„Es erfüllte uns mit Stolz, in einer
solchen Zeit ein Deutscher zu sein”
Viktor Kittel
Viktor Kittel stammt aus dem Memelland (auch Memelgebiet genannt) – einem nördlich der Memel gelegenen Teil von Ostpreußen, der 1920 dem Völkerbund unterstellt und zwei Jahre später von Litauen annektiert wurde. In der gesamten Zwischenkriegszeit blieb diese Grenzregion mit ethnisch gemischter Bevölkerung ein Unruheherd – bis man sie schließlich im März 1939 „heim ins Reich“ holte. Diesen „Anschluss“ schildert Viktor Kittel in seinen Erinnerungen, doch ansonsten spielt die Politik darin eine untergeordnete Rolle. Viel Platz widmet er dagegen den Lebensbedingungen in einer Zeit, als Petroleumlampen, Plumpsklosetts und Kachelöfen noch hoch in Ehren standen und die drei- bis vierwöchentlich stattfindende große Wäsche angesichts der unerschwinglich teuren Waschmaschinen eine knifflige Angelegenheit war. Man lebte noch recht spartanisch, doch langsam drang der technische Fortschritt auch in den letzten Vorort der Stadt Memel vor. Die Kittels erreichte er in Gestalt eines Radio-Empfängers, der wohlgemerkt mit eigener Batterie versehen war, da elektrischer Strom noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten des Daseins gehörte. Ab Sommer 1937 ist Viktor Kittel Mitglied im Memeler Segelflieger-Verein. Später wird er deshalb zur Luftwaffe einberufen.

Familie Kittel (1937) von links: Mutter Anna, Kinder Ellen (Jg. 1930), Siegfried (Jg. 1927), Viktor (Jg. 1923), Karin (Jg. 1935), Gerhard (Jg. 1924) und Vater Herbert Kittel.
Die Wohnung, in der ich geboren wurde, befand sich in einem kleinen Haus des Vorortes Schmelz der ostpreußischen Hafenstadt Memel. Bevor ich mit der Schilderung meiner Kindheit anfange, möchte ich einige Worte über meine Eltern sagen. Anna, unsere Mutter, geb. Basel, wurde am 12. Juli 1901 in Tilsit geboren. Sie war den Fotos nach ein schönes Mädchen und eine bis zuletzt gut aussehende Frau. Sie war lebensbejahend, lebenslustig, konnte wunderbar singen, tanzte gern und war in jeder Gesellschaft willkommen. Es war nur natürlich, dass die Männer sie umschwärmten und doch bin ich der Meinung, dass unser Vati niemals Anlass zur Eifersucht hatte. Sie war außerdem eine perfekte Hausfrau und Mutter. In meinen Augen konnte sie einfach alles, sie strickte und nähte all unsere Kleidung selbst, machte aus Alt Neu, sie konnte hervorragend kochen und backen. Wenn die Ausstattung unserer jeweiligen Wohnung es zuließ, backte sie auch das Brot selbst, selbstgebackener Kuchen war immer im Haus. Im Sommer wurden Pilze und Beeren in Wald und Heide gesammelt. Der Wintervorrat musste ausreichend sein, dazu gehörte auch reichlich Obst und Gemüse. In ein großes Fass legte man Weißkohl ein, um Sauerkraut zu erhalten. Gurken, Kürbis, Rote Beete, alles wurde vorsorglich in die Speisekammer und in den Keller eingelagert. Einwecken, Einlegen und Trocknen – das waren alles Tätigkeiten von großer Bedeutung, die planmäßig und gut organisiert von Mutti durchgeführt wurden.
Herbert Friedrich Kittel, unser Vater, wurde am 19. Dezember 1898 in Memel als jüngstes von 16 Kindern geboren. Er besuchte bis 1914 die Altstädtische Knabenschule, eine neunstufige Schule, die mit dem so genannten „Einjährigen“ (gleichbedeutend mit der heutigen mittleren Reife) abschloss. Danach begann er eine Lehre als Holzkaufmann in der Holzmühle Jahn. Er hat am Ersten Weltkrieg bei Verdun teilgenommen und hat während dieser Zeit Tagebuchaufzeichnungen gemacht. Oft las er uns später daraus vor und wir hörten gespannt zu. Es ist heute kaum verständlich, aber ich träumte damals davon, selbst einmal solche „Abenteuer“ zu erleben. Als er Ende 1918 ohne körperlichen Schaden heimkam, fand er kein Zuhause mehr vor, denn seine Mutter war bereits 1917 verstorben. Arbeit in seinem erlernten Beruf als Holzkaufmann gab es auch nicht und so ließ er sich von einem Jugendfreund überreden, in das Baltische Freikorps einzutreten, das in Kurland den neu gebildeten baltischen Staaten half, die Rote Armee aus dem Land zu jagen. Erst nach zwei weiteren Jahren kehrte er nach Memel zurück.
Um 1920/21 lernten meine Eltern sich auf einem Maskenball kennen. Da die Liebe groß war, verlobten sie sich bereits 1921 und heirateten 1922. Anfang 1923 war meine Mutter mit mir schwanger und hörte mit der Büroarbeit auf – mein Vater wurde Alleinverdiener. Doch 1924 wurde er arbeitslos. Das Stück Ostpreußen nördlich der Memel war 1919 vom Reich abgetrennt worden und der Entente unterstellt. Französisches Militär verwaltete dieses Gebiet, bis am 15. Januar 1923 der neugeborene Staat Litauen das Memelland mit militärischer Gewalt besetzte. Litauen sperrte sofort den Schiffs- und Wirtschaftsverkehr auf dem Fluss Memelstrom, auf dem bis 1918 die riesigen Holzflöße aus den russischen Wäldern nach Tilsit und Memel kamen. Durch dieses Holz entstanden im 18. und 19. Jh. nicht nur in Tilsit sondern auch in Memel all die vielen Holzmühlen. Ein schwunghafter Holzhandel in alle Welt machte Memel zu einer reichen Kaufmannsstadt. Das Ausbleiben des Holzes war nun die Ursache der großen Arbeitslosigkeit. Zum Glück gelang es meiner Mutter, ihm aufgrund ihrer noch vorhandenen Bekanntschaften und Beziehungen eine Anstellung beim Amtsgericht zu verschaffen.
Ich wurde in der Mühlentorstraße, wir sagten „auf Schmelz“ am 21. März 1923 geboren. Unsere Mutti brachte übrigens all ihre Kinder daheim zur Welt. Aus verschiedenen Gründen, auch weil die Familie sich regelmäßig vergrößerte, mussten wir häufig die Wohnungen wechseln. Etwa 1928 – wir hatten bereits einen Umzug innerhalb der Stadt Memel hinter uns – musste Vati sich wieder einmal nach einer neuen Wohnung umsehen. Soweit ich mich erinnern kann, geschah das, weil der Wohnungsinhaber unserer Mutti „nachstieg“. Eine neue Bleibe fand sich im Hotel Franz im Seebad Försterei, 5 km nördlich von Memel.
Dort bezogen wir zwei Zimmer und einen als Küche hergerichteten Raum im ersten Stock direkt über den Restaurationsräumen des Hotels. Für uns Kinder war es ein Paradies. Das Haus lag an der Chaussee nach Memel. Von den Fenstern sah man über den Cafégarten und über die Chaussee hinweg direkt in den Wald, hinter dem sich in ca. 2 km Entfernung die Dünen, der Strand und das Meer befanden. Auf der Rückseite des Hotels war ebenfalls nur Hochwald – Vati ging im Sommer wie im Winter schon früh am Morgen etwa 3 km durch diesen Wald zum Bahnhof, um in die Stadt zu fahren. Später, als wir zur Schule mussten, gingen wir den gleichen Weg.
Ich glaube, dass die Zeit dort draußen in Försterei für unsere Eltern eine glückliche war, auch wenn es für Vati wegen des langen Weges zur Arbeit oft nicht leicht war. Er hatte lange Arbeitstage. Immer wieder (er war inzwischen Beamter im mittleren Dienst am Amtsgericht geworden) arbeitete er bis in die Nacht hinein, verpasste den letzten Zug und ging durch den Wald, ungefähr eine gute Stunde, bis nach Försterei. Ein Fahrrad, geschweige denn ein Auto, konnten wir uns nicht leisten.
Und dennoch, auch wenn das Geld knapp war, gönnten sich unsere Eltern kleine Vergnügungen. Sie tanzten leidenschaftlich gerne und nahmen oft an Tanzvergnügen, wie z.B. den so genannten Reunionabenden im Hotel Schmidt in Försterei, teil. Sie besuchten ab und an eine Kinovorstellung in der Stadt oder Veranstaltungen wie zum Beispiel die des Männergesangvereins oder des Schützenvereins, in denen Vati Mitglied war. Bei solchen Gelegenheiten blieben wir Kinder allein oder wurden bei längerer Abwesenheit der Eltern bei Frau Puttrus im Kindererholungsheim nebenan abgegeben. Wir bekamen auch oft Besuch aus der Stadt, es waren immer lustige Gesellschaften.
Schön waren die Winter dort draußen, die sich von Anfang November bis weit in den März erstreckten. Vor Augen habe ich noch die mit Eisblumen befrorenen Doppelfenster. Öffnete man sie, dann hingen davor armdicke Eiszapfen von der Dachrinne herunter und auf dem Fensterbrett lag hoch der in der Sonne glitzernde Schnee. Das schönste am Winter dort draußen waren aber die Rodelbahnen. Dank des westlichen Abhangs des baltischen Höhenzugs besaß das Hotel Franz und am anderen Ende des Ortes das Hotel Ullmann je eine herrliche Rodelbahn. Dass wir Kinder sie nutzten, war selbstverständlich, aber wie zu einem Wintersportort kamen viele Gäste aus der Stadt zum Rodeln zu uns heraus. Besonders an den Sonn- und Feiertagen herrschte dort ein reges Treiben. In den späteren Jahren, als wir wieder in der Stadt wohnten, fuhren wir im Winter auch nach Försterei. Diese Wintervergnügen sind mir unvergesslich. Sechs bis zehn oder noch mehr Rodelschlitten, von einem Pferd gezogen, dick vermummte Gestalten einzeln oder zu zweit auf einem Schlitten, sich aneinander festklammernd, bunte Pudelmützen über die Ohren gestülpt, so ging die wilde Jagd in der klaren Winterluft durch den herrlichen Memeler Wald in Richtung Försterei. Immer schleuderte der letzte Schlitten der Reihe; manchmal kippte er sogar in einer Kurve um. Die einzelnen Gespanne versuchten sich gegenseitig zu überholen. Mit lauten Rufen, Gelächter und Gejohle wurden oftmals auch Spazierschlitten, Ein- oder Zweispänner, überholt.
Im Rückblick fallen mir zuallererst immer nur die glücklichen und frohen Begebenheiten ein, obwohl die so genannte „gute alte Zeit“ sehr viel Schattenseiten hatte. Es gab z.B. während meiner Kinderzeit in Försterei kein elektrisches Licht. Lediglich das Kinderheim und die Hotels Schmidt und Ullmann erzeugten eigenen Strom. Wir benutzten Petroleumlampen. Für die Wohnräume gab es sie als Steh-, Hänge- oder Tischlampen, in der Küche wurden meistens spezielle Wandlampen, die als Hintergrund einen Metallspiegel hatten, benutzt. Es gab auch Petroleum-Nachttischlämpchen und eine Sturmlaterne brauchte man, wenn man am Abend noch nach draußen wollte, beispielsweise um Brennmaterial für den Ofen oder für den Küchenherd zu holen. Als Vati Anfang der dreißiger Jahre ein erstes Radio (mit großen aufgesteckten Röhren) nach Hause brachte, war dafür eine so genannte Anodenbatterie erforderlich. Die Wohnräume mussten mittels großer Kachelöfen geheizt werden. Die meisten unserer Kachelöfen waren schlicht und einfach, aber zweckmäßig. Sie sollten angenehme Wärme verbreiten, sonst nichts. Ein solcher Kachelofen besaß außer der Feueröffnung und dem Aschkasten auch eine so genannte „Ofenröhre“, die zum Warmhalten von Speisen diente. In Privathäusern der reicheren Leute gab es auch kunstvoll gestaltete Öfen, deren Kacheln bunte und lustige Motive ins Haus brachten. Jeden Morgen mussten die Kachelöfen sauber gemacht werden – die Asche des Vortages wurde herausgeholt und musste hinunter auf den Hof getragen werden. Das hinterließ Staub und Dreck in der Wohnung auch wenn man sehr aufpasste. Dann wurde neu „angelegt“. Mit Papier und gesplittertem Holz wurde neues Feuer entzündet, dem man Klobenholz als weitere Nahrung gab. Auf das dann hell brennende Holzfeuer schüttete man Steinkohle. Wenn die Kacheln des Ofens damit richtig warm oder gar heiß geworden waren, wurden auf die Kohlenglut reichlich Braunkohlenbriketts gelegt und die Ofentür fest mit Schrauben geschlossen. Die Wärme hielt bis in die Nacht hinein oder gar bis zum nächsten Morgen. Nur an besonders kalten Tagen öffnete man den Ofen am Abend noch einmal und legte für die Nacht weitere Briketts nach. Wenn man das nicht machte oder zu wenig nachlegte, erkaltete der Ofen während der Nacht. Die Begebenheit, die mir dazu in den Sinn kommt, spielte sich im Winter 1934/35 oder 1935/36 ab, wir waren inzwischen in Försterei zweimal umgezogen und wohnten jetzt in der Villa Liedtke. Mutti lag mit einer Nierenbeckenentzündung im Memeler Städtischen Krankenhaus. Meine Geschwister Ellen und Siegfried waren zu Bekannten in der Stadt in Pflege gegeben und Vati war mit uns beiden schulpflichtigen Jungen, Gerhard und mir, alleine geblieben. Wir hatten drei Betten in das Wohnzimmer gestellt, weil dort der größte und beste Kachelofen stand. Vor dem Zubettgehen wurde jedem eine mit heißem Wasser gefüllte Steingutflasche ans Fußende unter den Zudeck gelegt, sonst war das Schlafengehen zu schuchrig. Für die „Katzenwäsche“ am nächsten Morgen stellte Vati vor dem Schlafengehen den Waschschüsselständer mit gefüllter Waschschüssel und zusätzlich noch einen Eimer mit Wasser in die Wohnstube. Ich werde nie den nächsten Morgen vergessen. Der bis an das Kinn gezogene dicke Zudeck hatte dort, wo mein Atem ihn streifte, einen Eisbelag und das Wasser in der Schüssel und dem Eimer war zu Eis gefroren. Der Ofen war in der Nacht, ohne dass wir es gemerkt hatten, ausgegangen und erkaltet. Die Häuser, in denen wir dort draußen wohnten, waren aus Holz gebaut und nicht besonders isoliert. Die Besitzer, Memeler Kaufleute, hatten sie ursprünglich nur als Sommervillen gebaut.
Während in dieser Wohnung in der Küche eine Schwengelpumpe vorhanden war, musste das Wasser, als wir noch im Hotel Franz wohnten, von einer großen gusseisernen Schwengelpumpe im Hof heraufgetragen werden. Schmutzwasser (auch Patschwasser genannt) wurde wieder hinabgetragen, um irgendwo ausgeschüttet zu werden. In das Patschwasser kam am Morgen auch der Inhalt des Nachttopfes. Denn die Toilette, eine Reihe mehrerer Plumpsklos, befand sich außerhalb des Hauses, weitab am Rand des Hofes am Waldrand. Ob Sommer oder Winter, ob hell oder dunkel, jeder, auch wir Kinder, mussten bei Bedarf dorthin marschieren. Doch damit nicht genug. Wir kannten seinerzeit auch noch kein Toilettenpapier. Es war die Aufgabe von uns Kindern, Zeitungspapier in die richtige Größe zu reißen auf einen Bindfaden zu ziehen und dann zur Benutzung im Klo an einen Nagel zu hängen. Für uns war das damals kein Mangel, wir kannten es nicht anders.
Zu den Schattenseiten der „guten alten Zeit“ gehörte auch zweifellos die Wäsche, die zu damaliger Zeit eine äußerst schwere Angelegenheit war. Waschtage waren Tage der Schwerstarbeit. Wer es sich leisten konnte, bestellte sich für die große Wäsche eine Waschfrau. Diese meist kräftigen Frauen kamen vom Land, waren auf einen Nebenverdienst angewiesen und verdingten sich an drei bis fünf Tagen der Woche in verschiedenen Haushalten. So lange ich zurückdenken kann, kam zu uns eine Frau namens Trakies als Waschfrau nach Försterei und später auch nach Memel. Je nach Menge der schmutzigen Wäsche fand ein solcher Waschtag alle drei bis vier Wochen statt. Bei der Größe unserer Familie wurde zwischendurch natürlich auch so manche kleine Wäsche fällig.
Am Abend vorher wurde in der Waschküche die schmutzige Wäsche eingeweicht. Dazu füllte man große Zinkwannen oder Holzbottiche mit kaltem Wasser, in dem ein Einweichmittel – ich meine es war Henko – aufgelöst wurde. Dahinein kam die Wäsche die Nacht über. Am nächsten Morgen wurde unter dem fest eingemauerten Kessel in der Waschküche Feuer gemacht. In dem Kessel wurde die aus dem Einweichwasser genommene und mit der Hand ausgewrungene Wäsche gekocht. Dem Kochwasser wurde Persil zugegeben. Während des Kochvorgangs musste die Wäsche mit einem Rührholz hin und wieder fleißig gerührt werden. Danach wurde sie aus dem Kessel in eine Waschwanne getan und nun begann die eigentliche Arbeit. Gebeugt über die Wanne rubbelte die Wäscherin die einzelnen Wäschestücke auf dem geriffelten Waschbrett. Heiße, weiße Dampfwolken füllten die Waschküche und hüllten auch die Wäscherin vollkommen ein. Nachdem jedes Stück mit den Händen kräftig ausgewrungen war, tat man es in das Spülwasser, das zwei- bis dreimal erneuert werden musste, wobei zwischendurch immer wieder ausgewrungen wurde. Danach konnte die Wäsche zum Trocknen auf die Leine gehängt werden. Von all den folgenden Tätigkeiten wie bleichen, „Ziehen“ der Wäsche, Mangeln oder Bügeln muss ich unbedingt vom Mangeln berichten, denn das war die Krönung des Tages und das gute Ende der großen Wäsche. Bereits am späten Nachmittag oder am folgenden Tag wurden die sorgfältig gefalteten Leinenlaken, Kopfkissen, Tischdecken und was es sonst noch gab, in Wäschekörben zur Mangel getragen. Man könnte es aus heutiger Sicht eine manuelle Bügelmaschine nennen. Um große Holzwalzen wurden auf einem Tisch die großen Wäschestücke gewickelt. Jeweils zwei solcher Rollen wurden dann unter einen gewaltigen hölzernen Kasten gepackt, der – mit schweren Steinen gefüllt – mittels einer großen Kurbel bewegt wurde, damit er über die mit Wäsche umwickelten Rollen hin und her rollen konnte. Es bebte und klapperte ohrenbetäubend, aber die Wäsche, die danach von den Rollen wieder abgewickelt wurde, war glänzend und glatt wie neu.

Hafflandschaft bei Memel.
Zu Ostern 1929 wurde ich nach Memel in die „Ferdinandsplatz-Schule“ eingeschult. Da Försterei zu der Zeit zu der Fischergemeinde Mellnragen gehörte, hätte ich die dortige Dorfschule besuchen müssen. Doch der Weg wäre zu umständlich und beschwerlich gewesen. Deshalb durfte ich auf Antrag eine Volksschule in Memel besuchen, wofür meine Eltern allerdings Gastschulgeld zahlen mussten. Ich wurde dadurch „Fahrschüler“ und ging jetzt an jedem Morgen mit meinem Vater durch Wald und Heide zum Bahnhof, von wo ungefähr um sieben Uhr der Zug in die Stadt fuhr.
Ich habe bereits unsere häufigen Umzüge erwähnt. Ich weiß nicht genau, ob es immer die Unzulänglichkeit der Wohnräume war, oder ob es auch andere Anlässe dafür gab, dass wir so oft umzogen. Auf jeden Fall zogen wir 1931 in die Villa Concordia. Es war eine große Holzvilla mit sechs verschieden großen Wohnungen. Eine der größten Wohnungen in der Mitte des Hauses bewohnten wir als die einzigen Dauermieter. Die weiteren Wohnungen wurden nur als Sommerwohnungen benutzt. Wir hatten dort eine Küche, drei Zimmer und eine große Veranda. Das Haus, im viktorianischen Stil erbaut, stand im Wald unter hohen Kieferbäumen an dem Weg, der vom Hotel Ullmann zum Strand führte. Es gab dort mehrere Holzhäuser, die hauptsächlich als Ferienwohnungen vermietet wurden. Dazwischen lag ein Tennisplatz. All das, sowie eine Badeanstalt unten am Strand, gehörten der Familie Rehtz. Nur drei Jahre sollten wir bis zu einem nächsten Umzug dort verbringen. In meiner Erinnerung sind diese und die nächsten beiden Jahre in dem Haus Liedtke die Jahre der Kindheit. Unser ganzes Leben spielte sich im Wald ab. Und nur einige hundert Meter waren es bis zu den Dünen der Ostsee. Sobald die Witterung es zuließ, liefen wir, wie zu der Zeit üblich, barfuß. Wir verbrachten unsere gesamte Freizeit im Wald oder an der See. Wir hatten dort Spielgefährten, mit denen wir als Indianer oder Pfadfinder durch Wald und Heide streiften. Ich glaube, dass diese Zeit für meinen späteren Wunsch, Förster zu werden, ausschlaggebend war.
Wenn Mutti in den Wald ging, um zu „ernten“, mussten wir mit. Es gab im Wald Erdbeeren, Himbeeren und Blaubeeren zu sammeln, die meistens noch am gleichen Tag verwertet wurden. Aber auch zum Pilzesuchen gingen wir mit. Was für eine Menge von Stein- und Birkenpilzen gab es doch auf unserer Heide, die „Palwe“ hieß! Aber auch Butterpilze, Rotkäppchen, Plempen oder die herrlich schmeckenden Gelböhrchen (Pfifferlinge) waren in großer Zahl zu finden. Auch der Winter, den ich bereits schilderte, hatte keine Langeweile für uns. Das Fernsehen war noch unbekannt und das Radiohören war bei der damals unzulänglichen technischen Beschaffenheit für uns Kinder nicht geeignet. Jetzt kaum mehr vorstellbar, dass wir nach der Rodelbahn oder dem Schlittschuhlaufen die dunklen Winterstunden mit Lesen und Basteln ausfüllen konnten. Oft spielten auch unsere Eltern mit uns Gesellschaftsspiele. Ich erinnere mich dabei an das damals sehr beliebte „Mensch ärgere Dich nicht“, an Kartenspiele wie „Sechsundsechzig“, „Kartenlotterie“ oder, als wir älter waren, an „Rommé“.
Die Fest- oder Feiertage waren naturgemäß eine hoch willkommene Abwechslung. Mutti backte bereits vorher ausreichend, denn es kam immer Besuch. Meistens war es so, dass am ersten Feiertag die Oma und die Tanten zu uns kamen und wir am zweiten Feiertag wiederum zur Oma fuhren. Selbstverständlich war das Weihnachtsfest das größte aller Jahresfeste. Es kündigte sich schon Wochen vorher mit dem Duft von Pfefferkuchen an. Jedes von uns Kindern musste jedes Jahr ein neues Weihnachtsgedicht lernen. Dann aber der Weihnachtstag selbst, der Tag des Heiligen Abends! Die Eltern waren mit den Vorbereitungen vollauf beschäftigt, während wir, die wir schon einige Tage lang die „Gute Stube“ nicht betreten durften, die letzten Stunden aufgeregt und fiebrig, jeder immer wieder sein Gedicht deklamierend, im Schlafzimmer verbrachten. Schließlich war es so weit, wir hatten uns unsere Sonntagsklamotten angezogen und warteten nun auf das Läuten eines Glöckchens, das das Zeichen dafür war, dass wir jetzt das Weihnachtszimmer betreten durften. Diese ganze Zeit verbrachten wir bei einem schummrigen Petroleumlampenlicht, ohne Fernsehen, ohne Radio oder andere Kurzweil. Welch ein Gegensatz zu heutigen Kindern!
1936 wurde Vati im Zuge des memelländisch-litauischen Volkstumkampfes aus nichtigem Anlass von der Geheimen Staatspolizei verhaftet. Er wurde zwar nach einigen Tagen freigelassen, weil man ihm das, was man ihm zur Last legte, nicht nachweisen konnte, aber er wurde als Justizbeamter aus dem Dienst entlassen und dies war gewiss der Zweck des Geschehens gewesen, denn nationale litauische Kräfte wollten mit Gewalt die Litauisierung des von ihnen annektierten Memellandes durchsetzen. Dazu gehörte auch der Austausch deutscher Beamter durch litauische. Vati blieb bis Ende 1938 arbeitslos. Wir lebten von der Hilfsbereitschaft der Bekannten und Freunde. Vielen anderen Familien mit ähnlichem Schicksal wurde auf gleiche Weise geholfen. Bei uns sah das so aus, dass der Hauseigentümer keine Miete nahm und der Kaufmann anschrieb. Selbst der Inhaber eines Konfektionsgeschäfts, ein Jude, kleidete uns mit dem Notwendigsten auf Kredit. Butter, Eier und Sahne waren ebenfalls Gaben von Kleinbauern oder Händlern. Mir kommt es in der Erinnerung manchmal vor, als ob wir in der Zeit zu Weihnachten mehr Süßigkeiten auf dem Bunten Teller hatten als vorher. Vati bekam aber, so erfuhr ich später, heimlich von „hintenherum“ auch etwas Geld vom Deutschen Konsulat. Nach der Rückgliederung des Memellandes an das Deutsche Reich wurden die Schulden derjenigen, denen das Gleiche widerfahren war wie uns, vom Deutschen Reich übernommen.
Auf Grund dieser finanziellen Schwierigkeiten wuchsen wir in relativ bescheidenen Verhältnissen auf. Unsere Eltern haben uns aber die Zeit der Not, als Vati ohne Arbeit war, nicht merken lassen. Gerhard und ich – wir besuchten inzwischen die Altstädtische Knaben-Mittelschule – trugen zum Beispiel Hosen oder Mäntel, die Mutti aus Vatis abgelegten Sachen schneiderte. Schuhe besaßen wir im Winter, so auch im Sommer jeweils nur ein Paar. Taschengeld kannten wir nicht. Im Gegensatz zu Heute mussten die Eltern zu der damaligen Zeit auch Schulgeld zahlen, wenn die Kinder, wie wir, eine weiterführende Schule besuchten. Es gab auch keine Lehr- oder Lernmittelfreiheit. Jedes Buch, jedes Heft musste selbst gekauft werden.
Ich glaube, an dieser Stelle ist es angebracht die damaligen Lebensverhältnisse den Menschen von Heute etwas näher zu bringen. Ich nehme dabei Ernst Wiechert zu Hilfe, der in seinem Erinnerungsband „Wälder und Menschen“ das, was ich meine, wie folgt treffend beschrieben hat – wir gehörten nicht zu den Armen, aber schon gar nicht zu den Reichen: „Wir wurden auf keinen Fall in Versuchung geführt, in Wohlleben und Behaglichkeit zu ersticken. Wir hatten zwar unser ausreichendes und gesundes tägliches Brot, aber darüber hinaus konnte kein Wunsch sich schwingen. (…) Aber wir fühlten die Armut nicht, da wir ja den Reichtum nicht kannten, sondern vielmehr in kümmerlichen Hütten der Instleute auf Gütern oder der Waldarbeiter täglich einen Mangel sahen, an dem gemessen wir im Überfluss lebten“. Wir waren damit wahrscheinlich glücklicher als die Kinder, die zwischen Schuhen und Kleidern jeden Tag wählen konnten und können. Auch Spielzeug, wie es heute in den Kinderzimmern üblich ist, kannten wir nicht. Richtige Spielzeuge gab es nur wenige: den Holz- und später Metallbaukasten, und Bleisoldaten, die wir selbst gossen. Doch es gab Holz, die „Borke“ (Kiefernrinde), Bindfaden, Draht und Nägel, soviel wir wollten. Was ließ sich daraus alles herstellen! Und wir besaßen in Hof, Feld, Wald und Strand einen Spielplatz, der so weit reichte wie der Himmel... Bücher fanden nur zu Weihnachten und an Geburtstagen den Weg zu uns, aber wir besaßen die „Deutschen Heldensagen“, den „Lederstrumpf“ und den „Robinson Crusoe“. Diese Bücher genügten, um eine ganze Welt des Abenteuers, des Kampfes, der Tapferkeit und des Ruhmes damit aufzubauen. Später holte ich mir weitere Lektüre aus der Stadtbücherei und habe dabei alles, was sich mit Geschichte beschäftigte, verschlungen. Es war wohl nicht so sehr die Erziehungskunst unserer Eltern, die uns eine solche Kinderzeit bescherte, sondern vielmehr der Zwang der damaligen Lebensumstände. Und zurückblickend muss ich sagen, wir waren glücklich!

Mole in Memel.
Ich weiß nicht, war es die größer gewordene Familie, oder die Umständlichkeit der täglichen Bahnfahrerei, die ja auch zusätzliches Geld kostete, auf jeden Fall zogen wir im Jahre 1936 nach Memel zurück. Zuerst wohnten wir auf Bommelsvitte Nr. 71. Dort begann für uns eine ganz neue Kinder- bzw. Jugendzeit. Zum einen war der Fischervorort Bommelsvitte mit seinen engen Gassen und kleinen Häuschen da. Dazu der Walgum, der Fischerhafen, dicht bei. Das Glucksen des Wassers am Kai habe ich heute noch im Ohr und diesen nassen Geruch des Wassers, die Mischung vom Geruch geräucherter Fische, von Fauligkeit und Teer und doch auch Frische, vermeine ich noch zu verspüren. Zum anderen die ganze Stadt Memel – sie war mir zu jeder Jahreszeit eine Faszination. Jetzt konnten wir auch an jugendlichen Unternehmungen teilnehmen, die uns bisher, als wir draußen im Wald wohnten, verwehrt waren. Ich wurde Mitglied in der Luther-Jugend, die von meinem Konfirmationspfarrer Bläsner ins Leben gerufen und geführt wurde. Die christliche Jugendarbeit bestand nicht nur aus Singen und Beten, sondern auch aus Freizeiten in der Natur, wie zum Beispiel Zeltlager in den Dünen bei Schwarzort. Schließlich wurde ich sogar Mitglied der illegalen, von den Litauern verbotenen Jugendbewegung, die unter Erich Lapins aus den Adlern und Falken, der Bündischen Jugend, entstanden war. Als ich dazu stieß, gab es zwei Jungzüge, die „Goten“ und die „Vandalen“, mit Jungenschaften, die sich „Theoderich“, „Totila“, „Teja“, „Gelimer“ und „Geiserich“ nannten. Es war eine verschworene Gemeinschaft, aus der die spätere Kerntruppe des verschärften Volkstumskampfes heranwuchs. Die Heimabende fanden in einer leeren Tischlerwerkstatt auf dem Hof eines Grundstücks in der Schlewiesstraße statt. Wenn neue Lieder geübt wurden, mussten Posten aufgestellt werden, die die Aufgabe hatten, Alarm zu geben, wenn die litauische Polizei im Anmarsch war. Außer den Heimabenden wurden auch nächtliche Geländespiele durchgeführt. Ich schied jedoch aus dieser Gemeinschaft mit Rücksicht auf meinen Vater, der von der Politischen Polizei argwöhnisch bespitzelt wurde, aus.
Im Sommer 1937 wurde ich Mitglied des Segelflieger-Vereins Memel e.V. Obwohl das Vereinsleben für einen 14-jährigen Jungen wie mich nur aus Werkstattarbeit im Winter, bei Bedarf auch im Sommer, und an jedem Wochenende im Sommer aus dem „Flugdienst“ in den Dünen von Perwelk bestand, war ich davon begeistert. Diese Begeisterung hat sich bis heute erhalten. Der so genannte „Flugdienst“ bestand in den ersten zwei Jahren lediglich daraus, Flügelschlepper zu sein, das heißt von früh bis spät zum Kommando „Ausziehen – Laufen – Los!“ die Düne 'runter- und wieder 'rauflaufen beim Hochschleppen des Gleiters. Hin und wieder machten wir auch Küchendienst und nur selten kamen wir Jungs zu ersten Rutschern!
Zu Ostern 1933, wir wohnten damals noch in Försterei, wechselte ich von der Volksschule zur Mittelschule. Das Gymnasium kam nicht in Frage, da wir zu der Zeit bereits vier Geschwister waren. Sollten wir alle gleich behandelt werden, dann kam nur die Mittelschule in Frage, da unsere Eltern das Schulgeld für den Gymnasiumsbesuch für alle Kinder nicht aufbringen konnten. Der Mittelschulbesuch war billiger und ich konnte nach zwei Jahren, als mein Bruder Gerhard in diese Schule aufgenommen wurde, nach einer Prüfung einen Freiplatz erhalten. Obwohl ich gestehen muss, dass ich vor so mancher Stunde regelrecht Angst hatte, so war es doch eine schöne Zeit. Auch hatte ich das Glück, die sechs Mittelschuljahre bis zur mittleren Reife ohne Störung absolvieren zu können. Meine nachfolgenden Geschwister erfuhren Unterbrechungen und Störungen, die durch die Rückkehr zum Deutschen Reich und den Krieg bedingt waren.
Es gab zu meiner Zeit in Memel nur zwei Mittelschulen – die Altstädtische Knaben-Mittelschule und eine Mädchen-Mittelschule, die, mit dem Lyzeum vereint, sich unter dem Dach des Gebäudes der Auguste-Viktoria-Schule befand. Die „Altstädtische“, wie wir unsere Penne nannten, war eine altehrwürdige, 1856 gegründete Schule. Unser Vati hatte sie schon vor dem ersten Weltkrieg besucht. In der Rückschau sind wir, die heute noch lebenden Schüler, uns einig, dass wir das Glück hatten, eine besondere Schule besucht zu haben. Vor so manchem unserer Lehrer fürchteten wir uns, während wir uns auf den Unterricht der übrigen freuten. Über allen stand, uns sehr fern, der Rektor Stumber. Mit diebischem Vergnügen wurden Schulstreiche der diffizilsten Art ausgeheckt, die in den meisten Fällen mit Stockschlägen geahndet wurden. Prügelstrafen aller Art, Ziehen an den Ohren oder Haaren und Strafen wie „in der Ecke stehen“ und „Nachsitzen“ waren, bei dem einen Lehrer mehr und bei dem anderen weniger, an der Tagesordnung.
Jeder Schulausflug war zu meiner Zeit ein Erlebnis. Aber was ließen sich unsere Lehrer auch alles einfallen! Da machte der Naturkunde-Lehrer zum Beispiel mit uns in jeder Jahreszeit so genannte Botanisierwanderungen durch Wald und Feld. Aber nicht etwa in der Schulzeit, nein – am Nachmittag. Oder der Zeichenlehrer, Herr Müller – er führte uns, mit Zeichenblock, Bleistiften unterschiedlicher Härte und Schemeln bewaffnet, hinaus an irgendeine idyllische Altstadtecke, wo dann unter seiner Anleitung wahre Kunstwerke entstanden. Im Winter machte er uns mit technischem Zeichnen bekannt. Auch gab er Werkunterricht, wir lernten unter anderem Linolschnitte herstellen und drucken. Wer wollte, konnte aber auch freiwillig die Holzbearbeitung erlernen. Dazu besaß die „Altstädtische“ einen besonderen Werkraum. Es begann mit Holzschnitzarbeiten in selbst gedrechselten Tellern aus Lindenholz und gipfelte zum Schluss sogar in der Herstellung von Möbelstücken. Auch das Drucken verschiedener Schriftarten wurde erlernt. So habe ich zum Beispiel als Abschlussarbeit das "Waltarilied" in gotischer Schrift auf Pergament geschrieben und dann als Buch selbst eingebunden. Auch das Binden von Büchern lernten wir damals.
Die vorgeschriebenen Wandertage wurden zum Kennenlernen der Heimat genutzt. Im Winter jedoch waren es Rodelausflüge oder sogar Schlittschuhläufe auf dem Eis des Dangeflusses bis hin nach Tauerlauken. Als wir etwas größer und älter waren, machten wir auch mehrtägige Ausflüge. Als Krönung organisierten unsere Lehrer Noeske und Fröse im Jahre 1938, es war das letzte Schuljahr vor der mittleren Reife, eine dreiwöchige Klassenfahrt nach Finnland. Wir fuhren mit dem Schiff „Hansestadt Danzig“ des Ostpreußen-Dienstes im Juni nach Helsinki. Hier erlebten wir das Mittsommerfest und machten eine Rundfahrt mit der Bahn und dem Schiff über Vipurii durch die Seenlandschaft in Karelien und zurück über Lahti nach Helsinki.
Alles in allem, es waren nicht nur harte, arbeitsame und lehrreiche Jahre, es war auch eine Zeit, die schön war und mir deshalb unvergesslich bleiben wird. Und ich muss noch einmal betonen: die Schulzeit hat mich sehr geprägt und mir für mein späteres Leben sehr, sehr viel gegeben. Im Herbst 1937 erkrankte ich übrigens an Diphtherie, die nicht rechtzeitig erkannt wurde. Ein Herzknacks mit längerem Krankenlager war die Folge. Ich glaubte danach nicht, dass ich die mittlere Reife ohne „Sitzenbleiben“ erreichen könnte. Doch Nachhilfeunterricht und die Nachsicht meiner Lehrer machten es möglich. Davor jedoch wurde ich am 8. Mai 1938 von Pfarrer Bläsner, unter Assistenz von Vikar Janz, in der St.-Johannis-Kirche zu Memel konfirmiert. Diesem Ereignis ging ein zweijähriger Konfirmandenunterricht voraus. Nicht nur, dass wir Luthers Katechismus, die zehn Gebote mit ihren Erklärungen oder auch die hauptsächlichsten Kirchenlieder auswendig lernen mussten, wir hatten an jedem Sonntag am Gottesdienst teilzunehmen und dann ein- bis zweimal im Monat über den Inhalt der jeweiligen Predigt zu schreiben. Während dieser Zeit wurde ich auch durch Pfarrer Bläsner, der sich mit Recht Jugendpfarrer nannte, beeinflusst und zusätzlich geprägt. Er war der Führer der Luther-Jugend. Doch von meiner Mitgliedschaft in der Luther-Jugend berichtete ich bereits. Es war die Zeit, in der über dem Memelgebiet durch den litauischen Staat der Kriegs- und Belagerungszustand verhängt war, was zur Folge hatte, dass jede Bildung von Vereinen durch den Kriegskommandanten genehmigungspflichtig war. Es gab also nur politisch unverdächtige Sportvereine oder solch kirchliche Vereine. Und da ich persönlich, außer dem Segelfliegen sportlich nicht so interessiert war, zog mich diese Luther-Jugend an.
Anfang 1938 zogen wir wieder einmal um. Unsere neue Anschrift hieß jetzt „Memel, Rosenstraße 4“. Es war ein zweistöckiges Wohnhaus am Rande des Hafenviertels. Diese große 4-Zimmer-Wohnung, die sogar ein Bad und WC besaß, stellte damals in meinen Augen einen regelrechten Luxus dar.
Zu Ende meiner Schulzeit wurde das Memelland an das Deutsche Reich zurückgegliedert. Es waren die letzten Tage vor den Osterferien, alle Arbeiten waren geschrieben, etwaige Referate lagen auch schon hinter uns und ich hatte am 21. März meinen sechzehnten Geburtstag gefeiert, als es am Morgen des 22. März geschah. Ich ging zur Schule, wie jeden Morgen von der Rosenstraße her, über den Kurzinnaplatz, am Gymnasium vorbei, über die Töpferstraße in die Polangenstraße. Und dort hörte ich plötzlich aus den geöffneten Fenstern des Landratsamtes laute Marschmusik. War das schon ungewöhnlich, so war ich noch überraschter, als ich aus den Fenstern des daneben liegenden Polizeigebäudes die Polizisten die deutsche Nationalhymne singen hörte. Gleichzeitig wurden hier und da Hakenkreuzfahnen aus den Fenstern nach außen gehängt. Es durchfuhr mich wie ein Blitz: „Es ist so weit, Hitler hat uns heimgeholt!“. Ich hatte mich bis dahin kaum politisch betätigt. Mit 16 Jahren war man damals noch vollkommen unbefangen. Aus dem Jugendring, einer politisch orientierten Jugendbewegung, war ich, wie berichtet, ausgetreten. Wir hatten bis dahin in unserem beginnenden Jugendalter, im Gegensatz zu manchen anderen Jugendlichen, sehr wenig politische Kenntnisse. Wir wussten nur das, was wir ab und an von den Eltern erfuhren. Wenn ich heute darüber nachdenke, meine ich, sie wollten uns in der Zeit, in der wir uns grade im Wechsel von der Kindheit zur Jugend befanden, nicht mit den Problemen belasten, mit denen sie selbst zu tun hatten. Auch gab es in der damaligen Zeit nicht die heutige Medienflut. Es gab kein Fernsehen, das Radio nur im beschränkten Maß und die Tageszeitungen – diese werden aber auch heute kaum von Kindern oder Jugendlichen gelesen. Am 1. November 1938 war allerdings der Kriegs- und Belagerungszustand, der durch den litauischen Staat seit Jahren noch immer über das Memelland verhängt war, aufgehoben worden und danach hatten wir auch für die Jugendgruppe des Memeler Segelflieger-Vereins HJ-ähnliche Uniformen erhalten. Wir sahen das alles als selbstverständlich an. Es erfüllte uns mit Stolz, in dieser Zeit ein Deutscher zu sein. Ich weiß, heute ist so ein Satz vielleicht unverständlich. Ich glaube, es lag einfach an der Erziehung und der damaligen Zeit. Man lief, marschierte und sang mit, und wir hatten oft im Chor mit den Kameraden zusammen „Wir wollen heim ins Reich“ gerufen. Auch sahen wir den seit Monaten sichtbaren Wegzug der jüdischen Mitbevölkerung. Doch durch die sich überstürzenden Ereignisse registrierten wir das gar nicht. Wir hatten langjährige Schul- bzw. Klassenkameraden jüdischen Glaubens, in Försterei hatten wir zeitweise sogar jüdische Nachbarn, wir kauften unsere Textilien in einem jüdischen Geschäft und oft auch konsultierten die Eltern mit uns einen bekannten jüdischen Arzt. Und dennoch muss ich gestehen, dass ich in der Zeit des politischen Umbruchs das Verschwinden dieses Teils der Bevölkerung überhaupt nicht bewusst zur Kenntnis genommen habe. Heute frage ich mich oft, wieso bemerkten wir das nicht?

Viktor Kittel in HJ-Uniform mit silberner Elchschaufel, dem Traditionsabzeichen für Memelländer nach dem „Anschluss“ (1939).
Doch zurück zum Morgen des 22. März 1939: Ich lief so schnell ich konnte weiter zur Schule. Auch hier war alles in heller Aufregung und in Jubelstimmung. Dann hieß es, es wäre erst einmal schulfrei, denn der „Führer“ kommt. So lief ich rasch nach Hause, zog mir die im November erhaltene Uniform an und begab mich zu der Dienststelle der Jugendbewegung, die jetzt über Nacht eine HJ-Dienststelle geworden war. Hier erhielten wir die HJ-Armbinden und Anweisungen für den weiteren „Dienst“. So wurden wir automatisch in die Jugendorganisation des neuen Deutschen Reichs, des so genannten Dritten Reichs, integriert. Ich muss dazu aber sagen, dass wir – damit meine ich meine Freunde oder einstigen Schulkameraden und mich selbst – darüber glücklich und vor allem stolz waren. In unseren Augen war doch dieses Deutschland aus den Niederungen von Versailles zu neuer Größe aufgestiegen. Wir hatten die Möglichkeit, diese Entwicklung von außerhalb der Grenzen Deutschlands zu verfolgen. Es gab wohl Menschen, die in dem Aufbruch des Deutschen Reiches unter Führung der Nationalsozialisten etwas anderes zu erkennen glaubten, doch die Mehrzahl von uns war begeistert.
Meine Schulzeit war um. Wir hatten die Abschlussarbeiten in allen Fächern hinter uns und erhielten das Schlusszeugnis der mittleren Reife mit dem Datum vom 31. März 1939 in einer besonders anberaumten Feierstunde irgendwann im April ausgehändigt, zu der ich nicht mehr erscheinen konnte, da ich mich bereits in Nidden auf der Nehrung befand. Wie kam es dazu?
Nachdem wir Hitlerjungen geworden waren, wurden wir so genannten Gefolgschaften zugeordnet. Wie konnte es anders sein, als dass die Jugendgruppe des Memeler Segelflieger-Vereins eine Gefolgschaft der Flieger-HJ wurde! Wir wurden wie andere zu Absperraufgaben kommandiert, da sich in den Straßen Memels die gesamte Einwohnerschaft drängte, um den Einzug der Deutschen Wehrmacht und den des Führers zu sehen. Als sich der erste Wirbel gelegt hatte – ich glaube, wir waren drei Tage nicht nach Hause gekommen – fuhren wir, die Segelflieger, mit unserem Motorboot „Falke“ nach Nidden und „besetzten“ die dortige litauische Segelflug-Schule für uns. An und für sich gab es nichts zu „besetzen“, denn es war bereits alles verwaist. Die litauischen Segelflieger waren abgezogen. Es kamen höhere NSFK-Führer (NSFK = Nationalsozialistisches Fliegerkorps) und technische Prüfer von der Reichssegelflugschule Rossitten, die feststellen sollten, inwieweit die Schule für deutsche Zwecke gebraucht werden kann. Es entstand daraus eine Segelflug-Ausbildungsschule des NSFK.

Propagandaplakat mit einem Ausspruch von H. Göring: »Das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden«.
Bei dieser Gelegenheit wurde ich mit einigen anderen Jungen nach Rossitten auf die „Reichssegelflugschule 1“ mitgenommen. Dort wurden wir in die schmucke Uniform der Reichssegelflugschulen gesteckt. In einem Lehrgang, der am 3. April begann, wurde uns mit militärischem Schliff der Segelflug in Theorie und Praxis beigebracht. Diese Lehrgänge, von denen ich 1939 noch mehrere besuchen sollte, dauerten jeweils drei Wochen. Die Kosten dieser fliegerischen Ausbildung trug das Deutsche Reich, auch die An- und Abreise. Die Parole „das deutsche Volk muss ein Volk von Fliegern werden“ war zu der Zeit ein geflügeltes Wort. Aus heutiger Sicht erscheint es manchmal unerklärlich, dass Tausende von 14- bis 18-jährigen Jungs auf diese Ausbildungsstätten drängten. Es gab unter den gleichen Voraussetzungen auch die Motor-HJ, wo Motorrad- und Autofahren gelernt wurde, es gab ebenso die Reiter- und die Marine-HJ. Dafür kannten wir nicht einmal das Wort Disco. Rauchen oder gar Trinken war genauso verboten wie der Besuch von für Jugendliche nicht zugelassenen Kinofilmen. Das überwachten Angehörige des HJ-Streifendienstes, einer Art jugendlicher Polizei. Oder – ein deutsches Mädchen schminkte sich nicht. Wir nahmen all das wie „gottgegeben“ hin.
Wie schon berichtet war meine Schulzeit mit der mittleren Reife beendet und es stand für das weitere Leben die Frage einer Berufsausbildung im Raum. Nachdem wir nun Anfang des Jahres in das Deutsche Reich heimgekehrt waren, erschien mein heimlicher Wunsch, Förster zu werden, nicht mehr ganz so abwegig – stand doch jetzt ganz Deutschland zur Verfügung. So konnte ich ihn auch meinen Eltern vortragen. Sie waren für die damalige Zeit sehr tolerant und überließen es meiner Entscheidung. Da ich in diesem so aufregenden Jahr gerade erst das 16. Lebensjahr vollendet hatte, konnte ich mich in Ruhe mit der Berufswahl beschäftigen. Auf meine Bewerbung als Forstanwärter bei der Regierung in Gumbinnen wurde ich nicht angenommen. Der Grund waren zu viele Bewerber auf nur zwölf beabsichtigte Einstellungen im gesamten Regierungsbezirk. Natürlich wurden die Bewerber, deren Vorfahren bereits der Grünen Farbe angehörten, vorgezogen. So meldete ich mich zum Studium für den Maschinenbau bei der staatlichen Ingenieurschule in Gumbinnen an. Dort wurde ich akzeptiert. Ein zweijähriges Praktikum wollte ich am 1. Oktober 1939 bei der Lindenau-Werft in Memel beginnen. Ich bekam schriftliches Arbeitsmaterial und Berichtshefte von der Ingenieurschule übersandt. Doch bereits im September erhielt ich von der Regierung in Gumbinnen die Anfrage, ob ich noch zu meiner Bewerbung für die Forstlaufbahn stehe. Der Krieg hatte begonnen und man wollte wohl für die neuen Ostgebiete schon jetzt das erforderliche Personal ausbilden. Ich ließ den inzwischen beabsichtigten Ingenieurberuf fallen und sagte zu. Bis dahin gingen noch einige Monate dahin, die ich nicht nutzlos verbringen wollte. So besuchte ich weitere Segelflug-Kurse in Korschenruh am Frischen Haff, in Drachenberge bei Angerapp, in Gitter bei Salzgitter am Harz und die Modellbauschule in Lauenburg an der Elbe. Und als „guter Deutscher“ meldete ich mich im Oktober – selbstverständlich freiwillig – zum Hackfruchternteeinsatz. Ich kam nach Lissen bei Benkheim im Kreis Angerburg, wo wir Kartoffeln, Weißkohl und Futterrüben in Handarbeit einbrachten. Und schließlich meldete ich mich auch noch zur Ausbildung als Schießwart in der Hitlerjugend. Dieser Lehrgang dauerte drei Wochen und fand im einstigen Waisenhaus statt, wo wir kaserniert untergebracht wurden. Mit der Ausbildung und der abgelegten Prüfung war ich berechtigt, in HJ-Einheiten theoretischen und praktischen Unterricht an Luftgewehren und Kleinkalibergewehren abzuhalten.
Inzwischen, immer noch sechzehn Jahre jung, schielte ich natürlich auch schon nach den Mädels. Nach Mädels wurde tatsächlich nur „geschielt“, denn in meiner Jugendzeit mit jemandem zu gehen, hieß fast verlobt zu sein. Bei unseren täglichen Fährfahrten zum Baden nach Süderspitze auf der Kurischen Nehrung lernten wir – mein Bruder Gerhard, weitere Schulfreunde und ich – eine Gruppe Mädels kennen, die das gleiche Ziel wie wir hatten. Unter ihnen befand sich eine hübsche dunkle Deern, die mir sehr gefiel. Kuschi wurde sie von ihren Schulfreundinnen genannt und so nenne ich sie bis heute noch. Ihr richtiger Name war Ursula Edith Kurschus.
Ich begann meine zweijährige praktische Ausbildung zum Revierförster als Forstanwärter in der, wie es damals hieß, mittleren gehobenen Beamtenlaufbahn am 1. April 1940 in der Revierförsterei Tulpeningen, Kr. Schloßberg (früher Pillkallen). Diese relativ kurze Zeit als junger Forstbeamter ist eine der schönsten meines Lebens gewesen. Die Revierförsterei Tulpeningen lag sehr einsam. Es gab keinen elektrischen Strom und als Telefon gab es nur einen Kurbelinduktionsapparat, mit dem man sich zwischen den Revierförstereien mit unterschiedlichen Zeichen verständigen konnte. Das zur Revierförsterei gehörende Dienstgebäude war teilweise mit Holz verkleidet. Die Fenster der Vorderfront schauten über einen sorgsam gepflegten Garten hinaus auf das zur Försterei gehörende Dienstland – das waren 80 Morgen Landwirtschaft. Auf dieser Seite war die Luft angefüllt mit angenehmen und würzigen Gerüchen des Gemüses und der Gewürze, die sich mit dem Duft eines ganzen Meeres von Sommerblumen mischten. In das gemütliche und wohnliche Hausinnere gelangte man durch eine hochgelegene Holzveranda. Mittelpunkt des beruflichen Lebens, aber auch der Männerrunden beim Skat, war das Arbeitszimmer des Revierförsters. Die Wände zierten Bilder mit Jagdmotiven, Geweihe von kapitalen Hirschen, Rehgehörne und ein großer ausgestopfter Auerhahn. Ein imposanter Bücherschrank, der auserlesene Werke der Jagdliteratur barg, ein eichener Holztisch, dahinter das Ledersofa, ein Ledersessel, ein Schreibtisch mit prächtigem Schnitzwerk und einige hochlehnige Stühle bildeten die Einrichtung. Von der Decke hing ein mehrflammiger Kronleuchter, aus starken, dekorativen Hirschstangen hergestellt. In der „guten Stube“, die vom Arbeitszimmer durch eine Glasdoppeltür getrennt war, saßen immer die Damen der Herren, die mit dem Revierförster Skat spielten, und vertrieben sich die Abende mit Gesellschaftsspielen. Außerdem führten je eine einfache Tür in die große Wohnstube, in der auch die Mahlzeiten eingenommen wurden, und zum Flur hinaus – dort gingen die Grünröcke ein und aus, die Jagdgäste, hohe Regierungsbeamte, Vorgesetzte vom Regierungsforstamt Gumbinnen oder Jagdfreunde des Revierförsters. Sie waren immer etwas Besonderes, diese Besuche. Sie füllten das Haus mit Spannung und Neugier, die Stuben und Flure mit den Stimmen fröhlicher Männer.

Viktor Kittel als junger Förster in Ostpreußen (1940).
Im Sommer 1941, nach dem Beginn des Krieges mit Russland, verließ ich die Revierförsterei, um die Ausbildung im Forstamt Memelwalde (früher Alt-Lubönen) fortzusetzen. Auch sollte ich vorerst vom Kriegsdienst zurückgestellt werden. Ich meinte damals aber, wenn ich nicht bald eingezogen werde, käme ich für jede Kriegshandlung zu spät und so hatte ich mich schon 1940 heimlich freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. Als ich dann meine Einberufung zum 16. November 1941 meinem Forstmeister vorlegte, tobte er natürlich fürchterlich. Er hielt mir vor, dass man mich freigestellt hätte, weil kaum Forstpersonal vorhanden sei, und außerdem wüsste ich doch, dass ich als Forstanwärter nur zur Infanterie und zwar zu den „Ortelsburger Jägern“ gehen dürfte. Er drohte mir an, dass das noch ein Nachspiel für mich haben würde. Ich wollte aber unbedingt in den Krieg. Was trieb uns damals zu solchen Entscheidungen? Aus heutiger Sicht ist es unverständlich, aber aufgrund unserer Erziehung und unserer ganzen Einstellung konnten wir nicht früh genug Soldat werden. Es war noch die Zeit, da die deutschen Heere von Sieg zu Sieg eilten. Junge Leute wie wir glaubten, zu spät zu kommen. Wir wollten an den Siegeszügen teilhaben. Die Begeisterung, am Kriegsgeschehen teilzunehmen, war da meistens lange nicht so groß wie der Ehrgeiz, mit dabei zu sein. Ich weiß nicht, ob nachfolgende Generationen das, was ich hier zu erklären versuche, verstehen werden. Heute, während ich dies niederschreibe, denke ich anders darüber. Doch zu der damaligen Zeit, da war es einfach so! Dazu kam, dass ich wie die meisten jungen Leute damals aufgrund der Erziehung im Elternhaus, in der Schule und schließlich nicht zuletzt der Jugendorganisation, der Hitlerjugend, gar nicht anders denken konnten. Ich war erst 18 Jahre alt! In diesen Momenten dachte kaum einer von uns an die Folgen solcher Freiwilligenmeldungen. Ich hatte es so eilig, dass ich gar nicht erst heim zu den Eltern fuhr, die inzwischen nach Zichenau (dem polnischen Ciechanowo) verzogen waren, wohin Vati zum Aufbau der Staatsanwaltschaft versetzt worden war. Mit einer Postkarte teilte ich nur mit, dass ich eingezogen worden bin und meine Klamotten per Post nach Hause geschickt habe. Dort, in Zichenau, wurde übrigens am 1. September 1941 unser letzter Bruder Peter geboren.
Meine Einberufung hatte mich nach Tilsit befohlen. Von dort führte mich mein Weg über Königsberg und Berlin-Schönwalde zum Fliegerausbildungsregiment 16 auf dem Seefliegerhorst Schleswig. Auf den Schliff der Rekrutenzeit will ich hier nicht näher eingehen. Es war eine harte Zeit. Dort erfolgten auch mehrere Untersuchungen, deren Ergebnis positiv ausfiel, so dass ich am 2. März 1942 zum Flugzeugführer-Anwärter-Btl. „Monte Rosa“ nach Stettin versetzt wurde. In einem solchen Bataillon sollten die ausgesuchten und gesiebten jungen Soldaten, die sich zum fliegenden Personal gemeldet hatten, einen Unteroffizierslehrgang absolvieren. Der militärische Schliff war hier noch härter als während der Rekrutenausbildung. Daneben wurde aber auch fliegerischer Theorieunterricht abgehalten, wie z.B. Geographie, Wetterkunde, Flugzeugkunde und vor allem das Morsen (Tastfunken). Diese Ausbildung dauerte drei Monate. Am Schluss wurde ein jeder aufgrund der gezeigten Leistungen zu irgendeiner Fachschulung kommandiert. Am traurigsten waren die, denen man mitteilte, dass sie nicht Flugzeugführer werden können. Sie kamen auf Bordschützen-, Bordbeobachter- oder Bordfunkerschulen. Der Rest wurde zu den Flugzeugführerschulen versetzt, wo man die A- und B-Prüfung ablegen musste und damit das Rüstzeug für eine endgültige Waffenausbildung erhielt. Jeder von uns träumte davon, Jagdflieger zu werden und die „Königin“ der Fliegerei, eine Me 109, fliegen zu können. Doch das schafften nur wenige. Viele wurden zu so genannten C-Schulen (Bomber- und Transporter) oder Aufklärerschulen versetzt.
Wir hatten unsere Ausbildung in dem Anwärterbataillon im Mai 1942 beendet und stellten bereits Spekulationen an, auf welche Flugschule wir kämen, da wurde uns verkündet, wegen Spritknappheit an den Schulen hätten wir zuerst noch zurückzustehen und zu warten. Da aber bei Preußens niemand umsonst Soldat ist, war auch für uns schon gesorgt. Bereits im Juni verlegte das gesamte Bataillon per Bahn nach Südfrankreich an die Biskaya, wo wir bei glühender Hitze infanteristisch ausgebildet wurden. Nach einem zweimaligen Standortwechsel innerhalb von Frankreich, kam meine Versetzung zur Flugzeuführerschule Elbing. Ein ganzer Eisenbahnwaggon voller ungeduldiger junger Männer wurde acht Tage lang durch Frankreich und Deutschland von Bahnhof zu Bahnhof verschoben, bis wir Ende November 1942 endlich unser Ziel erreichten. Bis zum März 1943 wurde ich in Elbing und auf dem Außenplatz Groß-Schiemanen bei Ortelsburg fliegerisch ausgebildet, bis ich auf die Flugzeugführerschule Stubendorf bei Oppeln in Oberschlesien versetzt wurde. Dort bestand ich meine A/B-Prüfung; ich hatte die verschiedensten ein- und zweimotorigen Flugzeugtypen geflogen, hatte mehrere Tausend Kilometer Überlandflug hinter mir und die Kunstflugprüfung bestens bestanden. Und jetzt, mit dem Flugzeugführerabzeichen an der Brust, erhielt ich zum zweiten Mal in meiner Soldatenzeit Urlaub – ich sollte auf die Abberufung zu einer Jagdschule warten. Ein Telegramm rief mich bereits nach acht Tagen von zu Hause (die Eltern wohnten jetzt in Plöhnen, dem polnischen Plonsk) zur Jagdvorschule nach Eschborn bei Frankfurt am Main. Hier wurde wieder gedrillt, aber in der Luft – mit schnellen und starken Maschinen. Es war fliegerisch eine schöne Zeit, auch wenn ich dabei beim Luft-Boden-Schießen mit einer He 51 Bodenberührung bekam (zu spät abgefangen) und die Maschine explodierte. Ich wachte nach zwei Tagen im Luftwaffenlazarett auf. Wegen fahrlässiger Flugzeugbeschädigung und Vergehen gegen die fliegerische Zucht und Ordnung (der bei uns Flugzeugführern berüchtigte §92) wurde ich vor das Feldgericht in Wiesbaden gestellt, für schuldig befunden und zu drei Monaten Wehrmachtsgefängnis verurteilt. Mein Schulleiter legte Widerspruch ein – mit Erfolg. Von Berlin wurde das Urteil auf sechs Wochen Haft herabgesetzt, die ich im „Bau“ des Fliegerhorstes Sandhofen absitzen musste. Ich könnte davon seitenlang berichten, doch schließlich ging auch diese Episode vorbei und ich flog weiter.
Im Dezember 1943 kam ich zur 2. Staffel des Jagdgeschwaders 106 nach Laachen-Speyerdorf bei Neustadt an der Weinstraße. Dieses war die endgültige Jagdschule, wo für mich endlich das lang ersehnte Ziel Wahrheit wurde, die Me 109 fliegen und beherrschen zu lernen. Es wurde Juni 1944 bis unsere Crew für gut befunden wurde und wir zum Einsatz kamen. Wer wie ich zu einer Fronteinheit versetzt wurde, war durch mehrere Rüttelsiebe gefallen.
Ich kam an die Ostfront – damals befanden sich die deutschen Truppen schon längst auf dem Rückzug. In Lida wurde ich gefragt, ob ich mich trauen würde, eine beschädigte 109 in die Werft nach Warschau zu fliegen. Natürlich konnte ich das. Doch ich kam dort nie an. Auf dem Flug dahin bekam mein Motor Ölleitungsbruch. Aus 2000 m Höhe traute ich mir eine Bauchlandung inmitten einer Kuhherde zu. Danach ging es weiter zurück, wir wurden an die Memel geworfen und dort, wo ich vor drei Jahren als junger Forstanwärter nicht früh genug Soldat werden konnte, flog ich im August 1944 meine ersten Einsätze. Schließlich lagen wir auf dem Flugplatz der Festung Modlin von Anfang September bis zum Beginn der sowjetischen Offensive am Morgen des 16. Januar 1945. Ich flog verschiedene Einsätze, habe meines Erachtens auch zwei gegnerische Flugzeuge abschießen können, die allerdings nicht anerkannt wurden, da ich nicht zwei Zeugen beibringen konnte. Ich selbst wurde östlich von Nasielsk im Luftkampf abgeschossen und rettete mich wieder mit einer Bauchlandung. Der Rückzug ging weiter über Graudenz nach Danzig. Von dort flog ich vermehrt Einsätze, jetzt auch als Jagdbomber mit einer 250-Kilogramm-, einmal sogar mit einer 500-Kilogramm-Bombe unter dem Bauch hängend. Ich war inzwischen Unteroffizier geworden. In Danzig besuchte mich Vati und verabschiedete sich, da er sich mit mehreren Kameraden über die Frische Nehrung zur Verteidigung Königsbergs durchschlagen wollte. Jahre später erfuhren wir, dass sie es auch geschafft haben, doch dann verliert sich Vatis Spur in den Pregelsümpfen westlich von Königsberg. Alle weiteren Nachforschungen waren bis zum heutigen Tag ergebnislos.

Unteroffizier Viktor Kittel als Jagdflieger in Danzig-Langfuhr vor seiner Messerschmitt 109 (Frühjahr 1945).
Zwei Tage, nachdem sich Vati von mir verabschiedet hatte, holte ich Mutti mit unseren drei Kleinen und sechs weiteren Personen zu uns in die Kaserne. In Pommern, wohin man sie evakuiert hatte, war der Russe durchgebrochen und sie konnten nur noch ostwärts fliehen. Sie gelangten bis zu einem Feldflugplatz bei Gotenhafen (Gdingen), von wo ich sie nach Danzig-Langfuhr holte. Mit Hilfe meines Kommandeurs, Major Lange, gelang es mir, meine Familienangehörigen aus dem Danziger Kessel heraus zu bringen. Wir schrieben bereits den Monat März und der Ring der Russen um Danzig wurde immer enger. Ich weiß nicht mehr, an welchem Tag es war, auf jeden Fall noch vor meinem Geburtstag am 21. März, als ich die Meldung bekam, dass die im Raum Danzig noch vorhandene Fliegerdivision in der folgenden Nacht über See ins Reich verlegen würde und dass sie Plätze für meine Mutter und Geschwister hätten.
Wir selbst konnten zum Schluss nicht mehr fliegen, da die Sowjets von den Höhen über Oliva uns mit Pak und Granatwerfer direkt beschossen, sobald wir nur versuchten, unsere Me 109 zu starten. Versuche verliefen tödlich. Schließlich kam der Befehl, dass wir Flugzeugführer unter Führung von Major Lange nach Berlin kommen sollten. Eines Nachts, etwa um den 23. März, fuhren wir auf dem Nachtjagdleitschiff „Togo“ aus Neufahrwasser ab. Unbeschreiblich war die Szenerie auf den Kaianlagen von Neufahrwasser, wo Abertausende von Flüchtlingen mit ihrem Hab und Gut lagerten, standen und sich drängten, um einen Platz auf einem der immer wieder anlegenden Schiffe zu ergattern. Nicht nur, dass dabei auch Frauen oder Kinder über die Kais ins eiskalte Wasser stürzten, nein – außerdem schossen auch sowjetische Tiefflieger in die Massen. Es war ein entsetzliches Inferno. Die „Togo“ selbst war ebenfalls überfüllt mit Flüchtlingen. Wir suchten uns irgendeine Ecke, wo wir uns mit unserem Fliegersack hinkauerten. Vorsichtshalber legten wir uns unsere aufblasbaren Schwimmwesten an. Das Schicksal der „Wilhelm Gustloff“, die nach ihrer Torpedierung eines Nachts, Ende Januar über 9.000 Menschen mit in die Tiefe riss, war uns damals schon bekannt. Von immer neuem U-Boot-Alarm munter gehalten, fuhren wir ungefähr 36 Stunden im Zick-Zack durch die Ostsee, lagen mehrere Stunden vor Swinemünde, um dann endgültig nach Kiel zu fahren.
Am 16. April startete der Russe die erwartete Offensive über die Oder. Während wir laufend Einsätze gegen eine Übermacht an feindlichen Flugzeugen flogen, konnte er am Boden nicht aufgehalten werden. Mittags bereits ging unsere Artillerie auf unserem Flugplatz in Stellung. Nun mussten auch wir weiter zurück und lagen zum Schluss auf einem Feldflugplatz namens Redlin. Von dort flogen wir noch Einsätze bis in den Raum Stettin. Kurz nach dem 20. April bekam ich den Auftrag, als Vorkommando nach Flensburg zu fliegen. Ich sollte vier nicht einsatzfähige FW 190 sicher nach Flensburg geleiten, deren Piloten noch keinen Einsatz geflogen hatten. Mit einigen Widrigkeiten konnten wir alle fünf heil in Flensburg-Weiche landen. Zwei oder drei Tage später kam die ganze „Walhalla“ nach.
Hier in Flensburg erlebten wir dann auch das Ende des Krieges. Am Tage der Kapitulation, am 8. Mai 1945, waren wir noch unter uns. Das bedeutete, dass wir morgens um 8 Uhr noch einmal antraten. Der Jafü (Jagdführer) Nord, Oberst Karlfried Nordmann, der einige Zeit auch Kommodore unseres Geschwaders war, hielt die letzte Ansprache. Die ersten englischen Truppen kamen erst eine Woche nach dem Waffenstillstand. Wir galten nicht als Gefangene, sondern erhielten in unsere Soldbücher den Eintrag „Frozen Personal“, d.h. dass wir auf den Stand des Kapitulationstages „eingefroren“ und von der Unterbringung in einem Gefangenenlager oder den Internierungsbereichen G (wie Geest) oder F (wie Fehmarn) freigestellt waren. Es wurde aus uns eine besondere Einheit gebildet: die „No. 2 Squadron 8302, German Air Force Disarmement Wing Royal Air Force“. Auf deutsch: Deutsche Luftwaffen-Abrüstungs Einheit. Unser deutscher Chef, Major Lange, blieb unser Kommodore und über ihn wurde ein englischer Offizier gestellt. Wir, die wir bei dieser Einheit blieben, waren überwiegend in den verlorenen Ostgebieten beheimatet. Wir hatten bereits im Sommer 1945 Suchkarten an den Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes senden können, wussten aber Ende des Jahres noch nicht, ob und wohin unsere Angehörigen flüchten konnten. All diejenigen unter uns, die in den westlichen Landesteilen unseres Restdeutschlands beheimatet waren, wurden entlassen. Allen voran gingen die Österreicher, die auf einmal zu einem neutralen Staat gehörten, der durch „Nazideutschland“ zwangsweise einkassiert worden war.
Wir waren keine Kriegsgefangenen und konnten uns frei bewegen. Unsere Aufgabe war die Abrüstung der aus Dänemark zurückkehrenden deutschen Truppen. Sie mussten hier nicht nur ihre Waffen, sondern auch sämtliches weitere militärische Material wie Fahrzeuge, fahrende Werkstätten usw. abgeben. All das wurde auf dem Flugplatzgelände abgestellt, das schließlich vollgestopft damit war. Unsere Aufgabe war, das Zeug zu sortieren und wichtiges Beutegut für England versandfertig zu machen. Wir selbst sahen unsere Hauptbeschäftigung darin, soviel wie möglich an Fahrzeugen und Material hinaus zu schmuggeln und zu verhökern – wir nannten es „Hermanns Erbe verkaufen“ (mit Hermann ist Hermann Göring gemeint). Da wollte zum Beispiel jemand in Flensburg ein Taxiunternehmen aufbauen und wir lieferten die Pkws. Jemand anders hatte ein Fuhrgeschäft im Sinn, wir lieferten die Lkws und Zugmaschinen. Bauern brauchten Ersatzreifen oder Material zum Dachdecken – alles konnten wir liefern. Jeder von uns hatte bereits einen Wagen. Ich hatte mir für meinen Bedarf einen 1,5-Tonner Opel-Blitz-Lkw angeeignet. Und kaum zu glauben – wir erhielten von der englischen Einheit auch ein Permit für die Windschutzscheibe, so dass wir mit diesen Autos nicht nur vom Platz runterfahren konnten, sondern auch weit über Land. Alles in allem genossen wir den Frieden. Der Sommer war ein einziges feiern. Es wurden Unmengen von Fleisch gebraten, Kühe und Schafe gab es in der Umgebung ausreichend und billig. Schnaps brannten wir selbst, zum Beispiel aus Enteisungsflüssigkeit, die wir aus den abgestellten Maschinen (Ju 52, Ju 88 und He 111) entnommen hatten.
Wir behielten vorerst auch unsere Uniformen mit Rangabzeichen und Auszeichnungen. Vorübergehend erhielten wir im Sommer 1945 zum eigenen Schutz gegen befreite und jetzt plündernd umherziehende russische Kriegsgefangene sogar Waffen ausgehändigt – Offiziere eine Pistole mit 6 Schuss Munition, Unteroffiziere einen Karabiner mit ebenfalls 6 Schuss Munition. Vor der Verlegung nach Kiel im Oktober 1945 wurden diese Waffen wieder abgegeben. Ende Oktober oder Anfang November 1945 erhielten wir dann eine neue Uniform. Sie war aus deutschem grünen Wehrmachtstuch geschneidert und ähnelte dem englischen „Battledress“.
Die gesamte Einheit verlegte Ende des Jahres nach Kiel-Holtenau, wo wir in einem Barackenlager untergebracht wurden. Wir hatten all unsere Fahrzeuge mit, hatten unsere eigene Küche und arbeiteten wieder auf dem Fliegerhorst in Kiel-Holtenau. Wir hatten die Aufgabe, alles deutsche Luftwaffenmaterial zu sortieren und zu katalogisieren. Ich selbst wurde zu einem Elektriker und baute elektrische Geräte und Instrumente aus deutschen Flugzeugen aus, die für die Verschrottung vorgesehen waren. Es gab auch ähnliche Einheiten der Marine, die u.a. Torpedos in der Ostsee versenken mussten. Im Laufe der Zeit fanden auch immer mehr Kameraden ihre Familien und meldeten sich zur Entlassung. Oder sie heirateten – wie unser einstiger Kommodore, Major Lange, der sich entlassen ließ und ein Jurastudium begann.
Anfang April 1946 erhielt auch ich vom Suchdienst des Roten Kreuzes die Nachricht, dass ich von Mutti gesucht werde. Sie lebte in einem Dorf in der Lüneburger Heide. Mit dieser Nachricht ging ich sofort zu unserem britischen Chef. Da ich seit Anfang Dezember Hilfskoch in der englischen Sergantenmesse war und auch für die Verpflegungszuteilung der englischen Offiziersmesse zuständig war, kannte ich ihn gut. Aufgrund dieser Beziehung organisierte er sofort eine Möglichkeit, dass ich nach Mutti sehen konnte. Ich bekam einen Fahrbefehl für einen 8-Tonner-Lkw, mit dem ich drei Flugzeugmotoren zum Flugplatz Faßberg in der Lüneburger Heide bringen sollte. Eine große Kiste mit Verpflegung aus englischen Beständen – Weißbrot und Büchsen unterschiedlichsten Inhalts – sowie eine weitere Kiste mit Wehrmachtsuniformteilen und Bettwäsche nahm ich auch mit. Aus dieser blau karierten Bettwäsche konnte allerlei, wie zum Beispiel Röcke, Blusen oder Hemden, geschneidert werden. Am Montag, den 11. Februar 1946 fuhr ich los. Ein Freund, Feldwebel Stutz, begleitete mich. Er sollte, wenn wir Mutti gefunden hatten, mit den Motoren alleine weiter nach Faßberg fahren und mich auf dem Rückweg wieder abholen. Es war nicht einfach, das Dorf zu finden und mit dem schweren Fahrzeug über die damaligen Dorfstraßen auch dorthin zu kommen. Doch nach einigem Hin und Her schafften wir es. Ich fragte einen Landarbeiter, den ich sah, nach Flüchtlingen und ob ihm vielleicht der Name Kittel bekannt sei. Er rief mir zu: „Einen Augenblick“ und verschwand in einem Stallgebäude. Kurz danach kam eine weibliche Gestalt heraus, ein Kopftuch über den blonden Harren, eine Arbeitschürze umgebunden und Klumpen an den Füßen. Sie war gerade im Schweinestall beim Ausmisten. Wir schauten uns beide sprachlos an und dann rief, nein schrie, meine Schwester Ellen: „Viktor, bist Du es wirklich?“. Mutti war mit Ellen, Karin und Peter auf dem Nachbarhof der Bäuerin Buhr untergekommen. Während Ellen beim Bauern Heinrich Meier arbeitete, wo ich sie gefunden hatte, ging Karin in das benachbarte Vastorf in die dortige Volksschule. Peter war noch nicht schulpflichtig. Jetzt gab es kein Halten mehr, wir fuhren auf den Buhrschen Hof und ich konnte Mutti begrüßen, der Ellen schon mein Erscheinen mitgeteilt hatte.
War das eine Freude! Und auch die Familie Buhr nahm regen Anteil. Sie schickten aus Anlass meines Auftauchens eine große Schüssel Bratkartoffeln zu uns 'rauf. Der Hofbesitzer war im Krieg gefallen und so bestand die Familie nur aus Frau Buhr mit drei Kindern. Die Landwirtschaft wurde von einem alten Onkel versehen. Mutti war nach einer langen Fluchtodyssee in Volkstorf bei Lüneburg hängengeblieben und hatte sich, den Umständen entsprechend, eingelebt. Sie wurde bereits von den alteingesessenen Einwohnern nicht nur geduldet, sondern auch anerkannt und man versuchte, ihr zu helfen, weil sie sich anpasste. Sie ging zur Arbeit mit auf die Felder der Bauern und sie schneiderte auch hier und dort, wo sie gerufen wurde.

Edith Kittel, geb. Kurschus, als Nachrichtenhelferin 1944.
Mein Freund holte mich nach acht Tagen ab und wir fuhren nach Kiel zurück. Kaum dort angekommen, erhielt ich eine weitere Karte vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes: Edith Kurschus meldete sich. Sie hatte mich schon in Flensburg vergeblich gesucht und befand sich ebenfalls in Schleswig-Holstein und zwar in Görnitz bei Plön, wo sich die Nachrichteneinheit aufgelöst hatte, mit der sie als Nachrichtenhelferin des Heeres bis dahin gekommen war.
Wir hatten uns ja bereits 1939 kennen gelernt und hatten, wie schon geschildert, bis zum Zusammenbruch in Kontakt gestanden. Ich weiß nicht, was es damals war: Schwärmerei oder Jugendliebe? Auf jeden Fall fuhr ich jetzt sofort nach Görnitz, um nach „meiner Kuschi“ zu sehen. Sie hatte bei einer fremden Frau Unterschlupf gefunden. Ihre Eltern waren als Flüchtlinge in einem Dorf in Sachsen gelandet, Kuschi hatte sie dort bereits einmal besucht. Als wir uns jetzt wiedersahen, war es wie die berühmte Liebe auf den ersten Blick, es machte „Klick“ und wir wussten, dass wir zusammen bleiben wollten. Unsere Verlobung wurde am 21. April 1946 in Volkstorf gefeiert. Mutti hatte mit Hilfe der Nachbarn für eine schöne Feier gesorgt. Die Hochzeit wurde auf Weihnachten des gleichen Jahres festgesetzt.
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„Wir sind heimgekehrt“.