Gespräch mit „Nalli“
„Nalli“ ist ein Spitzname – so nannten die Kameraden von der Hitlerjugend diesen Zeitzeugen. Er stammt aus einer gutbürgerlichen Familie und erzählt zunächst vom Alltagsleben in der Hauptstadt Ostpreußens – bis die Frage nach seinen damaligen Freizeitaktivitäten dem Gespräch eine unerwartete Wendung gibt. Wie viele seiner Zeitgenossen war „Nalli“ nämlich mit Leib und Seele Hitlerjunge. Er machte dort sogar eine bescheidene Karriere, stieg zum Jungenschafts- und später zum Jungzugführer auf, organisierte für seine Pimpfe „Fahrten“, Zeltlager, Geländespiele und Heimabende, sammelte mit ihnen Spenden für die „Winterhilfe“. Und anders als die meisten will er darüber sprechen.
Nalli: Wir wohnten am südlichen Rande von Königsbergs Stadtzentrum, in einem Mietshaus. Die Mietshäuser in dem Viertel bestanden meist aus 12 oder 16 Wohnungen. Unsere Wohnung hatte drei Zimmer, eine Küche und einen großen Korridor. Wir hatten keine Zentralheizung und kein Badezimmer in der Wohnung, dafür aber fließendes Wasser und eine Toilette. Das war nicht selbstverständlich: Im Nebenhaus war das WC eine halbe Treppe tiefer. Es lag zwar innerhalb des Hauses, aber nicht innerhalb der Wohnung.
Frage: Wie hoch war die Miete für diese Wohnung?
Nalli: 65 Mark im Monat.
Frage: Hatten Sie auch eine Straßenbahn in der Nähe?
Nalli: Durch unsere Straße führte eine Straßenbahnlinie, es gab etwa zwölf Linien in ganz Königsberg. Ob man die oft benutzt hat, hing natürlich von den finanziellen Verhältnissen ab. Ein Einzelfahrschein kostete 20 Pfennig, und wenn man sie im Block kaufte, kosteten sie 15 Pfennig. Zur Schule fuhr ich nicht mit der Straßenbahn, ich ging zu Fuß – schätzungsweise zwei Kilometer. Ich brauchte 20 Minuten dafür.
Frage: Hat ihre Mutter gearbeitet?
Nalli: Nein, Sie war Hausfrau, hat die Kinder erzogen, gekocht, die Wäsche gewaschen… Es gab ja keine Waschmaschinen damals… Einmal im Monat kam eine Waschfrau für die große Wäsche. Die Wohnung hat meine Mutter aber alleine geputzt. Wir hatten allerdings schon damals einen Staubsauger.
Frage: Hatten sie auch ein Radio?
Nalli: Wir hatten einen Volksempfänger, der hat 76 Mark gekostet. Ein Kleinempfänger hat nur 35 Mark gekostet.
Frage: Wie würden Sie Ihren damaligen Lebensstandard beschreiben?
Nalli: Mein Vater verdiente als Stadtinspektor in Königsberg zwischen 400 und 500 Mark – er war verheiratet und hatte zwei Kinder. Mein Vater arbeitete beim Wohlfahrtsamt (heute Sozialamt). Wenn er das Frühstück zu Hause vergessen hatte, brachte ich es ihm nach und bekam dafür 10 Pfennig. Dann ging ich durch die Korridore des Wohlfahrtsamtes. In dieser Zeit gab es in Deutschland sechs Millionen Arbeitslose. Von diesen sechs Millionen bekam nur ein kleiner Teil Arbeitslosenunterstützung, die anderen lebten vom Wohlfahrtsamt. Ich ging mit meinem Frühstückspäckchen an den wartenden Menschen vorbei und kam mit dem Elend der damaligen Unterprivilegierten in Berührung.
Frage: Versorgungsengpässe? Fällt Ihnen dazu etwas ein?
Nalli: Ab 1936 wurde im „Reichsgebiet“ die Butter rationiert. In Ostpreußen gab es aber noch ziemlich viel Butter. Ich entsinne mich, dass meine Mutter Päckchen mit Butter „ins Reich“ geschickt hat. Irgendwann wurde die Butter auch bei uns rationiert, es gab zwar keine Fettkarten, man wurde aber in eine Kundenliste eingetragen, so dass nicht jeder überall herumhamstern konnte. Lebensmittelkarten wurden erst zu Kriegsbeginn eingeführt.
Frage: Wo hat man die bekommen?
Nalli: Ich glaube, sie wurden von Kartenverteilern ins Haus gebracht. Es gab auch jährlich eine Kleiderkarte mit 100 Punkten. Jedes Kleidungsstück, das man kaufte, hatte einen gewissen Punktwert, der von der Kleiderkarte abgeschnitten wurde. Ich weiß allerdings nicht mehr, für wie viele Sachen das reichte.
Frage: Und wie oft im Jahr hat man solche Sachen eingekauft?
Nalli: Bei Bedarf. Ein Kleidungsstück wurde dann ausgetauscht, wenn es entweder ausgewachsen oder verschlissen war – nicht wenn man nach drei Monaten meinte, es „nicht mehr sehen“ zu können.

Die Verkäuferinnen auf dem Königsberger Fischmarkt waren berüchtigt wegen ihrer scharfen Zungen.
Frage: Es gibt einige typische Königsberger Gerichte, zum Beispiel „Königsberger Fleck“. Wurden sie tatsächlich gekocht oder waren das nur Vorzeigegerichte?
Nalli: Nein, nein, meine Mutter hat den Fleck gekocht, sieben Stunden musste das Zeug kochen.
Frage: Und Königsberger Klopse?
Nalli: Saure Klopse hat man dazu gesagt. Ich weiß nicht, ob saure Klopse eine Königsberger Spezialität waren. Königsberger Marzipan – das habe ich in Erinnerung, das war gut! Die Mutter hat selbst Königsberger Marzipan gebacken, Marzipanformen, die dann gebräunt wurden, eine Art Teekonfekt.
Frage: Und Märkte, Fischerfrauen, Gemüse…?
Nalli: Es gab einen Wochenmarkt in der Nähe, den die Mutter besuchte. Von dort brachte sie unter anderem jedes Mal für 50 Pfennig Bananen mit.
Frage: (verwundert) Für 50 Pfennig Bananen?
Nalli: Ja. Und dafür bekam man reichlich. Ich aß gern Bananen. Auf dem Markt kaufte meine Mutter auch Fische und Butter.
Frage: Wurde häufig Fisch gegessen?
Nalli: Da mein Vater aus Masuren stammte, legte er Wert darauf, dass es mindestens einmal in der Woche Fisch gab, und zwar mussten es zum Ärger meiner Mutter Kaulbarsche sein: solche kleinen Fische, wo man – ich zitiere meine Mutter – zwei Stunden dran „herumspucken“ musste, mit wenig Fleisch und mit vielen Gräten. Von den Fischfrauen und ihrer Maulfertigkeit auf dem Fischmark – es gab einen Fischmarkt am Pregel, in der Nähe von meiner Schule – werden viele Geschichten erzählt. Zum Beispiel: Auf dem Fischmarkt streiten sich zwei Fischweiber (so sagten wir) und beschimpfen sich. Während sie so schimpfen, hebt die eine ein paar Pferdeäpfel auf, schmeißt nach der anderen und trifft genau in den offenen Mund. Da sagt die andere: „So, und der bleibt jetzt drin, bis die Polizei kommt!“ (gemeinsames Lachen). Ich selbst bin oft auf dem Weg von oder zur Schule über den Fischmarkt gelaufen, hab' solche Prügel- oder Schimpfszenen aber nie gesehen.
Frage: Hat man bei Ihnen Platt gesprochen?
Nalli: Kaum. Es galt als unfein, als bäuerisch, als ländlich. Aber wir haben es schon verstehen können. Sie hören es meiner Sprache vielleicht auch heute noch an – wenn ich mich auf einem Tonband höre, merke ich selber einen gewissen ostpreußischen Einschlag. Dem Königsberger hört man an, dass er Ostpreuße ist, auch wenn er Hochdeutsch spricht. Doch Platt hat man wenig gesprochen. Wenn ich mir Mühe gebe, dann kann ich Platt sprechen, aber wenn ein ordentlicher ostpreußischer Bauer das hören würde, würde er sich wahrscheinlich vor Schmerzen krümmen – nur wir bilden uns ein, dass wir Platt sprechen können…
Frage: Aber Ihre Eltern konnten das?
Nalli: Nein. Meine Mutter ist in Königsberg geboren, mein Vater in Ortelsburg, aber er sprach Hochdeutsch.
Frage: Und Masurisch?
Nalli: Verstanden hat er's wahrscheinlich und seine Mutter hat vermutlich besser Masurisch als Deutsch gesprochen.
Frage: Gab es typisch ostpreußische Wörter?
Nalli: Natürlich! Sehr viele: „Lorbass“, „Marjellchen“, „Luntruss“. Es gibt ein Gedicht von Goethe: „Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, / Ein Fischer saß daran, / Sah nach der Angel ruhevoll, / Kühl bis ans Herz hinan“. Jetzt kommt dasselbe auf Ostpreußisch: „Der Dimpel rauscht! – Am Ufer macht / e Kerl e Nervenkur, / Er fädelt Regenwirmers auf / Und angelt mitte Schnur, / Dickbröchig is er von Jestalt, / Asthmatisch aufe Brust, / Er döst, de Fischchens beißen nich, / Se haben keine Lust“. Das ist Königsberger „Platt“.
Frage: Können Sie sich an besondere Aktivitäten im Zusammenhang mit der Schule erinnern?
Nalli: Mit Sicherheit gab es in jedem Jahr einen Ausflug mit der Schule, einen Wandertag – nicht in die Schweiz und nicht nach Frankreich, sondern in einen Vorort von Königsberg und ohne Straßenbahn, aber wahrscheinlich lehrreicher als heute die Ausflüge ins Ausland. Ich bin einmal für zehn oder zwölf Tage mit meiner Schulklasse und dem Klassenlehrer in einem Schullandheim in Goldap, nahe der polnischen Grenze, gewesen. Das war in der vorletzten Klasse, also mit 16 oder 17 Jahren. In jedem Jahr gab es außerdem ein Schulsportfest, zu dem auch die Eltern und Angehörigen eingeladen waren. Wir spielten Völkerball. Jeder Jahrgang war im Gymnasium doppelt besetzt – es gab eine a- und eine b-Klasse. Die Schule hatte vierhundert Schüler und achtzehn, später sechzehn Klassen. Da spielte a gegen b Völkerball, und die Gewinner spielten dann gegen die nächsthöhere Klasse. 1936 etwa wurden die Parallelklassen a und b zusammengelegt und dann geteilt nach einem sprachlichen Zweig und einem naturwissenschaftlich-mathematischen Zweig – ich war im sprachlichen, habe acht Jahre Latein gelernt, sechs Jahre Französisch und fünf Jahre Englisch. Und außerdem habe ich beim Italienischen Institut in Königsberg Italienisch gelernt.
Frage: Wie lange haben Sie Italienisch gelernt?
Nalli: Das waren ja nun nicht vier Stunden wöchentlich wie in der Schule, sondern wahrscheinlich ein- oder zweimal in der Woche, am Abend, vielleicht acht oder zwölf Monate insgesamt.
Frage: Und wer hat das bezahlt?
Nalli: Das war kostenlos – freiwillig und kostenlos. Schulgeld musste allerdings fürs Gymnasium bezahlt werden, 20 Mark pro Monat für das erste Kind und 15 für das zweite. Mein Vater hat als „gehobener Beamter“, Stadtinspektor, zwischen 400 und 500 Mark im Monat verdient. Davon gab er 35 Mark alleine für Schulgeld aus. Außerdem mussten natürlich alle Bücher gekauft werden, von Heften und Sonstigem gar nicht zu reden.
Frage: Sind Sie ins Kino gegangen?
Nalli: Zweimal im Jahr.
Frage: Was hat das gekostet und was waren das für Filme?
Nalli: Nun, die Filme, die kennen Sie, die gibt's heute auf Video. Der Kinobesuch hat in den billigsten Kinos fünfzig, sechzig und siebzig Pfennig gekostet.
Frage: Gab es da verschiedene Ränge wie im Theater?
Nalli: Ja, ja! Wir sagten, „Im Krieg ist es wie im Kino – vorne flimmert's und hinten sind die besten Plätze"! (gemeinsames Lachen). Also vorne fünfzig, in der Mitte sechzig und hinten siebzig Pfennig – das waren die Preise im billigsten Kino, im „Flohkino“, wie wir sagten. In größeren Kinos werden es eine Mark, eine Mark fünfzig oder für die besten Plätze zwei Mark gewesen sein, aber das schätze ich nur. Vor dem Spielfilm kam übrigens immer die Wochenschau und ein Kulturfilm – Vorfilm sagten wir dazu.
Frage: Haben Sie damals auch Radio gehört?
Nalli: Nicht oft: so 'ne Art Kabarett – „Die drei lustigen Gesellen aus Köln“ am Samstagnachmittag, und außerdem das „Deutsche Volkskonzert“.
Frage: Haben Sie viel gelesen?
Nalli: … (überlegt) Ich habe Jugendbücher gelesen, da gibt's „Robinson“, „Tom Sawyer“, „Emil und die Detektive“, Märchenbücher, Wilhelm Busch, germanische und griechische Sagen…
Frage: Und Zeitschriften? Hat man was abonniert?
Nalli: Wir hatten die Tageszeitung, sonst wüsste ich also nichts…

Zum Geburtstag des „Führers“ wurden die HJ-Heime besonders dekoriert.
Frage: Wie sah denn Ihre Freizeit aus?
Nalli: Nichts Besonderes zu melden… (kurzes Schweigen). Ich war natürlich in der Hitlerjugend, das heißt im Deutschen Jungvolk. Im Deutschen Jungvolk waren Jungen von zehn bis vierzehn Jahren. Dort spielte sich meine Freizeit weitestgehend ab.
Frage: Wie sah das aus?
Nalli: Das kann ich Ihnen ganz genau sagen: Wir taten das, was die Pfadfinder aller Nationen heute auch machen, nicht mehr. Ja, wir haben Führers Geburtstag gefeiert, aber sonst machten wir ebenso unsere Spiele im Heim, im Freien und im Gelände, wie das Pfadfinder in allen Nationen machten und heute noch machen. Auch den Geburtstag ihres Herrschers feiern sie – von London bis Bangkok.
Frage: Sie haben „Heim“ gesagt. Gab es ein besonderes Haus dafür?
Nalli: Das war sehr unterschiedlich. Ich war Jungenschafts- und dann Jungzugführer. Manche Einheiten hatten das Glück, einen eigenen Raum zu besitzen. Uns stand zeitweise ein Bahnwärterhaus zur Verfügung, in dem wir die Heimabende veranstalten konnten. Das meiste fand aber im Freien statt, auf dem Bahnhofsvorplatz des alten Ostbahnhofs, der nur noch als Güterbahnhof benutzt wurde, oder am Hafen – da war unbebautes sandiges Gelände, auf dem man spielen konnte.
Frage: Wann haben Sie beim Jungvolk angefangen?
Nalli: Erst mit dreizehn Jahren, als Vorletzter meiner Klasse – meine Eltern waren dagegen gewesen. Da aber nun schon alle im Jungvolk waren, musste ich schließlich auch. Das war 1935. Ich war vorher in einer kirchlichen Jungschar. Als sie aufgelöst wurde, war ich den Nationalsozialisten sehr böse und bockte dagegen. Aber als alle im Jungvolk waren, blieb mir mit dreizehn Jahren nichts anderes übrig, und ich tat es dann auch nicht ungern, ganz im Gegenteil.
Frage: Sie kamen in die HJ und haben sich dort hochgedient?
Nalli: Sicher. Nun, Gymnasiasten sind schon mal prädestiniert zur Führung – damals machten viel weniger Schüler das Abitur als heute.
Frage: Mir sind aus früheren Interviews verschiedene Einrichtungen des HJ-Lebens bekannt – z.B. die Jugendfilmstunde oder der Fanfarenzug. Gab es die auch bei Ihnen?
Nalli: Die Jugendfilmstunde war am Sonntagvormittag, alle vier Wochen, glaube ich. Es gab einen von oben bestimmten Film, da hatte man keine Auswahlmöglichkeit – man konnte hingehen oder man konnte es bleiben lassen. Meistens waren es Geschichtsfilme, manchmal auch Filme zur Geschichte der NS-Bewegung wie „Hitlerjunge Quex“. Außerdem: der Mittwoch war zwecks HJ-Dienst schulaufgabenfrei, und der Samstag war später, vielleicht um 1938/39, „Staatsjugendtag“ und war deshalb schulfrei. Wenn es noch jemand geben sollte, der aus irgendwelchen Gründen nicht in der HJ war, musste er zur Schule kommen, für ihn fand der Unterricht statt. Die anderen hatten einen Tag frei, um HJ-Dienst zu machen. Dienst war zweimal in der Woche – am Mittwochnachmittag und am Samstag den ganzen Tag.
Frage: Was hat man da gemacht?

Vormilitärische Erziehung spielte in der Hitlerjugend eine wichtige Rolle: Nallis Pimpfe beim so genannten »Keulenweitwurf«.
Nalli: Ordnungsübungen – sprich Exerzieren, Winken (d.h. Morsen mit Flaggen) und Spiele im Freien. Wir haben auch viel gesungen, wohl auch manchmal ein Lebensbild besprochen – da fällt mir allerdings spontan nichts ein, das muss selten gewesen sein. Die Jungen waren zehn Jahre alt, man konnte mit ihnen noch nichts Höhergeistiges machen. Ah ja – „Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann"! Kennen Sie das? Ein Spiel, bei dem man sich durch die Reihe durchkämpfen muss und dabei festgehalten wird. Man versucht durchzubrechen, nicht nur mit Abschlagen, sondern auch mit Raufen. Wir haben auch Weiden geschnitten, als Stöcke. Ab und zu habe ich den Jungen auch vorgelesen.
Frage: Was waren das für Bücher?
Nalli: (kurzes Überlegen) Kriegsbücher aus dem Ersten Weltkrieg, manchmal auch etwas Humoristisches, aber mehr Militärisches.
Frage: Können Sie sich noch an einen Titel genauer erinnern?
Nalli: Ja. „Männer. Ein Buch des Stolzes“ von Erhard Wittek. Das waren Geschichten aus dem Ersten Weltkrieg.
Frage: Wurden diese Veranstaltungen von oben kontrolliert?
Nalli: Nein. Es hat Zeitschriften für die Vorbereitung der Heimabende gegeben, mit Texten zur deutschen Geschichte oder über Persönlichkeiten – ausgewählte natürlich. Aber sonst war das nicht im Einzelnen vorgeschrieben. Ich hatte freie Hand.
Frage: Gab es Vorträge, zu denen jemand von Auswärts kam? Oder Referate, die die Pimpfe selbst vorbereitet haben?
Nalli: Nein. Singschule ist mal gewesen. Aber Vorträge gab es für die Pimpfe keine – nur für Führer beim so genannten Führerdienst, der alle paar Wochen abgehalten wurde.

Nallis Jungenschaft macht eine Fahrradtour.
Frage: Haben Sie auch größere Ausflüge gemacht? So genannte „Fahrten“?
Nalli: Na ja, ich war mal in Italien. Zusätzlich zu den im Gymnasium unterrichteten Fremdsprachen (Latein, Englisch und Französisch), habe ich, wie bereits erwähnt, beim Italienischen Institut in Königsberg Italienisch gelernt. Und deswegen war ich am 1. September 1939, als der Krieg ausbrach, gerade in Italien als deutsche Abordnung in einem Lager der italienischen Jugend. Vorher mussten wir ein einwöchiges Vorbereitungslager in Berlin absolvieren. In Italien selbst waren wir ungefähr zwei Wochen. Es waren Vertreter der Jugendorganisationen aus verschiedenen Ländern dort – Bulgarien, Rumänien, Finnland. Nach Kriegsausbruch reisten sie alle ab, nur wir Deutschen sind geblieben. Mit meinen Jungs habe ich auch Fahrten gemacht. Einmal bin ich nach Memel gefahren, mit dem Fahrrad über die Nehrung, und mehrmals nach Kumehnen am Galtgarben. Kumehnen ist 25 km von Königsberg entfernt. Ich hatte dort Verwandte, bei denen wir in der Scheune übernachten konnten. Mit den damaligen Fahrrädern lohnte es sich nicht, eine solche Strecke hin und zurück an einem Wochenende zurückzulegen, deshalb habe ich diese Fahrten immer in den Ferien organisiert. Einmal hatten wir einen Jungen dabei, der nicht nur kein Fahrrad hatte, sondern nicht einmal Rad fahren konnte, so dass wir ihm auch keins leihen konnten. Ich habe den Zwölfjährigen die ganzen 25 km auf meiner Querstange mitgenommen.
Frage: Sie haben diese Ausflüge also privat organisiert?
Nalli: Ich habe sie privat organisiert, aber unter dem Schild vom Jungvolk.
Frage: Mussten sich die Jungen an den Kosten beteiligen oder bekamen Sie Zuschüsse vom Staat?
Nalli: Was die großen Lager mit 300-400 Leuten an Zuschüssen bekamen, das kann ich nicht beurteilen. Wir kleinen Leute – wenn ich mit meinen zehn Jungen auf Fahrt ging – haben keinen Zuschuss bekommen. Die Jungen mussten die Kosten selbst tragen. Wir schrieben an die Eltern „Bei uns herrscht der Grundsatz, entweder alle oder keiner – wir bitten daher die besser gestellten Eltern, über den Fahrtenbeitrag hinaus noch einen Betrag zusätzlich zu spenden“. Für knapp eine Woche waren das pro Person drei Mark. Die besser gestellten Eltern gaben noch 50 Pfennig extra, für diejenigen, die diese drei Mark nicht aufbringen konnten. Die Übernachtung in der Jugendherberge kostete im Sommer 20 Pfennig und im Winter 25 Pfennig, weil im Winter geheizt werden muss. Wenn wir also für sechs Tage drei Mark hatten, waren das 50 Pfennig pro Tag.
Frage: Dann blieb für das Essen aber ziemlich wenig übrig…
Nalli: Ich rechne gerade… vielleicht galt der Betrag bloß für fünf Tage, das kann ich nicht mehr genau sagen, aber die drei Mark habe ich noch im Hinterkopf. Ich gebe auch zu, dass wir manchmal zu der Wehrmachtskaserne gingen und fragten, ob beim Mittagessen etwas übrig geblieben ist. Wir haben dann in der Kantine zu essen gekriegt.
Frage: Und wie viele konnten sich die Fahrt nicht leisten?
Nalli: Das weiß ich nicht mehr… Aber ich könnte mir vorstellen, dass manche, die nicht mitgehen wollten, einfach gesagt haben, sie hätten das Geld nicht. Dann bekamen sie die Fahrt von uns bezahlt und hatten sogar Spaß dabei. Ähnlich war es auch bei mir in meiner Anfangszeit – ich sagte „Papa, der Jungenschaftsführer wird zu dir kommen, ich hab' gesagt, ich darf nicht mit auf Fahrt, er wird fragen warum“. Dann hat der Vater überlegt, was man da sagen kann – „Du hast doch eine Nierenentzündung gehabt, das werden wir als Grund angeben“. Aber hinterher, wenn man dabei war…
Frage: …hat es den Jungen Spaß gemacht…

Aus drei Zeltbahnen bauten die Pimpfe ein kleines Zelt.
Nalli: (mit Nachdruck) Ganz überwiegend! Schon das Unter-Jungens-Sein, das Herauslösen aus dem Familienverband und der elterlichen Aufsicht, das Ganz-für-uns-Sein, tagelang und nächtelang, das war ja schon ein Anreiz.
Frage: Haben Sie auch in Zelten übernachtet?
Nalli: Haben wir auch, recht häufig.
Frage: Mussten Sie die Zelte selbst kaufen oder wurden sie gestellt?
Nalli: Da muss ich zwischen großen und kleinen Lagern unterscheiden. Zum einen gab es da die so genannten „Alex“. „Alex“ war ein Rundzelt für acht Personen – heute nicht geeignet, weil die Luftmatratzen in der Mitte zusammenstoßen! Wir hatten keine Luftmatratzen, wir hatten Stroh. Diese Zelte gab es bei großen Lagern, sie gehörten der Hitlerjugend. Bei kleinen Lagern, wenn wir allein auf Fahrt gingen, hatten wir unsere viereckigen Zeltbahnen dabei. Aus drei solchen Zeltbahnen machte man ein Dreierzelt. Die Zeltbahnen waren aus imprägniertem Stoff mit Knöpfen und Knopflöchern auf allen vier Seiten, so dass sie zu einem Zelt zusammengeknöpft werden konnten. Dazu brauchte man noch einen Zeltstab in Teilen, den man bei sich tragen konnte. Die Zeltstabteile werden Aale genannt, und die Pflöcke, die in den Boden reingerammt werden, heißen Heringe. Vier solcher Aale werden zusammengesteckt und bilden einen Zeltstab.
Frage: Waren diese Teile aus Metall?
Nalli: Nein, nein – die Aale waren aus Holz. Die Heringe werden dagegen weitgehend aus Metall gewesen sein.
Frage: Aber die kleinen Zelte für die Fahrten Ihres Jungzugs gehörten auch der HJ, oder?
Nalli: Nein. Es waren nur Zeltbahnen und sie gehörten den einzelnen Jungen. So eine Zeltbahn hat soviel wie ein Affe (ein Tornister) gekostet – 20 Mark.
Frage: Haben Sie das alles selbst bezahlen müssen?
Nalli: Ja. Man musste es nicht, man konnte es sich anschaffen. Natürlich – wenn einer auf Fahrt gehen will, eine Zeltbahn braucht und keine hat, wird er sich beim Nachbarn oder anderswo eine ausleihen.
Frage: Wie oft haben Sie solche Fahrten gemacht?
Nalli: Unterschiedlich. Grundsätzlich in allen Ferien, gelegentlich auch mal übers Wochenende. Manchmal sind wir auch 30-50 Kilometer bis an die Ostsee nach Groß Dirschkeim in eine Jugendherberge gefahren in der Nähe von Brüsterort mit dem Leuchtturm – oder nach Sarkau oder Rauschen. Der Leuchtturm in Groß Dirschkeim war 30 Meter hoch und stand auf der 30 Meter hohen Steilküste. Ich entsinne mich auch an ein Zeltlager in Tenkitten, da stand das Adalbertkreuz für einen Missionar, der an diesem Ort in der grauen Pruzzen-Vorzeit erschlagen wurde.

Nalli in HJ-Uniform (Sommer).
Frage: Musste man die Uniform der Hitlerjugend selbst bezahlen oder wurde sie gestellt?
Nalli: Man musste sie selbst kaufen. Es gab einen konzessionierten Laden für offizielle Uniformstücke, die eine Art Zulassungsnummer hatten (ich nenne es mal so). Die Uniformen wurden nach Vorschrift angefertigt, so dass sie in Farbe, Form und Machart im ganzen Reich übereinstimmten.
Frage: Und was gehörte alles dazu?
Nalli: Sie müssen zunächst unterscheiden zwischen der Sommer- und der Winteruniform. Außerdem gab es noch die von uns so genannte „Übergangsuniform“. Also, wir fangen mit der Sommeruniform an – dazu gehört das Braunhemd (in einem hellen Braun), die schwarze kurze Hose aus Kordstoff – zwei Handbreit übers Knie, das Koppel mit dem Koppelschloss und der Schulterriemen.
Frage: Stand auf dem Koppelschloss etwas drauf?
Nalli: Zu Anfang hatte das Deutsche Jungvolk die Siegrune drauf, später hatten die Hitlerjugend und das Jungvolk das gleiche Koppelschloss, da stand „Blut und Ehre“ drauf. Dasselbe stand auch auf dem Fahrtenmesser, das vier Mark kostete.
Frage: Und was hat die ganze HJ-Uniform gekostet?
Nalli: Das habe ich nie zusammengezählt. Ich weiß nicht, was ein Braunhemd kostete. Hemden brauchte man mehrere – wenn eins gewaschen wurde oder zerrissen war. Wir dürfen aber nicht vergessen: Schlips und Knoten ist natürlich das Wichtigste! Der Schlips wurde aus einem dreieckigen schwarzen Halstuch gelegt und mit einem Lederknoten zusammengehalten.
Frage: Gehörte auch ein Rucksack dazu?
Nalli: Ja. Das Wort „Rucksack“ ist aber unmilitärisch. Wir hatten einen Affen – einen Tornister, wo hinten das Kochgeschirr drauf ist und wo ringsherum Decke und Zeltbahn gelegt sind. Die Decke wird gerollt, die Zeltbahn wird gelegt.
Frage: Gab es zu der Uniform auch eine Mütze?
Nalli: Im Sommer gab es ein Käppi, aber das war nicht gebräuchlich – das haben wir in Italien gebraucht, wo wir repräsentieren mussten.
Frage: Gab es besondere Schuhe zur Uniform?
Nalli: Das wäre zu teuer geworden. Wir zogen unsere normalen Straßenschuhe an. Die Sohlen waren mit Nägeln beschlagen – um sie zu schonen. Und wenn die Nägel abgelaufen waren, kamen neue Nägel drauf, denn Leder war teuer.
Frage: Und wie sah denn die Winteruniform aus?
Nalli: Dazu gehörten Überfallhosen oder Schihosen – auch schwarz und ohne Bügelfalte, wie die Sommerhosen. Und eine schwarze Jacke – sie hieß Jungenschaftsjacke. Und natürlich die Skimütze.
Frage: Das war die Uniform für das Jungvolk?
Nalli: Ja. Für die Hitlerjugend auch, die Uniformen waren einheitlich, bis auf die Tatsache, dass die Hitlerjugend eine Armbinde mit Hakenkreuz hat – rot-weiß-rot – und das Jungvolk eine Siegrune. Und darüber ist, bei der Hitlerjugend und beim Jungvolk, ein Dreieck, in dem die Kennzeichnung des Obergebiets und des Gebiets steht. Bei uns hieß das Obergebiet „Ost“. Es gab fünf Obergebiete – Ost, West, Süd, Nord und Mitte – und etwas über dreißig Gebiete – das war in unserem Fall „Ostland“ und später „Ostpreußen“, als nämlich Österreich dazu kam und unter „Ostmark“ ging. Die Mädels hatten übrigens das gleiche schwarze Dreieck auf dem linken Blusenärmel.

Nallis Jungenschaft.
Frage: War ihre Arbeit in der HJ ehrenamtlich?
Nalli: Selbstverständlich! Das war Ehre! Man musste sogar einen Mitgliedsbeitrag entrichten – den durfte ich einkassieren.
Frage: (verwundert) Mitgliedsbeitrag? Das hat's gegeben?
Nalli: Ja, ich glaube 30 Pfennig im Monat und 5 Pfennig Versicherung.
Frage: Gab es eine Mitgliedsnummer und einen Mitgliedsausweis?
Nalli: Natürlich.
Frage: Und wie sah die organisatorische Struktur der Hitlerjugend aus?
Nalli: Also: die Jungenschaft hat zehn Jungen, der Jungzug hat etwa dreißig Jungen (drei Jungenschaften), danach kommt das Fähnlein (ich spreche jetzt vom Jungvolk)…
Frage: Sie selbst waren Jungzugführer?
Nalli: Ich war zunächst Jungenschaftsführer und später wurde ich Jungzugführer. Aber zurück zur Organisation: Vier Jungzüge sind ein Fähnlein, drei oder vier Fähnlein sind ein Jungstamm, die Großstadt Königsberg ist ein Jungbann, ganz Ostpreußen ist ein Gebiet, und Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Brandenburg und Berlin bilden das Obergebiet „Ost“. Das war das Deutsche Jungvolk. Jetzt kommt die Hitlerjugend: von unten her heißt es nicht Jungenschaft, sondern Kameradschaft, danach Schar, Gefolgschaft, Stamm und Bann. Vom Gebiet ab sind Jungvolk und Hitlerjugend zusammen.
Frage: Hat Ihr Fähnlein auch eine eigene Fahne gehabt?
Nalli: Ja, natürlich. In der „unzivilisierten“ Zeit bis ungefähr 1935, gab es noch verschiedene Wimpel. Später wurde Ordnung geschaffen – jedes Fähnlein und jede Gefolgschaft (je nach dem, ob Jungvolk oder HJ) bekam eine Fähnlein- oder eine Gefolgschaftsfahne.
Frage: Wie sahen sie aus, was stand darauf?
Nalli: Die Fähnleinfahne war schwarz und hatte eine weiße Siegrune. Es gab ein NS-Lied mit den Worten „Wir folgen der schwarzen Fahne, mit dem heiligen Zeichen darin“ – das „heilige Zeichen“ war die Siegrune.
Frage: Waren die Fahnen für alle Fähnlein einheitlich?
Nalli: Die Fahnen waren einheitlich, nur die jeweilige Fähnlein-Nummer stand ganz klein in einer oberen Ecke. Und bei der Hitlerjugend war die Gefolgschaftsfahne rot-weiß-rot, mit einem Hakenkreuz in der Mitte – so wie die Armbinde der Hitlerjugend.
Frage: In der damaligen Zeit gab es recht viele Sammelaktionen. Haben Sie bei so etwas mitgemacht?
Nalli: Was meinen Sie mit „sammeln“?
Frage: Für die Winterhilfe, zum Beispiel…
Nalli: Geld also, meinen Sie…
Frage: Oder Wertstoffe, es gab ja auch Altpapiersammlungen und andere…
Nalli: Natürlich, das sind aber zwei verschiedene Dinge. WHW heißt „Winterhilfswerk“: „Keiner soll hungern, keiner soll frieren“ – Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV). Für 20 Pfennig kriegten Sie ein WHW-Abzeichen, und dieses Abzeichen gab es jeden Monat in den sechs Wintermonaten neu – sehr schöne Sachen, für die Sie heute schon fünf Euro bezahlen müssten. Das war eine Geldsammlung.
Frage: Sie haben da mitgemacht?
Nalli: Ja, dazu wurde die Hitlerjugend eingesetzt.
Frage: Was haben die Leute normalerweise gespendet?
Nalli: Zwanzig Pfennig, dafür gab es das Abzeichen. Dass einer eine Mark gab, ist mir nicht passiert, dann kaufte er sich wahrscheinlich lieber fünf Abzeichen und hat sie auf die Brust geheftet.
Frage: Wie hat man die Leute angesprochen?
Nalli: Eine besondere Anrede gab es nicht. Man sagte z.B. „eine Spende für das WHW“.
Frage: Wo hat man gesammelt? In Straßenbahnen?
Nalli: Nein, in Straßenbahnen nicht, das war wohl nicht gestattet. Nein, wir sammelten nur in unserem Stadtgebiet, auf der Straße. Es gab auch eine Haussammlung, aber dafür waren wir nicht zuständig. Wir sammelten auf der Straße.
Frage: Wo hat man das Geld abgegeben?
Nalli: Auf der Ortsgruppe der NSDAP. Dort haben wir die plombierte Büchse bekommen und so und so viele Abzeichen – zwanzig oder dreißig Stück. Damit wurde man losgeschickt. Erst hinterher konnten wir sehen, was in der Büchse drin ist, ob es mehr als zwanzig Pfennig pro Abzeichen sind oder weniger.
Frage: Gab es auch Altpapiersammlungen?
Nalli: Ja, das hat man auch gesammelt, natürlich. Altpapier und Schrott. Es wurde vorher bekannt gegeben, dass an dem und dem Tag gesammelt wird, ähnlich wie es heute mit der Kleidersammlung für karitative Zwecke ist. Die Leute hatten es bereit gelegt und wir haben nur eingesammelt.
Frage: Und Kräuter oder ähnliche Sachen?
Nalli: Nein, das war die Sache der Mädels.
Frage: Gab es bei Ihnen Juden in der Nachbarschaft?
Nalli: Ja. In unserem Haus nicht, aber im Nachbarhaus und in einigen Geschäften. Und da wir, wie ich schon sagte, Christen waren… (überlegt kurz) haben wir die Juden geachtet. Wir glauben und wissen, dass Jesus Christus auch Jude war.
Frage: Kontakte zu den Juden hat es aber nicht gegeben?
Nalli: Nein, eigentlich nicht.
Frage: Wusste man, wer Jude ist?
Nalli: In der Schule wussten wir es, weil die jüdischen Schüler nicht zum Religionsunterricht kamen.
Frage: Es gab die Meinung, dass es besonders viele Juden in den gehobenen Berufen gab. Stimmt das?
Nalli: Ja, schon – die Statistik ist mir nicht bekannt, aber es fiel auf, dass sie Ärzte sind, Rechtsanwälte und Geschäftsleute.
Frage: Haben Sie selbst ein solches Geschäft oder eine jüdische Arztpraxis besucht?
Nalli: Praxis nicht, aber Geschäfte schon. Am 10. November 1938 erzählte meine Tante, dass sie jüdische Geschäftsleute aus der Nachbarschaft auf der Straße gegrüßt hatte und dass eine Frau dann schrie „Pfui, eine deutsche Frau grüßt eine Jüdin!“. Meine Tante kam seelisch aufgelöst zu uns und erzählte das.
Frage: Haben Sie die „Reichspogromnacht“ miterlebt?
Nalli: Ja. In der Nacht war ich nicht unterwegs, aber als ich am nächsten Morgen zur Schule ging und an einem solchen Geschäft vorbeikam, dachte ich „O, guck mal, da haben sie über Nacht eingebrochen“. Dann kam ich am nächsten Laden vorbei, da war es schon wieder so – „Das ist aber ein Zufall!“. Beim dritten Mal ging es mir auf, dass das jüdische Geschäfte waren. Aber die Kristallnacht selbst, die Plünderung habe ich nicht direkt erlebt, ich sah es erst am nächsten Morgen.
Frage: Und wie war die Lage vorher, vor dem Judenpogrom? Gab es schon früher Judenboykotte oder ähnliche Sachen?
Nalli: Ich sage Ihnen, was ich glaube darüber zu wissen. Als Adolf Hitler an die Macht gekommen war, kamen die Juden – jüdische Organisationen, muss ich sagen – in England und Amerika auf den Gedanken, deutsche Waren zu boykottieren und riefen dazu auf. Daraufhin wollte ihnen Deutschland zeigen „Freunde, seid nicht so unvorsichtig und hetzt nicht gegen unsere Waren – wir können auch gegen eure Leute etwas unternehmen!“ Deshalb wurden an einem Tage die Schaufenster beschmiert und Posten – heute nennt man das Mahnwachen – aufgestellt. „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“, hieß es.
Frage: Haben Sie persönlich irgendwelche Juden gekannt?
Nalli: Eine alte Jüdin kam zu der schon erwähnten Tante öfter zu Besuch, das weiß ich noch. Sie war in der Christengemeinde, in der auch meine Tante war…
Frage: War sie getauft?
Nalli: Ja, sie war christlich getauft worden. So kam unsere Verbindung zu dieser „Jüdin“ zustande.
Frage: Und was ist mit den Juden nachher passiert?
Nalli: Das weiß ich nicht mehr, da war ich Soldat.
Frage: Und vor dem Krieg merkte man nicht, dass da Menschen jüdischer Abstammung wegziehen?
Nalli: Doch. Bei unseren Spielen am alten Güterbahnhof habe ich Möbelwagen gesehen, die nach Palästina adressiert waren.

Kartoffelschälen beim Reichsarbeitsdienst.
Frage: Wie haben Sie den Krieg erlebt, als Sie noch nicht beim Militär waren?
Nalli: Es gab schon vor dem Krieg Verdunkelungsübungen, was uns natürlich großen Spaß bereitete… Sie wurden gleichzeitig für die ganze Stadt angeordnet, denn das geht nicht, die Stadt nur partiell zu verdunkeln. Für uns war das natürlich interessant, in der total dunklen Stadt durch die vertrauten Straßen zu gehen. Außerdem wurden vor Kriegsausbruch die Dachböden entrümpelt. Später gab es auch Brandwachen, aber davon habe ich kaum etwas mitgekriegt. Es mussten hier und da Feuerpatschen und Eimer mit Wasser und Sand aufgestellt werden. Aber ich selbst bin dazu nicht herangezogen worden – wahrscheinlich deshalb, weil man wusste, dass ich im Kriegsfall Soldat bin. Es gab auch unten im Hausflur einen Aushang, wo drauf stand, wer Luftschutzhauswart und wer Brandwart ist, aber da war ich nicht beteiligt.
Frage: Haben Sie einen Bombenangriff erlebt?
Nalli: Nein. In der Stadt nicht, auf dem Flugplatz schon, das war aber später, in Österreich. In Königsberg gab es zunächst keine Bombenangriffe, es wurden sogar Leute aus dem „Reich“ nach Ostpreußen evakuiert, weil es dort lange Zeit keine Bombenangriffe gab. Aber auch davon habe ich nicht viel mitbekommen. Ich bin 1940 Soldat geworden, da gab's noch keine Bombenangriffe. Und später, wenn ich mal vierzehn Tage Heimaturlaub hatte, habe ich davon nicht viel gemerkt. Vor dem Militär durfte ich, gleich nach meinem Schulabschluss, noch den Arbeitsdienst ableisten. Das war Pflicht und man wurde dazu eingezogen, wie zur Wehrmacht. Im Frieden betrug die Arbeitsdienstpflicht sechs Monate, im Krieg nur noch drei, weil man Soldaten brauchte. Ich war von April bis Juli 1940 dort.
Frage: Wohin sind Sie gekommen?
Nalli: Nach Russ, Kreis Heydekrug, Memelgebiet. Wir haben einen Damm gebaut, um die Felder vor Überschwemmung zu schützen – das hatte mit Krieg also nichts zu tun. Knochenarbeit war das, mit Schaufeln und Loren auf Schienen. Besonders uns verwöhnten „Inteligenzlern“ fiel das lange Arbeiten sehr schwer. Wir waren zum ersten Mal von Zuhause weg, von Fahrten abgesehen, und sehnten das Ende herbei.
Frage: Wie sah das Lager aus?
Nalli: Wir waren in Baracken untergebracht. Jede Baracke hatte drei Stuben, jede Stube war mit acht bis zwölf Mann belegt. Im ganzen Lager gab es etwa 150 Leute. Es waren alles in allem etwa vier Wohnbaracken, eine Essbaracke, eine Lagerhalle und ein Krankenrevier. Arbeitsunfälle sind allerdings keine passiert, es gab nur einmal eine Blinddarmoperation.
Frage: Hat man dafür Geld gekriegt?
Nalli: 25 Pfennig am Tag, alle zehn Tage wurde ausgezahlt. Beim Arbeitsdienst bekamen Sie eine Uniform gestellt, Verpflegung auch (das Essen war gut, aber nicht ausreichend). Die fünfundzwanzig Pfennig waren keine Entlohnung, sondern ein Ehrensold. Sie reichten vielleicht gerade mal für eine Flasche Limonade, es gab nämlich auch eine Kantine. Wir haben nach Hause geschrieben, „eine Flasche Limonade am Tag und der Tageslohn ist versoffen“. Später, als Soldat, bekam man eine Mark Wehrsold pro Tag. Sie kennen vielleicht das Lied, „Oh du schöner Westerwald“? Da heißt es im Kehrreim „Oh du schöner Westerwald / Über deinen Höhen pfeift der Wind so kalt / Jedoch der kleinste Sonnenschein / Dringt tief ins Herz hinein“. Beim Arbeitsdienst wurde das umgedichtet: „Oh du schöner Arbeitsdienst / Fünfundzwanzig Pfennig ist der Reinverdienst / Ein jeder muss zum Arbeitsdienst / Und dann zum Militär – und da gibt's mehr“.
Frage: Wurde sonntags auch gearbeitet?
Nalli: Nein.

Nalli in Luftwaffenuniform.
Nalli: Ich kam danach zur Luftwaffe. In Neukuhren, nördlich von Königsberg, an der Ostsee, bin ich ausgebildet worden. Nach einem halben Jahr bekam ich Gelenkrheuma – es war so schlimm, dass ich mich nicht bewegen konnte, gewaschen und gefüttert wurde. Und als man mich nach sechs Monaten aus dem Lazarett entließ, hatte ich einen schweren Herzfehler. Damit war meine militärische Karriere zunächst mal beendet. Ich wurde allerdings nicht aus der Wehrmacht entlassen, sondern zum Innendienst auf Schreibstuben zugeteilt und kam zunächst zu verschiedenen Verwaltungsstellen in Königsberg. Mein Gesundheitszustand besserte sich mit der Zeit immer mehr und die Anforderungen der Wehrmacht wurden immer geringer, so dass ich dann zu verschiedenen Truppenteilen kam. Zuletzt war ich bei einem Kampfgeschwader, aber nicht als Flieger natürlich, ich hatte ja keine Ausbildung. Anfangs waren wir noch in Ostpreußen, in Schippenbeil. Dann verlegten wir, um von Bombenflugzeugen auf Jagdflugzeuge umzuschulen, und kamen nach Oberösterreich, weil das die einzige Gegend war, in der es noch keine Feindeinflüge gab. Als wir dann kein Flugbenzin mehr hatten, wurden wir zu einer „Luftwaffenfelddivision“ umgerüstet. Wir kamen in ein Mittelgebirge in Ostösterreich, den „Semmering“ zwischen Wien und Graz. Dort habe ich einige Wochen einen Berg namens Eselsstein gegen die angreifende Rote Armee verteidigt, was wohl nur deswegen möglich war, weil man im Gebirge keine Panzer einsetzen kann. Wir haben den Eselsstein bis zum Abend des 8. Mai 1945 verteidigt und sind dann in der Nacht nach Westen abgehauen. Die Amerikaner haben mich im Sommer 1945 entlassen, ich durfte allerdings nur in die amerikanische Zone, nicht nach Königsberg. Da Thüringen und Sachsen damals aber noch amerikanisch besetzt waren, ließ ich mich nach Thüringen entlassen und konnte dort schon im Herbst 1945 mit einem Studium anfangen, da ich das Abitur hatte. Habe also Jura studiert…
Frage: Sie kamen nicht ins Lager?
Nalli: Nun, was ist ein Lager… nein… es war ein Stacheldraht herum, aber man konnte durch ihn durchgehen. Das war noch in Österreich. Wir sind in der Umgebung herumgegangen, wir hatten ja kaum etwas zu essen, vier oder sechs Wochen bekamen wir nichts zu essen, die Amerikaner kümmerten sich nicht um uns – bis sie anfingen, uns in die amerikanische Zone zu entlassen.
Frage: Wovon haben Sie dann gelebt?
Nalli: Die Einheit, bei der ich war, hatte einen Sack Erbsen und einen Sack Bohnen… wir haben auch mal ein Wehrmachtspferd getötet und geschlachtet, denn wir hatten noch unsere Waffen. Da wir nicht vor Kriegsende gefangen genommen wurden, galten wir völkerrechtlich nicht als Kriegsgefangene, sondern als „Entwaffnete“, die in Wirklichkeit ihre Waffen behielten.
Frage: Und dann wurden Sie aus dem Lager entlassen und waren ein freier Mann?
Nalli: Da haben mich die Amerikaner nicht nur aus dem Lager rausgelassen, sondern mit einem Militärauto bis Weimar auf den Marktplatz gefahren. Auf der Eisenbahn ging es nicht vorwärts, da waren die Brücken zerstört, aber der Lkw hat uns hingebracht – alle die nach Thüringen wollten.
Frage: Und wie lange war Thüringen dann noch amerikanisch besetzt?
Nalli: Vielleicht noch vier Wochen.
Frage: Aber die Amerikaner wussten doch, dass das russisch wird. Haben sie trotzdem Leute da hingeschickt?!
Nalli: Ja. Sie haben später wahrscheinlich auch in die russische Zone entlassen.
Frage: Und wie haben Sie sich dort eingerichtet?
Nalli: Ich traf dort auf Bekannte, die mich aufnahmen. Sie wurden dorthin evakuiert, nachdem Königsberg durch Luftangriffe zerstört worden war. Ich bekam bei ihnen ein Bett, diese Bekannten wohnten bei ihren Verwandten.
Frage: Und dann haben Sie studiert?
Nalli: Von 1945 bis 1949 habe ich in Jena Jura studiert, habe dort auch das Referendarexamen gemacht beim Oberlandesgericht in Gera. Erst dann bin ich in den Westen gegangen. Ich ging 1945 zunächst mal… (überlegt kurz) na, „mit Elan“ will ich nicht sagen, aber mit viel gutem Willen und aufgeschlossen an die neuen politischen Verhältnisse heran, war in der Freien Deutschen Jugend als Leiter einer Theatergruppe tätig. Es gab da ein Lied – „Wir zieh'n voran über Trümmer und Scherben / Es singt ein jeder, der mit uns zieht / Wir singen nicht mehr vom Töten und Sterben / Die deutsche Jugend singt froh ein neues Lied“. Dieser Gedanke hat mir imponiert, darüber kann ein junger Mensch – ich war genau dreiundzwanzig – ins Nachdenken kommen. Nun ja… mit der Zeit erkannte ich, dass es dort in der Ostzone keine erstrebenswerte Zukunft gibt, und bin deswegen in den Westen gegangen. Dort habe ich meine Referendarzeit und 1954 das Zweite juristische Staatsexamen gemacht und wurde in den Justizdienst des Landes Baden-Württemberg übernommen.
Frage: Was für ein Verhältnis haben Sie heute zu Königsberg?
Nalli: Königsberg gibt's nicht mehr.
Frage: Vermissen Sie die Stadt?
Nalli: Es wäre mir lieber, wenn sie nicht zerstört worden und deutsch geblieben wäre.
Frage: Finden Sie sich gut zurecht hier in Süddeutschland?
Nalli: Ja, ich bin jetzt fünfzig Jahre hier, fast mein ganzes Leben, war dreiundzwanzig bzw. achtzehn Jahre in Königsberg. Wenn es Königsberg noch gäbe, könnten Sie mich fragen, ob ich wieder dorthin zurück will. Aber nach Kaliningrad möchte ich nicht, in die dortigen Wohnställe.