Seit Herbst 1944 ist Nemmersdorf das berühmteste Beispiel für die Kriegsverbrechen der Roten Armee in Ostpreußen. Bernhard Fisch zeigt, wie tatsächliche Gräueltaten zu wahren Gräuelmärchen wurden.
Das kleine Dorf Nemmersdorf wurde im Herbst 1944 durch einen zurückgeschlagenen Vorstoß der sowjetischen Truppen bekannt und gilt seitdem als Symbol für die Kriegsverbrechen der Roten Armee. Dabei spricht einiges dafür, dass es sich hier um einen von der Nazi-Propaganda etablierten Mythos handelt. In seinem Buch zeigt Bernhard Fisch, wie die unleugbaren Morde in Nemmersdorf von Goebbels benutzt wurden, um eine Atmosphäre der allgemeinen Bedrohung zu erzeugen und dadurch die „Heimatfront“ zu stärken: „Der Wunsch nach dem Ende des Schreckens (...) schien inzwischen größer geworden zu sein als die Furcht vor dem Feinde. Gemäß dieser Logik (...) musste die Angst vor dem Feinde forciert werden. Nur wer sich massiv existentiell bedroht fühlte (...) mobilisierte den letzten Widerstand. Der ‘Führer’ war weit und Deutschland ein Abstraktum. Konkretes, nachvollziehbares Leid berührte viel stärker und stärkte den Zorn.“ (S. 143).
Sein Fortbestehen in der Nachkriegszeit verdankt der Mythos Nemmersdorf einer Reihe von Umständen. Die von den West-Alliierten angeklagten deutschen Kriegsverbrecher suchten ihre Schuld durch den Hinweis auf echte oder vermeintliche Verbrechen der Sowjets zu relativieren, die damals noch Verbündete der Ankläger waren. Später begünstigte die Atmosphäre des Kalten Krieges das unkritische Festhalten an der von der Goebels-Propaganda aufgestellten Version der Ereignisse – sie lieferte ja Argumente gegen den Gegner im Osten. Viele Funktionäre der Vertriebenenverbände sahen in dem „Fall Nemmersdorf“ ein nützliches Mittel, um ihre Thesen und Forderungen zu unterstützen. So wurde ohne Maß übertrieben, phantasiert oder gar absichtlich gelogen – mit dem Tod von knapp drei Dutzend Zivilisten wurde Politik gemacht. Kein Wunder, dass lange Zeit die Bereitschaft und Motivation fehlten, sich mit den Ereignissen von Nemmersdorf kritisch auseinander zu setzen.
Bernhard Fisch gelang es, neue, bisher nicht befragte Zeugen zu finden. Dadurch konnte er die Übertreibungen der Nazi-Propaganda entlarven, Zweifelhaftes und Widersprüchliches aus den älteren Augenzeugenberichten herausfiltern und so den in Nemmersdorf begangenen Kriegsverbrechen die richtigen Dimensionen zurückgeben. Vieles wurde von den Zeugen aus anderen Quellen erst nach Kriegsende in die „eigene“ Erinnerung übernommen, stellt der Autor fest. Auch die Umstände, unter welchen die Aussagen gemacht worden waren, und die persönliche Einstellung der Zeugen zu den Ereignissen und zum NS-Regime blieben nicht ohne Bedeutung für den Wahrheitsgehalt der einzelnen Berichte.
Darüber hinaus enthält das Buch eine genaue Rekonstruktion der Kampfhandlungen im Raum Gumbinnen, die auf deutschen und sowjetischen Quellen basiert, und ein aufschlussreiches Kapitel, das dem Umgang mit den sowjetischen Kriegsverbrechen in der DDR und der UdSSR gewidmet ist. Ein umfangreiches Karten- und Bildmaterial, sowie lückenlose Quellen- und Literaturangaben ergänzen dieses interessante Buch.
Bernhard Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944. Was in Ostpreußen tatsächlich geschah. Mit einem Nachwort von Ralph Giordano und einem Vorwort von Wolfgang Wünsche. Berlin: edition ost 1997. ISBN 3-932180-26-7, 192 Seiten, 14,80 DM.