Der heutige Universitätscampus von Allenstein hat eine erschütternde Vorgeschichte. Stanislaw Piechocki hat ein unbekanntes Kriegsverbrechen aufgedeckt, das den Namen Nemmersdorf in Schatten stellt.
Die Existenz der Kortauer Psychiatrie-Anstalt in den Jahren 1886-1945 dürfte manch früherem Bewohner der Gegend bekannt sein. Weniger aber die Tatsache, dass sie im Zweiten Weltkrieg zum Ort eines doppelten Verbrechens wurde. Dies deckt der Allensteiner Schriftsteller und Amateur-Historiker Stanislaw Piechocki in seinem Buch auf. Auf die knappe Beschreibung der früheren, bis in die Steinzeit zurückreichenden Geschichte des Ortes folgt das eigentliche Thema: die Geschichte der dortigen Psychiatrie-Anstalt, deren Gelände heute – inzwischen Stadtteil von Allenstein – als Universitätscampus genutzt wird.
1886 entstanden, war die Kortauer Psychiatrie lange Zeit „ein solides deutsches Irrenhaus“ – bis man in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts mit der Umsetzung des nationalsozialistischen Eugenik-Programms begann. Zunächst beschränkte man sich auf die Sterilisation von Geisteskranken. Der 1939 angefangene Krieg bot jedoch, wie es schien, eine gute Gelegenheit, das deutsche Volk von der Last der „unnützen Brotfresser“ gänzlich zu befreien – selbstverständlich unter strengster Geheimhaltung, da das Volk zu jener Zeit noch nicht bereit war, eine solche „Wohltat“ zu akzeptieren. Im Rahmen der in ganz Deutschland durchgeführten Aktion T-4 wurden ca. 1.000 Kortauer Patienten „in den Himmel verlegt“ – d.h. außerhalb von Ostpreußen vergast oder erschossen. Die frei gewordenen Plätze nutzte man, um ein Kriegslazarett einzurichten.
Der zweite Akt des Dramas spielte sich im Januar 1945 ab, als die immer weiter nach Westen vorrückende Rote Armee Allenstein und Kortau eroberte. Kurz vor Einnahme der Stadt durch sowjetische Truppen wurde der noch am Leben gebliebene Rest der Kortauer Geisteskranken zum Allensteiner Hauptbahnhof gebracht und in Eisenbahnwaggons verfrachtet. Der Zug fuhr in Richtung Westen ab, doch bereits hinter dem Bahnhof Allenstein-Vorstadt verliert sich jede Spur. Wahrscheinlich kam der Transport auf irgendein Abstellgleis, wurde dort vergessen oder von der Front überrollt – die für den strengsten Winter unzureichend bekleideten Kranken sind vermutlich erfroren.
Die Patienten des Kriegslazaretts wurden dagegen nur teilweise evakuiert, ein Teil wurde in letzter Minute in den Volkssturm einberufen. Die übrigen Verwundeten blieben mit dem medizinischen Personal in Kortau – fast alle haben dort den Tod gefunden. Einige Ärzte wurden in ihrem Versteck auf einem Dachspeicher entdeckt und aufgehängt. Über das Schicksal der Lazarett-Patienten und des übrigen Personals geben ein Augenzeugenbericht und die in den 1950er Jahren durchgeführten Exhumationen Aufklärung. Sie wurden erschossen, erstochen oder aufgehängt. Eine nicht ausreichend bestätigte Zeugenaussage aus der unmittelbaren Nachkriegszeit gibt als vierte Todesart Verbrennung mit dem Flammenwerfer an. Mehrere kleinere und größere Massengräber wurden während der Bauarbeiten in den 1950er Jahren entdeckt, das größte von ihnen barg 227 Leichen. Nach der Ermordung ihrer Opfer setzten die Sowjets die Gebäude der einstigen Psychiatrie-Anstalt in Brand.
Stanislaw Piechocki: Czysciec zwany Kortau [Eine Hölle, genannt Kortau], Olsztyn [Allenstein]: Ksiaznica Polska 1993. ISBN 83-85702-02-4, 154 Seiten.