später, zu DDR-Zeiten, als ich schon stolzer Besitzer eines Pkw war, versuchte ich, die Leute ausfindig zu machen, denen ich das angetan hatte. Leider ohne Erfolg.
Überhaupt war das Organisieren in dieser Zeit eine Wissenschaft für sich. Nicht jeder, der wollte, konnte es auch. Es gab einen Vorfall, der das deutlich machte. Im Dezember 1946 war ich mal wieder auf Betteltour und versuchte mein Glück in einer Großküche, die für uns Flüchtlinge kochte. Man konnte oder wollte mir nichts geben. Aber so leicht ließ ich mich nicht abspeisen. Ließ man mich doch sträflich, leichtsinnig auf einem großen Flur stehen, der voll gestopft war mit Lebensmitteln, unter anderem mit Konserven jeglicher Art. Der Hunger war wie immer sehr groß, und so gab es gar kein Überlegen – es wird geklaut, was man eben schleppen kann, und Hunger verleiht einem unheimliche Kräfte. Die Sachen ergaben für uns alle eine reichliche Mahlzeit. Weil das so glatt gegangen war, wollten meine Geschwister Walter und Lisa es auch probieren. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie zurückkamen, und als sie dann endlich kamen, waren sie in Begleitung der Polizei. Bedenkt man, dass die Polizei um diese Zeit noch sehr schlecht organisiert war, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass die beiden sich ziemlich dumm angestellt haben müssen. Dass ich leer ausgehe, hätte mir auch passieren können. Aber mich schnappen zu lassen, nein, das wäre mir nicht passiert!
Auf der Suche nach Essbarem gab es für mich auch weitaus gefährlichere Situationen. In der Nähe des Gutes gab es, wie schon einmal erwähnt, eine riesengroße Kartoffelmiete, an der sich vor mir schon andere Hungerleidende zu schaffen gemacht hatten. Aus Angst hatte man immer nur so viele Kartoffeln genommen, wie man eben tragen konnte, und in der Eile wurde die Miete immer offen zurückgelassen. Es war dumm, denn die Kartoffeln waren fast alle angefroren. Die Folge war: Fortan war ein russischer Wachmann dort postiert. Aber der Hunger war bei mir so groß, dass ich immer wieder hinging. Der Posten wurde einige Male auf mich aufmerksam, und selbstverständlich machte er auch von der Schusswaffe Gebrauch, so dass mir die Kugeln nur so um die Ohren flogen. Ob ich nun immer Glück hatte oder er mich gar nicht treffen wollte, weiß ich nicht. Die Kartoffeln waren so stark angefroren, dass das Kartoffelfleisch richtig hässlich, bläulich und lila aussah, und so wie es aussah, so schmeckte es auch. Mit anderen Worten: sie waren es nicht einmal wert, dass man sich ihretwegen in Lebensgefahr begab. Wir gewöhnten uns an, diese Kartoffeln in Scheiben zu schneiden und auf dem langen Ofenrohr zu rösten. Sie waren so stark angefroren, dass kaum noch etwas zum Rösten übrig blieb, wenn das Wasser herausgelaufen war. Möglicherweise waren das die Vorläufer der heutigen Kartoffelchips.
Die Russen konnten uns überhaupt nicht ernähren. Allerdings gab es eine Sache, über die ich mich nicht nur damals wunderte: Die jungen Frauen wurden alle geimpft, und zwar mit einem kleinen Schnitt auf der Brust. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie Lisa jammerte, weil die Brust ganz geschwollen war und rot wurde. Nichts zu fressen, aber impfen! Und Impfserum ist nicht gerade billig.

Nach der Übersiedlung in den Westen erhielt Helmut diesen Personalausweis für die Britische Besatzungszone.
Eines Tages hieß es dann, wer Verwandte in der britischen oder amerikanischen Zone habe, könne über die Grenze in den Westen. Erst machte Mutter sich schlau, wo die englische und amerikanische Zone waren, und erfuhr, dass Bremen in der englischen Zone lag. Da Mutter die Hoffnung nie aufgegeben hatte, dass die ganze Verwandtschaft sich in Richtung Bremen abgesetzt haben könnte, meldete sie sich zur Umsiedlung an. Die Kinder wurden mit einem Lkw transportiert und die Erwachsenen mussten laufen. Es war kein trauriger Abschied von Mecklenburg – nach den schlechten Erfahrungen, die wir bisher in der Fremde gemacht hatten, konnte es nur besser werden.
In Friedland wurden wir in Wellblechbaracken, so genannten Nissenhütten, untergebracht und es gab auch warmes Essen. Aber die Freude darüber wurde getrübt, denn Mutter war nicht auffindbar. So sehr ich auch suchte und rannte, weit und breit keine Mutter! Selbst die Lagerverwaltung konnte mir nicht weiterhelfen in diesem Chaos, das dort herrschte. Panik kam in mir auf. Meine Suche dauerte mindestens schon einen halben Tag, und plötzlich war sie wieder da. Sie war genau wie ich in Panik geraten und im Lager hin und her gerast – wahrscheinlich liefen wir sogar einige Male aneinander vorbei.
Die Versorgung mit Essen war im Lager so gut, dass wir dort gar nicht mehr weg wollten. Aber nach zwei Tagen wurden wir nach Kalkkuhle gebracht. Der Bürgermeister überreichte uns Lebensmittelmarken und Geld, obwohl Mutter einiges an Geld bis hierhin gerettet hatte. Im Krämerladen des Dorfes hat sie dann erst einmal eingekauft. Es gab alles, was das Herz begehrte – Dinge, an die wir nicht mal mehr im Traum dachten und fast auch nicht mehr kannten. Es war wie im Schlaraffenland. Diesen Tag, es war der 7. Februar 1947, werde ich nie vergessen. Er wurde zum Maßstab für mein späteres Leben, denn von diesem Tag an wusste ich genau, dass ich nie mehr hungern wollte.
Kalkkuhle war ein kleines Nest, das zur Gemeinde Sirksfelde gehörte: ein mittelgroßer Bauernhof mit zwei Katen für die Altbauern, außerdem zwei Kleinbauern und eine Autoreparaturwerkstatt. Hier versuchten wir nun uns einzuleben, was in diesem Kaff relativ schnell ging. Wir wohnten bei Gottfried Wehl, einem der beiden Kleinbauern – einem Selbstversorger mit drei Kühen, zwei Schweinen, einigem an Federvieh und etlichen Morgen Land. Unser neues Heim bestand aus nur einem Zimmer, aber nach den vielen schlimmen Dingen, die wir erlebt hatten, kam es uns wie das Paradies vor.
Unser Großbauer, Erhard Schumann, war ein Unikum. Er kam aus Bayern, konnte arbeiten wie ein Pferd und hatte Hände wie Klodeckel. Bei Kriegsende lag seine Einheit im Wald in der Nähe von Kalkkuhle – er schmiss sein Gewehr einfach weg, ging zum Bauerhof und heiratete die Bäuerin, denn Erni war Witwe und sie brauchte einen Kerl auf dem Hof. Dass Erhard auch noch gelernter Landwirt war, machte die Entscheidung für sie leichter. Wir haben bei ihm eine ganze Menge gelernt, auch wenn vieles mit Arbeit verbunden war. Auch Blödsinn brachte er uns bei, zum Beispiel wie man Frösche aufbläst: „Doa schauk her Burschi, nimmst ahnen Strohhalm und steckst ihn dem Frosch in den Oarsch, dann kräftig blasn. Muast holt aufpassn, des er net platzt, sonst flieagt die ganze Soßn in dei Pappen eini“.
Die Holsteiner waren ein ganz besonderer Menschenschlag. Nichts, aber auch gar nichts konnte man ihnen recht machen. Wir waren eben Fremde und vor allem Flüchtlinge. Aber nach und nach nahmen wir auch diese Hürde.
Im April 1947 drohte mir wieder die Schule. Obwohl ich in der Heimat das dritte Schuljahr nicht hatte beenden können, begann ich versuchsweise in der vierten Klasse. Nach anfänglichen Problemen klappte es erstaunlich gut, denn die Anforderungen in der kleinen Dorfschule in Sirksfelde waren offenbar nicht sehr hoch. Alle Mädchen und Jungen waren in einem Raum untergebracht, aufgeteilt in Unter- und Oberstufe. Laut Schulchronik waren es 56 Schüler, 18 Einheimische und 38 Flüchtlinge, und nur ein Lehrer.
Als ich 1947 anfing, hieß unser Lehrer Wulf. Nach ein paar Monaten kam Herr Eisenblätter, ein Pensionär. Ab 1948 war Ernst Möller unser Pauker. Obwohl Lehrer Möller alleine war, hat er uns sehr viel beigebracht – wie ich später feststellen konnte, haben wir bei ihm mehr gelernt als meine jüngeren Geschwister in der Großstadt Leverkusen. Dabei gab es so gut wie keine Schulbücher und Schreibhefte! Wir schrieben einfach auf Zeitungsrändern, und nur für das Schönschreiben gab es linierte Hefte. Unser Lehrer war ein eingefleischter Holsteiner, und so verwunderte es nicht, dass wir fast alle Lieder und Gedichte auf Plattdeutsch lernen mussten.
Schnell konnte ich außerdem feststellen, dass er keine Flüchtlinge mochte und mich ganz besonders nicht – hatte ich doch die Gabe, immer viele Schüler um mich zu versammeln, was ihm ganz und gar nicht passte. Da hieß es gleich immer „Erzählst du wieder Räubergeschichten?“, und schon war die Pause für mich wieder zu Ende, denn er schickte mich jedes Mal in die Klasse. Wir hatten uns aus Holz Pistolen geschnitzt und spielten damit an der Peripherie des Dorfes, und er wusste, dass ich immer der Sheriff war. Ich konnte ihm nichts Recht machen, eben weil ich Flüchtling war. Ganz und gar fertig machen konnte er mich aber auch nicht, denn ich war bis auf Rechnen und Raumlehre (wie man früher sagte) kein schlechter Schüler. Singen, Naturkunde, Erdkunde und Deutsch waren meine Lieblingsfächer. Die Bauernkinder allerdings, die dem Pauker hin und wieder eine Wurst oder einen Schinken mitbrachten, hatten es leichter und konnten sich scheinbar alles erlauben. Hatte ich mal Streit mit so einem Bauernlümmel, war die Pause für mich zu Ende. Einmal trat Friedrich Bartheidel mir beim Fußballspielen dermaßen in die Hacken (ich spielte wie immer in Holzpantoffeln), dass er mir beinahe die halbe Ferse wegtrat, und das mit Schuhen, mit denen er am Vortag noch auf dem Misthaufen gestanden hatte. Obwohl ich der Geschädigte war, musste ich wieder in die Klasse, bloß weil ich ihm ordentlich eine gescheuert hatte. „Wegen so einem Klacks schlägt man niemanden“, so Lehrer Möller. Da wird man fast entstellt und zum Invaliden gemacht, und er nennt das einen Klacks!

Während seiner Schulzeit in Sirksfelde bekam Helmut Steinke mehrmals zu spüren, wo sein Platz als Flüchtlingskind ist. Nur beim Schulsportfest war das Leichtathletik-Ass immer gern gesehen.
Ganz anders behandelte mich der Lehrer allerdings, wenn das Schulsportfest nahte, denn ich war ein Ass im Sprint, im Langlauf und im Hoch- und Weitsprung. Dann hieß es immer „Helmut hier, Helmut da“. Im Sommer 1950 fand das Sportfest in Lüchow statt, da machte ich ihm – ungewollt – einen Strich durch die Rechnung, und zwar ausgerechnet in dem Jahr, wo ich in der Leichtathletik so stark war wie noch nie. Die erste Disziplin war der Weitsprung, und da ich keine Turnschuhe besaß, sprang ich barfuß. Schon beim Einspringen trat ich mit dem rechten Fuß in einen scharfen Flintstein, der im Sand der Sprunggrube steckte. Eine tiefe Fleischwunde in der Fußsohle war das Resultat. Das Schulsportfest war für mich gelaufen. Sonst konnte Möller mit mir jedes Mal Lorbeeren ernten, und diesmal sollte es der Höhepunkt werden, da es mein letztes Jahr in dieser Schule war.
Ich hatte dann Zeit, ein bisschen durch die Gegend zu humpeln, und da passierte etwas Sonderbares. Ich kam beim Kampfgericht vorbei und hörte einen Namen, der mir nicht fremd war: Sophie Gehrmann. Ich kramte kurz in meinem Gehirn herum und war dann sicher, dass ich ein Mädchen mit diesem Namen in Heilsberg kannte. Aber das konnte ja nicht sein, zumindest war es sehr unwahrscheinlich. Doch kurz darauf bekam ich diese Sophie zu Gesicht, und es gab ein paar markante Gesichtszüge, die darauf schließen ließen, dass es sich wirklich um diese Ostpreußin handelte. Und tatsächlich! Sie erkannte mich auch. Sie wohnte direkt am Sportplatz und so kam es, dass ich mich kurz von unserer Gruppe entfernte und ihre Mutter besuchte. Ernst Möller durfte das nicht wissen, denn dann hätte es wieder Zoff gegeben.
Bei einem Klassentreffen 47 Jahre nach meinem Schulabschluss stellte ich übrigens fest, dass die damals so gehassten Flüchtlinge durch die Bank mehr aus ihrem Leben gemacht hatten als die Einheimischen.
Der Schulweg nach Sirksfelde war drei Kilometer lang und sehr beschwerlich. Im Winter gab es sehr oft meterhohe Schneeverwehungen, da war mal sehr schnell ein Holzpantoffel in so einer Schneewehe verschwunden. Aber der lange Schulweg hatte auch sein Gutes. Ungefähr zwei Drittel verliefen durch Felder und Wiesen. Auf den Feldern gab es Rohkost, und zwar Steckrüben. Im Herbst buddelten wir sie auf dem Acker aus und im Winter holten wir sie aus der Miete. Wir brauchten nicht mal ein Messer, denn die Hecks an den Feldern bestanden aus billigen Holzlatten, die genügend scharfe Kanten hatten. Diese Kanten waren besser als jedes Messer. Die Steckrübe wurde in beide Hände genommen und oben auf das Heck geschlagen. Wir waren so erfahren, dass wir blitzsaubere Scheiben fabrizieren konnten, und dann brauchte man nur noch gute Zähne. Ja, was Steckrüben anging, waren wir wahre Spezialisten, auch was den Geschmack betraf: Die weißen Rüben waren würziger und zarter, die gelben hingegen süßer und fester im Fleisch. Die einen hatten grüne und die anderen blaulila Schalen. Nach vier Jahren auf diesem Schulweg bekam man die feinen Unterschiede eben mit.
Unsere Freizeit war ziemlich knapp bemessen, und Zeit zum Spielen musste man sich schon schaffen. Wir mussten sehr viel auf den Bauernhöfen arbeiten, damit wir genug zu essen hatten: Kartoffeln pflanzen und später wieder aufsammeln, Kartoffelkäfer sammeln (davon gab es damals reichlich), Kühe hüten, Holz hacken und vieles andere mehr. Aber ich war einer von zwei Kalkkuhlern, der Schulspeise bekam. Nach gründlichen Untersuchungen vom Schularzt, der Eisenmangel, Unterernährung und einiges mehr festgestellt hatte, war das möglich geworden. Die Schulspeise bestand hauptsächlich aus Süßspeisen, zum Beispiel Haferflocken- oder Grießsuppe mit Obststückcheneinlage (in erster Linie Ananas und Rosinen). Manchmal gab es auch Schokoladensuppe, und die war am beliebtesten. Die Zutaten kamen aus Amerika und wurden angeliefert. Gekocht haben abwechselnd zwei Mütter.
Im Frühling pflückten wir auf einer Waldwiese Schlüsselblumen (Primeln), bündelten sie schön, fuhren mit den Sträußchen auf dem Milchauto nach Hamburg-Wandsbek und verkauften sie dort. Da wir umsonst auf dem Lkw mitfahren konnten, brachte das auch immer ein paar Groschen. Die Blumen fanden reißenden Absatz, obwohl die Straßen ziemlich vereinsamt waren, links und rechts der Straßen nur Trümmer, und kaum Menschen. Aber wer vorbei kam, kaufte auch von unseren Blümchen. Diesen Leuten fehlte ganz einfach die Natur in dieser Trümmerwüste. Es waren sicherlich einige darunter, die gar nicht das Geld dafür hatten, aber die Blumen brachten etwas Abwechslung in ihr tristes Leben.
Außerdem stibitzten wir auf den Äckern Zuckerrüben und auf den Feldern lasen wir Kartoffeln nach. Das Nachlesen ging ja noch, aber die Kartoffeln nach Hause zu schleppen, das war eine Katastrophe. Es waren immer ein bis zwei Leute da, die einem helfen konnten, den Sack auf die Schulter zu wuchten, aber der Weg nach Hause, immer an die zwei Kilometer, war schon hart. Den Sack mal abzusetzen war nicht drin, denn ich hätte ihn alleine nicht wieder auf die Schulter bekommen – also lief man weiter, so lange man nicht umkippte. Sechzig bis achtzig Pfund waren fast immer im Sack. Aus den Zuckerrüben wurde Sirup gekocht und aus den Kartoffeln teilweise Speisestärke gewonnen, mit der wir im Sommer nach der Holunderbeerenernte eine tolle Fruchtsuppe binden konnten. Im Spätsommer bettelten wir immer bei Fritz Behrends, dem Stiefsohn des Großbauern Erhard Schumann, um Äpfel: „Fritz schmiet mie mol en Appel röver!“. Je nach Laune tat er das.
Gegessen wurde alles, was den Magen voll machte, wir konnten nicht wählerisch sein. Um dennoch etwas mehr Abwechslung in unseren Speiseplan zu bringen, dachten wir uns, dass man sich vielleicht drei oder vier Kaninchen halten könnte. Nur sind Kaninchen bekanntlich sehr fruchtbar, und so blieb es natürlich nicht bei drei bis vier. Innerhalb kurzer Zeit hatten wir 27 Stück, und hätte unsere silbergraue Häsin nicht angefangen, die Kleinen aufzufressen, wären es sicherlich noch mehr geworden. Wir hatten auch einen sehr fleißigen Rammler, der bei Kaninchenhaltern sehr begehrt war. Da konnte man hin und wieder Forderungen stellen, zum Beispiel „Von dem Wurf bekomme ich zwei Stück“. Schlachten war für mich kein Problem. Unser Hausherr Gottfried Wehl hatte mir einmal gezeigt, wie man Kaninchen schlachtet, und das reichte. Es war ganz einfach: Etwas mit dem Knüppel hinter die Löffel, Kehle durch und den Balg runter.
Mein älterer Bruder und ich traten einem Fußballverein bei, dem Linauer SV. Dort spielten wir mit viel Erfolg. Unvergesslich bleibt mir mein erstes Spiel. Es war im Winter 1948 in Berkenthin. Gottfried Wehl fuhr uns mit seinem Lkw hin, und ich war eigentlich nur als Zuschauer dabei. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse. Ein Spieler verletzte sich, und der Trainer kuckte mich dann aus. Ich sollte also mitspielen, aber wie? Ich hatte keine Schuhe, kein Trikot, nichts. Die Zeiten waren damals noch sehr schlecht. Ich spielte dann in den Klamotten, die ich anhatte, nämlich in einer Reithose und mit Gummistiefeln, die mir mindestens noch zwei Nummern zu groß waren. Die erste Mannschaft schaute sich das Spiel an und war begeistert – nicht von meinem Outfit, aber von meiner Spielerei. Ich bekam danach ein Paar Fußballschuhe geschenkt. Doch auch die waren natürlich zu groß, denn sie gehörten davor einem erwachsenen Mann, der in der Oberliga Nord beim VfB Lübeck spielte.
Wir kickten aber auch in Sirksfelde und trugen sogar Freundschaftsspiele gegen andere Dörfer aus, obwohl die formale Gründung eines Fußballvereins uns nicht gelungen war (ein Bauer hatte uns sogar eine Koppel zur Verfügung gestellt, und die Tore waren auch schon montiert). Wir hatten auch so etwas wie einen Trainer. Er hieß Hans Meyer und hatte einen Buckel. Das Wichtigste an ihm war aber, dass er einen richtigen Lederball besaß – so ein Ungetüm, wie es sie früher nur gab, mit Lederriemenschnürung. Solche Bälle waren damals selten, es gab sie nur bei den Vereinen. In der Schule spielten wir mit kleinen Gummibällen oder mit Lumpenbällen, die ich aus einer ausrangierten Zeltplane nähte. Manchmal hielten diese Bälle nur einen Nachmittag, dann waren die Nähte ausgefranst und die Lumpen hingen raus. An dem Nähgarn lag es nicht, denn das war gepecht und gewachst, wie es der Schuster auch macht. Wenn wir im Regen damit spielten, dann waren diese Bälle so schwer, dass man sie kaum noch bewegen konnte, und wenn man es schaffte, sie gegen die Wand zu donnern – wir hatten nämlich an eine Ziegelwand ein Fußballtor mit Karbidschlamm gemalt –, dann klatschte und spritzte es fürchterlich.
Sehr gut kann ich mich auch an das erste Fußballländerspiel nach dem Krieg erinnern. Deutschland spielte gegen die Schweiz und gewann mit 1:0 durch ein Elfmetertor von Herbert Burdenski. Dieses Spiel verfolgten Walter und ich bei Wehls, unseren Vermietern, am Radio. In der Regel taten wir das nicht gerne, denn die Wehl-Frauen waren sehr ungastlich, aber dieser Anlass war uns das Gemaule der Frauen wert. Besonders schlimm war die Tochter, Emmi. Sie hatte Krankenschwester gelernt und in Hamburg gearbeitet, blieb dann aber aus Gesundheitsgründen zu Hause und kümmerte sich – wirklich rührend – um Hühner, Enten und Gänse. Aber alle Fürsorge konnte nicht verhindern, dass ihr eines Tages zwei Enten abhanden kamen. Als Emmi das abends festgestellt hatte, suchte sie noch lange. Es war schon dunkel, als ihr plötzlich ein herrlicher Geruch in die Nase stieg. Es kam aus einer Kate, die auch zum Bauernhof gehörte und von Familie Meyer bewohnt wurde. Emmi näherte sich also vorsichtig dem Häuschen, schaute durchs Fenster ins hell erleuchtete Wohnzimmer und sah die ganze Familie beim Festmahl. Sie rastete völlig aus. Doch von einer Strafverfolgung sah sie dann ab, denn eine Kriegswitwe mit vier kleinen Kindern hatte es wirklich nicht einfach, die Mäuler zu stopfen. Die zwei großen Jungen mussten aber zur Strafe auf dem Feld aushelfen.
Eine Zeit lang arbeitete Emmi dann doch wieder in Hamburg, und zwar in einer Süßwarenfabrik. Zu dieser Zeit musste man vorsichtig sein, was man tat und sagte, denn die Wehls hatten eine ganz besondere Währung: den Pfefferminztaler. Zur Belohnung für irgendwelche Dienste gab es schon mal ein bis zwei solche Dinger. Emmi brachte die Dinger mit, wenn sie am Wochenende nach Hause kam.

Zusammen mit seinem Vater, der 1948 aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, zog Helmut Steinke nach Leverkusen. Ein Stempel im Personalausweis erinnert noch heute daran.
Im Sommer 1948 kam Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück, gefunden durch das Deutsche Rote Kreuz. Er war sehr schwach und total unterernährt und hatte ein steifes Bein, aber er war da und wir waren wieder eine komplette Familie. Nachdem er sich einigermaßen erholt hatte, musste er feststellen, dass es so gut wie keine Arbeit für ihn gab. Doch die Familie musste essen, und so ertrotzte Vater sich über den Bürgermeister ein Stück Land für einen kleinen Garten. Der Bauer war davon nicht begeistert – er gab uns eine Landspitze, die brach lag, weil er mit dem Pflug dort nicht hinkam. Hier wurde meine Antipathie gegen Gartenarbeit geboren. So was von Unkraut hatte die Welt noch nicht gesehen! Die Quecken waren meterlang. Dennoch wuchs etwas in dieser Wildnis, und wir hatten wenigstens im Frühjahr und Sommer Gemüse: Radieschen und einen zarten, aber sehr scharfen Radi, der hervorragend schmeckte. Ein Margarinebrot mit Sanella, Radi drauf und ordentlich Salz drüber – das war damals schon beinahe eine Delikatesse.
Um unsere Haushaltskasse aufzubessern, sammelte Vater im Wald Himbeeren und verkaufte sie. Einem Bauern brachte er einen uralten Ford wieder zum Laufen – der Wagen hatte wohl 20 bis 25 Jahre auf dem Buckel. Außerdem kam einmal die Woche der Fischmann durch unser Kaff, anfangs mit einem Pferdefuhrwerk, später mit einem Jeep mit Anhänger – diesem Jeep musste Vater öfter mal neuen Geist einhauchen, und der Fischhändler bezahlte jedes Mal mit Salzheringen.
Irgendwann fand Vater vorübergehend Arbeit in einem kleinen Betrieb, bei einem so genannten Krauter. Allerdings war der Weg zur Arbeitsstelle sehr strapaziös, ganze 15 Kilometer in eine Richtung. Zuerst baute er sich ein Fahrrad um, indem er das rechte Pedal abmontierte und an der Stelle einen Bügel für sein steifes Bein anbrachte. Später hatte er ein kleines Motorrad.
Am 13. Dezember 1949 wurde mein Bruder Günther geboren. Das spornte Vater noch mehr an, sich eifrig zu bewerben. Im Sommer 1950 hatte er Glück. Durch das Arbeitsamt in Bad Oldesloe bekam er eine Arbeit im Rheinland vermittelt, mit Zusicherung einer Wohnung. Es hatte ihn nach Leverkusen zur Firma Wuppermann verschlagen. Sein Leben hatte wieder einen Sinn bekommen, denn er konnte die Familie wieder aus eigener Kraft ernähren.
Das alles blieb auch für mich nicht ohne Folgen. Es stand nämlich fest, dass ich nach der Schulentlassung nach Leverkusen gehen sollte, um eine Schlosserlehre zu beginnen. Eigentlich wollte ich Schuster oder Sattler werden. Ich nähte nämlich, wie bereits erwähnt, aus Zeltplane Fußbälle und aus Uniformstoff Schultaschen und Hausschuhe. Auch meine Holzpantoffeln änderte ich so um, dass sie fast wie Sandalen aussahen: mit Riemchen versehen, so dass man damit auch Fußball spielen konnte, ohne dass sie bei jedem Schuss durch die Gegend flogen. Aber Vater war der Meinung, dass das Berufe sind, die keine Zukunft haben.
So kam ich nach Leverkusen, wo ich mein ganzes Berufsleben verbrachte. Nachdem wir eine Neubauwohnung bekommen hatten, kam Mutter mit den anderen Geschwistern nach. Nach Beendigung der Lehre im Oktober 1954 lernte ich meine Frau kennen. Sie hieß Hedwig und kam aus Lübz in Mecklenburg. Sie besuchte gerade ihren Bruder Josef, der in unserem Haus wohnte. Nach fast drei Jahren Poussierzeit stellte sich dann etwas ein, was promptes Handeln erforderte. Da wir ohnehin schon verlobt waren, wurde so schnell wie möglich geheiratet, und zwar am 30. November 1957. Am 11. Mai 1958 wurde unsere Tochter geboren. Wir wohnten dann bis Anfang 1959 in einem Zimmer bei meinen Eltern, bevor wir eine eigene Wohnung bekamen. Am 20. Oktober 1967 kam unser Sohn Bernd zur Welt.
Ich arbeitete dann fast neunzehn Jahre als Schlosser und meine Frau sorgte in einer Gaststätte für ein Zubrot. Diese Zeit formte sie dahingehend, dass sie den Wunsch hegte, selbst eine Gaststätte zu führen. Sie bearbeitete mich jahrelang, und irgendwann war ich einverstanden. Am 30. Juni 1973 war die Eröffnung. Zur Gaststätte gehörte auch ein 12-Betten-Hotel. Mit der Zeit wurde ich ein brauchbarer Koch und kochte für viele Gesellschaften. Von meinen Koteletts träumen viele ehemalige Stammgäste heute noch, das bekomme ich bei jeder Gelegenheit bestätigt. Schön war das alles schon, doch nach 13 Jahren hatte ich den Wunsch, noch einmal etwas anderes zu probieren. Und als der Wunsch nach etwas Neuem am größten war, überschlugen sich die Ereignisse. Ich bekam die Möglichkeit, als Schulhausmeister in der Pestalozzischule anzufangen. Da alles sehr schnell ging, musste meine Frau das Geschäft fast noch ein ganzes Jahr alleine weiterführen. Danach wurde sie meine Stellvertreterin.

Ein halbes Jahrhundert musste Helmut Steinke auf ein Wiedersehen mit diesem Wahrzeichen seiner Heimatstadt warten – der Heilsberger Burg.
50 Jahre nachdem ich meine Heimat verlassen musste, konnte ich mir einen großen Wunsch erfüllen: Die Stationen meines Lebens noch einmal in umgekehrter Reihenfolge anzusteuern, um am Ende meine alte Heimat noch einmal zu sehen. Wir überquerten die Oder und die Weichsel, und als wir zur Alle kamen, waren wir schon in meiner Heimat. Heilsberg, gutes, altes Heilsberg! Es war schon ein seltsames Gefühl, nach so vielen Jahren dorthin zurückzukehren. Obwohl es schon dunkel war, gingen wir noch am Ankunftstag in die Stadt. Unter anderem waren wir in der Kirche, in der ich damals zur Heiligen Kommunion ging, und es fand gerade eine Abendandacht statt. Es war gut, dass es schon dunkel war, sonst hätte ich noch mehr Tränen in die Augen bekommen, denn Tags darauf konnte ich das ganze Elend erst so richtig sehen. Was haben die Polen bloß aus meiner Heimat gemacht! Außer Kirche, Post, Bahnhof, Kino, Krankenhaus, Schloss und dem Stadttor – und auch das alles befand sich in einem jämmerlichen Zustand – war kaum noch etwas wieder zu erkennen. Meine Schule hatte überlebt, man hatte aber sämtliche Friedhöfe eingeebnet und den Marktplatz, der damals mit einem tollen Reiterdenkmal versehen war, verschwinden lassen. In der bereits erwähnten Siedlung, in der Hitlerjungen in den letzten Kriegstagen versucht hatten, mit einer Panzerabwehrkanone die Russen aufzuhalten, wiesen die Häuserfassaden und auch die alten Eichen, Linden und Kastanien noch immer die Spuren des damaligen Kampfes auf. Man hatte also in 50 Jahren nichts, aber auch gar nichts ausgebessert!
Auch in Krekollen war alles baufällig und verkommen. Die Scheune, in der wir damals die Bollerwagen bastelten, existierte noch, doch hätte ich niemandem geraten, dieses Gebäude zu betreten, nicht einmal meinem schlimmsten Feind. Nur die Kirchen waren überall gepflegt, und auch der Natur hatte man nichts anhaben können, denn die Landschaft war herrlich wie zu unserer Zeit. Erstaunlicherweise waren die Äcker und Felder alle ordentlich bestellt.
Das geplante Filmen lohnte sich nicht. Ich hatte Kassetten für viereinhalb Stunden mitgenommen, verbrauchte aber nur 40 Minuten. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo ich nur noch nach Hause wollte – die Enttäuschung war zu groß, und ich war in meinem Leben selten so enttäuscht wie damals. „Was soll's, ich wollte meine Heimat noch einmal sehen und ich habe sie gesehen. Es gibt sie noch, aber in was für einem Zustand!“, dachte ich. Ich wollte in die Heimat und bin in die Fremde gekommen.
Eigentlich habe ich mir bei meinem ersten Besuch in der Heimat geschworen, dass ich nie wieder nach Ostpreußen fahre. Aber nachdem ich 2001 Rentner geworden war, äußerte unser Sohn Bernd den Wunsch, sich dort mal umzusehen. Und ehrlich gesagt, war ich auch neugierig, denn seit der letzten Reise waren zehn Jahre vergangen. Meine größte Sorge war, dass mir wieder die schlimmen Erinnerungen hochkommen. Es gab eine Zeit, als mir die Erinnerung an die schlimmen Erlebnisse ganz schön zusetzte. Ich hatte jede Nacht Träume, zeitweise mit richtigen Angstzuständen. Später ließen sie nach, aber ganz weg ist das bis heute nicht.
Wir flogen diesmal nach Danzig und fuhren von dort mit einem gemieteten Pkw weiter. Das Hotel, das Bernd für uns in Heilsberg ausgesucht hatte, war genau dasselbe, in dem Hedi und ich schon vor zehn Jahren wohnten. Bernd ging erst einmal fragen, ob noch etwas frei ist. Er kam mit einer positiven Nachricht zurück und war sehr angetan von dem Hotelier und dem Ambiente – was bei mir großes Erstaunen hervorrief, denn bei unserem ersten Besuch hatten wir den Eindruck, dass das eine bessere Frittenbude ist.
In der Stadt stellte ich fest, dass sich in den zehn Jahren einiges verändert hatte – nicht unbedingt zum Besseren. Beim ersten Besuch war das Kino – während des Kriegs ein markanter Punkt in Heilsberg – noch in Betrieb. Nun war es stillgelegt und befand sich in einem bedauernswerten Zustand. Die Post schien zum Teil zweckentfremdet, der Bahnhof war stillgelegt. Nur die Bahnhofstoilette war noch in Betrieb – ich hatte sie noch nicht gesehen, aber riechen konnte ich sie schon. Exakt an der Stelle in der Nähe der Kopernikusbrücke, wo damals das Massengrab angelegt wurde, hatte man ein Denkmal errichtet. Es war alles ziemlich befremdend. Ich denke, dass es nur natürlich ist, wenn sich eine Stadt in Jahrzehnten verändert, aber doch nicht so. Der Bahnhof außer Betrieb, das Kino geschlossen, die Friedhöfe eingeebnet, der Marktplatz ist ein Park.
Tags drauf fuhren wir nach Krekollen. Auch dort war alles anders. Das Haus, in dem wir bei Mutters Freundin damals gewohnt hatten, und die windschiefe Scheune existierten nicht mehr. Von Krekollen aus fuhren wir in meine Geburtstadt Mehlsack. Dort gab es noch mehr Veränderungen, aber zum Negativen hin. Was wir vor zehn Jahren als Neubau einer Kirche auf dem Marktplatz angesehen hatten, entpuppte sich als Nachbau des alten Mehlsacker Rathauses. Der Komplex war zwar größer geworden, aber fertig war er noch lange nicht. Nicht zu glauben: Mehr als zehn Jahre Bauzeit und noch kein Ende in Sicht. Das Chaos in Mehlsack ist aber auch fast verständlich, denn 90 Prozent der Stadt waren beim Kriegsende zerstört worden, und die Fremden, die hier angesiedelt wurden, hatten nicht den leisesten Schimmer, wie es hier mal aussah. Und natürlich fehlte auch das Geld. Gäbe es die Kirche nicht, würde man die Orientierung verlieren. Meinen Eltern hätte es Tränen in die Augen getrieben. Das Gesamtbild war frustrierend.
Dennoch würde ich, wenn ich das Geld dazu hätte, für die restlichen Jahre meines Lebens dorthin gehen, um am Ende in der Heimaterde begraben zu werden. Denn es ist ein schönes Land. Es ist wirklich keine Gefühlsduselei, es ist nun mal schön dort. Wenn man bedenkt, dass ich vor zehn Jahren so schlimm enttäuscht war, dass ich gleich wieder nach Hause wollte, muss ich jetzt über mich selber staunen. Alle zerstörerischen Veränderungen der neuen Herren in Ostpreußen konnten mir die alte Heimat nicht vermiesen. Diese wirklich schöne Landschaft ist einmalig.