Die Arbeit an meinem Ostpreußen-Projekt habe ich in den 1990er Jahren angefangen, nachdem ich von der deutschen Vergangenheit meiner Heimat erfahren hatte. Das war keineswegs selbstverständlich: Vor 1990 sprach man in Polen kaum von Ostpreußen, sondern von Ermland und Masuren. Damit war der jetzige polnische Teil dieser Provinz gemeint. Der offiziellen Propaganda zufolge waren das Landschaften, deren überwiegend polnische Bevölkerung durch die Germanisierungspolitik des preußischen Staates ihre Wurzeln und ihre Sprache vergessen hätte. Erst die politische Wende und die zunehmenden Kontakte zu Deutschland nach 1990 setzten der Geschichtsverfälschung ein Ende. Es entstand ein reges Interesse an der deutschen Vergangenheit Ostpreußens, zahlreiche Bücher und Artikel sind zu diesem Thema erschienen. Ich habe meine Arbeit allerdings zu einer Zeit angefangen, als es in Polen noch wenig glaubwürdige Publikationen zu diesem Thema gab. So habe ich mich entschlossen, selbst Menschen zu finden, die mir über ihr Leben in Ostpreußen etwas erzählen würden. Da seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehrere Jahrzehnte vergangen sind, war es klar, dass ich meine Informanten unter der damaligen Jugend suchen muss.
Inzwischen habe ich mehrere Zeitzeugen befragt – einige dieser Gespräche sind bereits veröffentlicht. Mein besonderes Anliegen ist es, Erinnerungen von Menschen aus möglichst unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen zusammenzutragen. Sie sollen ein lebendiges und mannigfaltiges Panorama des Lebens vor 1945 ergeben, aber auch über das Schicksal der ostpreußischen Jugend in den ersten Nachkriegsjahren informieren. Denn jeder dieser jungen Menschen musste sich in einem neuen Umfeld zurechtfinden, ganz gleich ob es die fremd gewordene Heimat oder eine der deutschen Besatzungszonen war.
Der Arbeitstitel dieses Projekts lautet Jugendzeit in Ostpreußen. Es soll eine Sammlung von Erinnerungen derer sein, die ihre ersten Lebenserfahrungen in dieser ostdeutschen Provinz gemacht haben. Dabei lege ich vor allem Wert auf den damaligen Alltag und persönliche Erlebnisse – oder anders gesagt auf alles, was unmittelbar meine Heimat und die dort lebenden Menschen betrifft. Die politischen und militärischen Ereignisse des Zweiten Weltkrieges betrachte ich nur als einen historischen Hintergrund und möchte deshalb in erster Linie festhalten, wie diese Ereignisse das Leben der „kleinen“ Leute beeinflussten.
Ich habe vor, die zusammengetragenen Materialien ins Polnische zu übersetzen. Die subjektien Zeitzeugenberichte werden durch allgemeine Beiträge in den großen historischen Kontext eingeordnet – mögliche Themen sind zum Beispiel die Ereignisse des letzten Kriegsjahres, das Schicksal der in Ostpreußen verbliebenen deutschen Bevölkerung und die Eingliederung der Flüchtlinge in Westdeutschland und der DDR.
Auf diese Weise möchte ich ein Stück der deutschen Vergangenheit Ostpreußens vor dem Vergessen bewahren und sie meinen polnischen Landsleuten näher bringen. Dies soll mein Beitrag zur Verständigung zwischen Deutschen und Polen sein. Dazu ist eine gemeinsame Aufarbeitung aller noch offenen Kapitel der Geschichte notwendig. Wichtig ist dabei, dass die gemeinsame Vergangenheitsbewältigung auf Wahrheit beruht. Das heißt, dass man die unrühmlichen und schmerzhaften Episoden nicht aussparen darf – auf beiden Seiten.
Wohnt der Zeitzeuge in meiner Nähe, treffen wir uns in der Regel persönlich. Die Zeitzeugen erzählen aus ihrem Leben das, was ihnen spontan einfällt. Ein Leitfaden mit möglichen Themen leistet gelegentlich Hilfe bei diesen Gesprächen. Wenn ein persönliches Treffen nicht möglich ist, schafft das Telefon Abhilfe. Die Gespräche werden aufgenommen, niedergeschrieben und bearbeitet. Das ist notwendig, um Wiederholungen zu vermeiden und gute Lesbarkeit zu gewährleisten. Viele Gespräche werden dabei in einen fortlaufenden Text umgewandelt. Den fertigen Text bekommt der Zeitzeuge auf Wunsch zum Korrekturlesen.
Das Erzählen fällt den meisten Menschen leichter als das Schreiben – bei manchen Menschen stellt es sich jedoch heraus, dass sie zum Zeitpunkt meiner Anfrage ihre Erinnerungen bereits niedergeschrieben haben. Auch solche Texte werden auf dieser Internetseite veröffentlicht. Sie werden in ihrem Inhalt nicht verändert, Kürzungen, Umstellungen und stilistische Korrekturen, sind jedoch nicht ausgeschlossen, wenn das der Lesbarkeit dient. Dies wird jedoch stets mit dem Autor abgesprochen.
Die folgende stichpunktartige Aufstellung möglicher Themen soll den Zeitzeugen helfen, die Erinnerungen aufzufrischen. Sie ist nur als eine Hilfe, nicht als verbindliche Richtlinie gedacht.
Kurze Beschreibung Ihres damaligen Wohnortes: Ortsname, ungefähre Einwohnerzahl, Lage usw.
Elternhaus, Familienangehörige, Nachbarn, Spielkameraden, Wohngegend, Familien- und Jahresfeste.
Lehrer, Unterricht, Ausflüge, Kameraden, Schulsport, Arbeitskollegen, Vorgesetzte, Pflichtjahr.
Größe der Bauernhöfe, Viehbestand, angebaute Pflanzen, Absatz, typische Arbeiten, Lebensstandard auf dem Lande, Landarbeiter (Instleute), große Landgüter, Landjahr, Fischerei.
Kirche im Leben der Familie, Geistliche, konfessionelle Verhältnisse, Kirche und Politik.
Cafés, Gaststätten, Hotels, Volksfeste, öffentliche Veranstaltungen, Vereine, Kino, Tanz, Mode, Reisen, Sport, Verwandten- und Bekanntenbesuch, Freizeit in der Natur, Bücher und Zeitschriften.
Löhne, Preise, Größe und Ausstattung der Wohnungen (Strom, Wasser, Radio, Heizung, Möbel), Essgewohnheiten (typische Gerichte, Mahlzeiten), Versorgungsengpässe.
HJ- und BDM-Aktivitäten: Zeltlager, Geländespiele, Ausflüge, Fahrten, Sport, Sammelaktionen, Lieder, Dienst.
Juden in der Nachbarschaft, ihre berufliche und gesellschaftliche Stellung, Kontakte mit Juden, Reichspogromnacht 1938.
Verdunkelung, Luftschutz, Versorgung (Lebensmittelmarken, Kleiderkarte), Einberufung in die Wehrmacht, Dienstverpflichtung der Frauen, Gefallene und Vermisste, Ausgebombte „aus dem Reich“, Kinderlandverschickung, Sammelaktionen, Winterhilfswerk, Kriegsgefangene und Fremdarbeiter, „totaler Krieg“, Attentat auf Hitler (20. Juli 1944), Unterhaltung und Mode im Krieg.
Herannahen der Front, Stimmung der Bevölkerung (Gerüchte, Reaktionen auf das Massaker von Nemmersdorf), Volkssturm, Flucht, Einmarsch der Roten Armee, erste Begegnung mit den Sowjets, Plünderungen, Verschleppung in die Sowjetunion, zurückgebliebene deutsche Bevölkerung unter der polnischen Herrschaft, Ausweisung, Aufnahme von Flüchtlingen und Ausgesiedelten in Westdeutschland und der SBZ/DDR.
Eingliederung in der BRD/DDR, Ihre Lebensbedingungen heute und damals (Vergleich), Ostpreußen heute und seine Zukunft.
Brauchtum und Sitten (Schimmelreiter, Schmackostern usw.), Dialekt, Trachten.
Cezary Bazydlo
Arno-Nitzsche-Str. 22
04277 Leipzig
Tel. +49-341-3032994
E-Mail:jugendzeit_ostpr@yahoo.de
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