Jugendzeit in Ostpreußen

Masuren als verlorenes Paradies
Ein Topos in der deutschsprachigen Ostpreußen-Literatur

Eigentlich war Masuren eine strukturschwache Region, aus der Tausende „ins Reich“ flohen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwandelte sich das einstige Sorgenkind im Gedächtnis der Schriftsteller in das verlorene Paradies der Kindheit. Magdalena Sacha kommt einem literarischen Mythos auf die Spur.

Umschlag: Masuren als verlorenes ParadiesDie Anfänge des Masuren-Topos findet man in der deutschen Literatur der 1930er Jahre. Zu dieser Zeit waren solche Klassiker der ostpreußischen Thematik wie Agnes Miegel, Paul Fechter oder Erminia von Olfers-Batocki tätig. Der eigentliche Schöpfer des masurischen Mythos war Ernst Wiechert (1887-1950), Förstersohn, Gymnasiallehrer, Schriftsteller und Häftling im KZ Buchenwald – ein Autor, der heute in Polen bekannter ist als in Deutschland. Weitere Schriftsteller haben zur Entstehung des Masuren-Mythos beigetragen. 1956 veröffentlichte Hans Hellmut Kirst den Roman Gott schläft in Masuren, in dem er auf eine satirisch-bittere Weise die Herrschaft der Nationalsozialisten in einem masurischen Dorf schildert. Über zwanzig Jahre später erschien der Roman Heimatmuseum von Siegfried Lenz, in dem der Autor über den Begriff Heimat und die Verantwortung der Deutschen für den Verlust von Ostpreußen nachdenkt. Sowohl Kirst als auch Lenz beziehen sich auf ein Bild von Masuren, wie es in den Werken Wiecherts festgehalten wurde.

Für Wiechert ist Masuren das Land der Eltern und Ahnen, das Land der Kindheit und Jugend – die Heimat. Diese Heimat wird als heiliger Zufluchtort vor dem Bösen der Zivilisation mythologisiert. Das Leben in diesem Asyl bestimmen die wiederkehrenden Naturerscheinungen. Der Einbruch der Weltgeschichte durchbricht ihren ewigen Zyklus – bei Wiechert war das der Erste, bei den Nachfolgern Lenz und Kirst der Zweite Weltkrieg. Die frühere Form des menschlichen Zusammenlebens – eine urgeschichtliche, statische Gemeinde – wird der modernen, dynamischen Gesellschaft gegenübergestellt, die natürliche Welt der zivilisierten.

Die Abhandlung besteht aus zwei Teilen. Im ersten Teil stellt die Autorin historische und literaturtheoretische Grundlagen vor, im zweiten analysiert sie den Masuren-Topos in drei ausgewählten Werken: Die Jerominkinder (1947) von Ernst Wiechert, Gott schläft in Masuren (1956) von Hans Hellmut Kirst und Heimatmuseum (1978) von Siegfried Lenz. Dabei wird die Rolle der Landschaft, das Bild der Dorfgemeinschaft und das Eingreifen der Geschichte in das Leben der Menschen besonders untersucht.

Magdalena Sacha: Topos Mazur jako raju utraconego w niemieckiej literaturze Prus Wschodnich [Masuren als verlorenes Paradies. Ein Topos in der deutschsprachigen Ostpreußen-Literatur]. Olsztyn [Allenstein]: Osrodek Badan Naukowych 2001. ISBN 83-87643-47-5, 140 Seiten, 18,50 PLN.

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