Jugendzeit in Ostpreußen - Sensburg

Von Sensburg nach Amerika

„Die ersten Kriegsjahre waren ein
allgemeiner Begeisterungstaumel”

Johann Samlowski

Die Samlowskis gehören zur Oberschicht in der masurischen Stadt Sensburg. Als etablierter Rechtsanwalt kann Erich Samlowski sich einiges leisten: Die Familie besitzt ein Auto und fährt regelmäßig in Urlaub. Sohn Johann schildert seine sorgenlose Kindheit voller wilder Jugendstreiche. Und den historischen Hintergrund dazu, wie er sich im Alltag bemerkbar macht. Der Junge bemerkt, dass jüdische Mitschüler Schleichwege benutzen, und beobachtet die Plünderungen der Reichskristallnacht. Mit der Mobilmachung im August 1939 erlebt er den Auftakt zum Krieg mit, der sein Leben zunächst nur allmählich verändert, um es schließlich völlig aus der Bahn zu werfen. Bei der Flieger-HJ beschäftigt er sich eingehend mit dem Segelflug, erwirbt alle Leistungsscheine, wird 1944 zur Luftwaffe eingezogen und gerät schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Die ersten Lager, noch auf deutschem Boden, sind schlecht organisiert, Hunger und Langeweile machen sich breit. Später gelangt Johann nach Amerika. Die USA sind ein Land, wo „Milk und Honick fließt“ – auch für die ehemaligen Feinde.


»Der Bengel is ja reineweg zu nuscht nischt« – die Jugendzeit

Johann Samlowski mit dem Hund Mumpitz
Johann Samlowski mit dem Hund Mumpitz – so brav wie auf diesem Foto war der Junge nicht immer.

Keine Angst – ich fange nicht an mit „Er wurde am 20. April 1889 in Braunau am Inn geboren“. Nein, nein. Ich springe mitten in meine Jugendzeit hinein. Die ersten Erinne­rungen reichen in die Vorschulzeit zurück: Ich entsinne mich noch gut an die Schiefer­tafel, das Brot in der Schultasche, die Mo­ralpredigt von Lehrer Gollop und den loka­len Trunkenbold im Graben vor der Volks­schule. Auch weiß ich noch, dass ich im Zir­kus von einem Affen gebissen wurde – der Zirkus war auf dem alten Viehmarkt und ich war auf dem Weg nach Hause. Wir wohnten damals im Mörschnerschen Haus in der War­schauer Straße, die später Adolf-Hitler-Straße hieß, neben der „Masurischen“ (so nannte man die „Masurische Landwirt­schaft­liche Genossenschaft''). In einem anderen Mietshaus direkt neben uns wohnte ein Bank­mann, dessen Name mir entfallen ist. Seine Tochter war meine erste Freundin. Sie war älter und wusste schon etwas vom „Dok­torspielen“ – ich dagegen war noch doof.

Mein Großvater mütterlicherseits lebte mit uns. Er war immer am Basteln, ich durfte ihm „helfen“ und lernte so viele handwerkliche Kniffe. Einmal, ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, schaute ich ihm zu, wie richtiger Tischlerleim gemacht und angewandt wird. Nun, ich war wohl etwas müde und gähnte andauernd. Er berief mich, weil ich nicht beim Gähnen die Hand vor den Mund legte, und warnte, er würde mir den Leimpinsel beim nächsten Mal in den Mund stecken. Die Warnung fiel auf taube Ohren. Und siehe da, ein Leimpinsel im Mund! Für den Rest meines Lebens, war meine Hand beim Gähnen immer an der richtigen Stelle. Der Opa war übrigens der Einzige in unserer Familie, der etwas an Adolf Hitler gefunden hatte. Mit Begeisterung baute er Hakenkreuzlaternen, die auf dem Balkon aufgestellt wurden, wenn irgendein Nazi-Feiertag mit Parade war. Außer den Nazis marschierten anfangs auch Kommunisten durch unsere Straße. Sie spielten Schalmei und schrieen „Rotfront“.

Platz zum Spielen gab es in der Gegend reichlich. Ich liebte den Bauernhof von Mörschners hinter unserem Haus, mit Hühnern, Pferden und Kühen. Auch die großen Gärten mit der Bleiche am Schoßseeufer zogen mich in ihren Bann, und im Garten von Melots war ich ebenfalls ein häufiger Gast – wegen der Beeren, die wunderbar schmeckten. Gleich um die Ecke befand sich auch der Straßenbauhof. Dort waren alte Autos abgestellt, die ich mit Leidenschaft durch die Welt fuhr. Einmal nahmen mich die Straßenbauleute auf die Arbeit mit. Sie teerten die Rheiner Chaussee, und ich kam dann leicht mit Teer besudelt nach Hause. Es wurde mit allem geschrubbt, einschließlich Butter. Man gut, dass das Kindermädchen nicht so streng war wie meine Mutter! Das sind die Erinnerungen meiner frühesten Kindheit.

»Vater hatte sich standhaft gegen einen Eintritt in die NSDAP gewehrt«

Wann wir in die Königsberger Straße zogen, weiß ich nicht mehr genau. Es war ungefähr 1936. Den großen Möbelwagen von Klein fand ich beeindruckend – ich sehe ihn heute noch vor mir. Das Essen, das meine Mutter den Möbelleuten servierte, ist heute noch etwas, dem ich nicht aus dem Weg gehen kann: warme Fleischwurst mit frischen Brötchen. Den eigentlichen Grund für unseren Umzug erfuhr ich erst nach dem Krieg. Mein Vater hatte sich standhaft gegen einen Eintritt in die NSDAP gewehrt. Auch dem Nationalsozialistischen Rechtswahrer-Bund trat er nicht bei. Der Rechtsanwalt und Parteibonze M. sorgte dann dafür, dass das ganze Notariatsgeschäft mit dem Landratsamt und der Stadtverwaltung meinem Vater verloren ging. Die alten Räumlichkeiten waren nun zu teuer – das Büro und die Wohnung wurden zusammengelegt.

Am Anfang waren alle jungen Menschen im neuen Haus älter als ich. Doch dann kamen Kurrats, und eine Lebensfreundschaft bahnte sich an. Ich war oft mehr bei Kurrats, als bei uns. Das Essen schmeckte dort besser, fand ich, war aber klug genug, es nie meiner Mutter zu sagen. Ein anderer Spielgenosse der Zeit war Siegfried Garska. Sein Vater war Maschinenmeister im Sägewerk Lassau. Ich konnte stundenlang zuschauen, wie er die Dampfmaschine bediente. Das wollte ich mal werden! Die ganze Horde von Jungs in meinem Alter war am Sonntag immer auf dem Holzhof zum Lorchenfahren. Die Lorchen liefen auf Schienen und transportierten unter der Woche die fertigen Bretter von der Sägemühle zum Aufbewahrungsplatz oder zum Versand. Manchmal kam dann der alte Garska, nur um uns vor mehr Dummheiten zu schützen. In den Holzstapeln bauten wir „Burgen“ und lieferten uns große Schlachten. Auch war ich mit dem Katapult sehr vertraut, wobei Scheiben eine besondere Anziehungskraft auf mich ausübten. Ein anderes Ziel war die Klappermühle im Garten von Tischlermeister Schlicht. Ich war sehr stolz auf meine Treffsicherheit – bis Herr Schlicht mal selbst erschien, und zwar nicht hinter seinem Zaun, sondern auf unserer Seite. „Ich werd' eich laichten, ich werd' eich laichten!“ war sein Schlachtruf. Er jagte uns die Lunge aus dem Hals. Die Angst beflügelte uns, und wir verloren ihn emangst die Holzstapelchens (Dialekt: „inmitten der Holzstapel“ – Red.). Zwei Stunden hielten wir uns dann versteckt. Der Holzhof von Lassau war auch mein Fahrschulgelände. Weil das Gelände privat war, konnte ich dort mit unsrem Wagen ohne Führerschein herumkurbeln. Dies kam mir später beim Führerscheinmachen zugute. 1943 konnte ich ihn endlich machen und fuhr dann stolz in der Stadt herum.

Ein anderes Spielrevier war eine Bleiche mit Wäscheleinen und einer Klopfstange direkt hinter unserem Wohnhaus. Ein Spiel war besonders beliebt: das Messerstechen. Einige waren richtige Experten darin – von den Fingern, von den Knöcheln, von den Ellenbogen, der Schulter, dem Knie und, wenn es sein musste, auch vom Koppche. Dann gab es noch das Länderstechen, wo es um Eroberung ging, außerdem verschiedene Ballspiele und natürlich Klippchen. Klippchen war ein Schlagspiel – gespielt mit einem Holzschläger, ähnlich dem Schläger beim Kricket, und einem Holzklipp. Dieses war ein 15 Zentimeter langes Vierkant-Holz, zweieinhalb mal zweieinhalb Zentimeter dick und an den Enden zugespitzt. Auf den vier Seiten des Klipps waren Werte von I, III, VI, XII eingeschnitzt. Man schlug von oben auf seine Spitze, der Klipp sprang hoch, man schlug ihn in der Luft, so hart man konnte. Die Aufschlagstelle wurde von der Anfangslinie mit dem Schläger gemessen. Es gab so und so viele Abschläge von den Landestellen. Wer am weitesten kam war Sieger, wobei noch die Summe der Zahlen berücksichtigt wurde, die beim Aufschlag oben lagen.

Wohnhaus in der Königsberger Straße (Stand: 1990er Jahre)
Wohnhaus in der Königsberger Straße (Stand: 1990er Jahre) – auf dem großen Flachdach spielten die Jungen Fußball.

Ein Teil des Geländes war sandig. Ich weiß nicht, wer auf die Idee kam, doch wir bauten tiefe, große Unter­stände mit Schützengräben und spielten dann Krieg. Holzgewehr, Maschinenge­wehr, eh-eh-eh, ra-ta-ta-ta! Ernst wurde es, als mit Karbid gefüllte Flaschen zu Handgranaten wurden. Auf dem großen Flachdach un­seres Wohnhauses spielten wir außerdem Fußball. Der Clou war, den Ball auf dem Dach zu behalten. Wenn er über den Rand ging, mussten die Spunde ihn wieder holen, drei Stockwerke und den Dachboden hoch.

Unsere Spiele waren nicht immer harmlos. Martin, Siegfried und ich fanden heraus, dass irgendwelche Hühner Eier in der Müllgrube auf dem Hof hinterließen. Nun, wir waren gut genährt und fanden eine bessere Verwendung dafür, als sie zu essen. Wir sind aufs Dach geklettert und beschossen die Fußgänger auf der Straße. Auch kamen Siegfried und ich auf die Idee, man könnte doch leere Kaffeetüten mit Kaninchenbohnen füllen und auf den Gehsteig legen. Gesagt, getan. Es klappte wunderbar, denn wer wollte nicht etwas echten Bohnenkaffee haben! Manchmal angelten wir auch – aber nicht Fische, sondern Menschen. Dazu schlichen wir uns in ein nahe gelegenes Bankgebäude ein, fanden ein Kellerfenster nach der Straße und warfen den Köder aus: ein Portemonnaie, das mit einer Angelleine versehen war. Wir mussten nie lange warten: Da kommt einer, bückt sich, greift und… schwupp, weg ist das leichte Geld!

Meine Begeisterung für die Schule hielt sich dagegen sehr in Grenzen. Der Bengel is ja reineweg zu nuscht nischt, müssen sich die Nachbarn oft über mich gedacht haben. Vor allem im Sommer konnte ich nie schnell genug die Schultasche in die Ecke werfen und aufs Fahrrad springen. Ich durfte das Miele-Rad benutzen – geländefähig und sehr schwer. Umso erstaunlicher ist es, dass mir das Lesen dennoch Spaß machte. Wir hatten einen wunderschönen Bücherschrank mit herrlichen, in Leder gebundenen Bänden – eine wahre Fundgrube für mich. Besonders interessant fand ich einige Schinken mit Bildern und Schlachtbeschreibungen vom Ersten Weltkrieg. Nicht zu vergessen ist auch mein geliebter Wilhelm Busch – ich habe ihn sogar auswendig gelernt. Auch fühlte ich mich früh zum Schreiben berufen und nahm immer die Gelegenheit wahr, auf den Schreibmaschinen meines Vaters herumzuhacken. Goldene Jugendzeit!

»Auf einer Wochenendfahrt nach Insterburg rollte Vater mit unserem Opel P4 in den Straßengraben«

Das Auto zählte damals noch unbestreitbar zu den Luxusgütern, und auch der Tourismus war eine verhältnismäßig junge Erscheinung. Wir kannten beides. Jeden Sommer fuhren wir mit den Eltern in Urlaub. Vorher gab es einen Familienrat, auf dem die Entscheidung fiel: „Wollt ihr nach Neukuhren oder eine Paddeltour?“. Oft gab es beides. Kurz nach dem Umzug in die Königsberger Straße bekamen wir auch unseren ersten Wagen. Es war ein Opel P4. Doch die Freude daran war nicht von Dauer. Auf einer Wochenendfahrt nach Insterburg rollte mein Vater, der Radfahrern in einer Kurve ausweichen wollte und dann einen anderen Wagen auf sich zukommen sah, in den Straßengraben. Das Resultat: Vater und Sohn landeten im Krankenhaus, Mutter und Schwester kamen mit Schrammen davon. Das Auto hatte einen Totalschaden und wurde verschrottet. Der nächste Wagen war dann ein Opel Kadett. Mit diesem Auto fuhren wir vor dem Krieg des Öfteren nach Königsberg. Schon wegen der Autofahrt war das stets ein Erlebnis! Es waren 120 Kilometer, und ab und an durfte ich sogar vorne neben meinem Vater sitzen.

In den Ferien fuhr ich auch alleine nach Königsberg, zu meiner Tante, die dort wohnte. Sie hat mich immer sehr gut bemuttert, war aber nicht unbedingt bereit, mich sonst irgendwie zu beschäftigen. Doch das war ganz nach meinem Geschmack. Ich bekam genügend Taschengeld zugesteckt, und ab ging es auf Entdeckungstour. Ich wanderte kreuz und quer durch Königsberg, von links nach rechts und von oben nach unten, ich kannte alle Straßenbahnlinien auswendig. Zu Hause setzte ich mich dann an den Tisch und zeichnete aus dem Gedächtnis Stadtpläne.

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»Grau wie die Erde ist unser Kleid« – der Krieg

Ich muss gestehen, dass ich von der Erziehung in der Hitlerjugend und von den Ereignissen der damaligen Zeit nicht unberührt blieb. Es war eine aufregende Zeit: die Abstimmung im Saargebiet 1935, die Rheinlandbesetzung 1936, der „Anschluss“ von Österreich 1938, die Besetzung des Sudetenlandes 1938 und die Rückgabe des Memellandes 1939. All das ging nicht spurlos an einem vorbei. Ich erinnere mich noch an Filme, die den Terror der Polen gegenüber den Deutschen im Korridorgebiet dramatisierten. Als Kind konnte ich mir natürlich keine Vorstellung davon machen, wozu das führen würde.

Die so genannte „Reichskristallnacht“ von 1938 war allerdings alles andere als eine Überraschung. Schon lange davor krakeelten SA-Leute vor jüdischen Geschäften. Auf meinem Schulweg, am Morgen nach der „Kristallnacht“, sah ich, wie bei Moses die Möbel zerschlagen auf der Straße lagen und tollwütige Weiber, darunter die Frau unseres Kreisleiters, Geschirr zum Fenster hinauswarfen. Ich erinnere mich auch an einen Witz, der dieser Tage zuhause erzählt wurde: „Sitzt die Familie zusammen beim Abendessen. Der jüngste Sohn fragt: ›Papa, wer hat denn die Sinagoje anjezindet?‹ Da antwortet der Vater: ›Ess-Ess, mein Sohn, und sei still‹.“ „Ess“ war die ostpreußische Aussprache für „Iss!“.

An meine jüdischen Mitschüler in der Volksschule habe ich nur schattenhafte Erinnerungen. Ich weiß, dass sie auf dem Schulweg alle möglichen Umwege machten, um nicht verhauen zu werden. Ich habe nie gehört, was aus all den Sensburger Juden geworden ist. Nach dem Kriege erfuhr ich, dass mein Vater manche der jüdischen Kaufleute, z.B. Herrn Sondland, rechtlich beim Verkauf ihrer Geschäfte vertrat – wobei das mehr ein Ausverkauf war.

»Alle waren mit vaterländischen Gefühlen erfüllt«

Der Krieg begann für mich nicht am 1. September 1939, sondern einen Monat früher. Mein Vater wurde wie viele andere Reservisten zum Manöver einberufen. An einem frühen Morgen im August weckten mich Soldatenlieder. Mein Bruder und ich sprangen ans Fenster. Die Rastenburger Infanterie marschierte durch die Straßen, und ich höre heute noch das Lied „Grau wie die Erde ist unser Kleid“. Danach kam bespannte Artillerie und darunter mein Vater: Herr Hauptmann, zu Pferde vor seiner Batterie. Mensch, war ich stolz! Es hieß damals, es ginge nach Hohenstein zu einer Hindenburg-Gedenkfeier. Nun, die Wahrheit erfuhren wir nur wenige Tage später, als Stukas über Sensburg gen Polen flogen. Nein, meine Kindheit wurde nicht beendet, sie wurde in andere, unbekannte Bahnen geworfen. Es war der erste große Wendepunkt in meinem Leben.

Es wäre eine Lüge, wenn ich sagen würde, ich war nicht mit einer gewissen Begeisterung den Geschehnissen des Krieges nachgegangen. Man verfolgte auf Landkarten den Frontverlauf, und alle waren mit vaterländischen Gefühlen erfüllt. Die ersten Kriegsjahre waren wegen der ständigen Siege ein allgemeiner Begeisterungstaumel, eine Sondermeldung jagte die andere. Es gab sogar den Wehrmachtsbericht zum Mitschreiben – ich weiß nicht, wer das machte, doch gab es bestimmt welche. Heute noch ist die Fanfare, die zum Wehrmachtsbericht nach der Melodie des Horst-Wessel-Liedes gespielt wurde, in meinen Ohren.

Geschwister Samlowski um 1942
Noch sind die Geschwister zusammen, doch bald wird der Krieg sie auseinanderreißen (von links): Johann, Maria und Ernst Samlowski, um 1942.

Eines Tages, knapp eine Wo­che nach Kriegsbeginn, hieß es: „Da sind Panzer auf dem Marktplatz“. Ich bin nie so schnell mit dem Fahrrad zum Markt ge­saust! Und da waren sie schon: all­es Panzer III, die klei­nen. Die Soldaten wa­ren sehr geduldig. Wahr­scheinlich hatten sie Lan­geweile und gaben sich mit uns ab. So wurde ich ein Panzerkrieger. Ich kroch überall herum, wo man es nur duldete. Das Schönste aber war das Kommissbrot mit Butter und einer Art Fleischwurst – ja, es gab noch Butter, denn der Krieg war nur knapp eine Woche alt! Erst später kam die Zeit der Essenmarken und Bezugsscheine, und die Schnippelei in den Läden begann. Die „Beziehungen“ wurden sehr wichtig. Oft bekamen wir von ehemaligen Mandanten vom Land die Früchte des Bauernhofes, der Felder und der Seen.

1940 wurde auch mein Bruder eingezogen. Ich profitierte mächtig davon, denn sein Miele-Fahrrad wurde meins, ebenso seine Anzüge, sein Staubmantel und sein Hut. So erwachsen gekleidet konnte ich endlich in Filme mit Jugendverbot gehen. Nur vor Waldemar musste man sich noch in Acht nehmen, ihm entging nichts. Wir wollten uns immer mit einer „Erste-Reihe-Leinwandsitz-Karte“ in die Loge einschleichen. Wenn Waldemar uns erwischte, gab es eine „Waldemarspitze“ – und er war treffsicher. Trotzdem habe ich alles gesehen, was verboten war. Nach der Vorführung ging ich immer sehr beschwingt nach Hause zurück. Die Welt sah rosig aus, und alle Sorgen, wie die vergessenen Schulaufgaben zum Beispiel, wurden belanglos. Finanziert wurde der Kinobesuch übrigens durch den Verkauf von leeren Flaschen.

Der Krieg veränderte unseren Alltag allmählich. In den Kellern wurden Luftschutzräume eingerichtet, Luftschutzwarte rannten nachts umher und schrieen: „Licht aus, Verdunklung!“ Für mich brachte der Krieg auch neue Aufgaben, die mit einer gewissen Verantwortung verbunden waren. Ich wurde im Hilfsdienst eingespannt und musste Kohle für die Kriegerfrauen heranschleppen – im Winter mit dem Schlitten, im Sommer mit einem Handwagen. Bis zu zwei Zentner waren es manchmal. Die Frauen waren so dankbar, dass sie mir Kuchen oder Plätzchen gaben, wenn sie so etwas hatten.

Wir bekamen außerdem eine Schulung im Brandschutz: Mit Wasser, Feuerklatsche und Sand sollten wir im Notfall die Flammen löschen. In meiner Oberschule wurde eine Feuerwache eingerichtet – ein Lehrer und jeweils zwei oder drei Schüler mussten nachts aufpassen. Es war manchmal sehr lustig. Nur sehr selten gab es einen Fliegeralarm, doch blieb es immer harmlos – bis auf ein einziges Mal, als ein oder zwei Bomben auf den Viehmark fielen.

»Es war eine Nötigung im Namen des Führers«

Wegen Knappheit an allem wurden damals verwertbare Stoffe eifrig gesammelt, unter anderem Heilkräuter. Ich kann aber bis heute Unkraut von nützlichen Pflanzen nicht unterscheiden. Ich „sammelte“ während der Nachtwache auf dem Dachboden unserer Schule, wo die von anderen Schülern abgelieferten Kräuter lagerten. Etwas anderes und nicht gerade meine Lieblingssache waren die Straßensammlungen für die Winterhilfe. Man hatte sein Revier und hielt wie Robin Hood den Leuten die Sammelbüchsen solange vor die Nase, bis sie etwas hineinsteckten. Es war eine Nötigung im Namen des Führers.

Die nächste Wende kam 1941. In Sensburg war es kein großes Geheimnis, was da auf uns zukam. Sensburg und Umgebung wurden im Rahmen des Aufmarsches gegen die Sowjetunion Quartiergebiet für die Panzerdivision von Generalleutnant Friedrich Kirchner. Da wir schon immer eine Verbindung zum Militär hatten, wurden bei uns Gesellschaftsabende veranstaltet, bei denen ich einige Offiziere kennen lernte – unter anderem den später bekannten General Walter Wenck. In Sensburg war er noch Oberstleutnant, und wir haben Anfang Juni 1941 seine Beförderung zum Oberst bei uns zu Hause gefeiert. Ich fungierte bei diesen Festlichkeiten als Ordonnanz. Aschbecher sauber halten, Bier, Cognac oder Wein servieren, Zigaretten anzünden, und natürlich den Herren und Damen aus den Mänteln helfen – das waren meine Aufgaben. An diesen Abenden nahm ich auch erste Kostproben von Bier, Wein und Schnaps – bis mein Vater sah, dass sein Hansichen mit einem kleinen Schwips durch die Gegend läuft. Er nahm mich zur Seite und sagte: „Ich weiß, was du tust, doch nimm dir eines zu Herzen: Du bist ein Samlowski und du weißt wie man sich benehmen muss“. Dass er mit mir, einem wirklich jungen Kerl, wie mit einem Erwachsenen sprach, beeindruckte mich sehr. Ich habe ihn immer sehr geliebt, obwohl er nicht viel Zeit mit mir verbringen konnte.

Bei diesen Anlässen war ich auch für die Musik verantwortlich. Wir hatten schon damals einen Plattenspieler, und meine Schallplattensammlung war mit allen Schlagern der Zeit ausgerüstet. Bei Bestry, einem Elektro-, Radio- und Musikgeschäft, kannten sie mich schon. Manchmal musste ich zu fortgeschrittener Stunde, wenn die Party auf Hochtouren lief, zum Amüsement der Gäste die „Stalin-Rede“ abspielen. Ich legte dann eine Goebbels-Rede auf und drehte sie mit meinem Finger rückwärts – und siehe da, eine „Stalin-Rede“! Der Jubel war dabei immer groß, und ich konnte Küsschen von den Damen in Empfang nehmen.

Am 22. Juni 1941 lief „Fall Barbarossa“ schließlich an – wieder nur mit Erfolgsmeldungen. Doch ich war nicht mehr so begeistert. Eines Abends nahm mich mein Vater auf die Seite. Er hatte unseren wunderschönen Weltatlas vor sich und schlug ihn auf der Seite auf, wo Russland an Deutschland angrenzte. „Hier ist Russland, hier ist Deutschland. Wir haben gerade einen Krieg gegen dieses große Land begonnen. Lasst uns hoffen, das es gut geht.“ Ich bin überzeugt, dass er nicht daran glaubte.

»Ich wurde bald ein Connaisseur amerikanischer Schlager«

Ungefähr zur gleichen Zeit baute ich mir ein kleines Radio, einen Kristall-Empfänger, mit dem ich den Sender Königsberg wunderbar empfing. An unserem großen Radio mit Lang-, Mittel- und Kurzwelle konnte ich die ganze Welt hören und wurde bald ein Connaisseur amerikanischer Schlager, die auf BBC Deutschland gesendet wurden. Natürlich hörte ich auch die Nachrichten – und wunderte mich.

Mit dem Krieg kamen auch die Kriegsgefangenen. Sie arbeiteten bei Lassau im Sägewerk. Auf dem Hof, unter meinem Zimmerfenster, stand eine Wasserpumpe – sie holten dort morgens und abends Wasser. Zuerst waren es Franzosen, später kamen die Russen. Anfangs war dieser Anblick etwas kurios, mit der Zeit gewöhnte man sich aber daran. Die Russen taten mir immer sehr Leid. Wenn der Aufseher abgelenkt war, warf ich ihnen ab und zu eines meiner Butterbrote oder einige Zigaretten hin.

Hitlerjugend in Sensburg
Aufmarsch der Hitlerjugend in Sensburg. Der Einzelne gilt nichts, die Gemeinschaft ist alles: „Wer sich nicht einfügen konnte, bekam nachts Besuch vom Heiligen Geist“.

Ich war natürlich noch vor dem Krieg Mitglied beim Deutschen Jungvolk und wurde 1941 in die Hitlerju­gend aufgenommen. Ob­wohl mein Vater nicht national­sozialistisch gesinnt war, setzte er eisern durch, dass ich zum „Dienst“ ging. „Du bist dabei und hast eine gewisse Pflicht übernom­men“, sagte er. Beim Über­gang in die Hitlerjugend musste man sich für eine bestimmte Sparte entschei­den. Da ich schon im Jung­volk Segelflug-Modellbau betrieben hatte, war die Wahl der Flieger-Hitlerjugend eine logische Folgerung. So fand ich mich bald zu Segelflug-Lehrgängen in Porembischken ein. Wenn ich mich nicht täusche, waren es teils Wochenendkurse, teils einwöchige Lager. Man lernte dort nicht nur das Segel­fliegen, sondern bekam auch den Gemeinschaftssinn vermittelt. Wer sich nicht einfügen konnte, bekam nachts Besuch vom Heiligen Geist.

Die fliegerische Ausbildung begann natürlich nicht mit Flügen vom Kilimandscharo. Zuerst lernte man das „Flügelschleppen“. Später kam der Tag, an dem ich „pendeln“ lernte – im Stand gegen den Wind, ein Mann an jedem Flügel und ich am Knüppel. Danach kamen die Rutscher, und es ging langsam aber sicher am Hang hoch. Ich war mit großer Begeisterung dabei und denke heute noch gerne an diese Zeit zu­rück – der Küchendienst und die seltenen Nachtappelle sind längst vergessen. 1942 habe ich meine A-Prüfung und 1943 die B-Prüfung gemacht.

Ab 1943 fingen die Ränge in unserer Klasse an sich zu lichten. Die männlichen Schüler wurden als Flak- und Marinehelfer eingezogen. Anfang 1944 waren wir drei Jungens und siebzehn Mädel in unserer Klasse. Wir waren wie die Hähne im Korb! Um diese Zeit hatten wir schon ein Stammlokal – Café Wessolek. Was uns dort anzog, war aber nicht Kaffee und Kuchen, das waren die Mädchen. Für eine Weile verloren wir die Gastfreundschaft, weil Dieter M. dort einmal Mäuse aus der Tüte ließ.

Ende 1943 oder Anfang 1944 musste ich mich einer Untersuchung auf Luftwaffentauglichkeit in Breslau unterziehen. Zwei Tage lang wurden wir durch die Mühle gedreht: ärztliche Untersuchungen, Sport und Flugsimulator. Ich war selber über mich erstaunt – mein Wille, mich nicht zu blamieren, bescherte mir Leistungen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Der Befund war „tauglich“, ich möchte mir allerdings nicht zu viel darauf einbilden, denn zu jener Zeit wurde die Auswahl an Kandidaten immer magerer.

»Auf einmal erzählte er prahlend, wie sie in Polen die Juden erschossen haben«

Was sich auf der Heimreise zutrug, werde ich niemals vergessen. Die Züge waren damals mehr als überbesetzt – mit einem Kameraden aus Graudenz landete ich im Gang eines D-Zuges, Stehklasse natürlich. So ratterten wir durch die Nacht. Heute noch sehe ich den SS-Unteroffizier vor mir: Er kloppte Sprüche und wollte sein Heldentum einem Mädchen gegenüber beweisen. Auf einmal erzählte er prahlend, wie sie in Polen die Juden zusammengejagt, ausgeplündert und dann nachts erschossen hätten. Er lachte sich die ganze Zeit fast kaputt. Wir beiden verbrachten den Rest der Reise bis Graudenz, wo ich bei dem Kameraden übernachtete, in tiefem Schweigen. Dies war ein neuer Wendepunkt in meinem Leben, der Beginn meiner tiefen Abscheu für Hitler und meiner Unverständnis für die Mitläufer.

Zu Ostern 1944 schaffte ich die Versetzung in die Obersekunda. Bald darauf lag der Einberufungsschein zum Wehrertüchtigungslager auf dem Tisch. Wir sollten im Sommer unsere Kenntnisse im Segelflug erweitern. Ich kam auf den Flugplatz bei Allenstein. Der richtige Spaß begann! Im Windenschlepp wurden die „C“ und dann gleich noch der Flugschein L1 gemacht. Mensch, was war ich stolz! Das Flugzeug war eine Grunau Baby II.

Mitte Juli 1944 war der Segelflug-Lehrgang in Allenstein zu Ende. Als ich wieder nach Hause kam, lag schon die Einberufung zum Arbeitsdienst vor. Ich nutzte die wenigen Wochen in der Freiheit noch aus und nahm alles mit, was geboten wurde. Viel war das damals nicht mehr, doch konnte ich einen Nachmittagstanz im Waldheim, einem Sensburger Ausflugslokal, arrangieren – das war der Abschied von den Klassenkameradinnen. Ich brachte es sogar fertig, selbstgebrauten Schnaps einzuschmuggeln.

Am 1. August begann mein Arbeitseinsatz. Ich kam mit einem Schulkameraden nach Namslau in Schlesien. Nach der Grundausbildung ging es dann nach Wyszogród in Polen, westlich von Warschau. Dort bauten wir Schützengräben an der Weichsel, für die Verteidigung des Vaterlandes. Der Boden war reiner Piassek (Sand – Red.), und wir konnten die Gräben nur mit Faschinen halten. Gottlob war das Anfang November zu Ende. Zusätzlich zum Arbeitseinsatz mussten wir Wache schieben. Nachts war es am schlimmsten. Ich tröstete mich mit dem Sternenhimmel, versuchte Sternbilder zu erkennen und sang das Lied „Heimat deine Sterne“ von Wilhelm Strienz. Man kam sich mehr und mehr erwachsen vor – mit siebzehn.

»Flieger, grüß mir die Sonne«

Nach dem Reichsarbeitsdienst wurde ich zur Luftwaffe einberufen – der Arbeitsmann wurde Flieger. Am 15. November meldete ich mich in Rahmel bei Danzig. Großartig: „Flieger, grüß mir die Sonne, grüß mir die Sterne und grüß mir den Mond“! Meine Jugendzeit war zu Ende. Wir wurden von Hauptmann Trenkel in Empfang genommen. Danach kamen der Kleiderempfang – blaue Uniform und Putzgeld – und die Stubenzuteilung. Es folgte eine zwei- bis dreiwöchige Grundausbildung, einschließlich ein wenig Schleifen: „An den Wald marsch, marsch!“, „Hinlegen!“, „Aufsprung, marsch!“.

Eines Tages musste ich, zusammen mit einem anderen Kameraden, zum Kompaniechef: Wir wurden zu einem weiteren Segelflug-Lehrgang in Schweidnitz abberufen. „Ich kann euch nicht so einfach auf die Menschheit loslassen, ohne dass ihr vereidigt seid. So hebt mal eure Pfoten und sprecht mir nach…“. Auf einmal waren wir offiziell Flieger geworden, mit Soldbuch und vielleicht auch etwas Stolz. Der Fahrschein wurde uns in die Hand gedrückt, und ab ging es zum Bahnhof. Dort brüllte mich ein Unteroffizier sofort an, weil ich ihn nicht gegrüßt hatte. „Ach, so ist das, man muss ja jetzt alles, was Uniform trägt, ordnungsgemäß grüßen!“. So haben sich wohl manche Bahnbeamte und Postboten gewundert, warum dieser schneidige Flieger sie so zackig grüßt – ich wollte aber sichergehen.

Auf dem Fliegerhorst in Schweidnitz kam der dortige Lehrgangsleiter in Verlegenheit, denn alle anderen im Lehrgang waren noch in der Hitlerjugend. So blieb ihm nichts weiter übrig, als uns gleich zu Was-auch-immer-Führern zu befördern. Mit der Fliegerei klappte es nicht so gut. Für die Schleppmaschinen gab es keinen Sprit, wir mussten auf Windenschlepp ausweichen, und auch die Wetterverhältnisse waren nicht die besten. So wurde auch nichts aus langen Flügen, die für den Flugschein L2 notwendig waren. Ansonsten verbrachten wir die Zeit mit Langeweile, Ausgang, gelegentlich Kinobesuch und – sage und schreibe – Kneipe. Ich konnte jetzt in eine Kneipe gehen und öffentlich ein Bier verlangen, bekommen und auch trinken – ich war ja ein Soldat! Wir beiden Flieger waren auch noch so stolz und blöde, dass wir uns gelbe Litze kauften und sie um den Kragen der Uniformjacke nähten, ein Privileg des fliegenden Personals.

Rechtsanwalt Erich Samlowski, 1939
Rechtsanwalt Erich Samlowski vertrat jü­dische Kaufleute beim Verkauf ihrer Ge­schäfte kurz vor Kriegsbeginn.

Der Lehrgang war kurz nach Weihnachten zu Ende, doch ich konnte noch einen Heimaturlaub nach Sensburg ergattern. Das gab mir die Gelegenheit, meinen Vater zum letzten Mal in meinem Leben zu sehen. Es waren drei sehr besinnliche und mit Wolken der Ungewissheit bedeckte Tage. Dies war auch die Zeit, wo mein Leben anfing, an mir wie auf einer Kino-Leinwand vorbeizuziehen. „Nein, so schlimm ist alles doch nicht. Sieh doch hin, da bist du und alles ist fein.“ So ist dieses letzte Zusammensein mit meinem Vater mehr oder weniger ein verschwommener Traum. Der Abschied auf dem Bahnhof, war schlimm. Ich durfte doch nicht weinen, tat es aber dennoch. Am 1. Januar 1945 musste ich mich wieder bei meiner Einheit in Rahmel melden. Was dort dann erfolgte, war meine Lebensrettung. Ohne das auszusprechen, was er wirklich dachte – „Hier ist bald Schluss“ – sagte Hauptmann Trenkel „Ich kann Euch hier nicht gebrauchen“. Er wusste ganz genau, was er tat: Er wollte uns Küken vor der anrückenden russischen Dampfwalze schützen. Ohne seinen Alleingang wäre ich vermutlich meinem Vater in den Gulag gefolgt – oder einen Meter unter der Erde gelandet.

So wurden wir nach Stolpmünde versetzt. Stolpmünde war nur ein Durchgangslager und der Aufenthalt dort war sehr kurz, doch erwartete mich dort eine riesige Überraschung. Nach dem ich eingewiesen war, meine Unterkunft gefunden, meine Sachen untergebracht und den Spind gebaut hatte, ging ich herum, um mich zurechtzufinden. So schaute ich auch auf das Schwarze Brett. Außer Plakaten mit „Feind hört mit!“ und „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ hingen dort auch Namenslisten. Ich las sie, wusste zwar nicht warum, aber ich las. Und da, auf einmal: Baracke soundso, Stube soundso, Ulrich Jakubassa! „Den gibt es doch nur einmal, kann nur der Uli sein“. Hin zur Stube – keiner da. „Ach, es ist ja Essenzeit. Na dann warte ich… Wo liegt er denn? Wo ist sein Bett? Da nicht, da nicht… Hier, das ist doch sein Koffer!… Koffer?… Kommt gerade von Zuhause?… Da ist doch was zum Essen drin! Es ist doch mein Freund, ist also auch mein Koffer.“ Aufgemacht – richtig! – es war was zum Essen drin. Als der Uli endlich erschien, saß ich glücklich auf seinem Bett und aß, was ihm die Mutter mitgegeben hatte. Er hat es sein ganzes Leben lang nicht vergessen, und ich auch nicht. Von da an schafften wir beide es mit Finesse und Lügen, für die nächsten zwei Jahre zusammen zu bleiben. Eine Lebensfreundschaft entstand.

»Göring hieß schon lange Meier«

Stolpmünde war, wie gesagt, nur ein Durchgangslager. So fanden wir uns bald wieder im Zug, mit unbestimmtem Ziel. Nach einer kurzen Episode als Beinahe-Fallschirmjäger kamen wir Ende Januar 1945 nach Emsland bei Haselünne. Die Gegend ist für ihre Moore und Sümpfe bekannt, und die Torfstecherei war da schwer im Gange. Unser Soldatenleben ging in den gewohnten Bahnen weiter: jeden Tag Geländeübungen, Schießstand und andere Waffenausbildung. Auch jagte man uns durch die Gegend, wohl um uns fit zu halten. Der Drill wurde nur dann unterbrochen, wenn die Bomber von Westen her gezogen kamen. Nein, es waren nicht unsere, denn Göring hieß schon lange Meier! Ich erinnere mich noch an folgenden Witz: „Der Reichsmarschall wurde gefragt: Sollen wir unsere Flieger nach England geschwaderweise fliegen lassen oder alle drei einzeln?“. Auch sahen wir dort die ersten V1, die Wunderwaffe. Man konnte sie vorher schon durch das sonderbare Geräusch des Rammmotors hören. Sie flogen ziemlich langsam, doch weiß ich nicht, wo ihr Ziel lag. Es kann Rotterdam gewesen sein, denn London war in eine andere Richtung. Ich hatte mal gehört, das Lieblingslied vom Adolf war „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“.

Wir hatten immer Kohldampf. So machten sich Uli und ich, wie viele andere auch, an den Wochenenden auf, um bei den Bauern zu „organisieren“ – so nannte man das damals, der richtige Ausdruck wäre wohl eher „betteln“ gewesen. Meistens kamen wir mit Eiern, Brot und Butter heim.

Anfang März wurden wir in einen Zug verladen und kamen nach Holland. Eine richtige Kampfaufgabe bekamen wir nicht. Nach einigen nächtlichen Gewaltmärschen in Richtung Osten, gerieten wir bei Appelhülsen, also wieder in Deutschland, in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ohne die alten Haudegen von Unteroffizieren wären wir damals aufgeschmissen gewesen – unser Bataillons-Chef (wobei das nur dem Namen nach eine Bataillon war) war ein schneidiger, unerfahrener Hauptmann, so à la „Führer, Volk und Vaterland“.

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»Mak snell, mak snell!« – die Kriegsgefangenschaft

Wir hatten uns im Wald eingegraben. Als ein Aufklärungsflugzeug seine Kreise über uns zog, begann mein Heldentum, mich zu verlassen. Uli war mein einziger Halt, wir machten uns gegenseitig Mut. Am späten Nachmittag hörten wir Kettengeräusche. Kaum hatte ich mein Sturmgewehr zerlegt und zur Übergabe vorbereitet, schon hörten wir fremde Laute: „Mak snell, mak snell!“. Der Uli und der Hansi erhoben sich zögernd vom Waldboden und traten, die Hände in die Luft streckend, ins Freie. Dort wurden sie mit freundlichem Gewehrfuchteln von ernst aussehenden Amis eingewiesen, sich auf dem Feld in einer Reihe aufzustellen. „Alles weckwerfen, schmeiß weck!“ Damit waren nicht nur die Waffen gemeint, sondern auch alles andere, was wir bei uns hatten, zum Beispiel Papiere und Lebensmittel im Brotbeutel. Die Uhren fanden sie selber. Es begann ein neuer Lebensabschnitt für uns. Wir waren Kriegsgefangene – das war die schlechte Nachricht. Die gute war, dass es Amis waren und nicht Russen.

Die Filzerei dauerte noch bis zum Abend. Danach marschierten wir mit netter Behütung in Richtung Appelhülsen, das immer noch brannte. In der Innenstadt mussten wir uns auf einem Platz in freier Sicht auf die Erde setzen. Die gefangen genommenen Landser waren schweigsam. Die Wachleute kamen auf ihrer Runde ab und an vorbei. So saßen wir da und dachten an das Geschehene und an das, was uns noch bevorstand. Ich suchte nach Zigaretten und entdeckte etwas Seltsames in meiner Tasche – da brauchte ich dringend Ulis Rat. Ich flüsterte ihm zu, ich hätte noch eine Eierhandgranate in der Tasche. Wegwerfen? Nein, das fällt auf. Liegenlassen? Nein, die finden das und dann…? Nun, ich war noch etwas naiv und meinte, Ehrlichkeit währt am längsten. Ich überreichte die Granate einem Wachposten, der wohl zu spät bemerkte, um was es sich handelte. Ich hatte noch nie jemanden so schnell auf die Erde fallen sehen. Meine Rettung war wohl, dass nichts in die Luft ging. Uli sagte nur „Du Dussel“.

Mitten in der Nacht wurden wir auf Lastwagen raufgepfercht und auf einen Schulhof irgendwo auf dem Lande gebracht. Man legte uns draußen wie Heringe nebeneinander. Ich wurde dann mit anderen herausgeholt und auf ein Feld hinter dem Schulhof geführt. Man gab uns Spaten und deutete an, dass wir Gräben ausheben sollten. „So, dann sind die Amis doch nicht so human, wie ich dachte, und Chlorkalk liegt auch schon bereit! – Warte doch mal, die Gräben sind doch viel zu schmal. Ach so, Donnerbalken ohne Balken!“

»Strecke bitte die Arme in die Luft«

Am nächsten Tag ging es auf Lastwagen weiter, auf die andere Seite vom Rhein. Dort konnten wir uns als erste Einwohner des berüchtigten Lagers Rheinberg niederlassen. Als wir ankamen, bildete ein notdürftig ausgelegter Harmonika-Stacheldraht, von Posten mit drohenden Gesichtern umstellt, die einzige Sicherung für uns Gefangene. Uli und ich hielten uns so dicht wie möglich zusammen, um ja nicht auseinander gerissen zu werden. Anfangs herrschte noch eine gewisse Kameraderie im Lager, doch der Zusammenhalt mit Einheitskumpeln wurde durch ein dauerndes Umlegen absichtlich unterlaufen. Noch waren wir aber nicht namentlich erfasst. Wenn es hieß „Alles mit Namen auf den Buchstaben soundso bis soundso nach rechts!“, hatten Uli oder ich immer neue Namen, mal war ich Jamlowski, mal war er Sakukassa.

Die Wasserversorgung im Lager stellte ein großes Problem dar. Man stand stundenlang an, um eine Konservendose mit Wasser zu füllen. Oft gab es dabei Faustkämpfe, bis der Ami einschritt. Als feste Verpflegung bekamen wir die C-Rationen (combat rations) der amerikanischen Armee: ein wasserdichtes Päckchen mit einer Dose Essen (Cornedbeef oder Suppe mit Fleisch), Kekse, Peanuts und vor allem Zigaretten, die man entweder selbst rauchte oder verkaufen konnte. Anfangs hatten wir keine Möglichkeit, das Essen warm zu machen. Schlafen wurde nach und nach zur Gewohnheit, denn die Portionen waren klein und Hunger macht schwach und müde. Dieser Hunger wird immer mit mir bleiben. Und die Erinnerung, wie weh er tun kann.

Die Zeit verging langsam, man ging herum und suchte nach Kumpeln, man sprach mit den Anderen, verbreitete Gerüchte und verfolgte sie aufmerksam. Doch bald fanden wir uns in den guten Händen von Todesfahrern wieder, die uns die Leistungsfähigkeit der amerikanischen Lastwagen vorführen wollten. Doch diesmal waren wir, wenn ich mich richtig erinnere, unter Planen und konnten sogar sitzen. Wir trafen auf einem Fabrikgelände ein. Jemand vom hinteren Ende des Wagens erspähte das Straßenschild für Namur. Auf dem Gelände waren Drahtkäfige, etwa 20 mal 20 Meter, und dazwischen Wege. Es ging zuerst in ein Gebäude, die Treppe runter durch ein Spalier der Militärpolizei. Auf der Treppe gab es einen Stau und man hörte wieder mal das familiäre „Mak snell, mak snell!“ Nur, dieses Mal bekam ich eine Zugabe: einen mit dem Polizeiknüppel übers Kreuz. Unten wurden wir freundlich befragt: „Wie geht's, wie steht's“ und natürlich „Strecke bitte die Arme in die Luft“. Ich dachte zuerst, der Mann wollte mal deutschen Schweiß riechen – in Wirklichkeit wollte er nur sehen, ob bei mir die Blutgruppe tätowiert war, wie es bei der SS üblich war. Später sah ich, was die Typen mit der tätowierten Blutgruppe vor sich hatten. Sie wurden in einen Käfig mit wunderbarem, scharfem Schotter eingesperrt – die Amis müssen gewusst haben, dass der deutsche Soldat sehr gut robben konnte. Die SS-Männer wurden dort stundenlang geschliffen. Ich vermute, dass diese Maßnahme an Samstagen nicht stattfand, weil die Hauptakteure in den Tempel mussten. Dort wurden wir auch zum ersten Mal namentlich erfasst. Uli und ich haben es aber weiterhin geschafft, zusammen zu bleiben.

»An allen Bahnübergängen standen belgische und französische Begrüßungskommandos«

Nach einiger Zeit ging es wieder auf Reisen – mit der Eisenbahn, das war die gute Nachricht; die schlechte Nachricht war, dass es offene Kohlenwaggons waren. Doch wenigstens waren sie nicht überfüllt, man hatte genügend Platz, um sich hinzulegen. Jeder Waggon war mit zwei Eimern ausgerüstet: einem für Wasser und einem für Abwasser. Auf jedem zweiten Waggon saß ein Posten. Sie wollten uns vor einem eventuellen Selbstmord behüten, dachten wir. Doch es zeigte sich anders. An allen Bahnübergängen standen die belgischen und dann französischen Begrüßungskommandos. Warfen sie etwa Blumen? Von wegen, sie schleuderten Steine! Aber unsere Posten hatten ihre Aufgabe und außerdem konnten die Amis die Franzosen überhaupt nicht leiden. So ging das Geballer richtig los – über die Köpfe der freundlichen Menschen natürlich, doch sah die Leuchtspur großartig aus. Wir haben nur gejohlt.

Die Zugfahrt dauerte einen Tag und eine Nacht. Ziel war die Stadt Bolbec nördlich von Le Havre. Wir marschierten durch die Straßen und die Menschen waren hier netter – sie schmissen keine Steine, leerten aber ihre Nachttöpfe über unseren Köpfen aus. Doch war das Lager wenigstens eine angenehme Überraschung: Es gab nämlich Zelte, wir mussten nicht mehr unter freiem Himmel schlafen. Nachdem man seinen Platz im Zelt belegt hatte, war man wieder am Wandern und suchte nach bekannten Gesichtern. Die Zeit verstrich im Schneckentempo. Wir hungerten uns langsam der Mitte des Monats April zu. Einmal fiel ich vor Schwäche um – mir war einfach schwarz vor den Augen geworden.

Angesichts des ständigen Hungers war das Arbeitskommando, das die Verpflegung für das Lager holte, sehr beliebt. Ich wurde nie dazu ausgewählt und das war wohl auch gut so. Denn wenn man sich da vergriff, sich z.B. ein Brot unter das Hemd steckte, und dabei erwischt wurde, war die Strafe hart und einzigartig. Das Lager war von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben, dessen Eck- und Torpfähle stark wie Telefonmasten waren; diese Fläche gab gerade genug Raum her, um mit beiden Füßen dicht zusammen stehend, mit vorne überhängenden Schuhspitzen darauf zu balancieren. So sah man dann die „Diebe“ dort oben ihr Bestes tun, um die zweieinhalb Meter nicht zu fallen. Einige fielen tatsächlich und kamen nicht ohne Knochenbrüche davon.

Eines Tages war es wieder soweit – abgezählt und aufgeladen. Wohin ging es? Das hatte man uns natürlich nicht gesagt. Wir kamen nach Rouen an der Seine. Was sollen wir im Hafen? Bitte einsteigen meine Herren! Wohin die Reise ging, erfuhren wir auch diesmal nicht. Das Schiff war kein Truppentransporter, sondern ein Frachter. Unsere Unterkunft war der nackte Boden im zweiten oder dritten Ladedeck. Wir fuhren nach Amerika, in das gelobte Land. Doch Grund zu jubilieren gab es keinen. Das Schiff war nicht für warme Mahlzeiten eingerichtet, zumindest nicht für einige Tausend „POWs“ – so lautete unser neuer Titel, aufgelöst heißt das „prisoner of war“. Wir durften umschichtig an die frische Luft. Uli und ich gingen gern nach vorne, wo einige Meter über uns amerikanische Matrosen auf einem Kanonenturm standen. Sie rauchten eine Zigarette an und ließen sie dann zu uns herunterfallen. Wir beide waren immer so hungrig, dass wir uns alle möglichen Kochrezepte erzählten. Uli schwärmte immer, dass er völlig zufrieden wäre, Pellkartoffeln mit Butter und Salz zu haben, das wäre ein Festessen. Noch heute esse ich zuerst eine „Uli-Gedächtnis-Kartoffel“ mit Butter und Salz, wenn wir Pellkartoffeln zu Hause haben.

»Der Anblick des Kapitols mit seiner riesigen Kuppel war einmalig«

Ende Mai, nach knapp drei Wochen Fahrt, kam endlich Land in in Sicht: Amerika. Das Erste, was ich davon zu sehen bekam, war ein Vergnügungspark am Ufer. Unvergesslich bleibt mir auch die Freiheitsstatue. Wir sahen wieder ein normales Leben, konnten duschen, wurden entlaust und zu einem Bahnhof gebracht. Am Bahnsteig stand ein Zug mit komfortablen Pullmanwagen. Wir starrten das gegenüber liegende leere Gleis entlang und warteten auf unseren Güterzug. Doch dann kam das Kommando „Board!“. „Dreht euch um, das ist euer Zug“. Es waren Großraumwagen ohne Abteile. Aufstehen durfte man nur, nachdem man diese Absicht kundgetan hatte; zur Toilette ging man mit Begleitung. Es gab drei Mahlzeiten am Tag und auch einen Snack zwischendurch. An Zigaretten fehlte es auch nicht, nur Bier gab es keines. Wir schauten die ganze Zeit aus den Fenstern.

Zuerst fuhren wir durch ausgedehnte Hafengelände und große Industriegebiete. Danach sahen wir ländliche Gegenden mit Rinderweiden und Feldern. Die erste größere Stadt auf dem Weg war Philadelphia – wir bekamen davon aber nur wenig zu sehen, da die Eisenbahnstrecken in den meisten Städten an den Außenbezirken vorbeiführten. Einen tiefen Eindruck hinterließen bei mir die Slums am Rande der Bahnanlagen. Dann fuhren wir in Washington DC ein. Die Stadt war ein Lichtermeer – der Krieg in Europa war vorbei. Der Anblick des Kapitols mit der riesigen angestrahlten Kuppel war einmalig. Der intensive Eindruck der amerikanischen Macht, den ich schon in Europa bekam, bestätigte sich: Sie hatten alles in Hülle und Fülle, vom Tank bis zum Flugzeug, die Truppen mussten nichts entbehren.

Am nächsten Tag sahen wir wieder eine andere Landschaft. Wir fuhren jetzt durch Waldgebiete. An der Eisenbahnstrecke standen nur Katen, aber oft mit einem Auto davor. Wir waren im Süden angelangt und kamen am frühen Nachmittag am Ziel an – in Camp Butner, nördlich von Durham in North Carolina. Mit Bussen fuhren wir ins Lager. Dort mussten wir uns auf einem großen Platz in Fünfer-Reihen aufstellen und wurden von einem Offizier begrüßt: „Sie werden kommen in ein Land, wo Milk und Honick fließt – aber an Ihnen vorbei!“. Später erfuhren wir, dass er Jude war.

Johann Samlowski als Kriegsgefangener in den USA
Johann Samlowski als Kriegsgefangener in den USA.

Nach dieser Begrüßung wurden wir auf die Baracken verteilt – der Uli kam in eine andere. In den Bara­cken standen Stockbetten mit wei­ßer Bettwäsche und einem kleinen Spind für jeden. Mensch, fast wie Zuhause! Wir bekamen auch neue Kleidung, Schuhe, Unterwäsche, Socken und Taschentücher, dazu Waschzeug, Kamm, Zahnbürste und zu allem Überfluss ein Ta­schengeld, ausgezahlt in einer Lagerwährung, mit der wir in der Kantine einkaufen konnten. Eine ärztliche Untersuchung und die Aufnahme der persönlichen Daten schlossen die Prozedur ab.

In den nächsten Tagen ging ich wie gewohnt durchs Lager, um nach bekannten Gesichtern zu suchen. So kam ich in eine Baracke, wo man mich schweigend musterte, aber nicht begrüßte. Ich sagte verdutzt „guten Tag“. Da kamen zwei Typen auf mich zu, hoben mich am Hintern hoch und schrieen: „Wenn du hier reinkommst, sagst du gefälligst ‚Heil Hitler'!“. Im selben Augenblick landete ich wieder im Freien auf dem besagten Körperteil. Ich war in die SS-Baracke geraten.

Eines Tages mussten wir auf dem Appellplatz antreten. Die grimmigen Gesichter der Amis ließen uns nichts Gutes ahnen. In mehreren Zügen marschieren wir ins Kino. Bloß, warum so ernst, was soll denn das? Bald wussten wir warum: Über die Leinwand flimmerten Filme von den Konzentrationslagern. Wir waren alle sehr betroffen. Auf dem Weg zurück wurde dieser Stimmung Luft geschaffen – auf einmal fingen alle an, ein Lied zu singen: „Oh du schöner Westerwald“, im zackigen Marsch. Unser Begleitkommando hielt uns nicht davon ab. Es entstand sogar ein Wettkampf zwischen den verschieden Zügen.

Anfang Juni wurden Uli und ich endgültig getrennt. Eines Morgens sind Busse vorgefahren und haben namentlich aufgerufene Gefangene mitgenommen. Uli war dabei, ich musste bleiben. Nicht lange allerdings, denn bald musste auch ich antreten und fuhr einer neuen Ungewissheit entgegen – Straßenschilder und Städtenamen sagten uns ja überhaupt nichts. Nach mehreren Stunden sahen wir eine Zeltstadt vor uns – das war das Lager Williamston, mein neuer Aufenthaltsort. Die Zelte waren sehr eigenartig. Sie hatten einen Holzboden und brusthohe Holzwände. Nur das Dach bestand aus Zeltplanen, die man hoch- und herunterklappen konnte. Jedes Zelt war mit sieben oder acht Mann belegt. Meine Kumpane waren gute Kerle, wir haben uns schnell befreundet.

»Ein Kriegsgefangenenlager stellten wir uns anders vor«

Die Einrichtungen im Lager waren nicht üppig, aber doch über unseren Erwartungen. Der Speisesaal war groß und das Essen war sehr gut. Die Kantine bot alles, was man brauchte – Toilettensachen, Schokolade, Kekse, Getränke, Zigarren, Zigaretten und Tabak. Ein Kriegsgefangenenlager stellten wir uns anders vor! Am ersten Abend beobachtete ich, wie die Gefangenen von der Arbeit ins Lager zurückgebracht wurden – die meisten mit privaten Pkws! So stand ich da und guckte. Dann sah ich auf einmal den Uli, wir feierten Familienzusammenführung. Er arbeitete in einem Sägewerk. Ich selbst war später in so vielen Arbeitskommandos, dass ich sie nicht mehr alle aufzählen kann. Gemäß der Genfer Konvention, an die sich die Amerikaner hielten, war es erlaubt, einfache Dienstgrade zum Arbeitseinsatz heranzuziehen. Ich arbeitete nur ein einziges Mal fürs Militär, sonst immer für Privatlaute oder Firmen. Einer der schwersten Jobs war das Holzfällen im Akkord: Baum fällen, Äste abhacken, Baumstamm in vier Fuß lange Stücke sägen, aufstapeln – und wieder von vorne anfangen. Wir arbeiteten in Zwei-Mann-Teams und mussten eine Norm erfüllen, die Holzstapel wurden genau vermessen. Motorsägen gab's noch nicht. Außerdem ist es dort in North Carolina brütend heiß, ich weiß nicht mehr, wie viele Eimer Wasser ich täglich trank. Am ersten Tag hielt ich das nur bis drei Uhr nachmittags durch. Mein Schädel war am Platzen, die Kleidung war durchgeschwitzt. Der Aufseher nahm mich raus, und ich lag wie tot im Schatten.

Im Gegensatz zu den früheren Lagern war das Leben in Williamston nie langweilig. Durch die Arbeit kam man aus dem Lager heraus und sah viel Neues. Auch mit seiner Freizeit konnte man einiges anfangen. Auf Initiative unseres Lagerleiters wurde eine große Mehrzweckhalle gebaut, die als Sporthalle, aber auch als Theater diente – es gab Konzerte, Operetten und Komödien. Wer es wollte, konnte sich in Abendkursen weiterbilden – ich nahm klassische Musik und Geschichte. Englischunterricht wurde ebenfalls angeboten. Es gab sogar eine Bücherei. Zu diesen legalen Möglichkeiten kamen die illegalen hinzu – unter strengster Geheimhaltung wurde Schnaps gebrannt und heimlich unter Freunden konsumiert. Überhaupt musste man immer wieder staunen, wie erfindungsreich die Leute waren und was alles ins Lager geschmuggelt wurde – nicht selten auf Bestellung: „Wo arbeitest du?“, „Was kannst du besorgen?“ usw. Wir lebten wie die Maden im Speck, zumindest wenn man bedenkt, dass wir Kriegsgefangene waren.

»Die KZ-Angelegenheit hatte wie eine Bombe überall eingeschlagen«

Doch plötzlich, im Frühsommer 1945, wurden die Amis verrückt. Die Kost wurde auf mager umgestellt: Zwei Scheiben Weißbrot mit grünem Salat als Belag waren unsere Mittagsration, mit der wir zur Arbeit auszogen. Die Milch verschwand, die Kantine hatte kaum mehr als Seife und Zahnpasta. Was war der Grund? Die KZ-Angelegenheit hatte wie eine Bombe überall eingeschlagen. Offenbar hatte die Obrigkeit diese Kollektivstrafe verordnet, der Lagerleiter war jedenfalls nicht ganz bei der Sache dabei, zumal unsere Arbeitsleistung schnell zu sinken begann – aber er folgte dem Befehl. Nach wenigen Wochen fanden sich wohl einige kühlere Köpfe, die der Sache ein Ende machten, und alles nahm seinen gewohnten Lauf.

Meine Tage und Wochen verbrachte ich mal in den Tabak- oder Erdnussfeldern, für die der Staat North Carolina berühmt ist, mal in der Kunstdüngerfabrik. An all den Arbeitsplätzen stand man auf der Ebene der Neger (ich habe sie alle fast immer als freundliche und lustige Menschen kennen gelernt). Die Leerläufe bei der Arbeit vertrieben wir uns mit ihnen beim Penny Pitching: Man wirft eine Münze gegen eine Wand, und es kommt dabei darauf an, dass der Penny dicht an der Mauer fällt – wer am dichtesten liegt, gewinnt den Topf. Oft schäkerten wir auch mit den Mädchen, die in der Tabak-Auslese am Fließband arbeiteten, und versuchten dabei immer so dicht wie möglich an einem weiblichen Körper zu sein. Manche dieser Mädchen waren recht zugänglich, man durfte sich sogar anlehnen.

So verging das Jahr und der Winter kam, so überraschend es auch für uns war nach dem tropischen Sommer. Die Lagerwerkstatt baute am Lagerzaun, gleich an der Straße, ein großes Krippenspiel. Es hatte geschnitzte Figuren und war natürlich auch beleuchtet. Die Autoschlange riss an den Abenden nicht ab, Geschenke wurden vor das Krippenspiel gelegt! Die Weihnachtsfeier fand in unserer Allzweckhalle statt. Der Kommandant und die örtlichen Prominenten fanden sich mit den Ehefrauen ein. Doch so schön diese Feier auch war, unsere Zukunft war ungewiss. Das drückte die Stimmung.

Im neuen Jahr, 1946, begannen die Amis ihr „Entnazifizierungsprogramm“. Wir mussten individuell antanzen. Die Prozedur zog sich wegen der großen Anzahl von Gefangenen ziemlich lange hin. Mein Interviewer hat aber nicht tief gebohrt, wahrscheinlich wegen meines jungendlichen Alters – sie wussten Bescheid. Danach gingen wir wieder zur Arbeit. Bei mir hieß es „In den Wald, marsch, marsch!“. Der Maschinenmeister dort mochte mich und brachte mir ab und an etwas zum Essen mit. Später wollte er mir sogar bei der Flucht helfen – ich sollte seine Nichte heiraten. Da ihm aber die meisten Vorderzähne fehlten und er auch sonst nicht sehr einladend aussah, nahm ich von dem gut gemeinten Angebot Abstand.

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»Wir fahren gegen Engeland« – die Entlassung

Gemäß der Genfer Konvention sollen alle Kriegsgefangenen innerhalb von achtzehn Monaten nach dem Kriegsende in ihre Heimat entlassen werden. Der Begriff „Heimat“ wurde mir dabei beinahe zum Verhängnis: Ich wurde erneut zu einem Interview geholt, wobei mir gesagt wurde, dass ich meiner Herkunft entsprechend nach Polen entlassen würde. Es kostete mich langes Reden mit eingelegten Wutanfällen, bis ich den Mann überzeugt hatte, dass er mir damit keinen Gefallen tun würde.

Im April 1946 hieß es dann packen und Abschied nehmen. Ich hatte zwei Seesäcke und einen kleinen Holzkoffer (sie wurden im Lager hergestellt und verkauft) – ich musste ja nicht nur meine Wäsche und Bekleidung, sondern auch zehn Stangen Zigaretten, Kaffe, Tee, Kakao, Tabak, Seifen, Creme, Rasierwasser und noch einiges mehr unterbringen. Mit dem Zug ging es nach Camp Shanks. Es war ein Einschiffhafen am Hudson-Fluss, etwa hundert Kilometer stromaufwärts von New York. Unser Frachter war, anders als auf der Hinreise, als Truppentransporter eingerichtet, hatte also richtige Kojen. Die Fahrt an New York City vorbei, mit den Wolkenkratzern in greifbarer Nähe, war einzigartig. Wir sagten der Freiheitsstatue „auf Wiedersehen“, wobei ich nicht ahnte, dass es ein solches wirklich geben würde – inzwischen lebe ich schon seit einigen Jahrzehnten in den USA.

Uli und ich waren während der Überfahrt immer noch zusammen, sogar in der gleichen Kabine. Immer wieder versuchten wir herauszufinden, zu welchem Hafen wir fahren: Mal hieß es Bremen, mal Hamburg, mal Bremerhaven. Das gab uns zu denken – sie unterschlugen uns was! Nach ungefähr zwei Wochen liefen wir in einen Hafen ein. Wo sind wir? Schnell stellte es sich heraus, dass es weder Bremen noch Hamburg war. Es war Liverpool, und das liegt bekanntlich in England. Warum habe ich bloß immer gesungen „Und wir fahren – und wir fahren – und wir fahren gegen Engeeeland“!

Abgefertigt – besser gesagt gefilzt – wurden wir von Polen, die in der englischen Armee dienten. Sie wollten uns einfach beklauen. Wir machten aber so ein lautes Geschrei, dass ein englischer Offizier dem einen Riegel vorschob. Nun wechselten die Polen die Taktik und fingen an, unser Gepäck ganz genau zu prüfen. So war man besser dran, ihnen gleich am Anfang mit etwas Verlockendem unter der Nase zu fuchteln.

»Die Engländer marschierten wie Marionetten«

In England wurde ich leider wieder von Uli getrennt, wir wurden zwei verschiedenen Lagern zugeteilt. Ich kam ins Lager Normanhurst bei Battle in Sussex. Unsere Baracken standen in einem Schlosspark. Das überkandi­delte Militärauftreten unse­rer Bewacher war das Erste, was mir dort auffiel. Sie mar­schierten immer wie Ma­rionetten. Unsere amerikani­sche Kleidung mit dem Schrift­zug „POW“ auf dem Rücken und vorne auf den Hosenbeinen tauschten wir gegen weinrot gefärbte Hosen und Battledress-Jacken mit einem hellen Karo auf dem Rücken.

Mein erster Arbeitseinsatz in England führte mich als Untergärtner in ein Pensionat für… Mädchen! Mein Chef war der Obergärtner Jim. Wir konnten uns gut verstehen, und bald war mir klar, warum. Jim sagte einmal zu mir: „Wir wissen, dass ihr den Krieg verloren habt, aber nun sehen wir einer neuen Gefahr entgegen. Wir müssen zusammenhalten, denn der verfluchte Russe schluckt sonst alles.“ Die Arbeit war großartig: Wir wurden außerhalb des Lagers nicht bewacht, Jim erwartete keine außerordentlichen Leistungen von mir, außerdem musste ich lernen, die „tea time“ einzuhalten – vormittags und nachmittags, eine reine Zeremonie. So bin ich fleißig meiner Arbeit nachgegangen. Wann immer ich in die Nähe der Klassenfenster oder einer Gruppe der Jungfrauen kam, konnte ich die interessierten Blicke sehen und spüren. Manche haben vielleicht nach unseren Hörnern gesucht.

Mitglieder des Lagertheaters im Lager Normanhurst, darunter der Souffleur Johann Samlowski
Mitglieder des Lagertheaters in Normanhurst – Johann (oben, vierter von links) war dort als Souffleur tätig.

Später wurde ich versetzt und arbeitete in der Land­wirtschaft. Dort lernte ich Bernard kennen. Er stamm­te aus einer Hamburger Kauf­manns­familie und hat­te schon zuhause Englisch als zweite Sprache gespro­chen. Eines Tages wurde er einer alleinstehenden Wit­we mit­ten in den Sechzi­gern zuge­teilt. Sie hatte zwei Kühe, ein paar Hühner und einen Garten. Bernard ging jeden Morgen zu sei­ner „schweren“ Arbeit. Ich habe den Verdacht, dass die rüstige Dame etwas von Bernhard wollte und vielleicht auch bekam.

Einige Zeitlang arbeitete ich als Schreibstubenhelfer. Es war stocklangweilig. Ich saß oft stundenlang alleine im Büro, die Tommies waren nicht aufzutreiben. So habe ich in den Akten geschnüffelt, und siehe da, Bilderchens vom Hansi! Wie oft schauen die da rein? – Wohl nicht oft. Und da es in der Akte kein Vermerk über ein Bild gab, war das Bild schnell fort. Auch konnte ich nachlesen, dass ich nicht als Kriegsverbrecher klassifiziert war.

In meiner Stube wohnte der Leiter des Lagertheaters. So ergab es sich, dass ich Mit­glied der Truppe wurde. Die Bretter, die die Welt bedeu­ten, habe ich aller­dings nie betreten – ich war dort als Souffleur beschäf­tigt und half außerdem beim Büh­nenbau mit. Zu Weihnach­ten zogen wir ei­ne Weih­nachtsgeschichte auf, bei der auch die engli­sche Wach­mannschaft und einige Zivilisten mitspielten.

»Die Kriegsgefangenen fungierten als gezähmte Hausnazis«

Ende 1946 erlaubte man uns, das Lager zu verlassen, wenn wir eine Einladung von Privatpersonen erhielten. So wurde ich in meinem Englisch nach und nach sicherer. Ich bekam nämlich Verbindung zu einer englischen Gesellschaft, etwa acht bis zehn Personen, dazu einige Kriegsgefangene. Wir, die Kriegsgefangenen, fungierten als gezähmte Hausnazis – die Leute waren sehr neugierig, wie es im Nazideutschland war. Doch obwohl ich an den Wochenenden so viel wie möglich ins Kino ging und einige Bekanntschaften gemacht hatte, kam ich mir manchmal sehr einsam vor. Die Mädchen trauten sich offensichtlich nicht so ganz heran, obwohl man sah, dass sie wollten. Ich hatte in einem der Nebengebäude sogar ein Einzelzimmer ergattert, doch was nützt eine sturmfreie Bude, wenn niemand zum Stürmen da ist. Ich ließ mich aber nicht verdrießen. Wann immer ich konnte, fuhr ich in die Umgegend – die Busfahrpläne kannte ich auswendig. Einmal traf ich ein Ehepaar aus London. Sie luden mich für ein Wochenende zu sich ein. Gesagt, getan, doch war es nicht ganz das, was ich erwartete. Sonntag war für sie der Ruhetag – es wurde lange geschlafen, ohne Hast gefrühstückt, Zeitung gelesen. Wir haben uns dann lang unterhalten. Am Schluss reichte es noch für einen Spaziergang in der Nachbarschaft, das richtige London sah ich aber nicht – sie wohnten in einem Außenbezirk.

Ein andermal fuhr ich nach Folkestone – ich hatte erfahren, dass Uli dort im Lager war. Ich besuchte ihn dort und wir machten einen Ausflug zu den Kreidefelsen in Dover.

Johann Samlowski im Lager Normanhurst bei Battle in Sussex
Johann Samlowski im Lager Normanhurst: die Kriegsgefangenen durften Zivilkleidung tragen. Man kaufte sie bei einem Kameraden, der im Lager einen inoffiziellen Trödelladen führte.

Nach einer gewissen Zeit wurde die Sache mit den Einladungen nicht so genau ge­nommen – wir verschwanden einfach und nahmen am Wochenende Gelegenheits­jobs an. An eine Arbeit entsinne ich mich noch ganz gut. Es war in Bexhill am Eng­li­schen Kanal. Wir waren acht Mann und bauten Wellenbrechermolen, um Strand­erosion zu unterbinden. Meine Schwimm­kenntnisse kamen mir dabei sehr zugute. Wir schwemmten die Baumstämme im Wasser heran, die dann von der Ramm­winde hochgezogen und gerammt wurden. Das verdiente Geld demoralisierte uns ein wenig, denn die Wochenendarbeit wurde mit der Zeit wichtiger als die eigentliche Arbeit unter der Woche. Wir wollten uns ja alle besser einkleiden, keiner wollte am Wochenende mit dem Sträflingsanzug herumlaufen. Wir hatten im Lager einen sehr geschäftstüchtigen Kameraden. Er war Fahrer und hatte deshalb eine größe­re Bewegungsfreiheit. In der Stadt ver­kaufte er seine handgearbeiteten Sachen, zum Beispiel Zigarettenspitzen aus Messingröhrchen. Mit dem so verdienten Geld ging er in Trödlerläden, kaufte ein und verscheuerte die Sachen im Lager. Er hatte auf dem Dachboden eines der Gebäude einen richtigen Laden und nahm auch Aufträge an.

Mitte Juni wurden wir endlich nach Deutschland entlassen. Ich kann nicht sagen, welche Erwartungen ich damals hatte. Alles war sehr ungewiss, und man dachte oft nur von einem Tag zum anderen. In Munsterlager angekommen, wurde ich offiziell aus der Luftwaffe entlassen, bekam 40 DM Entlassungsgeld und ging, mit einem Freifahrtschein gewappnet, zum Bahnhof. Mit meiner Mutter hatten wir vereinbart, dass wir uns in Göttingen bei guten Familienfreunden treffen. Es war ein Bummelzug und die Reise dauerte ewig. Doch dann war ich da. Auf dem Göttinger Bahnhofsvorplatz war der Schwarzmarkt in vollem Gange. Amerikanische und englische Zigaretten wurden, wenn mein Gedächtnis nicht trügt, für fünf Mark das Stück gehandelt. Ich hatte 1200 solche Zigaretten im Gepäck, außerdem fünf Kilo Kaffee, einige Pfund Tee und Kakao. Später erfuhr ich, dass ich eine gute Partie war.

»Alle wollten Bäcker und Schlachter werden, nur ich nicht«

Meine Ankunft wurde zünftig begossen und gefeiert. Leider musste ich dann auch erfahren, dass mein Vater in der Verschleppung verstorben und dass meine Schwester mit der „Steuben“ untergegangen war. Mein Bruder Ernst arbeitete als Schweißer im Hamburger Hafen – was nicht sein Beruf und Lebensplan war. Aber man musste ja leben. Er beendete seine Karriere als Oberzollrat. Die ersten Tage waren mit Behördengängen ausgefüllt: Karte-dies und Karte-das, da ein Stempel, dort ein Stempel. Natürlich ging es auch zum Arbeitsamt, um als niemals Beschäftigter arbeitslos zu werden. Da ich keine Lust hatte, noch einmal mit der Schule anzufangen, mich mit Kindern in die gleiche Klasse zu setzen, um auf ein Abitur mit zweifelhaften Anwendungsmöglichkeiten hinzuarbeiten, blieb mir nichts anderes übrig. Erst Anfang September legte man mir nahe, eine Berufsausbildung zu suchen. Alle wollten Bäcker und Schlachter werden, nur ich nicht. Am 15. September fing ich eine Lehre als Autoschlosser beim Volkswagen-Händler Bartels in Göttingen an. Als Heimkehrer wurde mir ein Lehrjahr geschenkt. Die Lehre umfasste alles, was dazu gehört: Besen schieben, Auto waschen, Brötchen holen, dem Gesellen zur Hand gehen. Nach einem Jahr machte ich viele Dinge schon selbstständig und hatte Spaß an der Arbeit. Wie alle Stifte bekam ich nur ein geringes Lehrgeld, doch das Arbeitsamt stockte es auf einen Mindestlohn auf. Meine Mutter verdiente sich Geld als Näherin – so konnten wir uns knapp über der Armutsgrenze halten. Irgendwann zogen wir in ein eigenes Zimmer.

Das Jahr 1950 brachte die entscheidende Wende meines Lebens. Es war in einem Dorfgasthaus bei Göttingen: Ich saß da, ließ meine Blicke schweifen und suchte nach einer Partnerin für den nächsten Tanz. So sah ich sie, ein noch junges Mädchen und gut anzusehen. Beim ersten Tut der Blaskapelle sprang Hansi übers Parkett auf das Mädchen zu, eine zackige Verbeugung hinlegend. Doch oh Graus, mitten in der Verbeugung schnappte ein anderer sie ihm fort! Nun, ein Gentleman zeigt sich keine Blöße. In meiner noch nicht vollendeten Verbeugung drehte ich mich nach rechts und forderte ein anderes Mädchen auf, als ob es schon immer meine Absicht gewesen wäre. So begann der schönste Tanz meines Lebens. Es stellte sich heraus, dass dieses Wesen auch aus Ostpreußen stammte. Im Jahr 1951 bat ich bei Mausis Mutter um die Hand ihrer Tochter. Zur gleichen Zeit bekam ich, noch vor meiner Gesellenprüfung, eine Arbeitsstelle bei einem VW-Händler in Bingen am Rhein. Am 31. Mai 1952 war unsere Hochzeit. Ich hatte große Angst davor. Verheiratet? Wird das auch gut gehen? Doch die Liebe baut großartige Brücken. Und eines hat uns in den ersten Jahren unserer Ehe gut zusammengehalten – wir waren beide arm wie die Kirchenmäuse und lebten zu dieser zeit von Liebe, Luft und Sprintwasser. Dieses Erlebnis bindet ungemein. Das war eine gute Grundlage für den Rest unseres gemeinsamen Lebens.

Mausi blieb zunächst in Göttingen, was mit einigem Hin- und Herpendeln verbunden war. Nach drei Monaten fand sie eine Stelle als Stenotypisten in der Bingener Gegend. Doch ans gemeinsame Wohnen war nicht zu denken. Das Wohnungsamt der Firma vermittelte ihr ein Zimmer und so lebten Mann und Frau einige Kilometer voneinander entfernt. Und nicht nur das: Mausis Mann durfte sie nicht nach 22 Uhr besuchen. Selbstverständlich! Als ich dann eines Morgens pinkeln musste und über den Flur ging, wer kam da? Natürlich, die Wirtin. Mausi flog im hohen Bogen raus. Ich war nämlich um 22 Uhr durch die Haustüre hinausgegangen und durch das Fenster wieder eingestiegen.

»Wir lebten von der Hand in den Mund«

Nach diesem Ereignis vermittelte man ihr sofort ein neues Zimmer, in das ich sogar mit einziehen konnte – gegen zehn Mark Aufschlag, für Matratzenabnutzung, wie die neue Wirtin sagte. So begannen wir, zusammen Haus zu spielen. Ein oder zwei Kochpötte, ein Satz Geschirr und ein Satz Wäsche – das war unser ganzer Hausrat. Doch wir waren glücklich und das Leben war großartig. Bald darauf bin ich zum Leiter einer neu gebauten Vertragswerkstatt in Bingerbrück aufgestiegen. Wir sahen uns nach einer Wohnung um und hatten Glück, denn irgendjemand hatte mit Staatszuschüssen gebaut und musste eine Wohnung an Flüchtlinge abgeben. Wir waren im siebten Himmel. Nur durch eisernes Sparen konnten wir uns Möbel anschaffen. Am 17. September 1953 wurde unsere Tochter Beatrice geboren. Die ersten drei Lebensjahre verbrachte sie mit Omi in Göttingen, denn wir mussten beide verdienen.

Beruflich war ich zwar nicht unglücklich, doch ich konnte mir keine Zukunft vorstellen. So planten wir den nächsten Schritt – nach dem Gesellen kommt der Meister. Also, nichts wie ran! Ich wurde von einer Meisterschule in Heide (Holstein) angenommen und absolvierte dort mehrere Lehrgänge. In dieser Zeit trug Mausi die ganze Einkommenslast alleine. Wir lebten von der Hand in den Mund.

Viele Stunden arbeitete ich an meinem Meisterstück, Ende Juni 1956 war es dann soweit. Ich übernahm eine Meisterstelle bei meinem alten Arbeitgeber. Doch das Ende war noch nicht erreicht, ich konnte mir nicht vorstellen, meinen Lebensabend bei Honrath als Meister zu erleben. Ich war noch nicht einmal dreißig, also was kostet die Welt? Beruflich sah ich mich nach einiger Zeit in einer Sackgasse. Sich selbständig machen? Ist auch nicht einfach. Durch Beziehungen fand ich schließlich die Stelle meiner Träume – ein Großhändler in Washington suchte einen Außendienstmitarbeiter. So kam ich in die USA.

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