Jugendzeit in Ostpreußen - Landgut Groeben

Kindheit in einem Herrenhaus in Ostpreußen

„Die Instleute waren Selbstversorger”

Fried von der Groeben

Fried von der Groeben wuchs auf einem Landgut im Kreis Bartenstein auf. Dieses so genannte Majorat musste mitsamt dem dazugehörigen Grafentitel ungeteilt an den ältesten Sohn vererbt werden. Fried ist der jüngste Sprößling der gräflichen Familie. Seine Erinnerungen lassen vor unseren Augen eine Welt wiedererstehen, die es längst nicht mehr gibt: die weitläufigen Ländereien seines Vaters, die patriarchalisch organisierte Dorfgemeinschaft von Groß Schwansfeld und ein typisch ostpreußisches Herrenhaus mit Zahlmeister, Gouvernante, Privatlehrer, Mamsell und einigen Dienstmädchen. Fried von der Groeben schildert das Leben der Landarbeiter, die man damals Instleute nannte, und erzählt von seinem Dienst als Marinehelfer in Pillau und dem anschließenden kurzen Fronteinsatz bei Berlin.


Das Majorat und das Dorf

Kinder im Schlosspark von Groß Schwansfeld, darunter Friedrich von der Groeben (Mai 1937)
Der Schlosspark war ihr Revier: Fried von der Groeben (links) mit seinen Geschwistern und einigen Dorfkindern, Mai 1937.

Als die Nazis 1933 in Deutschland an die Macht kamen, war ich fünf Jahre alt und lebte in einem behüteten Umfeld, im Schloss zu Groß Schwansfeld, mit meinen Eltern und meinen zwei älteren Geschwistern – meinem Bruder Hans und meiner Schwester Agnes. Dieses Schloss, in dem ich das Licht der Welt erblickte – ich bin der einzige heute noch lebende Groeben, der in diesem Haus geboren ist – wurde in den Neunziger Jahren von der polnischen „Treuhand“ an einen Geschäftsmann aus Warschau verkauft. Zu Beginn der Neunziger Jahre war es von der Denkmalschutz-Behörde vollständig restauriert worden und ist im Inneren vornehmer geworden, als es zur Zeit meiner Eltern gewesen ist. Wir hatten keine Zentralheizung, wir hatten keine Marmorfußböden, wir hatten nicht so zahlreiche sanitäre Installationen.

Das Dorf Groß Schwansfeld zählte damals ca. 350 Einwohner. Die meisten von ihnen, ca. 40 Familien, waren Landarbeiter (sog. Instleute), die auf dem Gut meines Vaters beschäftigt waren. Die Häuser, in denen diese Familien wohnten, Insthäuser genannt, gehörten meinem Vater. In jedem wohnten mindestens zwei bis vier Familien. Außer diesen Instleuten lebten in Groß Schwansfeld ein Pfarrer, eine Krankenschwester, ein Tischler, ein Schuster, ein Sattlermeister, zwei Postboten, der Dorfschullehrer (er war gleichzeitig Kantor in der Kirche) und etwa vier selbständige Bauern. Diese hatten ebenfalls ein oder zwei Landarbeiterfamilien. Komplettiert wurde alles durch den Krugwirt, der auch eine Schlachterei, einen Krämerladen und einen Viehhandel betrieb. Das Landgut spielte aber eine dominierende Rolle für das Dorf, mein Vater war zugleich Bürgermeister, Bezirksamtsvorsteher sowie Patron der Kirche. Zum Gut gehörten drei Vorwerke – Sporwienen, Mathiashof und Gotthilf – wo insgesamt etwa 30 Familien wohnten und als Instleute arbeiteten. Vorwerke waren Nebenhöfe, auf die ein Besitz mit mehr als 1000 ha Land und Wald nicht verzichten konnte, da er zu groß war, um zentral bewirtschaftet zu werden.

Dieser Besitz bildete das sog. „Majorat“, d.h. er musste ungeteilt vom Vater auf den ältesten Sohn vererbt werden. An dieses Majorat war auch der Titel „Graf“ gebunden, den also mein Vater sowie automatisch mein älterer Bruder hatte. Um 1890 wurden von meinem Großvater die Nachbargüter Sporgeln und Paßlak mit je ca. 250 ha gekauft, damit seine anderen Söhne nicht leer ausgehen. Die klimatischen Verhältnisse in Ostpreußen machten es sinnvoll, landwirtschaftliche Betriebe mit einer gewissen Mindestgröße zu erhalten und sie nicht durch Erbteilungen zu zerstückeln. Das war einer der Gründe, weshalb Preußen die Schaffung von Majoraten favorisierte. Töchter erhielten natürlich eine Aussteuer und die jüngeren Söhne wurden nach Möglichkeit finanziell abgefunden. Dieses wäre auch bei mir der Fall gewesen.

»Viele Güter in Ostpreußen wurden erst Ende der Dreißiger Jahre an das Stromnetz angeschlossen«

Vor sechzig Jahren wurde die Landwirtschaft wesentlich anders als heute betrieben, das Gut ist heute zu einem reinen landwirtschaftlichen Produktionsbetrieb geworden. Mit ganz wenigen Arbeitskräften wird durch Motorisierung und Mechanisierung eine um Vieles größere Arbeitsleistung und Produktion erzielt. Die Felder werden nicht mehr mit Pferden, sondern nur noch mit Traktoren bearbeitet. In Groß Schwansfeld gab es zwar seit längerem Elektrizität, was aber keineswegs selbstverständlich war. Viele Güter und Dörfer in Ostpreußen wurden erst Ende der Dreißiger Jahre an das Stromnetz angeschlossen, Gotthilf z.B. blieb bis 1945 ohne Elektrizität.

Die Arbeit und somit das Leben auf einem solchen Landgut wurden stark vom Zyklus der Jahreszeiten geprägt. Die ruhigste Zeit war der Winter, wo Jagden veranstaltet wurden und die Arbeitszeit für die Instleute wesentlich kürzer war. Im Winter wurde vor allem das Getreide ausgedroschen, das man in der kurzen Sommerzeit schnell in die Scheunen gebracht hatte – man hatte ja keine Mähdrescher. Wenn die Scheunen nicht reichten, setzte man sogenannte Getreideberge. Diese wurden zuallererst gedroschen, da sie sonst schnell nass wurden und verdarben. Mit all diesen Problemen und Sorgen der Landwirtschaft wurde man automatisch konfrontiert, denn meine Eltern und meine Großmutter mütterlicherseits (Irene Gräfin Finckenstein), die ja auch bei uns wohnte, sprachen darüber und wir Kinder haben das gehört. Mein Vater hatte keine Inspektoren, sondern machte alles selbst. Er war ständig unterwegs, teilte die Arbeit ein und beaufsichtigte die Bearbeitung des Landes, ob es das Pflügen, das Säen oder das Ernten war.

Reger Betrieb herrschte auf dem Gut im Sommer, besonders in der Erntezeit, und es musste dann alles schnell gehen. Es gab in anderen Gegenden die berühmten polnischen Schnitterkolonnen. Das waren Polen, die im Mai aus ihrer Heimat nach Ostpreußen, vor allem aber nach Pommern und in die Mark Brandenburg kamen und dort bis zum September blieben. Sie verdienten Geld und ihre Familien blieben zu Hause. Diese Polen lebten dann primitiv auf irgendeinem Speicher oder etwas ähnlichem. Solche polnischen Schnitterkolonnen waren bei uns in Schwansfeld unbekannt. Ich kann mich übrigens an einige wenige polnische Wörter erinnern, die es im Plattdeutsch gab – z.B. „Seger“ oder „wschiskojedno“ – die aber nur von den Arbeitern oder Bauern gebraucht wurden. Bei uns in der gräflichen Familie sprach man aber Hochdeutsch, und es war nicht gut, auch nur zu versuchen, einen Dialekt zu sprechen. Man sprach dann eher Französisch, denn das war die Sprache der Gesellschaft. Wenn meine Eltern sich über etwas unterhalten wollten, was wir Kinder oder das Personal nicht verstehen sollten, war es auf Französisch. Meine Großmutter mütterlicherseits wohnte bei uns und hat noch mit 92 Jahren französische Romane gelesen.

»Während der Ernte kamen auch die Kinder der Instleute zur Arbeit«

Während der Ernte kamen nicht nur die Instleute, die alle einen Arbeitsvertrag hatten, sondern auch ihre Kinder zur Arbeit. Für sie war das immer ein großes Erlebnis, denn sie verdienten sich damit ein gutes Taschengeld, entweder im sog. Weiterfahren oder beim Fahren mit der Hungerharke. Was bedeutet „Weiterfahren“? Es gab Gespanne mit je vier Pferden – zwei Pferden hinten an der Deichsel und zwei vorne. Der Knecht fuhr damit auf das Feld, wo ein Mann und zwei Mädchen ihn erwarteten. Die Mädchen packten das große Fuder und die beiden Männer stakten die Garben hoch auf den Wagen. Ein Junge, der sog. Weiterfahrer, fuhr mit dem Gespann von Getreidehocke zu Getreidehocke. Für diese Arbeit bekam er 50 Pfennig pro Tag. Es war aber gar nicht so einfach, ein Gespann mit vier Pferden vom Sattel aus zu lenken. Das musste sehr geschickt gemacht werden – das Anfahren musste sanft erfolgen, da sonst das Fuder, die Garben, die ja lose darauf lagen und sehr hoch waren, verrutschten. Am schwierigsten war es jedoch, mit diesem Gespann zu wenden, um in die nächste Reihe der Getreidehocken zu fahren, denn das waren Wagen mit wenig schwenkbaren Vorderrädern. So mussten sie einen entsprechend großen Kreis fahren. Wenn der Radius zu kurz war, kippte der ganze Wagen um. Die zweite Tätigkeit für Jungen war von 12-14 Jahren bestand darin, mit der Hungerharke zu fahren. Hinter jedem Fuder fuhr nämlich eine Hungerharke, bespannt mit einem älteren Pferd, um die herausrutschenden Getreidehalme aufzusammeln. Ein Junge, der die Hungerharke fuhr, bekam 1 Mark pro Tag.

Es kam auch „moderne“ Technik zum Einsatz. Bis in den Krieg hinein wurden sog. Lokomobilen benutzt, um die Dreschmaschine, das Sägewerk usw. anzutreiben. Sie arbeiteten nach dem Prinzip der Dampflokomotive, bewegten sich aber nicht auf Schienen. Eine Lokomobile hat zwar vier Räder, wird aber von Pferden an den jeweiligen Einsatzort gezogen, der auch auf dem Feld sein kann. Zum Maschinenpark gehörten auch Selbstbinder, die das Getreide mähten und es sofort zu Garben banden. Diese Garben wurden dann zum Trocknen für einige Tage in Hocken aufgesetzt, bevor sie von vierspännigen Pferdewagen, wie bereits geschildert, in die Scheunen oder direkt zur Dreschmaschine gebracht wurden. Mähdrescher gab es in Ostpreußen erst wenige, wir hatten noch keine. Das Pferd spielte auf dem Landgut immer noch eine entscheidende Rolle. Pferde brauchte man zum Ziehen der Sämaschinen und der Kunstdüngerstreuer, zum Pflügen und Eggen, zum Einbringen der Ernte. Bei all diesen Arbeiten waren es Gespanne von jeweils vier Pferden, wir hatten zehn davon. Eine große Arbeitserleichterung war die sog. Hochfahrtscheune, obwohl dort eigentlich keine raffinierte Technik benutzt wurde. Sie war mit zwei hohen Dämmen versehen. Auf der einen Seite fuhren die Wagen oben herein – so konnte das Getreide leicht von oben nach unten abgeladen werden, auf der anderen Seite fuhren die leeren Wagen wieder herunter.

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Die Freizeit

Eine gräfliche Schlittenpartie (Groß Schwansfeld im Winter 1937/38)
Eine Schlittenpartie mit Ludwig Graf von der Groeben (Vater), Gabriele Gräfin von der Groeben (Mutter) und Alice P. (Gou­vernante), Winter 1937/38.

Auch unsere Spiele waren ähnlich den Feldarbeiten jahreszeitenbedingt. Die wohl beliebteste Beschäftigung waren verschiedene Ballspiele – vor allem Fußball und Schlagball. Beim Schlagballspiel warf man einen etwa faustgroßen Lederball in die Höhe und musste ihn mit einem Stock möglichst weit weg schlagen. Im Winter spielte sich das Leben natürlich mehr in den Häusern ab. Aber auch diese Jahreszeit brachte ihre Freuden mit sich. Da war zunächst das Rodeln da. Wir als Kinder der Gutsherrschaft hatten natürlich jeder einen eigenen Schlitten, im Dorf waren die Schlitten etwas weniger zahlreich. Viele Berge gab es nicht, gerade im Kreis Bartenstein, eher Hügel. So war die Anhöhe, auf der die Kirche steht, vor allem aber die Auffahrten an der Hochfahrtscheune – unsere Rodelbahnen. Auch Eis war ein großer Spielplatz. Es konnte sich zwar nicht jeder ein Paar Schlittschuhe leisten, dafür gab es aber Schlorren – die Kinder aus dem Dorf hatten unter jedem Fuß ein Brett, das mit einem Riemen am Fuß festgeschnallt war. Auf dem Brett waren runde Drähte aufgenagelt – eine ganz primitive Anfertigung, die sich praktisch jeder selbst machen konnte. Dann gehörte zu den Schlorren noch ein Stab, so lang wie ein Besenstiel, mit einem unten eingeschlagenen Nagel. Und mit diesen Schlorren konnte man fahren, die Beine breit, indem man sich mit dem Stiel abstieß. So spielten wir auch oft Eishockey. Schilaufen war unbekannt, es gab nur sehr wenige Schier im ganzen Dorf.

Selbstverständlich verbrachten wir nicht die ganze Freizeit draußen – ab und zu mal mussten wir uns auch zu Hause blicken lassen. Damals gab es noch kein Fernsehen, es wurde also viel erzählt und gelesen. Oft hat meine Mutter uns abends irgendwelche Geschichten vorgelesen, ich kann mich beispielsweise noch an ein ganz dickes Buch „Der Kampf um Rom“ von Felix Dahn sehr genau erinnern. Häufige Gäste waren bei uns auch die Kinder aus Sporgeln – der Kontakt zwischen Schwansfeld und Sporgeln war sehr eng. Wir spielten dann gerne (insbesondere im Winter) Versteckspiel, wofür unser großes Haus mit dem Nebenhaus wunderbar geeignet war. Alle sechs Wochen vielleicht gab es unten im Gasthof eine Filmvorführung, die wir auch hin und wieder besuchen durften.

»Die beiden Brüder meiner Mutter waren wirkliche Nazis«

Ab Mitte der 1930er Jahre begann die Hitlerjugend auch auf dem Lande aktiv zu werden. Zweimal in der Woche war Dienst – die Teilnahme daran war Pflicht. Die Kontrolle auf dem Land, wo einer den anderen kannte, war einfacher als in einer großen Stadt. Dort – das habe ich auch in der Nachkriegszeit immer wieder gehört – hat es der ein oder andere geschafft, nicht in der Hitlerjugend zu sein. Auf dem Lande ging das nicht. Mein Pflegebruder Dieter und ich hatten nicht immer Lust, auch am Sonntag zum Dienst zu gehen. Dann geschah, dass zwei oder drei HJ-Führer in das Haus kamen – nicht vorne durch den großen Eingang, das wagten sie nicht, sondern durch den Dienstboten-Eingang der Küche, der hinten gelegen war. Wir mussten dann kommen, es hieß „Ihr seid also diejenigen, die nicht zum Dienst kommen wollen“ usw., usf. Um Ruhe zu haben, sagte mein Vater „Geht bitte dahin“. Dabei war er überhaupt kein Nazi! Er musste als Bürgermeister natürlich auch mal in den Krug zu Versammlungen gehen, wo er eine Rede hielt, aber er war kein Parteigenosse. Es kommt häufig vor, dass manche Leute ihre damalige, sei es nur anfängliche, sei es andauernde Begeisterung für den Nationalsozialismus verschweigen. Meine Familie war also in puncto Politik relativ gespalten. Die beiden Brüder meiner Mutter waren wirkliche Nazis und blieben es bis zum Kriegsende. Im ganzen Dorf Schwansfeld gab es vier oder fünf Parteigenossen: der Briefträger war Mitglied der Partei, der Sattlermeister, der Gastwirt und auch der Pfarrer, den mein Vater als Patron der Kirche 1934 engagiert hatte. Dieser war zu Beginn von der Richtigkeit der nationalsozialistischen Ideen überzeugt.

Reisen wurden mit uns Kindern relativ selten gemacht, das Wort Tourismus war noch nicht im Sprachgebrauch. Wir haben zwar regelmäßig Verwandte besucht, sie wohnten aber alle in Ostpreußen – die zwei Brüder meines Vaters (zwei weitere waren im Ersten Weltkrieg in Frankreich gefallen) wohnten sogar ganz in der Nähe – in Sporgeln und Paßlak. Insbesondere mit den Vettern und Cousinen in Sporgeln, die gleichaltrig mit uns drei Schwansfeldern waren, bestand sehr reger Kontakt. Außerdem fuhren wir zu der Schwester meiner Mutter nach Ponarien, Kreis Mohrungen, und in den Raum um Deutsch Eylau, wo zwei Brüder meiner Mutter lebten. Im Sommer fuhren wir Kinder jedes Jahr bis zum Anfang des Krieges auch an die Ostsee nach Neuhäuser bei Pillau. Die erste wirklich große Reise – mit Mutter, Großmutter und den beiden Geschwistern – ging 1936 für vier Wochen nach Oberbayern mit einigen Tagen Zwischenstopp in Berlin. Der Unterschied zwischen Ostpreußen und dem Westen Deutschlands war groß. Auch die Tatsache, dass Ostpreußen seit Ende des Ersten Weltkrieges völlig vom Rest Deutschlands abgetrennt war, prägte das Denken mit. Zwar war auch für uns Berlin die Hauptstadt, aber um dorthin zu gelangen sagte man, man fährt „ins Reich“. Eine identische Situation haben wir heute mit Kaliningrad, wo die Russen auch sagen „wir fahren nach Russland“, wenn sie sich nach Petersburg oder Moskau begeben.

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Die Höhepunkte des Jahres

Mercedes 170 V
Ab 1936 besitzt die gräfliche Familie einen Mercedes 170 V. Er wird nur für große Fahrten genutzt. Für Inspektionen und kurze Distanzen nimmt man weiterhin einen Pferdewagen.

Drei oder vier Mal im Jahr durften wir die Eltern nach Königsberg begleiten, wohin wir seit 1934 mit einem Mercedes fuhren. Zwei Jahre später kam ein zweites Auto hinzu, ein Hanomag. Er war kleiner als der Mercedes, leistete aber bis zum Beginn des Krieges ebenfalls gute Dienste. Man fuhr morgens los und die genau 70 km von Groß Schwansfeld bis Königsberg – der entsprechende Kilometerstein steht heute noch an der Straße – wurden in etwa eineinhalb Stunden bewältigt. Das Schönste bei diesem Königsberg-Besuch war für lange Zeit das zweite Frühstück, das bald nach der Ankunft in einem Café-Restaurant eingenommen wurde. Es gab frische Brötchen mit gekochtem Schinken – für Landkinder eine sonst unbekannte Delikatesse. Denn es wurde in Schwansfeld zwar geschlachtet, aber zur Konservierung wurden die Schinken und Würste nur geräuchert. Dies, wie auch das Backen von Brot, erfolgte im Hause. Das Schloss hatte im Küchenanbau außer der Räucherkammer und dem großen Backofen auch einen Obst- und Gemüsekeller, in dem sich die Äpfel bis zum Frühjahr frisch hielten. Südfrüchte wie Orangen gab es nur selten. Ich bin nämlich in einer Zeit aufgewachsen, in der die deutsche Regierung mit allen Mitteln Devisen sparen wollte, die auch in Deutschland damals knapp waren. So gab es eigentlich nur im Januar oder Februar Orangen und ich kann mich gut daran erinnern, dass sie laut Aufschrift auf der Kiste aus Barcelona kamen. Generell hat man von den Produkten gelebt, die aus dem Gutsbetrieb kamen: Kartoffeln, Fleisch, Geflügel, Eier, Fische sowie Wild und natürlich Brot. Kohl, Gemüse und Obst kamen aus der Gutsgärtnerei. Kurzum, man war Selbstversorger. Ähnlich war es auch bei den Instleuten, die neben dem Barlohn gemäß dem Tarifvertrag auch Naturalien erhielten. Jede Arbeiterfamilie hatte das Recht, eine eigene Kuh zu halten – die Arbeiterkühe standen alle in einem separaten Stall und das Gut hatte für sie das Heu und die Rüben zu liefern. Im Sommer hatten diese Kühe auch eigenes Weideland, ebenfalls separat von der Viehherde des Gutes. Fernerhin hatte jeder Arbeiter einen kleinen Hühner- und einen Schweinestall und bekam vom Gut Getreide, mit dem die Hühner und Schweine gefüttert wurden. Ein oder zwei Schweine pro Jahr verkaufte der Arbeiter, eines wurde selbst zur Versorgung der Familie geschlachtet. Auch ein Stück Land zum Anbau von Kartoffeln stand jedem Gutsarbeiter zu sowie die Aufzucht von Gänsen, wobei jede sechste Gans an die Gutsküche abgeliefert werden musste. Die Instleute waren also autark. Die Handwerker des Gutes, wie Schmied, Maschinist, Stellmacher und Sattler hatten Sonderkonditionen, wozu beispielsweise das Halten von zwei Kühen und anderes gehörte.

Neben den Instleuten gab es auch eine gewisse Anzahl von Hauspersonal: zwei Stubenmädchen (Dienstmädchen) für die Zimmer und zum Bedienen, ein Mädchen in der Küche, und eine sog. Wirtin (Köchin), die sich um die Zubereitung des Essens für die Herrschaft und das Personal kümmerte. Es waren mindestens zwanzig Personen täglich zu beköstigen. Der Unterschied zwischen der sog. Herrschaft und dem Personal war dabei nicht besonders groß, alle bekamen im Grunde dasselbe. Der einzige Vorteil für die Herrschaft war ein Nachtisch – ein süßer Pudding oder etwas ähnliches. Zum Personal gehörte auch ein Rendant, ein Herr von Anfang Dreißig, der die Buchhaltung und Lohnzahlung des Hauptgutes machte (die finanzielle Abwicklung der Vorwerke erledigte mein Vater selbst).

»Das Automobil war damals noch nicht sehr verbreitet«

Natürlich sind nicht nur wir verreist, es kamen auch zu uns immer wieder Gäste – im Schloss gab es ja einige Gästezimmer. Da das Automobil damals noch nicht so verbreitet war, war das immer ein Ereignis. Die Gäste kamen mit der Bahn an und wurden von den nächstgelegenen Bahnstationen Wöterkeim (8 km) oder Bartenstein (12 km) abgeholt und dann wieder zur Bahn gebracht. Zu den Sommergästen gehörten auch ältere Damen aus Königsberg, die nicht verwandt mit uns waren und für vier bis sechs Wochen sich bei uns erholen konnten. Dieses war ein Anliegen meiner Mutter, die sehr wohltätig und christlich war. Es gab unter diesen Gästen auch Flüchtlinge aus dem Baltikum. Sie mussten nach dem Ersten Weltkrieg von dort vor den Russen fliehen. Die Ehefrau des zweiten Bruders meines Vaters in Sporgeln gehörte auch zu dieser Gruppe.

Ein wichtiges Kapitel im Ablauf des Jahres auf einem Landgut war auch die Jagd, an der wir Kinder aktiv teilnahmen. Es gab recht viel Niederwild, an Hochwild nur Rehe und Wildschweine. Man fing mit einem Luftgewehr und der Jagd auf Spatzen an, dann ab etwa elf Jahren mit dem Kleinkaliber auf Krähen, Ratten usw. und ab zwölf Jahren mit der Schrotflinte auf jede Art von Niederwild, also Enten, Fasanen, Hasen, Füchse. Mit der Büchse durfte vorerst nur unter Aufsicht eines Erwachsenen gejagt werden.

Zu den Höhepunkten des Jahres gehörten auch verschiedene Feste. Feierlich begangen wurden insbesondere die großen kirchlichen Feiertage – Weihnachten und Ostern. Zu Weihnachten wurden die Kinder der Instleute ins Schloss eingeladen und bekamen von meiner Mutter jedes ein Geschenk und einen bunten Teller mit Pfefferkuchen usw. Eingeladen wurden auch die gehobenen Arbeiter wie Schmied oder Sattler, die im Tarifvertrag Sonderkonditionen hatten. Sie erhielten ein Geschenk von meinem Vater: eine Kiste Zigarren oder eine Flasche Schnaps. Man darf ja nicht vergessen, dass das Leben auf dem Lande damals recht einfach und die Bedürfnisse nicht allzu groß waren. Auch zu Ostern wurden die Dorfkinder eingeladen, diesmal aber nicht ins Schloss, sondern in den Schlosspark. Dort wurden vorher überall gefärbte Eier versteckt, die dann von den Kindern gesucht wurden. Auch jeder Geburtstag wurde entsprechend begangen – die Köchin hat eine Torte gebacken und das Geburtstagskind durfte sich das Mittagessen aussuchen. Meine Schwester und ich bekamen zum Geburtstag nur eine Torte gebacken, mein Bruder Hans bekam zwei, denn er war der Älteste, der „Kronprinz“, und er wurde ganz auf die Nachfolge auf diesem Gut erzogen.

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Die Kindererziehung

Mitglieder der gräflichen Familie vor dem Schloss in Groß Schwansfeld
Kindererziehung war Frauensache (v.l.): Mutter, Großmutter und Gouvernante mit Fried und Dieter vor dem Eingang zum Schloss, um 1937.

Als Jüngster war ich etwas isoliert, deshalb haben meine Eltern im Herbst 1936 – ich war achteinhalb Jahre alt – einen Jungen aus dem Westen zur Miterziehung aufgenommen. Es war Dieter M. aus Wiesbaden. Bis Mitte 1943 lebten wir wie Brüder. Bis zum Alter von 10 Jahren – besuchten wir die Dorfschule in Schwansfeld, wobei ich ehrlich sagen muss, dass ich anfangs, bis Dieter M. kam, nie große Lust dazu hatte. Herr Kantor – so wurde der Dorfschullehrer genannt, denn sonntags spielte er mit Bravour in der Kirche die Orgel – ertrug mein häufiges Fehlen allerdings trotz der für mich bestehenden Schulpflicht mit Fassung. Bei seinem geringen Salär durfte auch die Lieferung von zwei oder drei Weihnachtshasen vom Schloss nicht gefährdet werden. Während dieser Zeit war im Hause als Erzieherin für meine Geschwister und mich eine Dame Namens Alice P. aus der französischen Schweiz angestellt. Ab 1938 hatten wir Privatunterricht bei einer Lehrerin, die auch im Hause wohnte.

Fernerhin gab es ab 1934 einen Hauslehrer, der meine beiden älteren Geschwister, sowie Joachim G., den Sohn des Gastwirtes und Anneliese T., die Tochter des Kantor, unterrichtete. Bei meinen Eltern war hauptsächlich die Mutter für die Erziehung der Kinder zuständig, der Vater war eine Respektsperson, die nicht an allem teilnahm. Er war am Schreibtisch und auf dem Feld viel beschäftigt. Ab und zu musste er auch zu militärischen Übungen, die zu den Pflichten eines guten Deutschen, und insbesondere in dem isolierten Ostpreußen gehörten.

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Der Kriegsausbruch

Ab 1942 besuchten Dieter M. und ich die Oberschule in Bartenstein. Diese Zeit endete mit der Einberufung als Marinehelfer nach Pillau, für Dieter M. im Sommer 1943, da er Jahrgang 1927 war, ich folgte als Jahrgang 1928 im Januar 1944. Bis dahin wurde unsere recht unbeschwerte Jugendzeit durch den Krieg und politische Ereignisse nur wenig beeinflusst. Natürlich führten die Erwachsenen bei Tisch häufig politische Gespräche, aber wirklich besorgt waren sie ab der Sudetenkrise im Herbst 1938. Wegen einer drohenden Mobilmachung war mein Vater als Bürgermeister und Bezirks-Amtsvorsteher besonders stark angespannt. Die Musterung nicht nur der wehrfähigen Instleute, sondern auch des gesamten Bestandes von mehr als 120 Pferden des Gutes sowie der beiden Autos, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Lage ernst war. So war es auch keine Überraschung für uns, als im Spätsommer 1939 ein Großteil der Männer zu einer „sechswöchigen Übung“ einberufen wurde und auch mehr als 60 Prozent der Pferde an das Militär abgegeben werden mussten, und zwar zu geradezu lächerlich niedrigen Preisen. Aus Vorsicht hatte mein Vater diese Pferde durch einen kleinen Brand am Hals gekennzeichnet, um eventuell später wenigstens einige zurückkaufen zu können. Ende Juli, also vor dem Ende der Ernte, wurde er eingezogen. Mit einem neu aufgestellten Bataillon, hauptsächlich aus Reservisten oder Teilnehmern des Ersten Weltkrieges bestehend, rückte er langsam durch Masuren bis an die polnische Grenze vor. Zwei Mal haben meine Mutter und wir Kinder ihn besuchen können, das erste Mal war es in Seeburg, einem kleinen ermländischen Städtchen, und zum zweiten Mal am 31. August, als er bereits südlich von Hohenstein dicht an der Grenze war. Am Nachmittag dieses Tages wurde an sein Bataillon scharfe Munition ausgeteilt, ein Detail, an das ich mich noch genau erinnere. Mein Vater wusste, dass es am nächsten Tag, dem 1. September, losgehen würde, sagte uns aber nichts davon. Wir waren mit dem Auto gekommen, aber nicht mit einem unserer zwei eigenen. Sie waren bereits Tage vorher vom Militär requiriert worden und so fuhr uns Herr G., der Inhaber der Gastwirtschaft, dorthin. Er war nicht mehr im wehrfähigen Alter und sein Mercedes war noch disponibel. An den Tankstellen, die damals ohnehin noch nicht sehr zahlreich waren, gab es nur wenige Liter Benzin, obwohl eine richtige Rationierung noch nicht bestand.

Am nächsten Morgen gegen vier oder fünf Uhr war großer Lärm zu hören, denn im nahen Schippenbeil befand sich ein Feldflugplatz, von dem unaufhörlich die Maschinen in Richtung Süden, also Polen, starteten. Der Feldzug in Polen ging aber relativ schnell zu Ende und bereits um den 20. September herum kam Einquartierung zu uns. Es war eine Artillerie-Einheit, die in Polen nicht mehr gebraucht wurde. Große Bestürzung brachte jedoch Mitte des Monats die Nachricht, dass der Bruder meines Vaters – er wohnte mit sieben Kindern in Sporgeln – am 12. September bei Kaluszyn östlich von Warschau als Chef einer Infanterie-Kompanie gefallen sei. Da ein entfernt verwandter Groeben im Generalstab der zuständigen Armee Dienst tat, wurde die Leiche meines Onkels bald nach Schwansfeld überführt und dort am 27. September militärisch beigesetzt. Hierbei war die vorerwähnte Einquartierung sehr hilfreich.

»Dieter und ich waren stolz, eigene Lebensmittelkarten bekommen zu haben«

Anfang September wurden auch die ersten Lebensmittelkarten ausgegeben. Ich sehe noch, wie solche gelb-braunen Scheine bei uns auf dem Tisch lagen. Wir Kinder wussten natürlich nicht, was sie bedeuteten. Mein Pflegebruder Dieter und ich waren sogar etwas stolz, solch eine Lebensmittelkarte bekommen zu haben. Die Konsequenz, der Beginn der Rationierung, war uns nicht bewusst. Ansonsten hat sich für die Jugend auf dem Lande zu Kriegsbeginn nichts wesentlich verändert. Die ersten demobilisierten Männer kamen im November zurück, inzwischen waren aber bereits polnische Kriegsgefangene in der Landwirtschaft tätig. In Schwansfeld waren es ca. 20 Mann, die auf dem Hof in den Stuben der Sattlerei gut untergebracht wurden. Mein Vater, der noch immer am Bein infolge eines Unfalls vom Mai litt, traf am 30. Oktober zu Pferde in Schwansfeld ein. Er hatte wegen dringend notwendiger Behandlung seines Beines die Führung des Bataillons abgegeben und war ganz alleine in drei Tagen von Pultusk am Narew mit seinem eigenen Schwansfelder Pferd bis nach Hause geritten. Dieses ist ein Zeichen, wie friedlich die Bevölkerung im eroberten Land sich verhielt.

Die Sorgen der Familien um ihre Angehörigen im Krieg fingen eigentlich erst später an. Die Feldzüge in Frankreich, Norwegen und auf dem Balkan waren relativ schnell zu Ende. Sehr gut erinnere ich mich an den 22. Juni 1941, als der Angriff auf Russland begann. Schon Wochen vorher waren die Straßen von langen Militärkolonnen verstopft, auch die an Schwansfeld vorbeiführende Chaussee Bartenstein-Rastenburg. Insbesondere nachts war ein ständiges Rollen zu hören. Bei uns im Schloss und auch im Dorf war seit Wochen ständig Militär einquartiert, die Nazipropaganda dementierte natürlich: „Nein, das geht nicht gegen Russland, es ist alles nur ein großes Manöver!“. Wenn bei uns allerdings schon vor 1939 von irgendwelchen militärischen Gefahren gesprochen wurde, dann war es die Meinung der Erwachsenen – Gefahr droht nur von Osten, also von den Russen. Von einer polnischen Gefahr war nie die Rede, man hat Polen – trotz des Korridors, der Ostpreußen vom Reich trennte – nicht als Feind angesehen, dieses gilt jedenfalls für die Zeit meiner Erinnerung. Vielmehr hatte mein Vater für 1940 eine Besuchsreise mit uns nach Warschau geplant, das als vornehme Stadt und Klein-Paris galt. In diesem Zusammenhang noch eine kleine Episode, die mir besonders stark in Erinnerung bleibt: Wie bereits erwähnt, war bei uns noch zu Friedenszeiten oft Militär einquartiert, das im Sommer viele Übungen machte. Ich war vielleicht acht Jahre alt, als Soldaten bei uns im Hause ein schweres Funkgerät auf einen polierten Tisch stellten und dabei einige Kratzer machten. Das ärgerte mich sehr, aber ich höre noch heute die Stimme meiner Mutter: „Es ist doch besser, wenn deutsche Soldaten unabsichtlich Kratzer auf diesem Tisch machen, als wenn die Russen kommen“. Und das, obwohl die Russen ja eigentlich noch sehr weit weg waren, denn damals lagen Polen und Litauen zwischen Ostpreußen und Russland!

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Der Dienst als Marinehelfer

Friedrich von der Groeben mit Bruder Hans und Pflegebruder Dieter vor dem Schloss in Groß Schwansfeld (April 1944)
Stolz auf die neuen Uniformen: Fried (mit dem Dackel), Pflegebruder Dieter (Mitte) und Bruder Hans, April 1944.

Im Februar 1943 hielt Goebbels, Nazi-Minister für „Volksaufklärung und Propaganda“, im Sportpalast zu Berlin wieder eine große Rede und rief in die Masse der ausgewählten, gläubigen Zuhörer: „Wollt ihr den Totalen Krieg?!“ und alle brüllten wie erwartet: „Ja!“. Das war der Startschuss für die Mobilisierung der letzten Reserven und bedeutete, dass überall, wo es möglich war, die Männer für den Einsatz in Kampfeinheiten freigestellt wurden. Um die entstehenden Lücken auszufüllen, griff man auf die 15- und 16-jährigen Schüler zurück. Diese wurden als geschlossene Schulklassen in den Flak-Batterien (Flak = Flug-Abwehr-Kanone) eingesetzt, die zum Schutz gegen britisch-amerikanische Fliegerangriffe auf Städte und Industrieanlagen in ganz Deutschland sich befanden. Die Jungen trugen graue Uniformen mit Hakenkreuz-Armbinde, wohnten meistens in Baracken in der Nähe der Geschütze und erhielten Unterricht in reduzierter Form durch ältere, nicht mehr wehrdienstfähige Lehrer ihrer Schule, die mitkommen mussten.

»Wir fühlten uns den Luftwaffen­helfern haushoch überlegen«

Anders war es bei der Marine, die ihre eigene Flugabwehr zum Schutz der Marinebasen an der Küste und auf den Nordsee-Inseln hatte. Dort erfolgte der Einsatz der Schüler nicht in geschlossenen Schulklassen – das gilt besonders für Ostpreußen – sondern man fand in den Batterien bei Pillau oder Memel Jungen aus allen Schulen des Landes. Durch den Einsatz der Marinehelfer wurden viele Soldaten ersetzt. Ab Mitte 1943 waren es Jungen der Jahrgänge 1926 und 1927, ab Januar 1944 kam der Jahrgang 1928 heran, während Jahrgang 1926 zum Reichsarbeitsdienst (RAD) und anschließend zum Militär ging. So begann für mich am 21. Januar 1944 der Dienst in Pillau. Wir fühlten uns den Luftwaffenhelfern haushoch überlegen, denn wir trugen nicht wie sie Sonderuniformen mit Hakenkreuz-Armbinde, sondern ganz normale feldgraue Uniform und für besondere Anlässe „Blauzeug“ – blaue Hosen mit möglichst großem Schlag, blaue Blusen mit dem blau-weiß eingefassten Marinekragen, blaue Jacke (sog. Kollani) und nur einem Ärmelstreifen mit goldener Inschrift „Marinehelfer“. Schulunterricht wurde nicht in der Batterie erteilt, wir fuhren an vier Vormittagen der Woche zur Oberschule in die Stadt. Das war deshalb möglich, weil die russische Front noch weit weg war und Fliegerangriffe nur in der Nacht erwartet wurden. Bis zum August kamen auch nur hin und wieder britische oder amerikanische Störflugzeuge, die kaum Schaden anrichteten. Die zwei wirklichen Großangriffe waren erst Ende August, wobei Königsberg schwer getroffen wurde. Da die Flugzeuge aber den für sie gefährlichen Festungsbereich Pillau möglichst weit umflogen, konnten nur wenige Abschüsse erzielt werden.

Untergebracht waren wir in Bunkern, ca. 10 Mann pro Raum mit nur elektrischem Licht und schlechter Belüftung. Die Batterie bestand aus etwa 25 Marinehelfern an den vier Geschützen (anfangs 10,5 cm, ab Juli durch moderne 12,8 cm ersetzt) und am zentralen Kommandostand, außerdem etwa acht Marinehelferinnen im Alter von 20 bis 24 Jahren, etwa 20 Mann Stammpersonal (Männer im wehrfähigen Alter) und etwa zehn russischen Kriegsgefangenen, die in einer abgesonderten Baracke lebten. Sie wurden zu allerlei schweren Arbeiten eingesetzt, u.a. Schleppen von Munition. Ihre Verpflegung war mäßig, offiziell durfte man ihnen nichts geben, ließ man ihnen aber unauffällig ein Stück Brot zukommen, so erregte das große Dankbarkeit. Gegen Ende des Jahres 1944 wurden sie in feldgraue Uniformen gesteckt und auf Hitler, den „Führer Europas“ vereidigt. Eine derartige Maßnahme war sogar für uns Sechzehnjährige verwunderlich.

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Der Fronteinsatz

Im Januar 1945 wurde Memel vor der anrückenden Roten Armee eingenommen und die Stamm-Mannschaften der dortigen Batterien wurden nach Pillau verlegt. Sie ersetzten uns Marinehelfer, die wir Anfang Februar unser Blauzeug abgeben mussten und über die Frische Nehrung nach Danzig und Gdingen gelangten. Vorher haben wir in Pillau bei der Evakuierung der enormen Flüchtlingsströme geholfen, die alles am Kai liegen lassen mussten, um auf den Schiffen Platz zu finden, die sie dann möglichst bis Dänemark brachten. Das Elend der Flüchtlingstrecks, insbesondere aber die Geschehnisse auf dem Eis des Haffes sowie auf der Frischen Nehrung, ist viel beschrieben worden. Es waren Flüchtlingstrecks, die nicht aus Richtung Königsberg nach Pillau kamen, sondern über Braunsberg und Heiligenbeil zum Haff gezogen waren, weil der Weg nach Westen durch den Vorstoß der Russen bis Elbing bereits versperrt und Ostpreußen komplett abgeschnitten war. Meine Eltern haben in den ersten Februartagen auch diesen Fluchtweg über das Eis nehmen müssen. Jeder nur irgendwie verfügbare Schiffsraum wurde für den Abtransport über See eingesetzt, wobei kleinere Einheiten vor Angriffen durch russische U-Boote sicherer waren als z.B. die große „Wilhelm Gustloff“, die am 30. Januar 1945 auf der Ostsee versenkt wurde.

Mit einem kleinen Seelenverkäufer erreichten wir am 24. Februar von Gdingen kommend Saßnitz und fuhren dann als Gruppe von ca. 20 Marinehelfern mit dem Zug via Lübeck nach Kiel, wo wir von der Marine entlassen wurden, um gleich zum RAD für glücklicherweise nur vier Wochen nach Rendsburg zu kommen. Da wir eine feste Gruppe bildeten, wurden wir von den Drückebergern, die als RAD-Führer den Krieg nur zu Hause erlebt hatten, höhnisch „die Herren der Kaiserlichen Marine“ genannt. Ende März ging es dann weiter per Bahn von Rendsburg nach Jüterbog, vorher hatte ich aber die Freude, in Rendsburg kurz meine Eltern wiederzusehen. Sie waren mit einem Einspänner und somit ganz wenig Gepäck Ende Februar nach Pronstorf gelangt, wo meine Großmutter inzwischen Aufnahme gefunden hatte. Dass in jener mehr als turbulenten Zeit die Post noch funktionierte, kann man als wirkliches Wunder bezeichnen.

In Jüterbog wurden noch schnell neue Divisionen aufgestellt, die keine Nummern sondern historische Namen trugen wie die unsrige: „Friedrich-Ludwig-Jahn“. Diese Einheiten waren ein Gemisch aus einsatzfähigen Leuten, die aufgetrieben werden konnten, lediglich ihr Kern bestand aus erfahrenen Männern – Unteroffizieren von Waffenschulen, jungen Fähnrichen usw. Meinen 17. Geburtstag verbrachte ich noch in relativer Ruhe, die unzureichende Verpflegung verbesserten Kameraden und ich durch nächtlichen Einstieg in die Vorratsräume der Küchen. Wir hießen Feldersatzbataillon und kamen nicht zum Einsatz für die Befreiung von Berlin, was eine der Aufgaben der Armee Wenk sein sollte.

Am 20. April stand die Rote Armee bereits vor Jüterbog und nur wenigen gelang es, sich rechtzeitig abzusetzen. Hierbei war es wichtig, dass wir uns als kleine Gruppe seit Pillau kannten. Wir wurden einer anderen Einheit zugeteilt und in Etappen ging der Rückzug in Richtung Elbe. Wir erreichten den Fluss am 7. Mai morgens. Mit Kähnen erfolgte das Übersetzen. Kaum waren wir jedoch auf der Mitte des Flusses, brach der Russe durch und beschoss uns auf dem Kahn – es gab zwei Verwundete. Die Amerikaner, die uns am anderen Ufer erwarteten, gingen in Deckung, die sie auch nicht verließen, als wir ankamen. Es war der Befehl ausgegeben worden, man würde uns nur mit einer Waffe in der Hand als Gefangene akzeptieren. Die Amerikaner interessierte das aber überhaupt nicht und man ließ uns alle Waffen unkontrolliert auf einen großen Haufen werfen. Wir wurden wenige Kilometer ins Hinterland geführt und auf einem freien Feld mit lockerer Bewachung gelassen. Am 8. Mai morgens kamen dann Lautsprecherwagen, die verkündeten, wir würden zu den Russen zurückgeschickt. Nur wer wirklich fußkrank oder verwundet sei, könne bleiben. Plötzlich waren wir von Bewachern eingekreist und wurden zur Elbe zurückgeführt.

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Faximiles

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