„Haushalt und Garten waren Frauenarbeit.
Eine Sense nahm nur ein Mann in die Hand.”
Franz Berger
Franz Berger schildert detailliert den arbeitsreichen Alltag der ermländischen Bauern. Nur im Winter, wenn die Tage kürzer und die Felder von einer dicken Schneeschicht bedeckt sind, bleibt Zeit übrig für Geselligkeit, Tanz und Verwandtenbesuche. Die Bauern sind Selbstversorger. Nur das, was der eigene Hof nicht hergibt, wird hinzugekauft: Salz, Zucker, Gewürze. Langsam hält die moderne Welt Einzug auf dem Land – immer häufiger ersetzen Maschinen die Muskelkraft von Menschen und Tieren, immer mehr Bauern leisten sich ein eigenes Auto, die große weite Welt rückt durch Radio und Wanderkino immer näher. Gleichzeitig verharrt die Dorfgemeinschaft noch im Gestern – penibel werden die Standesunterschiede zwischen Bauern, Handwerkern und Deputanten gepflegt, äußerlich erkennbar durch Kleidung, festgefügt durch eine regelrechte Heiratspolitik. In der Landwirtschaft gehe es aufwärts, seitdem die Nazis den „Erbhof” eingeführt haben – meint die bäuerliche Oberschicht.

Wolfsdorf. Ein typisches Dorf im katholischen Ermland.
Franz Berger: Mein Name ist Franz Berger. Ich bin am 29. Januar 1924 im Kirchdorf Wolfsdorf im Kreis Heilsberg in der Diözese Ermland geboren. Wolfsdorf hatte damals 869 Einwohner. Wir waren insgesamt zehn lebende Kinder, vier Geschwister sind im Krieg geblieben: zwei sind gefallen und zwei von den Russen ermordet worden. Mein Vater ist 1930 bei der Heuernte tödlich verunglückt. Die Pferde haben beim Umspannen gescheut, er bekam einen Stoß mit der Deichsel an die Brust und wurde vom voll beladenen Heuwagen überfahren. Die eisenbereiften Räder drückten ihm den Brustkasten zusammen. Sämtliche Rippen waren gebrochen und die Lunge sehr stark gequetscht. Ich habe meinen Vater gesehen, wie er schwer verletzt auf der Erde lag. So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht. Acht Tage darauf ist er im Krankenhaus in Guttstadt gestorben. Meine älteste Schwester war damals 20 Jahre alt, mein ältester Bruder 15, so dass sie danach die Bewirtschaftung des Hofes zusammen mit der Mutter meistern konnten. Meine Mutter war im Übrigen eine exzellente Bäuerin, die etwas von der Landwirtschaft verstand und eine sehr robuste Gesundheit hatte. Im selben Jahr wurde ich eingeschult und war bis 1938 in der Volksschule in Wolfsdorf. Anschließend bin ich für ein Semester auf die Landwirtschaftsschule in Allenstein gekommen (1940/41). Meine älteste Schwester Maria (Jahrgang 1910) wohnte in Jonkendorf, 13 Kilometer von Allenstein entfernt. Sie war damals schon Witwe und ich konnte bei ihr wohnen. Oft denke ich noch zurück an die schönen Feste und Bälle der Landwirtschaftsschule, die immer in Likusen bei Allenstein stattfanden. Kurz vor meiner Einberufung zur Wehrmacht wechselte ich auf die Landwirtschaftsschule in Heilsberg – dies hatte der Kreisbauernführer angeordnet, weil ich ja im Kreis Heilsberg wohnte. Den Unterricht gab es an diesen Schulen jeweils nur im Winterhalbjahr.
Cezary Bazydło: Wie groß war ihr Bauernhof?
Franz Berger: Unser Hof hatte eine Größe von 60, später 80 Morgen (15 bzw. 20 Hektar – Red.). Damit gehörten wir zu den mittelgroßen Bauern. Die kleinen Bauern hatten 30 bis 40 Morgen Land, die mittleren bis ungefähr 120 Morgen, und die größeren 200 oder 300 Morgen. Wir Kinder haben, wie das so üblich war, immer auf dem Bauernhof mitgeholfen. Die Schule war nur vormittags, den ganzen Nachmittag konnten wir also eingespannt werden. Natürlich gerieten die Hausaufgaben dann manchmal ins Hintertreffen. Gelegentlich bekamen wir ein oder zwei Tage schulfrei, um in der Landwirtschaft zu helfen, das war aber nicht die Regel und die Getreideernte fiel sowieso in die Ferienzeit. Die Mitarbeit auf dem Hof fing schon im Kleinkindalter an. Wir wurden wie die Erwachsenen um halb sechs geweckt und noch vor der Schule mussten die Jungen die vier Arbeitspferde von der Koppel zum Hof holen. Meine jüngste Schwester, Jahrgang 1929, hat schon vor ihrer Einschulung mit fünf Jahren Gänse hüten müssen. Das hat sie aber sehr gerne gemacht. Heute wäre das wohl unfassbar, dass ein Kind schon selbstständig Gänse hütet, immerhin einen Kilometer vom Hof entfernt. Wir hatten etwa 45 Gänse für den Eigenverbrauch und außerdem reichlich Hühner. Außerdem haben wir ein Kalb und zwei, drei Schweine jährlich geschlachtet – die mussten aber über vier Zentner schwer sein (1 Zentner sind 50 Kilogramm – Red.).
Cezary Bazydło: Warum?
Franz Berger: Wegen der Speckschicht. Das wurde ja alles verwertet, zu Schmalz verarbeitet. Das Fleisch wurde eingepökelt, geräuchert oder in Gläsern eingemacht. Geschlachtet haben wir selbst, wir haben keinen Metzger geholt. Auch die Wurst wurde selbst gemacht, das war damals so üblich: Blutwurst, Leberwurst, Speckwurst und Griebenwurst. Wir alleine hätten das nicht alles essen können. Wir haben aber Verwandte in der Stadt gehabt, die haben hin und wieder ein Paket bekommen. Wir hatten einen Onkel in Berlin, Franz, ein Bruder meines Vaters – meinen Vornamen habe ich übrigens von ihm –, der jedes Jahr mehrere Gänse zum „Verzähr“ bekommen hat. Und die Gänse waren bei uns nicht leicht, die wurden gemästet und kamen auf 18, 20 Pfund. Dieser Onkel kam auch immer in den großen Ferien zu Besuch. Er hat zuerst auf unserem Hof Urlaub gemacht, dann auf dem Hof, von dem seine Frau stammte, und dann fuhr er noch zur Schwägerin oder einer Schwester. So hat er einen kostenlosen Urlaub gehabt. Dieser Onkel, Jahrgang 1876, hat es in der kaiserlichen Armee zum Offizier gebracht, wurde aber nach dem Ersten Weltkrieg ausgemustert und ging dann zur Reichspost. Er war zuletzt Chef der Telegrafenstelle von Groß-Berlin. Im Herbst 1945 hat er auf einer Hamsterfahrt Darmverschlingung bekommen und ist daran gestorben. Die Berliner haben ja Hunger gelitten nach dem Krieg.
Während der Erntezeit hatten wir Hilfskräfte, die voll verköstigt wurden. Der Nachbar zum Beispiel war Viehhändler, ein junger Mann noch, er hat uns oft geholfen. Dasselbe galt für Handwerker, wenn sie kamen, und das kam im Jahr öfter vor. Es gab im Dorf ein paar Handwerker: den Tischler, den Stellmacher. Sie haben als Entlohnung ein bisschen Geld, aber hauptsächlich Naturalien bekommen. Und sie haben auf dem Hof gegessen. Um halb sechs war Wecken und um sechs gab es das Frühstück. Gegen neun oder zehn gab es auf dem Feld ein zweites Frühstück, man hat auch „Kleinmittag“ gesagt. Von zwölf bis 13 Uhr gab es Pause für das Mittagessen auf dem Hof, und die Pferde mussten sogar zwei Stunden ruhen. Von halb vier bis vier Uhr nachmittags gab es noch Kaffee und eine kleinere Mahlzeit auf dem Feld. Dann ging die Arbeit bis 19 Uhr weiter.
Cezary Bazydło: Waren die Arbeitstage immer so lang?
Franz Berger: Im Sommer schon. Dafür wurde im Winter nur sechs Stunden gearbeitet. Wenn das Getreide ausgedroschen war, das war so um den halben Januar soweit, begann eine relativ ruhige Zeit auf dem Bauernhof. Aus dem Wald wurde Holz herangefahren, zum Heizen und für den Baubedarf.
Cezary Bazydło: Hatten Sie einen eigenen Wald?
Franz Berger: Nein. In Wolfsdorf hatten nur vier, fünf Bauern eigenen Wald. Das Holz hat man sich aus dem Forst von Schmolainen besorgt. Das war ein größerer Wald, Staatsforst, und da konnte man Holz kaufen, Brennholz- und Bauholz. Es gab Holzauktionen, zu denen man gefahren ist. In Schmolainen gab es auch ein Sägewerk, da konnte man es zurechtschneiden lassen.
Cezary Bazydło: Gab es noch andere Arbeiten, die man vor allem im Winter erledigt hat?
Franz Berger: Die Frauen haben im Winter viel gestrickt und gehäkelt. Die Pferde mussten bewegt werden, wenn es keine Arbeit für sie gab – deshalb unternahm man Verwandtschaftsbesuche mit dem Pferdeschlitten. Die weiteste Fahrt führte nach Groß-Klausitten zu den Geschwistern meiner Mutter – das waren 30 Kilometer. Es war eine herrliche Zeit! Und junge Pferde mussten zugeritten werden – das war nicht immer ungefährlich. Im Winter wurde auch der Mist vom Stall aufs Feld gefahren. Er kam auf große Haufen, wurde mit Pferden eingestampft, damit er besser verrottete, und im Frühjahr auf den Feldern verteilt. Weil die Arbeitstage kürzer waren, gab es im Winter übrigens nur drei Mahlzeiten.
Cezary Bazydło: Und was hat man bei Ihnen üblicherweise gegessen?
Franz Berger: Das erste Frühstück war sehr kräftig. Meist gab es, außer freitags und in der Fastenzeit, Rührei mit Speck. Oder Spirkel, ausgebratenes, gewürfeltes Bauchfett, mit Brot dazu. Der Eierverbrauch belief sich auf zehn bis fünfzehn Stück pro Tag. Wenn ich aus der Stadt oder vom Feld zurückkehrte und, wie man damals sagte, „ausgehungert“ war, konnte ich bis zu sechs Rühreier auf einmal aufessen. Meine Mutter hat dann oft gesagt: „Jungche, ess, ess, damit du was in die Knochen kriegst!“ Mittags gab es fast ausschließlich Salzkartoffeln mit Fleisch. Oder Suppe mit Fleisch. Sogar die Hühnersuppe wurde mit Kartoffeln gegessen und nicht mit Nudeln. Und abends gab es oft Klunkermus, eine Milchsuppe mit Mehl, etwas Fett und Eiern. Dazu hat man Brot gegessen.
Cezary Bazydło: Und was hat man aufs Feld mitgenommen?
Franz Berger: Auf das Feld hat man belegte Brote mitgenommen. Sie waren mit Schmalz bestrichen und mit Speck, Rauchfleisch oder Wurst belegt. Freitags waren die Brote mit Butter bestrichen und mit Käse belegt. Als Getränk gab es dazu Malzkaffee und an heißen Sommertagen Buttermilch. Den Malzkaffee haben wir selbst aus gerösteter Gerste und Zichorie gemacht. Er hatte einen kräftigen Geschmack und löschte gut den Durst. Bohnenkaffe gab es nur am Sonntag und bei besonderen Anlässen. Unter der Woche gab es keinen Bohnenkaffee, das war nicht üblich. Zum Kaffee gab es belegte Brote und in der Erntezeit, auch bei der Kartoffelernte, Streuselkuchen. Nur sonntags, wenn Besuch kam, hat meine Mutter eine Torte gebacken. Die Produkte stammten fast alle vom eigenen Hof. Eingekauft wurde nur das Notwendigste, was man selbst nicht hatte: Salz, Zucker, Gewürze. Und wenn man mal in der Stadt zu tun hatte, ist man auch zum Metzger gegangen – wir haben „Fleischer“ gesagt – und hat dort etwas gekauft. Das war aber die Ausnahme, man hat ja alles zu Hause gehabt. Sogar Brot haben wir selbst gebacken, einmal in der Woche, aus Roggenmehl mit Sauerteig.
Cezary Bazydło: Hat man auch Gemüse gegessen? Oder galt bei Ihnen der Spruch: „Der beste Gemüsegarten ist der Schweinestall“?
Franz Berger: Gemüse hat man nicht viel gegessen. „Fleisch ist das beste Gemüse“, hat man bei uns gesagt. An Gemüse hat es nur das gegeben, was der eigene Garten hergegeben hat – jeder Bauer hatte einen eigenen Gemüsegarten. Und im Herbst hat man in Fässern Sauerkraut gemacht. Sauerkraut gab es öfter, das war sehr gesund.
Cezary Bazydło: Gab es besonders typische Gerichte?
Franz Berger: Königsberger Klopse war das „Nationalgericht“. Schwarzsauer von den Gänsen war sehr beliebt. Und Hühner: gekocht, gebraten oder als Hühnersuppe.
Cezary Bazydło: Hat man während der Ernte auf dem Feld gegessen?
Franz Berger: Das Mittagessen war immer zu Hause, die anderen Mahlzeiten waren draußen auf dem Feld. Meist hat ein Kind das Essen mit dem Fahrrad dorthin gebracht, nur meine Mutter ist zu Fuß gelaufen, sie konnte nicht Rad fahren. Sie blieb übrigens immer zu Hause und brauchte nicht auf dem Feld zu arbeiten, sie hat genug Arbeit gehabt mit dem Kochen. Ihr oblag auch die Sorge für das Geflügel – Hühner und Gänse – und die Fütterung der Schweine.
Cezary Bazydło: Das heißt, es gab eine klare Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau?
Franz Berger: Ja. Bei uns war die Arbeitsteilung streng. Haushalt und Garten waren Frauenarbeit. Die gröberen Sachen im Garten machten aber die Männer. Mit dem Melken waren mehr die Frauen beschäftigt, die größeren Höfe mit 15 und mehr Kühen hatten allerdings einen „Schweizer“, das heißt einen Melker. Ganz große Höfe hatten mehrere Schweizer und ein Gut hatte sogar einen Oberschweizer. Die Schweizer waren am Gewinn beteiligt, daher waren sie sehr daran interessiert, dass da auch etwas herauskam. Auch bei der Ernte hatten Frauen ihre Aufgaben. Wir hatten später Maschinen, aber als noch mit der Sense gemäht wurde, vor 1930, war das Binden der Garben ausschließlich Frauensache. Eine Sense dagegen nahm nur ein Mann in die Hand. Beim Getreideeinfahren saßen die Frauen oben auf dem Wagen und haben „gefleiht“ – das ist ein typisch ermländischer Ausdruck und heißt soviel wie „Garben geschichtet“. Und die Männer haben die Garben mit der Forke gestakt. Pflügen, Eggen und Mistausfahren, das war auch Männersache.
Cezary Bazydło: Wie ging es den Bauern damals?
Franz Berger: In der Landwirtschaft ging es aufwärts, seitdem Hitler an die Regierung kam. Es wurden Erbhöfe eingeführt – an und für sich war das keine schlechte Einrichtung. Der Erbhof durfte weder veräußert noch aufgeteilt werden und ging ungeschmälert vom Vater an den ältesten Sohn über. Unter diese Bestimmung fielen alle Höfe zwischen 30 und 500 Morgen. An so einen Erbhof war auch die Bezeichnung „Bauer“ gebunden – wer darunter oder darüber lag, wurde „Landwirt“ genannt. Unseren Hof hätte mein ältester Bruder Paul geerbt, Jahrgang 1915, er ist aber im Polenfeldzug gefallen. Als nächster war mein Bruder Hans, Jahrgang 1922, an der Reihe, er ist aber im Januar 1943 im Kaukasus gefallen. Danach war ich der Hoferbe.
Cezary Bazydło: Das heißt, ursprünglich hätten Sie den Hof verlassen sollen. Was wollten Sie dann machen? Hatten Sie Pläne für die Zukunft?
Franz Berger: Ich wäre auf die höhere Ackerbauschule in Elbing gegangen, das war mein Ziel, als ich noch kein Hoferbe war. Danach hätte ich an eine Landwirtschaftsschule als Lehrer oder auf eine Staatsdomäne als Verwalter gehen können – das waren Güter mit 1.000 oder 2.000 Hektar Land.
Cezary Bazydło: Staatsgüter gab es auch?
Franz Berger: Ja, das waren die Domänen. Ich hätte auch auf ein Privatgut als Inspektor, also als Verwalter, gehen können. Aber mein Ziel war auf jeden Fall die Landwirtschaft.
Cezary Bazydło: Hatte man sonst Wünsche oder Ziele? Zum Beispiel reisen, ein bisschen in der Welt herumkommen? Das Leben auf dem Land war doch oft ziemlich einfach.
Franz Berger: Na ja, wir haben uns dort wohl gefühlt. Das war ja unsere Heimat und ich bin bis heute kein Großstadtmensch. Ich komme oft zu Tagungen nach Stuttgart, aber die Großstadt zieht mich nicht an. Und in der Heimat haben wir nur das Kleinstadtleben kennen gelernt, Guttstadt hatte zum Beispiel 6.000 Einwohner. Das prägt einen.
Cezary Bazydło: Ist man oft in die Stadt gefahren?
Franz Berger: Das war sehr verschieden. Manchmal vier Wochen lang gar nicht und dann in vierzehn Tagen vier- oder fünfmal, wenn man Getreide abgeliefert oder Schweine verkauft hat. Oder wenn man irgendeinen Einkauf erledigen musste.
Cezary Bazydło: Ist man auch zum Markt gefahren, um seine Produkte an Privatleute zu verkaufen?
Franz Berger: Nein, auf den Markt sind wir nicht gefahren. Milch haben wir in der Molkerei abgeliefert, die Eier, die wir nicht selbst gebraucht haben, hat uns ein Eierhändler aus dem Dorf abgenommen. Wir sind nie auf den Markt gefahren.
Cezary Bazydło: Und wenn man in die Stadt fuhr, fuhr man mit dem eigenen Fuhrwerk?
Franz Berger: Immer mit dem eigenen Fuhrwerk. Und zwar mit dem Arbeitswagen, nicht mit der Kutsche. Denn man ist nicht extra in die Stadt gefahren, um etwas zu erledigen, sondern immer nur in Verbindung mit dem Verkauf. Und für das Vieh oder das Getreide, das man verkauft hat, brauchte man den Arbeitswagen. In der Stadt ist man natürlich mit Reitstiefeln und Reithose in die Gastwirtschaft gegangen und hat dort etwas getrunken. Manchmal hat man auch zu viel getrunken, die Pferde wussten aber den Weg nach Hause, und es gab ja keinen großen Autoverkehr.
Cezary Bazydło: Hatten die Reitstiefel eine besondere Bedeutung?
Franz Berger: Alle Bauern, und auch die Bauernsöhne, zogen Reitstiefel mit Reithosen an, wenn sie in der Stadt etwas zu erledigen hatten. Die Knechte und Arbeiter hatten so etwas nicht zum Anziehen. Dadurch wurde der Standesunterschied hervorgehoben, es gehörte zum Brauchtum.

Vier ostpreußische Bäuerinnen. Die Kleidung soll nicht nur vor dem rauhen ostpreußischen Wetter schützen, sondern auch die Standesunterschiede kenntlich machen.
Cezary Bazydło: Hat sich der Standesunterschied sonst irgendwie bei der Kleidung bemerkbar gemacht?
Franz Berger: Klar. Also das konnte man schon von weitem an der Kleidung sehen: Das ist ein Bauer oder eine Bäuerin. Der Sonntagsanzug der Arbeiter musste fast das ganze Leben lang aushalten, der wurde nur zum Kirchgang angezogen. Und der Bauer trug keine Konfektionsware, sondern einen Maßanzug vom Schneider und nicht aus dem billigen Stoff. Die Knechte und Deputanten hatten gar nicht das Geld, mit der Kleidung zu glänzen.
Cezary Bazydło: Wie groß war das Einkommen von so einer Bauernfamilie?
Franz Berger: Mein Vater ist ja 1930 tödlich verunglückt. Da wir eine sehr kinderreiche Familie waren, hat meine Mutter eine hohe Unfallrente bekommen, 90 Mark im Monat. Das war sehr viel Geld, wenn man bedenkt, dass ein Knecht nur 35 bis 50 Mark im Monat verdient hat. Dadurch war bei uns immer Bargeld im Haus.
Cezary Bazydło: Und was bekam der Bauer für seine Erzeugnisse?
Franz Berger: Der Roggenpreis lag damals bei etwa 7,20 Mark pro Zentner, und im Winter wurden das mit jedem Monat zehn Pfennig mehr. Weizen stand bei etwa 10 Mark. Kartoffeln lagen bei 2 Mark pro Zentner. Wir haben auch Braugerste angebaut, für die bekam man 12 Mark pro Zentner.
Cezary Bazydło: Und Milch?
Franz Berger: Da kamen ein oder zwei Frauen, denen wir Milch verkauft haben. Ich glaube, um 10 Pfennig der Liter. Das war aber nur ganz vereinzelt. Der Rest der Milch ging an die Molkerei. In Wolfsdorf gab es eine Molkerei, da waren man als Bauer Mitglied drin, also Miteigner. Die Milch wurde dort abgeliefert, gewogen, der Fettgehalt wurde festgestellt und dafür hat man ein Entgelt bekommen. Die Magermilch hat man wieder zurückbekommen, damit wurden die Schweine und die Kälber gefüttert. Und dann gab es noch die Buttermilch. Im Sommer hat man die gerne zum Trinken genommen, denn Buttermilch ist erfrischend, wenn es heiß ist.
Cezary Bazydło: Konnte man Geld sparen oder war das Einkommen so knapp, dass man alles verbraucht hat?
Franz Berger: Nein, man hat schon sparen können. In der Landwirtschaft gab es damals feste Preise, nicht immer rückläufig wie heute.
Cezary Bazydło: Und was besaß Ihre Familie an Lebendinventar?
Franz Berger: Wir hatten vier Pferde zum Anspannen, fünf Milchkühe, ein oder zwei Fohlen jährlich – da konnte immer ein Pferd verkauft werden, wenn es vier oder fünf Jahre alt war, da war der Verkaufspreis am besten. Schweine hatten wir immer recht viele im Stall, drei Muttersäue und 20, 25 und manchmal noch mehr Ferkel, die dann als Läufer verkauft wurden. Läufer waren Jungschweine, die nicht schwerer als 115 Pfund sein durften. Wenn sie schwerer waren, waren sie keine Läufer mehr und der Kilopreis war weitaus geringer. Wir haben auch immer drei oder vier Bullen zum Schlachten gehabt.
Cezary Bazydło: Und Kaninchen?
Franz Berger: Nur als Hobby. Wir hatten auch Tauben in einem Taubenverschlag. An Geflügel hatten wir Gänse und Hühner. Enten hatten wir keine, weil wir nicht das Wasser auf dem Hof hatten für einen Ententeich.
Cezary Bazydło: Hatten Sie viele landwirtschaftliche Maschinen?
Franz Berger: Nach dem damaligen Stand waren wir mit Maschinen sehr gut ausgestattet. Wir hatten zum Beispiel eine elektrische Schrotmühle. Mit dieser Mühle konnte man Mehl machen, man musste alles dreimal durchlaufen lassen und dabei wurde es immer feiner. Das war praktisch Vollkornmehl – für Torten konnte man es nicht nehmen. Wenn wir besseres Mehl gebraucht haben, sind wir in die Stadt zur Mühle gefahren. Man hat dort sein eigenes Getreide mahlen lassen und dafür eine gewisse Summe bezahlt. Ein Nebenprodukt davon war die Kleie – das ist die Außenschale vom Getreidekorn, die hat man zusammen mit Kartoffeln an die Schweine verfüttert. Kleie bekamen auch Kühe, die frisch gekalbt hatten, weil die sehr wertvoll war. Gedroschen haben wir elektrisch, mit einem Elektromotor. Man hat übrigens dann gedroschen, wenn etwas Frost war, dann war der Drusch besser, dann blieb nichts in der Ähre drin. In allen Ställen und in der Scheune hatten wir elektrisches Licht. Beim Abfüttern im Winter war es ja dunkel, da war elektrisches Licht eine große Erleichterung. Nur oben auf dem Schuppen war keine feste Beleuchtung installiert – wir hatten aber eine Lampe, die an einem Kabel hing, und die konnte man bei Bedarf reinhängen. Als wir noch keinen Stromanschluss hatten, waren Petroleumlampen die übliche Beleuchtung, und gedroschen wurde mit einem Pferdegöpel.
Cezary Bazydło: Hatten Sie einen Traktor?
Franz Berger: Nein. Traktoren gab es nur auf den Gütern, und auch dort nicht überall. Das kam erst nach dem Krieg. Ähnlich war es mit den Selbstbindern, die gab es nur in den größeren Betrieben, so ab 200 Morgen.
Cezary Bazydło: Und sonstige Maschinen?
Franz Berger: Wir hatten einen großen Dreschkasten mit Vollreiniger, die Schrotmühle, einen Getreideableger, einen Grasmäher, eine Häckselmaschine, einen Heuwender, einen Tiefselbstpflug, der von drei oder vier Pferden gezogen werden musste, außerdem zwei Pflugscharen, einen Pflug zum Schälen der Stoppelfelder, einen Kultivator, sechs Eggen, eine Sämaschine, einen Düngestreuer, einen Kartoffelroder und im Stall eine Futterdämpfe. In der Futterdämpfe konnte man ungefähr einen halben Zentner Kartoffeln kochen – damit wurden die Schweine gefüttert, mit Zusatz von Schrot.
Cezary Bazydło: Und wie sah ihr Haus aus?
Franz Berger: Das Wohnhaus wurde um 1900 gebaut, war elf Meter breit und sechzehn Meter lang. Das habe ich genau im Kopf, ich habe alles ausgemessen, als ich das letzte Mal dort war. Es war schon ein größeres Haus, wir hatten 202 Quadratmeter Wohnfläche. Im Erdgeschoss waren sechs Zimmer und eine Küche. Oben, im Dachgeschoss, war ein großes Zimmer mit Kocheinrichtung und links und rechts eine Schlafkammer mit je 14 Quadratmetern. Im Erdgeschoss waren drei Räume vermietet: die Wohnküche, ein Schlafzimmer und ein großes Wohnzimmer. Bis 1930 hat Schneidermeister Sperling mit seiner Frau bei uns gewohnt. Sie haben sich dann in unserer Nachbarschaft ein Wohnhaus mit separatem Stallgebäude gebaut. Danach sind Valentin und Barbara Groß bei uns eingezogen. Sie waren ein lediges Geschwisterpaar und wurden Valtin und Barbchen genannt. Sie hatten ihr 40 Morgen großes Abbaugrundstück an einen Bauern in Leibrente verkauft, das heißt, neben einem Barpreis war die Lieferung von Brennholz und Lebensmitteln in einer festgelegten Menge bis zu ihrem Lebensende vereinbart. Valentin ist 1937 gestorben und Barbchen 1941. Mutter hat Barbchen in ihrer letzten Lebensphase versorgt. Sie hat dann ihr beträchtliches Barvermögen geerbt. Die drei Wohnräume nahmen aber nicht die ganze Fläche vom Dachgeschoss ein – der Rest diente als Lagerraum für Getreide und ganz oben, im Dachspitz, zu dem eine Treppe hinaufführte, konnte man noch mal Getreide über die ganze Länge lagern. Und dann gab es im mittleren Geschoss noch eine Räucherkammer, mit einer Eisentür wegen der Brandgefahr. Dort hingen die Rauchwürste und die Speckseiten. Zum Räuchern wurde der Rauch aus der Küche benutzt, der Herd wurde ja mit Holz beheizt. Der Herd war recht groß, vielleicht anderthalb Quadratmeter. Und die Kochstellen waren mit Eisenringen abgedeckt. Kochte man in einem kleinen Topf, nahm man nur einen Ring weg und bei größeren Töpfen entsprechend mehr.
Cezary Bazydło: Und diese Futterdämpfe wurde auch mit Feuer beheizt? Oder elektrisch?
Franz Berger: Mit Holz oder Kohle. Wir hatten immer große Wagen Eierkohlen und Briketts. Wir mussten ja mehrere Öfen beheizen, denn jedes Zimmer, mit Ausnahme der Schlafkammern oben, hatte einen Ofen. Die Öfen waren sehr hoch, mindestens zwei Meter. Sie wurden morgens angeheizt und haben gut gehalten, sie gingen im Winter nie aus. Und sie hatten eine Nische, in der man das Essen warm stellen oder Bratäpfel machen konnte. Wir hatten in Ostpreußen sehr strenge Winter mit bis zu 40 Grad Kälte! Den strengen Winter 1928/29 werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen können. Etwa 20 Obstbäume sind damals erfroren. Die Kellerfenster mussten mit Mist abgedeckt werden und in den Ställen wurde jede kleine Lücke mit Stroh abgedichtet. Die Hauptsorge galt in diesem Winter aber den Wasserleitungsrohren zwischen dem Stall und dem Wohnhaus. Wir haben sie mit Stroh und Dung abgedeckt, damit sie nicht einfrieren und platzen.
Cezary Bazydło: Und wie sahen die anderen Gebäude auf ihrem Hof aus?

Wohnhaus der Familie Berger (1975). Vierzehn Menschen wohnen hier in zehn Räumen. Im Dachspitz wird Getreide gelagert.
Franz Berger: 1910 mussten Stall und Scheune neu gebaut werden. Das Geld dafür stammte aus der Mitgift meiner Mutter. Sie hat 8.000 Goldmark als Heiratsgut bekommen! Ihr Vater war ein sehr wohlhabender Bauer und hat im Laufe der Jahre drei jungen Männern das Studium im Priesterseminar finanziert. Diese neuen Stallgebäude waren aus Ziegeln gemauert, nur der obere Teil, wo Stroh und Heu gelagert wurden, war nur mit Brettern verschalt – das diente der besseren Durchlüftung. Die Scheune war aber nie gemauert, sondern immer aus Holz – ebenfalls wegen dem Luftaustausch, damit das Getreide nicht modert oder verschimmelt.
Cezary Bazydło: Sie haben Landarbeiter erwähnt. Was haben die denn verdient?
Franz Berger: Die größeren Bauern hatten Deputanten oder Instleute. Sie haben den Lohn etwa zu 80 Prozent als Deputat, also in Naturalien, bekommen: soviel Zentner Hafer oder Gerste, Roggen – das war seit dem Ersten Weltkrieg gesetzlich geregelt. Und dann haben sie das Getreide in der Mühle mahlen lassen. Sie konnten sich außerdem eine Kuh halten, etwa 20, 25 Hühner und ein paar Gänse. Das Futter wurde vom Bauern geliefert, und im Sommer ging die Kuh auf seine Weide. Außerdem hat der Bauer Brennholz in festgesetzter Menge anliefern müssen. Ich hatte irgendwie ein Verzeichnis, wo das genau drinstand, die haben im Winter 18 oder 20 Mark im Monat bekommen und im Sommer 24 bis 26 Mark Bargeld, aber ich kann das nicht genau sagen.
Cezary Bazydło: Sie haben also ein bisschen Bargeld und Naturalien bekommen?
Franz Berger: Ja. Etwas Geld und Lebensmittel für die ganze Familie.
Cezary Bazydło: Und die Familie musste auch mitarbeiten?
Franz Berger: Ja. Die Frauen wurden in der Ernte angefordert, als Saisonarbeiterinnen sozusagen. Oder sie haben ständig die Kühe gemolken, das wurde dann extra in bar vergütet. Und von ihrer eigenen Kuh haben manche Deputanten 10, 12, 15 Liter Milch täglich in die Molkerei geliefert. Das war für sie bares Geld.
Cezary Bazydło: Und war der Lohn im Winter niedriger als im Sommer?
Franz Berger: Weil im Winter die Arbeitszeit bedeutend kürzer war. Man fing um 8 Uhr an und um 16 Uhr war schon Feierabend. Und zur Mittagszeit von 12.00 Uhr bis 13.30 Uhr war Ruhepause. Im Sommer begann die Arbeitszeit um 6.30 Uhr und endete um 19.00 Uhr. Für die Gespannführer begann die Arbeitszeit schon um 5.00 Uhr – die Pferde mussten von der Weide geholt werden und bekamen im Stall noch etwas Kraftfutter.
Cezary Bazydło: Haben die Pferde draußen übernachtet?
Franz Berger: Im Sommer waren die Pferde ausschließlich auf der Weide über Nacht. Und in den Arbeitsspitzen bekamen sie auf dem Hof noch zusätzlich Hafer. Jeder Gespannführer hatte vier Arbeitspferde zu versorgen – musste sie füttern und striegeln.
Cezary Bazydło: Und sind die Ausdrücke „Deputanten“, „Instleute“ und „Knechte“ austauschbar? Oder gab es hier irgendwelche Unterschiede?
Franz Berger: Deputanten oder Instleute sind dasselbe. In manchen Dörfern hat man „Deputant“ gesagt, in anderen Dörfern wurden sie „Instleute“ genannt.
Cezary Bazydło: Und Knechte? Gibt es einen Unterschied zwischen Deputanten und Knechten?
Franz Berger: Ja, einen gewaltigen Unterschied! Deputanten, manchmal hat man eben auch Instleute gesagt, das waren die verheirateten Landarbeiter. Sie hatten ein Wohnhaus mit Stallungen, das dem Bauern gehörte, und eine kleine Landwirtschaft. Sie bekamen vom Bauern etwa zwei Morgen Kartoffelland und einen Garten, konnten sich eine Kuh halten, und unbegrenzt, je nach Bedarf, Schweine und Geflügel. Und alles andere bekamen sie vom Bauern geliefert, sie bekamen ihren Lohn vorwiegend als Deputat, also Naturalien in genau festgelegter Menge: Brennholz, Stroh, Mehl und Körner, Brotgetreide – alles, was man zum Leben braucht. Und dazu gab es noch ein wenig Bargeld, aber nicht viel – so um die 20 Mark im Monat. Und sie hatten eben immer eine Familie – die Frauen mussten bei Bedarf auf dem Hof mitarbeiten, das wurde aber extra bezahlt. Die Knechte und Mägde waren meistens jünger und ledig. Sie bekamen Bargeld und freie Verpflegung und hatten nur einen abgeteilten Raum, in dem sie gewohnt und geschlafen haben, meistens im Pferdestall. Gegessen haben sie im Wohnhaus beim Bauer in der Küche, separat am Gesindetisch mit anderen Hausangestellten.
Cezary Bazydło: Gab es noch andere Hausangestellte?
Franz Berger: Ja. Auf den größeren Höfen gab es eine Art Haushälterin – „Stütze“ sagte man. Sie ist nicht aufs Feld gegangen, sondern hat der Bauersfrau beim Kochen geholfen und das Geflügel versorgt. Also die war schon etwas Besseres als eine Magd.
Cezary Bazydło: War das Essen für die Knechte schlechter als für die Bauernfamilie?
Franz Berger: (Überlegt kurz) Nein! An und für sich nicht. Es diente nur der Abgrenzung.
Cezary Bazydło: Gab es in Ihrem Dorf Bauern, die bei den Knechten einen schlechten Ruf hatten, zum Beispiel als geizig galten?
Franz Berger: Das gab es überall, das auch. Es gibt solche und solche. Aber das hat sich dann schnell herumgesprochen, d.h. da blieben die Deputanten oder Knechte und Mägde nicht lange auf so einem Hof. Aber im Großen und Ganzen war ein gutes Arbeitsklima da. Bei manchen Höfen wurde auf den Standesunterschied und Abstand sehr geachtet, aber auf manchen anderen gab es da keinen Unterschied.
Cezary Bazydło: Und wenn so ein Knecht eine Magd heiraten wollte, dann ist er Deputant geworden, oder wie?
Franz Berger: Na ja, ganz so einfach war das nicht. Da ist er manchmal als Freigänger arbeiten gegangen, auf ein Gut zum Beispiel, aber es blieben auch manche ledig, haben nicht geheiratet.
Cezary Bazydło: Also standen die Knechte sozial und finanziell noch unter den Deputanten?
Franz Berger: Ja. Auf jeden Fall. So ein Knecht bekam (überlegt kurz)… 30 Mark im Monat bei freier Kost und Wohnung. Und wenn es irgendwo mehrere Knechte gab, gab es noch einen Großknecht, der hatte zehn bis 15 Mark im Monat mehr.
Cezary Bazydło: Ich verstehe aber nicht ganz, warum man diesen Unterschied gemacht hat zwischen Knechten und Deputanten. Die Arbeit war doch dieselbe, oder?
Franz Berger: Die Arbeit war dieselbe. Ja nun, das war seit alters her so! Das war so der Brauch!
Cezary Bazydło: War das dann so, dass die Deputanten, die ein Haus bekamen, für längere Zeit an ihren Bauern gebunden waren?
Franz Berger: Das war unterschiedlich. Auf den Gütern gab es Deputanten, die manchmal zwei, drei Generationen auf derselben Stelle blieben. Manche wollten aber auf einen anderen Bauernhof wechseln – dann wurde zu Martini, wenn Stellungswechsel war, umgezogen.
Cezary Bazydło: Kam es manchmal vor, dass ein Deputant eine Bauerntochter heiraten wollte (oder andersherum)?
Franz Berger: (Mit Nachdruck) Äußerst, äußerst selten! Da war der Standesunterschied doch zu groß. Außerdem musste die Braut ihre Mitgift in die Ehe einbringen, und die Deputantenfamilien hatten das Geld nicht. Es war also so, dass die Großbauern zu 95 Prozent auch wieder eine Großbauerntochter geheiratet haben.
Cezary Bazydło: Und haben Eltern bei der Heirat sehr aufs Vermögen gekuckt?
Franz Berger: Sehr! Und es wurde oft das Heiratsgut ausgehandelt. Meine Mutter hat 8.000 Goldmark als Heiratsgut bekommen, denn sie stammte aus einer wohlhabenden Bauernfamilie. Mein Vater hätte nie ein Arbeitermädchen geheiratet. Es sollte ja etwas in die Wirtschaft reinkommen, denn er hat den Hof geerbt und musste die anderen Geschwister ausbezahlen. Das Aussehen spielte natürlich auch eine Rolle, die Eheleute mussten zueinander passen.
Cezary Bazydło: Durfte sich der Bauernsohn seine Braut selbst aussuchen, wenn sie das nötige Geld hatte, oder bekam er eine von den Eltern vorgesetzt?
Franz Berger: Teils, teils. Oft haben die Eltern mitgesprochen, es gab aber auch reine Liebesheiraten. Und Scheidungen gab es damals nicht – wenn man geheiratet hat, dann blieb man bis zum Tod miteinander.
Cezary Bazydło: Hatten Sie auf Ihrem Hof Deputanten oder Knechte?
Franz Berger: Nein. Deputanten hatten nur die größeren Bauern, ab 200 Morgen aufwärts. Und einen Knecht haben wir nicht gebraucht – wir waren ja viele Kinder, da waren genügend Arbeitskräfte da. Von den kleineren Bauern hatten meistens nur diejenigen einen Knecht, die keine Kinder hatten, die den Hof allein, zu zweit nicht hätten bewirtschaften können. Wir hatten nur in der Ernte und beim Dreschen Freiarbeiter. Und die haben bei uns mit am Tisch gesessen.
Cezary Bazydło: Wurden die mit Bargeld oder auch mit Naturalien bezahlt?

Familie Berger mit „ihrem” Franzosen. Ausländische Zwangsarbeiter ersetzen im Krieg die eingezogenen deutschen Männer.
Franz Berger: Die Stundenlöhne der Freiarbeiter lagen bei etwa 70 oder 80 Pfennig, die Entlohnung der Frauen war entsprechend niedriger – etwa 60 Pfennige die Stunde. Nach dem Kriegsausbruch wurden sie aber nur noch in Naturalien bezahlt. Für Geld konnte man ja nichts mehr kaufen, die Lebensmittel waren rationiert – daher kam auch der hohe Fleischverbrauch auf dem Hof, wie ich schon erzählt habe.
Cezary Bazydło: Das heißt, auf dem Land gab es während des Krieges keine Lebensmittelknappheit?
Franz Berger: Wir haben aus dem Vollen gelebt nach dem Kriegsausbruch. Wir haben schwarz geschlachtet, obwohl im Extremfall die Todesstrafe darauf stand. Wenn ein Schwein legal geschlachtet wurde, dann wurde gleich ein zweites mitgeschlachtet und der Fleischbeschauer, der das Fleisch auf Trichinen untersuchen musste, hat beide Augen zugedrückt. Er hat nichts gesehen, nichts gehört und dafür ein Stück Fleisch mitgenommen. So ging das. Ich habe einmal während des Fronturlaubs ein Schwein schwarz geschlachtet, 1943. Da habe ich um drei Uhr nachts – ich dachte, da schläft alles – mit der Pistole das Schwein erschossen. Der Schuss war laut und ich hatte Angst, dass das einer hört – in der Angst kommt das einem noch lauter vor, als es in Wirklichkeit ist. Na ja, aber es ist gegangen und niemand ist davon wach geworden.
Cezary Bazydło: Waren die Schlachttiere erfasst?
Franz Berger: Ja, es gab eine offizielle Feststellung – Tiere, Getreide, alles wurde gezählt. Und dann wurde festgesetzt, wie viel der Bauer abliefern muss und wie viel er für den Eigenbedarf verbrauchen darf. Während meiner Zeit auf der Landwirtschaftsschule, im Winter 1940/1941 und 1941/1942, war ich auch dabei beschäftigt. Ich bin mit dem Pferd auf die Abbauten geritten, und dann wurde die Anzahl der Pferde, Jungpferde, Fohlen, Schweine, Kühe, Hühner, Gänse und die Getreidemenge auf dem Speicher erfasst. Ich habe aber nie gezählt. Ich sagte: „Du gibst mir an, was du hast, und was Du mir angibst, schreibe ich da rein. Ich gehe nicht zu dir in den Stall.“ Zu uns kam natürlich ein anderer, ich konnte das ja nicht selbst machen.
Cezary Bazydło: Und wie oft war das?
Franz Berger: Einmal im Jahr, wenn ich mich richtig erinnern kann.
Cezary Bazydło: Hatten Sie auch Fremdarbeiter? Polen, Franzosen oder Russen?
Franz Berger: Wir haben im Krieg eine Polin gehabt und einen Franzosen, denn die Männer waren ja Soldaten im Feld. Und später bekamen wir noch einen Polen, den habe ich aber nicht mehr erlebt, weil ich damals schon Soldat war, und nach 1943 bin ich nicht mehr nach Hause gekommen.
Cezary Bazydło: Wie bekam man die Fremdarbeiter zugeteilt?
Franz Berger: Das ging über den Ortsbauernführer. Die wurden nach Bedarf zugeteilt. Sie sollten nach der Vorschrift gesondert essen. Bei uns hatten die aber immer Familienanschluss und haben mit uns zusammen am Tisch gegessen, da wurde kein Unterschied gemacht. Im Allgemeinen leisteten Fremdarbeiter sehr gute Arbeit, vor allem dann, wenn sie Familienanschluss hatten. Einzelne, mit denen der Bauer nicht zufrieden war, konnten gegen andere ausgetauscht werden.
Cezary Bazydło: Hatten Sie ein Radio?
Franz Berger: Radio hatten wir ab 1935. Das war der Volksempfänger für 60 Reichsmark, ein gutes Gerät, man hat einwandfreien Empfang gehabt, das war bei uns der Reichssender Königsberg und der Großsender in Heilsberg als Verstärkung. Das werde ich nie vergessen: „Hier spricht der Reichssender Königsberg, angeschlossen die Sender Breslau, Gleiwitz und Troppau.“
Cezary Bazydło: Also man konnte nicht umschalten, zum Beispiel auf Berlin?
Franz Berger: Doch, doch, man konnte auch drehen und Sender holen. Natürlich nicht in der Vielzahl wie heute. Es gab ja auch Kurzwelle, Mittelwelle und Langwelle.
Cezary Bazydło: Hat man viel Radio gehört? Und hat man das als Freizeitbeschäftigung gemacht oder so wie heute, bei der Arbeit nebenbei.
Franz Berger: Wir als Buben haben schon gerne gehört, wenn eine Operette oder Walzermelodien kamen. Aber dass man untertags Radio gehört hat, kam gar nicht in Frage, da musste jeder seiner Beschäftigung nachgehen. Die Kinder, die jungen Leute, wurden entsprechend ihrem Alter in die Arbeit am Hof eingebunden.
Cezary Bazydło: Also man hörte mehr am Abend und am Wochenende?
Franz Berger: Ja.
Cezary Bazydło: Und was hat man da gehört?

Ein Volksempfänger. Der Reichssender Königsberg versorgt die Landbevölkerung mit Nachrichten und leichter Unterhaltung.
Franz Berger: Gute Musik. In einer Diktatur natürlich auch Propaganda. Es gab Nachrichten, die waren in etwa wie heute, nur kamen sie vielleicht nicht jede halbe Stunde. Aber es kam sehr viel Unterhaltsames. Ich würde sagen, 80 Prozent Unterhaltung: Operetten, Opern, Marschmusik, Hör- und Singspiele, Erzählungen – querbeet. Nur im Großraum Berlin gab es damals schon Fernsehen. In Guttstadt und Heilsberg gab es aber Filmtheater. Die waren so überrannt, dass sie immer ausverkauft hatten. Das Kino in Heilsberg gehörte meinem Onkel, der einen großen Hof mit 700 Morgen in Napratten besaß. Und es wurde streng darauf geachtet, ob ein Film jugendfrei ist. Bei Filmen ab 18 Jahren wurde jeder kontrolliert. Das waren sehr, sehr gute Filme vor dem Krieg. Und im Krieg lief der erste Farbtonfilm: „Die Frauen sind doch bessere Diplomaten“. Oder eine Soldatenkomödie, den Titel weiß ich nicht mehr, da hat der Küchenbulle den Offizieren eine Katze als Hasenbraten serviert. Ich habe auch noch die Stummfilme miterlebt – 1930, 1931 liefen ja noch Stummfilme. Und einmal im Monat gab es auch im Dorf eine Vorführung. Das war beim Gastwirt Kirstein, dem Ortsgruppenleiter, und die Filme kamen von der Gaufilmstelle. Weil er Ortsgruppenleiter war, kam die Gaufilmstelle selbstverständlich zu ihm. Es war immer ausverkauft.
Cezary Bazydło: Was hat das gekostet?
Franz Berger: Da bin ich fast überfragt. War es eine Mark? Vielleicht eine Mark oder etwas weniger. Das weiß ich nicht mehr.
Cezary Bazydło: Und woher hatten Sie das Geld dafür? Von den Eltern?
Franz Berger: Ich hatte immer so 50, 60, 70 Mark auf der hohen Kante. Ich war sparsam.
Cezary Bazydło: Das war damals sehr viel Geld…
Franz Berger: Ja. Aber ich war eine Ausnahme. Wenn es vom Bürgermeister hieß, die Abortgruben in der Schule müssen gelehrt werden, habe ich das gemacht – dafür gab es 70 oder 80 Mark. Das war keine schöne Arbeit, aber eine gute Einnahmequelle. Das Zeug hat gestunken wie die Pest, aber es war guter Dünger, man hat das auf unsere Felder ausgefahren. Mein älterer Bruder Hans hatte eine bessere Verdienstmöglichkeit – er hat morgens mit dem Einspänner die Milchkannen von den Bauern abgeholt, die sie am Straßenrand auf Milchbänken hingestellt hatten, und in die Molkerei gefahren. Dafür hat er im Monat 70 Mark bekommen, und das waren nur eineinhalb Stunden Arbeit am Tag.
Cezary Bazydło: Also das Geld mussten Sie sich selbst verdienen, haben es nicht geschenkt bekommen?
Franz Berger: Doch, auch. Wenn mein Patenonkel von Groß Klaussitten gekommen ist, hat er mir jedes Mal 5 Mark gegeben. Er war recht wohlhabend und ich dachte immer, der könnte doch jeden Monat kommen. Aber er kam nur einmal, höchstens zweimal im Jahr, und dann war er großzügig. Manchmal hat man auch von der Mutter etwas bekommen, zum Beispiel wenn man Getreide abgeliefert hat. Ich habe immer Taschengeld gehabt im Gegensatz zu vielen anderen Bauernsöhnen, die kurz gehalten wurden. Und was war das Resultat? Wenn sie dann 40, 50 Zentner in der Genossenschaft in der Stadt abgeliefert haben, haben sie halt zwei, drei Sack für sich abgezweigt.
Cezary Bazydło: Also praktisch die Eltern bestohlen?
Franz Berger: Ja, das gab es auch. Das kommt so, wenn man zu kurz gehalten wird. Ich war aber auch nie leichtsinnig, habe nie mit dem Geld herumgeworfen. Wenn ich etwas gesehen habe, was mir gefiel, habe ich immer überlegt: Ist es das wert? Man hat zusammen mit Gleichgesinnten einmal einen Schnaps getrunken oder ein Bier, aber nicht mehr.
Cezary Bazydło: Und wie oft ist man ins Kino gegangen?
Franz Berger: Ich alle vier Wochen, wenn sie ins Dorf kamen. Und hin und wieder bin ich in die Stadt zum Kino gefahren. Das war sehr beliebt. Man hatte ja sonst nichts.
Cezary Bazydło: Hat man nachher miteinander über den Film gesprochen?
Franz Berger: Selbstverständlich. (Begeistert) Ach, man hat als junger Kerl sogar eine Schauspielerin in sein Herz geschlossen, wenn man sie besonders gut fand. Obwohl die ja unerreichbar war. Sie war zehn Jahre älter. Aber die hat gut sprechen können und sah gut aus.
Cezary Bazydło: Und wer war Ihr Schwarm?
Franz Berger: Paula Wessely.
Cezary Bazydło: Sind Sie mit dem Zug in die Stadt gefahren?
Franz Berger: Nein, mit dem Fahrrad. Wir hatten von Wolfsdorf keine Zugverbindung.
Cezary Bazydło: Gab es damals schon Busse?
Franz Berger: Ja. Ich bin auch oft mit dem Bus gefahren, die Busverbindungen waren sehr gut. Es lief von Wolfsdorf über Guttstadt nach Heilsberg zweimal am Tag ein Bus, da wurde jede Ortschaft dazwischen bedient. Zweimal hin und zweimal zurück. Morgens ging der erste Bus, mit dem auch die Schüler auf die höhere Schule nach Guttstadt gefahren sind, so gegen sieben Uhr. Der letzte Bus kam in Wolfsdorf ungefähr Viertel nach neun Uhr abends an. In Guttstadt waren etwa zehn, zwölf Busse dieser Omnibusgesellschaft stationiert, von dort gab es Verbindungen nach vier, fünf Richtungen: nach Heiligenthal, Seeburg, Allenstein, Wormditt.
Cezary Bazydło: Und was hat eine Fahrt gekostet?
Franz Berger: Ich kann das nicht mehr sagen.
Cezary Bazydło: Gab es noch andere Freizeitmöglichkeiten, besonders für junge Leute?
Franz Berger: Wir hatten in Wolfsdorf ein Jugendheim, das von einem Hausmeisterehepaar betreut wurde. Dieses Paar hat nach dem Rechten gekuckt und für Ordnung gesorgt. Dort waren auch Turngeräte vorhanden. Ein guter Fußballplatz war auch da. Das Gelände dafür hatte der Großbauer Ernst Fahl zur Verfügung gestellt. Sport war meine Stärke! Ich war immer sehr kräftig und wusste immer, mir bei meinen Alterskameraden den notwendigen Respekt zu verschaffen. Beim Sporttag in Wormditt war ich der Drittbeste, und dort waren Mannschaften aus dem ganzen Ermland vertreten. Dabei habe ich mir gar nicht die Zeit genommen, mich darauf besonders vorzubereiten. Ich war damals 17 oder 18 Jahre alt. Im Winter wurde viel Schlittschuh gelaufen. Ich bin dabei mehrmals rückwärts gefallen, auch auf den Hinterkopf, aber Schaden habe ich davon keinen genommen. Man war in meiner Jugend nicht so empfindlich wie heute. Im August 1940 hatte ich einen Unfall. Ich stand in zweieinhalb Metern Höhe auf dem Dreschkasten, war gerade fertig mit dem Einlegen der Garben und wollte heruntersteigen. Ich hatte aber die Leiter nicht richtig eingehängt und bin mit voller Wucht nach unten auf den gepflasterten Steinboden gefallen. Das rechte Handgelenk war komplett verschoben und gebrochen. Im Krankenhaus in Guttstadt wurde mir am Abend unter einer Äthervollnarkose die Hand wieder eingerenkt, der ganze Arm wurde außerdem in Gips gelegt. Ich bin aber nicht im Krankenhaus geblieben, sondern schnell zur Bushaltestelle gegangen und nach Wolfsdorf zurückgefahren. Zu Hause hat Mutter mir ein kräftiges Abendbrot gemacht – ich hatte seit dem Mittag noch nichts gegessen: Rührei aus sechs Eiern mit reichlich gebratenem Speck. Ich habe alles mit bestem Appetit gegessen, zwei Stunden nach einer Äthervollnarkose, die immer mit Übelkeit verbunden ist!
Cezary Bazydło: Hat man auch mit geistvolleren Sachen seine Freizeit verbracht, zum Beispiel Zeitungen lesen?
Franz Berger: Ja, wir hatten die „Warmia“, eine Heimatzeitung für den Kreis Heilsberg, und auch die Kreiszeitung aus Guttstadt. Und wir hatten noch die „Georgine“, das war die Fachzeitschrift für die Landwirtschaft, wurde in Königsberg gedruckt. Alle drei im Abonnement. Und dann kam auch noch die Kirchenzeitung, das Diözesanblatt.
Cezary Bazydło: Hat man auch Bücher gelesen?

Ermländische Ministranten beim Skatspiel. Das Pfarrhaus spielt eine zentrale Rolle im Leben der Dorfgemeinschaft.
Franz Berger: Im Bürgermeisteramt gab es eine Bibliothek, da konnte man sich für 14 Tage ein Buch ausleihen. Da war schon Literatur da – nicht Fachliteratur, aber Romane, geschichtliche Bücher usw. Und wir hatten eine sehr gute Auswahl im Pfarrhaus.
Cezary Bazydło: Hat man viel gelesen?
Franz Berger: Ich habe sehr viel gelesen, mein ältester Bruder auch, die anderen zwei aber haben überhaupt nicht gelesen, nur die Zeitung. Aber ich habe immer gerne gelesen, ich lese auch heute noch sehr gerne, der Keller ist voll von Büchern.
Cezary Bazydło: Und wie stand es um die Geselligkeit im Dorf?
Franz Berger: Oh ja, die Geselligkeit wurde sehr gepflegt. Feste gab es viele. Es gab ein Feuerwehrfest, ein Schützenfest (der Schützenverein hatte beim Gastwirt Klein einen eigenen Schießstand), ein Fest der Jungfrauenkongregation, kirchlich. Und im Winter, so um die Weihnachtszeit, haben die einzelnen Vereine Laientheaterstücke eingeübt, und die Kinder in der Schule auch. Diese Aufführungen fanden immer im Saal des Gastwirts Klein statt. Das wurde sehr gepflegt. Im Winter wurde außerdem viel Skat gespielt. Auf dem Hof gab es wenig Arbeit, man musste die Freizeit irgendwie ausfüllen. Mit sieben oder acht Jahren konnte ich mit meinen Brüdern schon mitspielen! Und die Ministranten haben sogar im Pfarrhaus Karten gespielt. Und nicht nur die Ministranten – der Pfarrer hat regelmäßig mit dem Bürgermeister und dem Lehrer Skat gespielt.
Cezary Bazydło: Wurde manchmal auch getanzt?
Franz Berger: Freilich, mehr als heute. Sie werden es nicht glauben: Es wurde sogar bei Beerdigungen getanzt. Das heißt, wenn jemand aus Altersschwäche gestorben ist, ist es schon vorgekommen, das man beim Leichenschmaus getanzt hat, wenn man etwas getrunken hatte. Da hat man gesagt, „jetzt wird das Fell versoffen“.
Cezary Bazydło: Hat man zu Hause getanzt?
Franz Berger: Nein, in der Gastwirtschaft. Zu Hause vielleicht auch, wenn da einer eine Mund- oder Ziehharmonika hatte. Die verschiedenen Vereine haben Fasnachtsbälle organisiert. Da wurde fleißig getanzt und mächtig getrunken. Manchmal gab es auch „Kloppereien“.
Cezary Bazydło: Wie entstanden diese Kloppereien? Um was ging es?
Franz Berger: Wenn zu viel getrunken wurde. Oder wenn Männer aus den benachbarten Dörfern anwesend waren. Es ging auch um Mädchen. Die Streitigkeiten wurden meistens von den Schweizern von den Gütern angezettelt – das waren sehr kräftige Burschen und sie wollten dabei ihre Kräfte zeigen.
Cezary Bazydło: Musste dann die Polizei eingreifen?
Franz Berger: Ganz selten. Es wurde meistens unter sich geregelt.
Cezary Bazydło: Gab es regelmäßige Tanzveranstaltungen, zum Beispiel jede Woche?
Franz Berger: Nein, nein, nein. Das war in der Stadt so. Manche sind auch in die Stadt zum Tanzen gefahren. Ich habe mit 16 Jahren am Tanzunterricht in der Stadt teilgenommen – in Guttstadt. Da wurde uns Anstand und gutes Benehmen beigebracht und wie man sich einer Dame gegenüber verhält. Erlaubt waren nur die Standardtänze: Walzer, Foxtrott und Rheinländer. Die jungen Männer saßen auf der einen Seite des Saales, die Mädchen auf der anderen. Da ist man drauf zugestürmt und hat sich gesagt: „Mit der tanze ich!“. Man ist aber nur zu den Hübschen und Netten gegangen, und wenn man zu langsam war, dann waren die weg und dann stand man da. Es gab auch Mauerblümchen, die keiner geholt hat (lacht). In der Mitte des Tanzkurses gab es einen Mittelball und am Ende einen Abschlussball. Dann kamen auch die Eltern und die Verwandten. Das war aber gar nicht billig damals, so ein Tanzunterricht.

Tanzkurs in der Kreisstadt. Die jungen Bauernsöhne sollen hier Anstand und Benehmen lernen.
Cezary Bazydło: Was hat er gekostet?
Franz Berger: (Nach längerer Überlegung) Ich glaube 30 oder 40 Mark.
Cezary Bazydło: Gab es eine Kirmes im Dorf?
Franz Berger: Es kamen zu uns regelmäßig verschiedene Buden, die auf der Dorfwiese aufgestellt wurden. Es gab Verkaufsstände mit allem erdenklichen Krimskrams: Lutschbonbons, Lackritze, Teddybären, Plüschhasen. Oder Schießbuden, wo man mit einem Luftgewehr geschossen hat, zum Beispiel Rosen. Sehr üblich war auch „Hau den Lukas“, also Schlagen mit dem Hammer. Und es gab Zelte mit Tanzbären – die waren so abgerichtet, dass sie getanzt haben. Ich kann dazu ein persönliches Erlebnis erzählen. Ich war damals etwa sechzehn, und da gab es auch ein Zelt mit einem wilden Esel – das kostete natürlich Eintritt, 50 Pfennig oder eine Mark. Und wer auf dem Esel reiten konnte, ohne abgeworfen zu werden, sollte 20 Mark bekommen. Das war viel Geld damals, der Stundenlohn war damals etwa 80 Pfennige im Schnitt. Ich dachte mir, nanu. Ich war ja wirklich sattelfest auf Pferden, mit und ohne Sattel. So habe ich mich gemeldet und setzte mich auf den Esel. Oh weia, dieser Kerl! Der ging einmal so rum und einmal so rum, und auf einmal lag ich unten. Die anderen haben gebrüllt vor Lachen, Schadenfreude ist ja die schönste Freude. Nie wieder habe ich mich auf so etwas eingelassen. Zum Glück habe ich keine Verletzung davongetragen, das hätte ja schlimm enden können. Der Esel war dressiert, dass er keinen auf seinem Rücken duldete. Ja, das war so die Abwechslung für Jung und Alt.
Cezary Bazydło: Gab es dort auch ein Karussell?
Franz Berger: Da war immer ein Karussell dabei, und zwar das Kettenkarussell. Das wurde mit menschlicher Kraft in Bewegung gesetzt. Die Karussells waren etwas kleiner als heute. Man brauchte etwa 3-4 Männer, um sie zu bewegen. Und die bekamen dafür Freikarten.
Cezary Bazydło: Und wenn irgendwo in einem Nachbardorf Kirmes war, ist man dahingefahren?
Franz Berger: Ja, die Leute sind auch woanders hingegangen – hauptsächlich die Schweizer, die Melker von den Gütern. Sie haben dann gesoffen, gestänkert, Streit und Schlägereien angefangen, das gab es auch.
Cezary Bazydło: Hat die Kirche eine wichtige Rolle in Ihrem Leben gespielt?
Franz Berger: Ja. Das kann ich von sämtlichen Bauerndörfern im Ermland sagen – neunundneunzig Prozent der Menschen sind auch in der Nazizeit jeden Sonntag in die Kirche gegangen. Sogar die Frau des Ortsgruppenleiters war regelmäßig am Sonntag in der Kirche. Ich selbst war Ministrant. Der Pfarrer in solchen Dörfern hatte übrigens auch Ackerland, das ihm überlassen war – das so genannte Pfarrland. In Wolfsdorf waren das 240 Morgen Ackerland. Es war eigentlich überall so.
Cezary Bazydło: Auf den Dörfern oder auch in den Städten?
Franz Berger: In den Städten auch. Ich glaube, zu der Erzpriesterei in Guttstadt gehörten 600 Morgen Land. Die Kirchspiele waren unterschiedlich mit Pfarrland ausgestattet, manche hatten mehr, manche weniger. Bei uns in Wolfsdorf war das ungefähr der Durchschnitt: 240 Morgen. Das Pfarrland wurde aber nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr vom Pfarrer selbst bewirtschaftet, sondern an mehrere Bauern verpachtet. Wir hatten davon 20 Morgen gepachtet. Für einen Morgen musste man pro Jahr den Gegenwert von einem Zentner Roggen bezahlen, glaube ich. Und der Pfarrer hatte ein Gehalt von ungefähr 90 Mark im Monat, so wie ich das hinterher erfahren habe. Dazu kamen die Stolagebühren für Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Dafür gab es drei mögliche Termine, immer vormittags. Um acht Uhr haben Minderbemittelte geheiratet oder ihre Kinder getauft, das heißt die Deputanten. Um neun Uhr war der Gottesdienst dann etwas feierlicher, das war der Termin für den Mitteldurchschnitt, und um zehn Uhr – ganz feierlich – für die größeren Bauern und alle, die etwas auf sich gehalten haben oder etwas besseres sein wollten. Welche Uhrzeit man bekam, war eine Frage der Finanzen: Um zehn Uhr musste man wesentlich mehr zahlen als um neun Uhr und um neun Uhr mehr als um acht Uhr.
Cezary Bazydło: Hatte der Pfarrer eine Haushälterin?
Franz Berger: Bei uns hatten die Pfarrer grundsätzlich zwei Hausangestellte: die Pfarrwirtin und dann noch ein junges Mädel, das im Haushalt gelernt hat. Der Lohn war dort nicht besonders hoch, aber es war ein ehrenswerter Posten. Die Mädchen, die dort gelernt haben, waren gut aufgehoben, wurden gehütet, und hinterher war es auch eine Visitenkarte: „Ich war im Pfarrhaus“. Es war bei den Pfarrern aber auch immer eine kleine Landwirtschaft angegliedert. Das heißt, sie hatten eine Kuh, vielleicht 20, 25 Hühner, einen Gemüsegarten und eine Kartoffelacker.
Cezary Bazydło: Und wie wurden die Jahresfeste bei Ihnen gefeiert? Familienfeste, Weihnachten, Ostern, Taufe, Kommunion?
Franz Berger: Die erste Kommunion wurde bei uns recht groß gefeiert. Die Mädels waren alle in weiß, deshalb hieß das Weißer Sonntag. Wir haben den Weißen Sonntag im dritten Schuljahr gehabt, waren also acht Jahre alt.
Cezary Bazydło: Und Taufen?
Franz Berger: Wir hatten noch vor der Taufe einen besonderen Brauch. Entbunden wurde damals ja fast ausschließlich zu Hause. Und nach der Geburt wurde die Kindesmutter ausgesegnet. Es wurde in der Kirche ein gewisses Ritual durchgeführt, ich glaube, mit Weihwasser und Segenssprüchen. Es war so, als wenn die Kindesmutter unrein wäre durch die Geburt. Von heute aus gesehen war das ein alter Zopf, fast ein Aberglaube. Und zur Taufe hat man sehr viel Verwandtschaft eingeladen.
Cezary Bazydło: Und wie sahen die Hochzeiten aus?
Franz Berger: Eine Hochzeit wurde ganz, ganz groß gefeiert – aber nie in der Wirtschaft, sondern immer auf dem Bauernhof. Im Haus wurde der untere Stock vollkommen leer geräumt. Dort wurde eine Theke aufgebaut. Von der Gastwirtschaft wurden Stühle und Bänke ausgeliehen und herangefahren. Dann wurde das Bier in Fässern herangebracht. Es gab auch reichlich Wein und Schnaps. Die Männer in Ostpreußen haben gerne Schnaps getrunken, auch an normalen Wochenenden, wenn Besuch kam. Wein wurde nur bei festlichen Anlässen gereicht. Um Mitternacht gab es ein großes Essen mit Heringssalat, Kartoffelsalat und was es so alles gab – da kam das Feinste vom Feinsten auf den Tisch. Und dann ging es bis zum Morgengrauen weiter, bis um sechs, sieben Uhr. Dann fuhren die Kutschen, die von auswärts waren, nach und nach wieder weg.
Cezary Bazydło: Das war bestimmt mit großen Vorbereitungen verbunden?
Franz Berger: Es wurde eine Köchin genommen – die war dann schon drei oder vier Tage vorher da und hat gebacken. Es wurde ein Rind geschlachtet oder ein Schwein, je nachdem. Dann wurde zum Teil die Garderobe ergänzt, wenn man gemeint hat: „Mit dem Kleid kann ich nicht mehr“ – hauptsächlich bei Frauen, die Männer hatten ja einen Anzug. Teilweise war es bei uns noch üblich, Frack, Zylinder und Lackschuhe zu tragen – auch bei Beerdigungen und bei der Frohleichnamsprozession. Ich habe auch einen Zylinder getragen, der war noch vom Vater, dann hat ihn mein älterer Bruder getragen und dann ging er an mich über. So war es in den besser gestellten Kreisen – Deputanten, Arbeiter oder ein kleines Bäuerle, die konnten sich das nicht leisten.
Cezary Bazydło: Wie viele Leute wurden zu einer Hochzeit eingeladen?
Franz Berger: Bei uns waren das etwa 50 oder 60 Personen. Und vor dem Hochzeitstag gab es einen Polterabend. Das war auch eine Unsitte, gewissermaßen. Drei meiner Schwestern haben vor dem Krieg geheiratet. Und da hatten wir nach dem Polterabend zwei Tage Arbeit mit dem Aufräumen. Scherben bringen Glück, hieß es, und da haben die Leute ihre alten Krüge oder was halt entsorgt werden musste mitgebracht und vor die Haustüre geworfen.
Cezary Bazydło: Gab es bei Ihnen besondere Bräuche, die mit gewissen kirchlichen Feiertagen verbunden waren? Zum Beispiel den Schimmelreiter?
Franz Berger: Ja, das war ein besonderer Brauch nach Weihnachten. Als Bauernsohn war das aber nicht üblich, als Schimmelreiter zu gehen. Das haben Deputantensöhne aus dem Dorf oder von den Gütern gemacht, die waren relativ arm. Zu uns kam der Schimmelreiter immer vom Gut Dittrichsdorf, sechs Kilometer von uns entfernt. In seinem Gefolge gab es den Storch, der den Mädchen und Frauen mit dem Schnabel in die Strümpfe, möglichst in die Oberschenkel, gepiekt hat, den Schornsteinfeger, der ihnen das Gesicht angeschwärzt hat, den Bär, der herumgetobt hat und die Bettelfrau mit einem Korb. Sie gingen von Hof zu Hof und haben ihre Sprüche aufgesagt. Wir Kinder haben Angst vor ihnen gehabt. Als kleines Kind, da hat man sich vor denen versteckt.
Cezary Bazydło: Hat man diesen Leuten etwas gegeben?
Franz Berger: Erst einmal einen Schnaps und dann ein Stück Wurst oder ein Stück Speck, Eier und auch Geld. Und dann gingen sie zum nächsten Hof. Zu den Deputaten gingen sie nicht, die waren ja arm dran.

Oberministrant Berger im Priestergewand. Wohlhabende Bauern finanzieren jungen Männern das Studium im Priesterseminar, so auch der Großvater von Franz Berger.
Cezary Bazydło: Gab es auch besondere Osterbräuche?
Franz Berger: Das Schmackostern am Ostermontag. Da hat man mit Birkenreisig den Mädchen in der Früh ein bisschen an die Beine geschlagen. Dafür gab es Eier. Wir als Ministranten gingen außerdem am Karfreitag und Karsamstag klappern. Es wurden mehrere Gruppen gebildet, und dann wurde eingeteilt, welche Gruppe welche Ortsteile übernimmt. Die einen waren im Ortskern unterwegs, die anderen in den Abbauten, wieder andere in den Dörfern Petersdorf oder Warlak, die auch zu unserem Kirchspiel gehörten. Wir haben dabei mit Holzklappern geklappert, man ging aber nicht in die Häuser hinein, sondern blieb vor der Tür stehen.
Cezary Bazydło: Und was hat man da bekommen, wenn man die Bauernhöfe aufgesucht hat?
Franz Berger: Hauptsächlich Eier und etwas Geld. Fünfzig Pfennig oder eine Mark, es konnte sein, dass man von dem ein oder anderen Großbauern auch zwei Mark bekommen hat.
Cezary Bazydło: Hat man zu Ostern Eier gefärbt?
Franz Berger: Ja. Die Eier wurden irgendwo versteckt und man hat sie dann gesucht.
Cezary Bazydło: Hat man sie mit natürlichen Mitteln gefärbt, zum Beispiel in einem Sud aus Zwiebelschalen? Oder gab es damals schon fertige Farben aus dem Laden?
Franz Berger: Mit natürlichen Farben. Ob es damals schon fertige Farben gab aus dem Laden, weiß ich nicht.
Cezary Bazydło: Gab es ein besonderes Oster- oder Weihnachtsessen?
Franz Berger: Festbraten – hauptsächlich Schweinebraten, aber auch Gänse- und Entenbraten oder auch Hühnerfleisch. Es wurde Torte gebacken. Auf den Tisch kam halt mehr Festliches. Ich hätte es fast vergessen: In der Fastenzeit gab es kein Fleisch, außer sonntags. Dafür gab es oft Salzhering aus dem Fass – das war damals ein Arme-Leute-Essen, heute ist Hering eine Delikatesse. So ändern sich die Zeiten! Und die Brote wurden mit Leinöl bestrichen.
Cezary Bazydło: Und was hat man außerhalb der Fastenzeit genommen, Butter oder Schmalz?
Franz Berger: Meistens Schweineschmalz, weil das der eigene Hof hergegeben hat. Butter gab es am Sonntag oder wenn Besuch da war, die hat man von der Molkerei mitgebracht.
Cezary Bazydło: Hat man streng gefastet?
Franz Berger: Schon. Man hat nur drei Mahlzeiten essen dürfen, von wegen Kaffeetrinken! Nur sonntags hat man normal gegessen, dann wurde als Ausgleich gut und üppig gegessen. Aber unter der Woche wurde streng gefastet. Da wurde auch nicht geraucht.
Cezary Bazydło: Wirklich? Ich meine, ein starker Raucher hält normalerweise ein paar Stunden ohne Zigarette nicht aus, geschweige denn ein paar Wochen!
Franz Berger: Ja, das stimmt wirklich. Nur ganz starke Raucher haben sich nicht daran gehalten. Oder haben vielleicht heimlich geraucht. Wie hat man sich da nach Ostern gesehnt (lacht)! Diese religiösen Gebräuche wurden sehr streng befolgt.
Cezary Bazydło: Hat man auch Wallfahrten unternommen?
Franz Berger: Ja. Das wurde ganz groß geschrieben. Wir haben gewallfahrtet nach Jonkendorf. Jonkendorf war 22 Kilometer weg in Richtung Allenstein, über Heiligenthal. Es war eine Fußwallfahrt, einmal im Jahr – Johannes dem Täufer zu Ehren, wenn ich mich nicht täusche. Außerdem wurde gewallfahrtet nach Kalkstein, das waren etwa 12 Kilometer, nach Krossen bei Wormditt und nach Glottau.
Cezary Bazydło: Alles zu Fuß?
Franz Berger: Ja. Später auch mit dem Fahrrad.
Cezary Bazydło: Und wie sah das aus? Hat man unterwegs gesungen?
Franz Berger: Der Ortspfarrer kam mit Ministranten und mit Musik den Pilgern entgegen, hat an der Ortsgrenze oder an einer Kapelle gewartet. Und dann ist man singend und betend in die Kirche eingezogen. Da waren immer zwei, drei Geistliche anwesend, da ist man zur Beichte gegangen – bei fremden Pfarrern hat es sich leichter gebeichtet.
Cezary Bazydło: Hat man oft gebeichtet?
Franz Berger: Einmal im Monat. Es gab die so genannten Standesbeichten – für Kinder, Jungfrauen, Frauen und Männer.
Cezary Bazydło: Hat der Pfarrer das kontrolliert? Oder die Eltern?
Franz Berger: Der Pfarrer wusste genau, wer von seinen Schäflein zum Beichten kam. Der Beichtstuhl stand offen an der linken Seite in der Kirche. Er hat sich während der Beichte ein Tuch vors Gesicht gehalten. Und in der Fastenzeit wurde an jeden Pfarrei-Angehörigen ein Beichtzettel ausgegeben. Am Beichtstuhl wurde der Beichtzettel dem Pfarrer überreicht, und wenn jemand außerhalb seiner Pfarrei gebeichtet hat, wurde der Zettel zur Kontrolle an den zuständigen Ortspfarrer übersandt. Und die Eltern der Kinder haben dies natürlich auch kontrolliert.
Cezary Bazydło: Hat man auch die heute berühmten Wallfahrtsorte Heiligelinde und Dietrichswalde aufgesucht?
Franz Berger: Nach Heiligelinde ist man hin und wieder auch gegangen. Ich war einmal in Heiligelinde, mit 12 oder 13 Jahren, da sind wir mit einem Lkw hingefahren worden, auf der Ladefläche, mit einer Plane darüber. In Dietrichswalde war ich nie.
Cezary Bazydło: Noch eine Frage: In Polen ist es üblich, dass jede Familie einmal im Jahr, nach Weihnachten, vom Pfarrer oder Vikar besucht wird. Da wird das Haus gesegnet, die Religionshefte der Kinder werden kontrolliert, es gibt ein kurzes Schwätzchen und dann streicht er noch zwei Umschläge mit Spenden ein – einen „für die Kirche“ und einen „für Hochwürden“. Gab es so etwas bei Ihnen? In Westdeutschland scheint der Brauch unbekannt zu sein.
Franz Berger: In vielen Pfarreien im Ermland war es so – in Wolfsdorf zu meiner Zeit aber nicht mehr. Nur bei Hausneubauten wurde das Haus vom Pfarrer eingeweiht, ich habe ihn als Ministrant dabei begleitet.
Cezary Bazydło: Gab es damals noch Trachten?
Franz Berger: Nein. In unserer Gegend gab es früher die Ermländer-Tracht, nach dem Ersten Weltkrieg ist das aber untergegangen.
Cezary Bazydło: Wie sah Ihre Dorfschule aus?
Franz Berger: Es war eine dreiklassige Volksschule mit ungefähr 150 Schülern und drei Lehrern. Ich habe nie Probleme mit dem Lernen gehabt, war immer einer der besten Schüler, auch auf der Landwirtschaftsschule. Ich habe mich eigentlich immer auch für die Geschichte interessiert. Bis heute halte ich mich auf dem Laufenden, indem ich meine Bibliothek immer noch ergänze. Der Unterricht fing im Winter um 8 Uhr an und dauerte für die jüngeren Kinder bis 12 Uhr und für die Klassen fünf bis acht bis 13 Uhr. Im Sommer begann die Schule um 7 Uhr, weil es früher hell wurde und weil die Kinder am Nachmittag in der Landwirtschaft mithelfen mussten. Wir haben dort das Wesentliche gelernt: Deutsch, Geographie, Geschichte, auch Religion, die Mädels Handarbeit, man hat auch Sportstunde gehabt. Die Lehrer waren autoritär, für uns Respektpersonen. Für Schüler, die bockig waren und im Unterricht gestört haben, gab es den Rohrsstock. Die Buben mussten sich über die vorderste Bank legen und dann hat der Lehrer den Rohrstock auf das Gesäß herabsausen lassen. Die unartigen Mädels hat man mit dem Rohrstock auf die Handkappe geschlagen, was auch sehr schmerzhaft ist. Manche Buben haben öfter Schläge bekommen. (Lachend) Die waren renitent, haben sich irgendetwas unter den Hosenboden gezogen und haben nichts von den Schlägen gespürt. Oder man hat den Rohrstock versteckt oder ihn zerbrochen, das gab es auch. Aber im Grunde genommen: Die Lehrer haben uns etwas beigebracht und es hat uns nicht geschadet. Ich selbst habe nur einmal Schläge bekommen. Die Hauptlehrer an solchen Dorfschulen hatten übrigens immer eine Dienstwohnung im Schulhaus und Dienstland zur freien Benuzung. Unser Hauptlehrer hatte acht Morgen. Der Schule waren eine Scheune und ein Wirtschaftsgebäude angegliedert, also konnte er dort eine kleine Landwirtschaft als Nebenerwerb betreiben. Manchmal haben die Lehrer die Schüler eingespannt, zum Beispiel beim Kartoffellesen.
Cezary Bazydło: War das zur Strafe?
Franz Berger: Nein, einfach so. Das kam nur bei der Kartoffelernte vor, das war mal ein Nachmittag. Wir haben das gerne gemacht.

Dorfschule in Wolfsdorf. In jedem der drei Klassenräume werden mehrere Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet. Prügelstrafe gehört noch zum Alltag.
Cezary Bazydło: Und wie war es mit den anderen Lehrern, hatten die kein Dienstland?
Franz Berger: Nein. Der zweite Lehrer hatte kein Dienstland und auch keine Dienstwohnung, er musste zur Miete wohnen, obwohl er schon verheiratet war und Kinder hatte. Die dritte Lehrerstelle hatte Fräulein Block, unverheiratet. Sie wohnte wie der Hauptlehrer im Schulhaus und gab in den ersten zwei Klassen Unterricht. Der zweite Lehrer hatte die Klassen drei und vier und der Hauptlehrer die Klassen fünf, sechs, sieben und acht. Die jüngeren Klassen waren immer größer, weil diejenigen, die faul waren oder geistig nicht so rege, sitzen bleiben mussten. Im Extremfall wurde so einer zwei oder dreimal nicht versetzt. Wenn sie 14 waren und acht Schuljahre hinter sich hatten, wurden sie ins Leben entlassen. In kleineren Dörfern war das anders organisiert: Dort gab es einklassige Volksschulen mit vielleicht 40, 50 Schülern und nur einem Lehrer und in mittelgroßen Dörfern zweiklassige Schulen mit zwei Lehrern.
Cezary Bazydło: Wie war der Lebensstandard damals auf dem Land? Hatten Sie zu Hause Strom und fließendes Wasser?
Franz Berger: Zu meiner Taufe im Januar 1924 wurden wir an das Stromnetz angeschlossen. Das haben mir meine Mutter und die älteren Geschwister oft erzählt. Es war ein Bahn brechendes Ereignis – schon wegen der viel besseren Beleuchtung im Wohnhaus und in den Stallungen, und auch wegen der Elektromotoren, es gab in Vielem eine große Arbeitserleichterung. Einzelne Bauern haben sich aber davor gescheut, die haben dann erst vor dem Krieg Stromanschluss bekommen. Und ganz Wenige hatten auch danach kein elektrisches Licht, die Abbauhöfe. Wasser haben wir aus einem Brunnen bezogen. Von dort ging eine Leitung in den Pferdestall, wo sich ein Bassin von etwa 1.500 Liter Fassungsvermögen befand. Das wurde voll gepumpt und dann ging das Wasser über eine Leitung in den Kuhstall und in die Küche, weil das Wohnhaus etwas tiefer lag. Und das war schon fortschrittlich! Manche haben Wasser aus dem Ziehbrunnen geholt, die kleinen Bauern.
Cezary Bazydło: Hatten Sie ein Telefon?
Franz Berger: Nein, wir hatten kein Telefon.
Cezary Bazydło: Aber im Dorf hat es schon eines gegeben?
Franz Berger: Ja, es gab Telefone. Vielleicht 25, 30. Die großen Bauern, auswärts, hatten fast alle ein Telefon. Die drei Gastwirte auch. Es war genauso wie mit den Autos. Außerdem hatte die Hebamme einen Anschluss und zum Teil die Handwerker.
Cezary Bazydło: Und was meinen Sie mit den Autos?
Franz Berger: Es gab etwa 20 Autos im Dorf. Die großen Bauern hatten ein Auto und die drei Gastwirte. Wir selbst hatten kein Auto. Und so ähnlich war es mit den Telefonanschlüssen.
Cezary Bazydło: Und wie war es mit der Post, gab es einen Briefkasten im Ort?
Franz Berger: In der Gastwirtschaft Kirstein gab es eine Poststelle.
Cezary Bazydło: War das eine richtige Post oder gab es damals auch schon solche Postagenturen wie heute, wo zum Beispiel ein Kioskbesitzer im Nebenberuf Postfiliale spielt?
Franz Berger: Die Post wurde von der Reichspost betrieben. Postagenturen wie heute gab es damals nicht. Solche Poststellen gab es in den größeren Dörfern, die umliegenden Ortschaften wurden von der Poststelle mitversorgt. Die Poststelle in Wolfsdorf war mit einer Angestellten und drei Briefträgern besetzt, die auch die Dörfer Warlack, Petersdorf und Elditten per Fahrrad bedienen mussten. Bei uns kam der Briefträger morgens gegen 9.00 Uhr ins Klassenzimmer, um den Kindern von den Abbauhöfen die Post mitzugeben. Ob das von der vorgesetzten Dienststelle genehmigt war, weiß ich nicht.
Cezary Bazydło: Hatten Sie ein Fahrrad?
Franz Berger: Wir hatten auf unserem Hof immer vier, fünf Fahrräder. Ich bekam mein erstes Fahrrad aber erst mit zwölf Jahren. Vorher konnte ich die anderen Fahrräder mitbenutzen.
Cezary Bazydło: Sie haben die Gastwirte erwähnt. Gab es im Dorf gleich drei Wirtschaften?
Franz Berger: Ja. Zwei sogar mit Saal, und die Säle waren nicht klein. Der Größere hatte 250 Plätze und eine Bühne, er wurde schon vor dem Ersten Weltkrieg gebaut. Der dritte Wirt am Ortsausgang in Richtung Elditten, Krüger, hat nur einen größeren Raum für den Ausschank und gehabt. Der Raum war aber immerhin so groß, dass man beim alljährlichen Feuerwehrball im Winter dort auch tanzen konnte.
Cezary Bazydło: Gab es in diesen Wirtschaften auch warmes Essen?
Franz Berger: Das war nicht üblich. Die Händler und auch unser erster Hauptlehrer haben gerne einen getrunken. Sie haben dann einen halben Tag oder eine halbe Nacht im Wirtshaus gesessen und schon mal eine Kleinigkeit gegessen, aber nicht warm: Mostrich und Sprotten oder Brötchen mit Jagdwurst. In der Stadt war es anders, da konnte man ein richtiges Essen im Wirtshaus bekommen. Bei uns ist man nach der Messe am Sonntag zum Frühschoppen in die Wirtschaft gegangen. Gerade die Arbeiter von den Gütern haben gerne einen getrunken.
Cezary Bazydło: Und was wurde genau getrunken?
Franz Berger: Bier und Schnaps. Wein wurde bei uns weniger getrunken. Es gab im Dritten Reich im Oktober einen Weinsonntag, um den Weinkonsum ein bisschen zu animieren. Aber wir Ostpreußen haben nicht viel Wein getrunken.
Cezary Bazydło: Hat man auch zu Hause getrunken?
Franz Berger: Ja. Bei Festlichkeiten wie Taufe oder Zerm. „Zerm“ sagten wir zum Leichenschmaus. Und bei Hochzeiten wurde der so genannte Portwein getrunken, ein schwerer Rotwein. Wenn Besuch da war oder in der Erntezeit, wo wir fremde Hilfskräfte hatten, wurde auch eine Flasche Schnaps auf den Tisch gestellt, hauptsächlich Korn, ein Roggenschnaps mit 32 Prozent. Und Bier. Ansonsten hat man alkoholische Getränke aber zu Hause nicht gelagert. Wenn man etwas trinken wollte, ging man in den Krug. Im Dialekt sagten wir „Krogg“.
Cezary Bazydło: Und wie waren die Einkaufsmöglichkeiten im Dorf? Gab es einen Laden?
Franz Berger: Alle drei Gastwirte hatten einen Kolonialwarenverkauf. Dort konnte man Zucker, Salz, Süßigkeiten, Gewürze und Getränke kaufen, und außerdem viele Dinge, die man im Haus und Hof gebraucht hat. Außerdem gab es ein Schuhgeschäft und zwei Läden für Kurzwaren: Kleiderstoffe, Wolle, Zwirn, Knöpfe usw. Dann kam auch noch der Billige Jakob ins Dorf – das waren oft Italiener…
Cezary Bazydło: Italiener? Sind Sie sicher? Wie kämen die nach Ostpreußen?
Franz Berger: Ja. Woher die kamen, weiß ich aber nicht. Sie hatten einen Bauchladen mit verschiedenen Sachen hatten, die man im Haushalt braucht, zum Beispiel Nähgarn. Dort hat man auch etwas gekauft. Dann gab es auch noch den Scherenschleifer. Und eine wirkliche Plage waren die Zigeuner. Wenn sie kamen, haben sie alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war.
Cezary Bazydło: Wie oft kamen sie denn?
Franz Berger: Im Dritten Reich war es ja verboten…
Cezary Bazydło: Aber sie kamen trotzdem?
Franz Berger: In der ersten Zeit ja. Später gab es keine mehr.
Cezary Bazydło: Und wie war es mit den Juden?
Franz Berger: Ich habe keinen Juden gekannt, der mit den Händen gearbeitet hat. Sie waren Juristen, Ärzte oder Kaufleute. Wir haben gerne bei den Juden eingekauft, die hatten gute Waren, die waren billig. Bei uns im Dorf gab es aber keine Juden, nur in der Stadt.
Cezary Bazydło: Waren in Wolfsdorf viele Handwerker ansässig?
Franz Berger: Wir hatten zwei Schmiede, drei Tischler, zwei Stellmacher, einen Sattler, zwei Maler, einen Mauer, zwei Schuhmacher und zwei oder drei Schneiderinnen, die zusätzlich Kurzwaren- und Stoffgeschäfte betrieben haben. Die Handwerker im Dorf hatten aber fast alle zusätzlich noch eine kleine Landwirtschaft. Dazu kamen noch zwei Viehhändler, zwei Straßenarbeiter, einen Eierhändler und die Molkerei mit mehreren Beschäftigten.
Cezary Bazydło: Und wie war deren soziale Stellung? Standen sie höher in der Rangfolge als Deputanten?
Franz Berger: Ja, doch, doch! Die waren schon eine soziale Stufe höher angesiedelt. Sie wohnten in ihren eigenen Häusern und hatten meistens ein bisschen eigenes Land. Fünf, sechs Morgen, manche zehn oder 15 Morgen. Manche hatten sogar ein Pferd, und die anderen haben sich ein Pferd bei den größeren Bauern ausgeliehen. Manche Handwerker, zum Beispiel der Schmiedemeister, waren im Ansehen den Bauern ebenbürtig. Es kam immer drauf an. Aber die hatten immer ihr eigenes Grundstück, ein paar Morgen Felder, ein oder zwei Kühe usw. Sie hatten eine kleine Landwirtschaft, zusätzlich zu ihrem Handwerksbetrieb.
Cezary Bazydło: Und wie stand es um die medizinische Versorgung?
Franz Berger: Wir hatten keinen Arzt und keinen Zahnarzt, nur eine Hebamme. Wesentlich kleinere Dörfer, zum Beispiel Heiligenthal, hatten einen Arzt und einen Tierarzt. Überhaupt, wenn man zum Arzt ging, war es schon ernst.
Cezary Bazydło: Gab es eine Krankenversicherung?
Franz Berger: Bauern waren nicht versichert.
Cezary Bazydło: Und Rentenversicherung?
Franz Berger: Nein. Die Kinder haben den Hof übernommen und die Eltern versorgt. Das war notariell abgesichert. Wenn der Bauer den Hof an den Sohn übergeben hat, zogen die Eltern ins Ausgedinge. Das heißt, sie hatten im Wohnhaus irgendwo noch zwei Zimmer mit eigener Küche oder ein kleines Häuschen nebenan. Wenn es größere Bauern waren, dann gingen sie als Rentiers in die Stadt und haben sich dort ein Haus gekauft oder gebaut. Und der Hoferbe musste sie unterstützen. Das war festgelegt.
Cezary Bazydło: Hatten Sie im Dorf eine Feuerwehr?
Franz Berger: Ja, eine freiwillige. Wir hatten für damalige Verhältnisse eine moderne Feuerwehrspritze, eine Motorspritze auf einem Auto. Ich weiß nicht mehr, wie viele Liter Leistung die in der Minute brachte, aber es war viel. Vorher gab es eine pferdebespannte Spritze.
Cezary Bazydło: Hat es oft gebrannt?
Franz Berger: Ich weiß von zwei Fällen, da ist nachgeholfen worden. Die Gebäude waren altersschwach und der Bauer wollte auf diesem Wege schnell ein neues Hofgebäude haben. Das gab es auch.
Cezary Bazydło: Und es kam niemand dahinter?
Franz Berger: Man hat darüber gemunkelt. Der hatte angeblich zuvor gewisse Dinge von seinem Hof ausgelagert. Aber er ist nicht vor Gericht gekommen, vielleicht weil das am Anfang vom Krieg passiert ist. Dann hat es aber öfters auch durch Blitzschlag gebrannt. Und auch durch technische Defekte bei Stromleitungen. Die Leitungen waren ja alle offen bei uns, nicht verputzt. Am Lichtschalter musste man drehen, um das Licht anzumachen – der ging mit der Zeit durch das Drehen kaputt. Dabei habe ich einmal zu Hause einen Stromstoß abbekommen. Die Technik war damals noch nicht so weit.
Cezary Bazydło: Hat man bei Ihnen einen Dialekt gesprochen?

Gedenkstein auf dem Schlachtfeld von Tannenberg. Ziele wie dieses steuern die Wolfsdorfer Schüler bei den jährlichen Klassenfahrten an – damals übrigens noch keine Selbstverständlichkeit.
Franz Berger: Ja, freilich. Im Alltag hat man nur Dialekt gesprochen. Wenn manche versuchten, Hochdeutsch zu reden, kam das bei ihnen gedrechselt heraus. Nur in der Schule wurde Hochdeutsch gesprochen. Im Kreis Heilsberg und einem Drittel vom Kreis Braunsberg, nämlich Wormditt und Umgebung, hat man das Breslausche gesprochen, denn unsere Vorfahren kamen im Mittelalter zum großen Teil aus Schlesien in diese Gegend. In Mehlsack und Braunsberg wurde eine andere Mundart gesprochen – Käslauisch. Und die Leute im Kreis Bartenstein haben wieder anders gesprochen. Tilsit, Ragnit, Memelgebiet, die haben allen wieder ihre eigenen Dialekte gehabt. Die Elbinger oder die Mohrunger sprachen ganz breit, die Worte wurden in die Länge gezogen.
Cezary Bazydło: Aber man hat sich gegenseitig schon verstanden?
Franz Berger: Ja, aber man hat bei jedem fremden Dialekt in Ostpreußen schon ein bisschen Schwierigkeiten gehabt. In Wolfsdorf haben wir zum Beispiel gesagt: Pferd. In Freimarkt, das war auch im Kreis Heilsberg, etwa 15 Kilometer von Wolfsdorf entfernt, hat man gesagt: Faart. Und in Groß Klaussitten, wo meine Mutter herstammte, hart an der Grenze zu Braunsberg: Perd. Und so waren viele Ausdrücke irgendwie anders. Ich habe selbst, als junger Bub, Schwierigkeiten gehabt, alles zu verstehen, was meine Verwandten in Groß Klaussitten sagten, wenn wir dort zu Besuch waren.
Cezary Bazydło: Können Sie immer noch im ostpreußischen Dialekt sprechen?
Franz Berger: Nur gedrechselt, es kommt nicht mehr wirklich frei heraus. Lesen, verstehen – jedes Wort. „Komm mol ribber“ das heißt „Komme herüber“.
Cezary Bazydło: Was war an ihrem Dialekt besonders charakteristisch?
Franz Berger: Wir haben zum Beispiel kein Ü gehabt – wir haben nicht „Überfluss“ gesagt sondern „Iberfluss“. Zum I haben wir grundsätzlich E gesagt – früher hat es mal eine Fischwiese gegeben, wir sagten „Fischwese“. Und statt A haben wir O gesagt, statt E aber Ö: also nicht „Bader“ sondern „Boda“ und nicht „Berger“ sondern „Börger“. Aber das war von Gegend zu Gegend anders, weil die Bevölkerung von Ostpreußen ein Völkergemisch war.
Cezary Bazydło: Hat man größere Reisen unternommen, innerhalb oder auch außerhalb von Ostpreußen?
Franz Berger: Ich bin mit der Schule verreist. Dafür bin ich unserem Lehrer noch heute dankbar, denn das war nicht so üblich. Wir haben jedes Jahr einen größeren Ausflug gemacht. Im Sommer mit dem Lkw, offen oder mit einer Plane überspannt. Wir sind 1937 in Danzig gewesen, da haben wir Danzig, Oliva und Gdingen besichtigt, dann haben wir die Marienburg besucht, dann waren wir in Elbing, Tolkemit und auf dem kaiserlichen Gut in Cadinen, auf der Frischen Nehrung in Kahlberg. Dann waren wir einmal in Königsberg, im Samland, in Cranz, Rauschen, dann in Allenstein, Tannenberg, und einmal in Heiligelinde. Ich habe sogar der Beisetzung des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg im August 1934 beigewohnt. Wir sind mit der ganzen Schulklasse nach Tannenberg gefahren und haben Hindenburg auf der Totenbahre gesehen. Vier Reichswehroffiziere standen dort Ehrenwache. Ich habe noch ein ganzes Album mit Fotos davon. Und später, als ich in Allenstein auf die Landwirtschaftsschule ging, haben wir jeden Samstag einen landwirtschaftlichen Betrieb besichtigt. Hatten wir die Woche zuvor im theoretischen Unterricht zum Beispiel die Schweinezucht durchgenommen, dann haben wir am Wochenende einen Schweinezuchtbetrieb besucht. Oder ein Auktionshaus in Allenstein, wo Schweine, Bullen usw. versteigert wurden. Da bin ich viel herumgekommen. Ich habe etwa die Hälfte der Städte in Ostpreußen kennen gelernt.
Cezary Bazydło: Und Reisen im Sinne von Urlaub?
Franz Berger: Urlaub gab es in der Landwirtschaft keinen. Auch die Knechte und Mägde hatten keinen Urlaub. Sie konnten um Martini im November zu einem anderen Bauern wechseln oder sie blieben bei der alten Stelle.
Cezary Bazydło: Und sie konnten nicht wegfahren, zum Beispiel zu Verwandten?
Franz Berger: Doch, am Sonntag.
Cezary Bazydło: Und eine längere Reise?
Franz Berger: (Sehr energisch) Nein, nein. Wo wollten sie da hin? Ich selbst bin auch nie nach außerhalb von Ostpreußen gekommen – außer Danzig und Gdingen.
Cezary Bazydło: Hat der Nationalsozialismus in Ihrem Leben eine Rolle gespielt?
Franz Berger: Ich war natürlich in der Hitlerjugend, sonst wäre mir der Weg versperrt geblieben, die Landwirtschaftsschule zu besuchen. Unter den Nazis musste grundsätzlich jeder im Jungvolk oder in der Hitlerjugend sein. Und später bin ich Gefolgschaftsführer geworden. Das hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte: Ich war bei der Jugendfeuerwehr und wurde im März 1941 zu einem vierwöchigen Fortbildungslehrgang an der Provinzialfeuerwehrschule in Metgethen bei Königsberg abgeordnet. Als ich dort hinkam, entpuppte sich das als etwas ganz Anderes. Unsere Vorgesetzten waren lauter SS-Leute. Wir wurden wohl auch an den Feuerwehrspritzen ausgebildet, aber hauptsächlich an Waffen: Gewehr, Handgranaten, Maschinengewehr. Das war eine sehr strenge, scharfe Ausbildung. Ich kann mich noch an einen Einsatz in Königsberg sehr gut erinnern. Es war im Mai 1941. Spätabends wurde Alarm ausgelöst. Wir sind aus den Betten gesprungen, um uns einsatzbereit zu machen, dann wurde scharfe Munition ausgegeben. Das war sehr ungewöhnlich, denn in Ostpreußen herrschte damals noch tiefster „Frieden“. In voller Ausrüstung und in sehr großer Hast mussten wir auf die Mannschaftswagen aufsitzen, und dann ging es ab nach Königsberg. Wir mussten in der Stadt einige Straßenzüge total absperren. Zur Begründung wurde uns gesagt, dass Partisanen von Flugzeugen abgesprungen seien. Später habe ich erfahren, dass Hitler in dieser Nacht in Königsberg mit den Oberbefehlshabern von Heer, Kriegsmarine und Luftwaffe eine letzte Aussprache über den geplanten Überfall auf die Sowjetunion hatte. Kurz nach diesem Einsatz sollten wir vereidigt werden, vorher wurden wir noch gemustert. Bei mir stand der Entschluss fest: Bei dem Haufen bleibe ich nicht, wegen der SS.
Cezary Bazydło: Warum? Hatte die SS schon damals einen schlechten Ruf?
Franz Berger: Wir auf dem Lande haben uns um Politik sehr wenig oder auch gar nicht gekümmert. Was die SS an Gräueltaten verübt hat, war uns damals nicht bekannt. Es gab vereinzelt Söhne von Großbauern und Grundbesitzern, die Mitglied bei der Reiter-SS waren. Mit ihren Pferden haben sie in SS-Uniform an Reitturnieren teilgenommen. Meines Wissens waren sie an Gräueltaten der SS nicht beteiligt.
Cezary Bazydło: Wenn man damals nichts von den Gräueltaten der SS gewusst hat, dann verstehe ich nicht, warum sie dort nicht bleiben wollten…
Franz Berger: Weil mir das nicht gefallen hat. Ich konnte mit denen nicht warm werden. Das hat alles nicht so gepasst. Und zudem war es ja so, dass einer meiner Brüder schon gefallen war, der andere war Soldat in Russland und ich wurde auf dem Hof gebraucht.
Cezary Bazydło: Und wie ging die Geschichte mit der Feuerwehrschule aus?

Franz Berger in HJ-Uniform. Auch auf dem Land wird die Jugend im Sinne des Nationalsozialismus erzogen.
Franz Berger: Ich bin dann zum Kompanieführer gegangen, das war ein Hauptsturmführer, das entspricht einem Hauptmann bei der Wehrmacht, und habe ihm gesagt, er soll mir Urlaub nach Hause geben, damit ich meine Mutter in der Landwirtschaft noch beraten kann. Ich habe den Urlaub bekommen, doch mein Entschluss stand fest: Ich fahre nicht mehr zurück. Zu Hause angekommen, bin ich zum Feuerwehrkommandanten, Schmiedemeister Wegner, gegangen, habe das alles vorgetragen, die ursprünglich veranschlagten vier Wochen für den Fortbildungslehrgang sind schon längst vorbei, es ist schon fast ein Vierteljahr. Ich habe mich stur gestellt. Das könne er nicht entscheiden, sagte er und hat mich zum Ortsbauerführer, Franz Hippler, geschickt. Der konnte aber auch nichts machen und hat mich zum Ortsgruppenleiter, Johann Kirstein, geschickt. Und der hat in meiner Gegenwart den Kreisleiter in Heilsberg angerufen, Kurt Wohlgemut hat der geheißen. Die Herren haben sich dann geeinigt, dass ich nicht zurückzufahren bräuchte, für mich solle aber Leo Keichel einspringen – das war gewissermaßen ein schwarzes Schaf, so alt wie ich, meine Statur, hat in der Gastwirtschaft des Ortsgruppenleiters Zigaretten und Spirituosen gestohlen und hatte sonst noch allerlei auf dem Kerbholz. Ich gab ihm die Uniform und er ist an meiner statt zurückgefahren. Ich habe erst im Nachhinein erfahren, dass darauf die Todesstrafe stand. Aber zum Glück war ich noch nicht vereidigt, die Vereidigung wäre am Montag nach dem Urlaub gewesen. Kurz darauf ist unser HJ-Gefolgschaftsführer, Josef Thiel aus Regerteln, eingezogen worden, und der Ortsgruppenleiter kam zu mir und sagte, ich muss jetzt die Nachfolge antreten. „Wir haben dir geholfen, und da geht kein Weg dran vorbei, du machst jetzt Gefolgschaftsführer.“ Mir wurde das Kommando über 200 Jungen anvertraut. Ich habe dabei die Politik aber ganz außer Acht gelassen und habe nie Dienst am Sonntag angesetzt. Wir haben nur exerziert, Lieder gesungen und Sport getrieben – vor allem mit Begeisterung Fußball gespielt, außerdem Völkerball und Schlagball. Wir hatten in unserem Dorf, wie gesagt, ein Jugendheim mit einem Sportplatz. In der Erntezeit ist der Dienst komplett ausgefallen.
Ich war kein überzeugter Nazianhänger. Die Eltern der Jungen waren sogar froh, dass ich der Gefolgschaftsführer war, sie haben ihre Kinder bei mir in guten Händen gewusst. Im Übrigen waren im Ort vier oder höchstens fünf stramme Nazis: Der Gastwirt Johann Kirstein war Ortsgruppenleiter, der Deputant Adolf Ruhnau war Ortsobmann der Partei und der Schmied Paul Wölki war Sturmführer der SA. Diese Parteifunktionsträger sind vollständig mit Namen im Adressbuch des Kreises Heilsberg verzeichnet. Aber schon die Frau des Ortsgruppenleiters zum Beispiel war keine überzeugte Nazianhängerin und ging sonntags in die Kirche. Jeder wusste ja über jeden Bescheid, aber man wusste es dennoch nie, ob sie Mitläufer oder mit ganzem Herzen dabei waren, man kann ja nicht in jemands Seele schauen. In den übrigen Dörfern war das vergleichbar, in den Städten sah es schon anders aus.
Eine Sache fällt mir zum Thema Hitlerjugend noch ein. Einmal ist einer von der HJ mit dem Motorrad aus Guttstadt gekommen. Er hatte Boxhandschuhe mitgebracht und wollte Boxen vorführen. Der Mann war vielleicht 19 und ich war damals gerade 18 geworden, aber voller Kraft und Energie. Er gab mir die Boxhandschuhe – ich hatte so was noch nie angehabt – ich zog sie an und dann begann er vor mir immer so herumzutanzen. Ich dachte mir, was ist denn das, was macht er denn? Und auf einmal, da haut der mich ins Gesicht und ich habe die Engel im Himmel pfeifen hören und überall Sterne gesehen. Da hat mich die blanke Wut gepackt, ich war zornig. Da tänzelt er da wieder herum und ich habe ihm mit voller Kraft eine verpasst, und mit der anderen Faust gleich noch einmal unters Kinn, damit er keine Chance hatte, mich noch mal zu schlagen. Der war darauf gar nicht gefasst, dass ich so aggressiv bin, aber er hatte mich gereizt, hatte mir wehgetan. In einem heiligen Zorn, wutentbrannt, da hat der Körper doppelte Kraft, und ich war kein Schwächling. Und dann lag er da und war besinnungslos. Ich dachte, der Mann ist tot. Ich habe schon Angst bekommen, aber nach einer Weile, nach zwei Minuten, da hat er sich geregt, ist aufgestanden, getaumelt, hat die Boxhandschuhe genommen, ist auf das Motorrad gestiegen, weggefahren und ist nie wieder gekommen.
Leben und Schicksal einer ostpreußischen Bauernfamilie – Bericht eines Bauernsohns aus Schmolainen.
Kindheit in einem Herrenhaus in Ostpreußen – Leben auf einem Landgut im Kreis Bartenstein.