Jugendzeit in Ostpreußen

Der Schimmelreiter

Aufzeichnungen von Waltraud Binna


Weit muss ich zurückgreifen in die Zeit meiner Kindheit in meiner ostpreußischen Heimat. Im Winter war es damals noch bitterkalt und es lag viel Schnee. In den dunklen Tagen, wenn sich das Weihnachtsfest näherte, kam der Schimmelreiter mit seinem Gefolge. Bei uns Kindern war es immer Furcht und Erwartung. Die große Küche im Elternhaus wurde für diesen Zweck fast leer geräumt. Nun will ich mal beschreiben, wie das so vor sich ging. Hinter der Gestalt des Schimmelreiters verbarg sich der stärkste der jungen Männer – warum, wird später ersichtlich. Er hatte vor und hinter sich Körbe um den Leib geschnallt, welche mit weißen Leinen verhüllt waren. Irgendwie war daran ein Pferdekopf aus Holz befestigt mit Pferdemähne und hinten einem Schweif. Zu seinem Gefolge gehörten zwei Musikanten, Ziehharmonika und Teufelsgeige. Ein Weihnachtsmann, der Knecht Ruprecht, der immer flink mit der Rute war. Ein Bettelweib mit Kind (Puppe), ein Storch, ein Engel, ein Teufel, manchmal auch ein Bär, sofern man ein Fell auftreiben konnte. – Je nachdem, wie viel junge Männer mit dabei waren. Diese Meute stürmte mit Musik und wildem Geschrei in die Küche.

Zuerst wurde ein Weihnachtslied gesungen. Wir Kinder mussten ein Gedicht aufsagen, was wir auch stotternd vor Angst taten, obwohl uns die Schuhe vom Ruprecht so stark an die Schuhe von Onkel Rudi, Vaters jüngsten Bruder, erinnerten. Der Weihnachtsmann blätterte dann nachdenklich in seinem Buch, , je nach Verdienst gab es dann Süßigkeiten, Äpfel, Nüsse und Marzipan. Manchmal auch mit der Rute. Nun streckte das Bettelweib der Mutter den leeren Korb entgegen. Es gab Gebäck, Süßigkeiten und etwas Geld. Nun wurde ein Tisch hineingebracht. Der Schimmelreiter musste über den Tisch springen, was keine leichte Sache war. Erst dann rückte mein Vater eine Flasche Bärenfang heraus. Ein Honigschnaps, köstlich aber stark. Dann begann der Bär nach der Musik zu tanzen, der Storch versuchte die Mägde ins Bein zu kneifen. Wütend scharrte der Teufel kalte Asche aus dem Herd. Dann gingen alle zum Hausherrn, sagten gute Wünsche zum Fest und zum neuen Jahr. Mit Gesang ging es weiter zum nächsten Nachbarn.

Dieser alte, schöne Brauch endete 1939, als die jungen Männer in den Krieg mussten, und ist somit für immer verloren.

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Der Russeneinfall 1945

Aufzeichnungen von Waltraud Binna


Am 26. Januar des Jahres 1946 erlebten wir den Einfall der Roten Armee. Es war bitterkalt und es lag auch sehr viel Schnee. Wir hatten unseren Hof im Dorf verlassen und sind zu Verwandten auf Abbau gegangen. Einige Pferde nahmen wir mit, sowie unsere besten Sachen; und natürlich Lebensmittel und Futter für die Tiere. Den Tieren, die auf dem Hof verblieben, hatte man die Ketten gelöst und reichlich Futter gegeben, weil man ja dachte, in einigen Tagen ist die Front vorüber und wir können wieder zurück auf unseren Hof. Weil Onkel Paul‚ Vaters Bruder, in Stalingrad vermisst war, war seine Frau‚ Tante Anny, mit ihren drei kleinen Kindern auch bei uns. Die Soldaten stürmten ins Haus, ihr erster Ruf war: „Uhr, Uhr!“. Sofort nahmen sie meinen Vater und Onkel Bruno nach draußen. Ehe wir uns versahen, hatten sie schon die Pferde aus dem Stall geholt und angespannt. Eine Stute, die gerade abgefohlt hatte, zerrten sie aus dem Stall. Natürlich wieherte das arme Tier nach dem Fohlen. Ein Russe ging hin und erschoss kurzerhand das Fohlen. Vater und Onkel Bruno mussten hinter dem Wagen hergehen, Vater musste ohne Abschied von uns fort, wir haben nie mehr etwas von ihm gehört. So hat man sie bis ins Donezgebiet gebracht. Jemand erzählte‚ dass er ihn dort gesehen hätte, aber nichts Genaues. Es wurde dann viel geschossen, auch mit der sogenannten Stalinorgel. In diesem Kugelhagel trieb man uns erst zu Nachbar Grünke, dann weiter nach Neu-Garschen. Dort wurden wir in einen Keller gebracht, um Essen oder die Kinder kümmerte sich niemand. Es waren außer uns noch viele andere Flüchtlinge dort und man holte schon die ersten jungen Frauen, um sie zu vergewaltigen. Es war furchtbar. Einen Großbauern hat man an die Tür gefesselt und ca. 30 Russen haben seine Frau vergewaltigt. Als alle fertig waren‚ hat man ihn erschossen. Wir waren einige Tage in diesem Keller wahnsinnig vor Angst. Unsere Mutter konnte uns vor Angst auch kaum trösten. Tante Annys jüngstes Kindchen war nur drei Monate alt. Wir hatten keine Kleider, weil uns die Russen alles weggenommen hatten. Als die Schießerei aufhörte, trauten wir uns wieder zurück zu Onkel Brunos Hof zu gehen. Wie es dort aussah‚ ist kaum zu beschreiben. Weckgläser hatte man einfach mit dem Bajonett aufgemacht, im Nachtgeschirr hatten sie Bratkartoffeln gebacken, Betten einfach aufgeschnitten, Verwüstung total! Wir wussten gar nicht‚wo wir anfangen sollten aufzuräumen und schon kam der nächste Trupp Russen, und die wollten wieder nur „Uhr-Uhr“. Wir hatten aber keine mehr, so drohten sie dann jemand zu erschießen, wollten auch wissen, wo deutsche Soldaten sind. Alles unter Androhung von Gewalt. Alle Fensterscheiben waren durch die Schießerei zerbrochen und es war bitterkalt. So suchten wir auf dem Speicher nach noch ganzen Doppelfenstern. Einige Fenster haben wir mit Pappe zugenagelt und Decken vorgehängt. Immer wieder kamen neue Trupps von Russen, die Lebensmittel wollten. Es wurden Kühe mitgenommen, Schweine, Geflügel – alles, was essbar war. So ging es immer weiter.

Am 5. März kam ein Auto mit Russen auf den Hof gefahren‚ wir waren mittlerweile wieder im Dorf auf unserem Hof. Auf dem Auto sah ich Frau Ganswindt sowie Frau Kassauski. Auch meine Mutter musste auf das Auto steigen. Wir Kinder, mein Bruder und ich‚ wussten nicht, was da geschah. Wir riefen nach der Mutter‚ aber das Auto setzte sich in Bewegung und wir liefen rufend hinterher, bis wir das Auto aus unseren Blicken verloren haben. Wir waren starr vor Schreck. Unsere Oma Modesta, Tante Annys Mutter, nahm uns in den Arm und hat mit uns gebetet. Wir dachten ja, die drei Frauen kommen wieder zurück! So waren wir allein mit Tante und Oma auf unserem Hof – fast nichts zu essen, denn wir hatten ja keine Kuh‚ somit auch keine Milch für die Kinder. Als die Russen lachend uns die letzte Kuh nahmen, ging Tante zu den Russen und zeigte auf das kleine Kind. Sie lachten nur und ein alter Russe nahm mich und trat nach mir. Aber als die andern nicht mehr zu sehn waren, öffnete er seine dreckige Wattejacke und zeigte mir ein Kreuz, das er eingenäht hatte. Er gab mir eine Ziege und winkte‚ ich soll schnell fortgehen. Dieser Russe ist mir noch öfter begegnet‚ ich komme noch später darauf. So hatten wir nur diese Ziege. In der Scheune haben wir uns Ähren ausgeklopft, auf der Kaffeemühle gemahlen und Brot qebacken. Wieder mal kam so ein Trupp und nahm mich und Martha Thamm mit nach Münsterberg auf Konegens Hof. Die Russen kamen, um uns Mädchen anzuschauen und sicher für die Nacht auszusuchen. Wieder kam dieser besagte Russe und sagte „Dotschka“ – das heißt Töchterchen – „du bist doch noch so jung“. Er brachte mich und Martha in der Nacht um 2 Uhr aus dem Haus‚ die Russen hatten kräftig gezecht, und versteckte uns im Garten in einem Tujabaum. Er deutete uns an, in einer Stunde sollten wir loslaufen, was wir auch taten. So sind wir in der Nacht durch den Buchenwald bis zu Marthas Eltern, erst später hab’ ich mich nach Hause getraut. Am 20. April kam doch noch ein letzter Russentrupp, um viele Menschen zu verschleppen. Wieder erwischten sie uns, wir hatten uns im Wald versteckt. Wieder war dieser alte Russe da – er schickte uns in die andere Richtung. Sonst wären wir in Russland gelandet. War dieser alte Russe vielleicht mein Schutzengel? Es war wirklich wundersam. Ich denke manchmal noch an ihn. Mittlerweile ist auch das Kindchen der Tante an Unterernährung gestorben und wir haben es in Buchwalde auf dem Friedhof beerdigt. Ich sehe Tante heute noch an dem Grab stehen, ohne Tränen – sie hatte keine mehr, aber das Gesicht war wie aus Stein.

Die Russen holten uns zur Arbeit und wir mussten beim dreschen helfen. Alles Getreide wurde ausgedroschen und mitgenommen. So ging es von einem Hof zum anderen. Manchmal frag’ ich mich heute, wie wir das alles überlebt haben. Dann kam der 7. Mai – Deutschland hatte kapituliert, die Russen tanzten und wir dachten, nun gehen sie endlich fort. Aber im Juni kamen die Polen und die waren fast noch gehässiger und gemeiner wie die Russen. Ich erinnere mich besonders an eine Familie Gawronski‚ Vater und einige Söhne. Alle Analphabeten, aber große Parteigenossen. Sie waren sogleich Bürgermeister. Nachts fuhren sie durch die Gegend und stahlen alles, was sie in die Finger bekamen. Eines Nachts hatten uns auch Banditen heimgesucht. Ich musste am nächsten Tag aufs Gemeindeamt und der Bürgermeister hatte Vaters Jackett an und seinen Schal um den Hals. Es würde den Rahmen sprengen, alles ausführlich zu berichten.

Nun zu Bergfriede. Im Sommer mussten wir nach Bergfriede auf das Gut zum Arbeiten. Das Gutshaus war voll mit Flüchtlingen, die die Polen vertrieben hatten. Wir durften nicht mit ihnen sprechen und auch nicht in das Gutshaus. Das erste, was man uns befahl – wir mussten zwei Leichen aus dem Keller auf einen Wagen laden. Das Erlebnis hat sich in meine Seele eingebrannt – ich war damals 14 Jahre alt. Dann mussten wir mit dem Flegel Getreide dreschen, alles nur reine Schikane. Dann war da ein Verwalter Namens Grabowski. Er hatte einen kleinen Sohn, ca. drei Jahre. Dem Kind gab er dann eine Pistole und sagte: „Knall sie ab, die Nazischweine“. Das Kind fuchtelte mit der Waffe hin und her, niemand wusste, ob sie geladen war. Dieser Grabowski war meist betrunken. Es war wirklich furchtbar. Zu essen bekamen wir nichts. Auf dem Gut waren Frauen, die im Stall gearbeitet haben, auch Frau Galenski. Sie hat es oft geschafft, uns eine Flasche Milch zuzustecken. Wenn die Polen sie dann kontrollieren wollten, sagte sie „Hau ab du Schnösel, du würdest auch deiner Oma unter’n Rock schauen!“. Das wirkte meist, denn sie war sehr resolut. Jeden Morgen mussten wir erst die Verstorbnen versorgen. Ich kann mich an 22 Personen erinnern, die dort gestorben sind. Weiß auch heute nicht mehr, wie lange wir dort zur Arbeit gehen mussten, es ist alles schon zu lange her. Irgendwann gelang es uns, doch einmal in das Gutshaus zu kommen. Uns bot sich ein furchtbares Bild: alle lagen auf dem Fußboden auf Stroh, alle hatten Durchfall, denn sie bekamen nur saure Magermilch und Kartoffeln. Ein Bübchen saß und streichelte seine tote Mutter. Als ich nach Hause kam, hab’ ich nur geweint. Tante Anny sagte mir „Versuch doch morgen das Kindchen mitzubringen“. Denn ihr Söhnchen hatten wir ja im Frühjahr begraben. Ich war fest dazu entschlossen, nur wie, das wusste ich auch nicht. Als wir am nächsten Tag zur Arbeit gingen, sahen wir von weitem Rauch aufsteigen. Auf dem Gut angekommen, sahen wir, dass das Gutshaus abgebrannt war. Was mit den Menschen geschehen ist, haben wir nie erfahren.

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