Jugendzeit in Ostpreußen - Plebiszit 1920

Volksabstimmung 1920

Das Plebiszit von 1920 im südlichen Ostpreußen gehört nach wie vor zu den Ereignissen, die in der deutschen und polnischen Geschichtsschreibung vollkommen unterschiedlich beschrieben und bewertet werden. Der polnische Historiker Robert Kempa hat diese unterschiedlichen Sichtweisen am Beispiel des masurischen Kreises Lötzen erklärt.

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„In der deutschen Erinnerungsliteratur kann man vor allem von der Politik der polnischen Regierung lesen, die ihre Interessen mit Mitteln der Korruption durchzusetzen versuchte und diese von auswärtigen Agitatoren nichtmasurischer Abstammung realisieren ließ. Die polnische Literatur erwähnt hingegen in erster Linie den allgegenwärtigen deutschen Terror, die entscheidende Rolle der deutschen Verwaltung und die einseitige, antipolnische Einstellung des Interalliierten Rates“, schreibt Kempa. Solche Differenzen seien ein eindeutiges Indiz dafür, dass das Thema nach wie vor national belastet sei und auch noch nach über 80 Jahren nicht immer emotionsfrei diskutiert werden könne. Umso wichtiger sei es, sich endlich um eine objektive Sichtweise zu bemühen und, wo nötig, die einst unter Einfluss der aktuellen politischen Ereignisse und akuter nationaler Interessen abgesteckten Wege zu verlassen – auf beiden Seiten der „Barrikade“.

„Polnisch ist der Masure nur der Sprache nach“

Die polnischen Wünsche bezüglich Ostpreußen gingen bei den Friedensverhandlungen von Versailles sehr weit: Die Provinz sollte von Deutschland abgetrennt werden, die späteren Abstimmungsgebiete sollten dem polnischen und das Memelgebiet dem litauischen Staat einverleibt werden; den Rest hätte man gerne als eine vom Deutschen Reich unabhängige Republik unter dem Schutz des Völkerbundes gesehen. Kennzeichnend ist dabei, dass diese Vorschläge sehr weit von einer ethnischen Lösung der Grenzfragen entfernt waren, was auch von der polnischen Seite offen zugegeben und durch strategische Notwendigkeiten gerechtfertigt wurde. Nur so, glaubte man damals, konnten für Polen eine militärisch sichere Grenze, sowie ein breiter und sicherer Zugang zum Meer geschaffen werden – der letztere galt als eine unabdingbare ökonomische Voraussetzung für den Wiederaufbau und die Existenz des polnischen Staates. Ethnische Gesichtspunkte – etwa die polnische Abstammung der masurischen Landbevölkerung und ihre Sprache, die ein Dialekt des Polnischen war – spielten dabei nur eine sekundäre Rolle. Das wird vor allem den polnischen Leser wundern, der jahrzehntelang an den Mythos der „wiedergewonnenen Gebiete“ gewöhnt wurde und fast ausschließlich solche Argumente zu hören bekam.

Das tatsächliche nationale Bewusstsein der Masuren wurde auf polnischer Seite häufig in unbegründet optimistischer Weise vollkommen falsch eingeschätzt. Man übersah die Tatsache, dass die Masuren sich „zumeist nicht als Polen betrachten und die Trennung zwischen 'polnisch' und 'masurisch' in der deutschen Statistik kein Germanisierungsmittel 'von hintenrum' ist, sondern vielmehr dem wirklichen nationalen Bewusstsein dieser Bevölkerung entspricht“ (W. Wakar, 1914). Ein anderes Zitat macht das noch deutlicher: „Polnisch ist der Masure leider nur der Sprache nach. Nationale Aufklärung fehlt ihm, er zählt vielmehr zu den treusten Untertanen des preußischen Königs. Es ist auch kein Wunder: Jahrhunderte lang lebte er für sich allein gelassen, ohne eigene Intelligenz, und das Polnische kannte er nur von denjenigen seinen Repräsentanten, die er bei sich daheim zu sehen bekam – d.h. den armen Saisonarbeitern und dem jüdischen Krämer aus der Gegend von Mlawa, Grajewo usw. Er hält dieses Polnische für minderwertig, das Deutsche hingegen ist für ihn mit Kultur gleichbedeutend.“ (S. Zielinski, 1918).

Aus diesen Gründen setzte die polnische Seite zunächst nicht auf den Willen der betroffenen Bevölkerung, sondern auf eine politische Lösung „von oben“. Man erwartete, dass die Entscheidungen der Alliierten bei der Friedenskonferenz von Versailles dank der französischen Unterstützung günstig für Polen ausfallen würden. So gesehen war die gefällte Entscheidung, im südlichen Teil von Ostpreußen ein Plebiszit durchzuführen, nicht eine „Ohrfeige“ für das besiegte Deutschland, sondern eine Niederlage für das neu gegründete Polen.

Die Entscheidung der Alliierten für eine Volksabstimmung war aber keineswegs von dem Willen getragen, das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu achten. Sie stellte vielmehr einen politischen Kompromiss dar. Nach dem Ersten Weltkrieg war Europa zum Schauplatz eines britisch-französischen Kräftemessens geworden, bei dem die eine Seite Deutschland möglichst stark schwächen wollte, die andere dagegen auf gleichmäßige Kräfteverteilung in Mitteleuropa pochte. Man war sich schon damals dessen bewusst, dass das Plebiszit eine Entscheidung zugunsten Deutschlands war – der Ausgang der Abstimmung war angesichts der geschilderten Zustände leicht vorhersehbar.

Schlechte Plebiszit-Vorbereitung auf polnischer Seite

Erst im November 1919 wurde in Warschau das Masurische Abstimmungskomitee gebildet und erst nach der Ratifizierung des Versailler Vertrags und der Ankunft des Interalliierten Rates siedelte es ins Abstimmungsgebiet über – ein großer Nachteil gegenüber der deutschen Seite, die bereits vor Ort war. Später wurde von polnischer Seite oft bemängelt, dass an der Abstimmung auch Personen teilnehmen durften, die nicht mehr im Abstimmungsgebiet wohnten, dort aber geboren wurden. Nach Kempa soll diese Regelung jedoch von der polnischer Regierung vorgeschlagen worden sein, was ein gravierender Fehler war und von der Unkenntnis der örtlichen Verhältnisse zeugte. Die Vorbereitungen der polnisch gesinnten Masuren zum Plebiszit waren nur mäßig. Es mangelte an geeigneten Agitatoren, weshalb die Agitation zum großen Teil von zugewanderten Polen aus anderen Gebieten der preußischen Monarchie, vor allem aus Großpolen, übernommen wurden, die sich erst zu Beginn des 20. Jh. im Abstimmungsgebiet niedergelassen hatten. Sie wurden von Freiwilligen aus Polen unterstützt, die aber nur selten über gute Kenntnisse des masurischen Volkes verfügten und von den Deutschen oft als Agenten und Spione diffamiert wurden. Hinzu kam noch, dass die meisten Agitatoren sich zur katholischen Konfession bekannten, was der Verständigung mit den evangelischen Masuren nicht unbedingt dienlich war.

Bis zur Ankunft des Interalliierten Rates im Februar 1920 wurde keine ernsthafte propolnische Agitation in nennenswertem Umfang betrieben. Es gelang in dieser Zeit nicht, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Die polnische Diplomatie versuchte erfolglos, den Termin für die Abstimmung um zwei Jahre zu vertagen. Die notwendigen finanziellen Mittel konnten nicht gesichert werden. Es gelang nicht, je einen Pressetitel pro Kreis zu erwerben oder auch nur die Auflage der bereits vorhandenen polnischsprachigen Zeitschriften „Gazeta Olsztyńska“ und „Mazur“ zu erhöhen und ihr Einflussgebiet zu erweitern. Doch nicht allein diese Fehler waren die Ursache des plebiszitären Misserfolgs. Die deutschen Maßnahmen müssen hier ebenfalls berücksichtigt werden.

Volksabstimmung als gesamtdeutsche Angelegenheit

Auf deutscher Seite war man darauf bedacht, alle wesentlichen Vorbereitungen noch vor der Ankunft des Interalliierten Rates zu treffen, als noch alle der deutschen Staatsgewalt und dem Verwaltungsapparat zur Verfügung stehenden Mittel uneingeschränkt und ohne fremde Kontrolle eingesetzt werden konnten. Auf diese Weise wurde eine Basis geschaffen, die nach der Ankunft des Alliierten Rates (und der vorgesehenen, letztendlich jedoch nicht durchgeführten Aufhebung der deutschen Verwaltung im Abstimmungsgebiet) die Übername der Agitationsarbeit durch nichtstaatliche Organisationen ermöglichte. Das Plebiszit erklärte man zu einer gesamtdeutschen und parteiübergreifenden Angelegenheit – nach der Demütigung von Versailles sollte diese „friedliche“ Schlacht die deutsche Fähigkeit zum Widerstand demonstrieren.

In diesem Zusammenhang sind die günstigen Kredite für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Gehöfte masurischer Bauern zu sehen, wie auch die offenkundige wirtschaftliche Diskriminierung derjenigen Unternehmer, die sich in der Öffentlichkeit zu ihren polnischen Sympathien bekannten, bei gleichzeitiger Förderung der „deutschen“ Firmen, z.B. durch besondere Großzügigkeit bei der Erteilung von Baugenehmigungen und verschiedenartigen Konzessionen. Diese Praktiken erwiesen sich als sehr effizient, besonders in den wirtschaftlich ohnehin schwach entwickelten masurischen Kreisen.

Auch das Personal für die Abstimmungskampagne stand in ausreichender Menge zur Verfügung – dazu gehörten zum einen Freiwillige, die für diese Zwecke beurlaubt wurden, und zum anderen die örtliche Beamtenschaft. Es bestanden auch kaum Schwierigkeiten, die finanziellen Mittel für diese Aktion zu beschaffen. Erfolgreich blockierte man durch Scheinkäufer den Erwerb von Gebäuden, Druckereien und Pressetiteln für die Zwecke der polnischen Abstimmungsaktion. Lawinenartig wurden verschiedene paramilitärische Organisationen gegründet (Schutzbund, Bürgerwehr, Jugendwehr, Heimatschutz), die u.a. die Mitglieder der demobilisierten Reichswehr- und Grenzschutzformationen aufgenommen haben. Sie waren mit Handwaffen, teilweise auch mit Artillerie ausgestattet. Ein weiteres Element der psychologischen Druckausübung, oft aber auch brutaler Agitation, waren die seit Herbst 1919 nach Ostpreußen zurückgezogenen Freikorps aus dem Baltikum, die größtenteils ins Abstimmungsgebiet verlegten.

Neben organisatorischen Maßnahmen spielte auch die Mobilisierung der lokalen Gesellschaft eine enorme Rolle. Um die Agitationsarbeit nach Ankunft der Alliierten an eine nichtstaatliche Organisation übergeben zu können, gründete man bereits im März 1919 den Ostdeutschen Heimatdienst, der innerhalb einer kurzen Zeit 144.000 Mitglieder zählte und den staatlichen Verwaltungseinheiten nachgebildete Strukturen auf Kreis-, Gemeinde- und Ortsebene aufbauen konnte (so hatte der Heimatbund im Kreis Lötzen beispielsweise in jeder der 116 Gemeinden einen Vertrauensmann). Im Juli 1919 wurde der Masuren- und Ermländerbund aus der Taufe gehoben, der schon im Herbst über 1.000 lokale Heimatvereine mit mehr als 200.000 Mitgliedern umfasste. Mit der Ankunft des Interalliierten Rates im Februar 1920 waren die deutschen Vorbereitungen praktisch abgeschlossen und man konnte optimistisch in die Zukunft blicken. Dies bezeugen auch polnische Berichte, in denen die Kreise Lötzen, Oletzko, Lyck und Johannisburg als Kreise bezeichnet wurden, in denen keine Aussichten auf Erfolg bestanden.

Das Finale

Den polnischen Hoffnungen entgegen wendete sich die Situation nach Ankunft der Alliierten kaum zum Besseren. Trotz einer entsprechenden Vertragsbestimmung ließen die Alliierten davon ab, die vorgesehene Entmachtung der deutschen Verwaltung durchzusetzen, so dass sämtliche Behörden und die Polizei vor Ort blieben. Lediglich Reichswehr- und Grenzschutzeinheiten mussten das Abstimmungsgebiet verlassen, was aus polnischer Sicht eher eine Verschlechterung der Lage bedeutete – an die Stelle dieser Einheiten traten nämlich die aggressiveren und weniger disziplinierten paramilitärischen Organisationen. Vielerorts kam es zu Angriffen auf polnische Agitatoren und Versammlungen, so zum Beispiel in Lötzen am 17. April 1920. Aus der Perspektive des masurischen Bauers änderte sich kaum etwas – der Landrat, der Gerichtsrat und der Gendarm, alle waren nach wie vor vor Ort. Wegen Personalmangel und wohl auch aus fehlendem Interesse konnten die Alliierten die Aufgaben der deutschen Verwaltung nicht übernehmen und beschränkten sich auf deren Kontrolle. Die eingetroffenen britischen und italienischen Militäreinheiten stellten keine reale Macht dar, die imstande gewesen wäre, für Ordnung und Sicherheit zu sorgen. Angesichts dieser Situation hielten sich selbst die – ohnehin nicht zahlreichen – polnisch gesinnten Masuren mit ihren propolnischen Sympathien immer mehr zurück. Daran vermochte auch die am 10. März 1920 verordnete Entwaffnung der Einwohnerwehr nichts mehr zu ändern.

Die letzten Wochen vor der Abstimmung brachten eine weitere Verschlechterung der Atmosphäre auf der polnischen Seite. Die aus der Posener Gegend vor dem ersten Weltkrieg zugewanderten Familien, die sich besonders für die polnische Abstimmungsaktion engagiert hatten, verkauften ihre Höfe und Güter und begannen mit den Vorbereitungen zur Ausreise. Hinzu kamen die von der deutschen Presse besonders ausführlich beschriebenen polnischen Niederlagen im Krieg mit der Sowjetunion. Auch die großen Massen der abstimmungsberechtigten Auswanderer aus dem Reich, die in diesen letzten Wochen und Tagen wieder in die Heimat reisten, um am Plebiszit teilzunehmen, verschlechterten die polnischen Aussichten. Allein am 17. Juli gingen in der Hafenstadt Pillau 13.500 Abstimmungsberechtigte an Land. Fast jede Familie im Kreis Lötzen nahm angereiste Verwandte oder Bekannte auf.

Die Abstimmung selbst verlief im Kreis Lötzen ohne Zwischenfälle in der Atmosphäre eines Volksfestes. Die Ergebnisse waren eindeutig: 29.378 Stimmen für „Ostpreußen“ und lediglich neun für Polen bei 14 ungültigen Stimmen.

Darstellung nach: Robert Kempa, Plebiscyt 1920 r. w północno-wschodniej części Mazur (na przykładzie powiatu giżyckiego). In: Masovia. Pismo poświęcone dziejom Mazur, Bd. 4/2001, Giżycko [Lötzen] 2001, S. 149-157.

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