Mehr als drei Millionen Deutsche wurden zwischen 1945 und 1947 aus Polen ausgesiedelt. Diese Maßnahme, auf der Potsdamer Konferenz beschlossen, sollte „geordnet und human“ verlaufen – die Wirklichkeit sah anders aus.
Die ersten Aussiedlungen fanden noch vor der Potsdamer Konferenz statt – man wollte die in Potsdam konferierenden Siegermächte vor vollendete Tatsachen stellen. Betroffen waren hauptsächlich Deutsche aus grenznahen Gebieten rechts von Oder und Neiße, die zu Fuß in die sowjetische Besatzungszone marschieren mussten. Aber auch aus dem polnisch gewordenen Teil Ostpreußens wurden damals 25.000 Menschen ausgewiesen.
Die Durchführung der Aktion oblag dem Militär, doch die kleinen Wachtrupps boten den Aussiedlerkolonnen keinen Schutz vor Plünderern. „Russische und polnische Banden rauben die entlang ziehenden Aussiedler unterwegs und an Raststätten nahezu vollständig aus. Auf diese Weise überlässt man sie dem sicheren Hungertod“ – diese Sätze stammen aus einem Brief des Bischofs von Kattowitz Stanisław Adamski, der sich für die Schutzlosen bei der Zentralregierung verwandte. Dem Räuberhandwerk gingen allerdings nicht nur Zivilisten nach, sondern auch die Wachmannschaften selbst. „Mit Wissen und Billigung älterer Offiziere ging die Truppe dem Marodieren nach, so dass sich eine Unmenge von Sachwerten wie Kleidung, Stoffe, Fahrräder, Motorräder und Wertgegenstände im Besitz aller Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften befindet“, rapportierte ein Vorgesetzter. Kein Wunder also, dass die Deutschen hin und wieder Widerstand leisteten und die verbitterten und verzweifelten Bauern ihre Höfe in Brand steckten. „Es breitet sich eine Epidemie von Selbstmorden aus“, schrieb der bereits erwähnte Bischof von Kattowitz.
Nach scharfen Protesten der Zivilverwaltung wurden diese wilden Aussiedlungen im Juli 1945 ziemlich abrupt eingestellt. Nicht die Misshandlungen jedoch, sondern der immer stärker zu Tage tretende Arbeitskräftemangel in den betreffenden Gebieten veranlasste die Beamten zum Widerspruch. Auch kritische Stimmen, die in der ausländischen Presse laut wurden, können hier eine gewisse Rolle gespielt haben. Außerdem stand die Potsdamer Konferenz unmittelbar bevor und die Taktik der vollendeten Tatsachen war sinnlos geworden. Insgesamt wurden in dieser Phase mehr als 593.000 Menschen ausgesiedelt, von denen ein Teil allerdings in die Heimat zurückkehrte. Die schwache Bewachung der Grenze und die Faulheit der Soldaten, die die Aussiedlerkolonnen bereits wenige Kilometer vor der Grenze ihrem Schicksal überließen, statt sie zehn Kilometer ins Innere der sowjetischen Besatzungszone hinein zu eskortieren, machten eine Rückkehr möglich.
Nach dem entsprechenden Beschluss der Potsdamer Konferenz wurden die Aussiedlungen wieder aufgenommen. Ab Februar 1946 nahm die britische Besatzungszone Deutsche aus Polen auf – die Transporte wurden an der Grenze nicht von den Sowjets, sondern direkt von der britischen Militärmission in Empfang genommen. Ein Teil der Aussiedler verließ Polen auf dem Seeweg über Stettin – auf dem Rückweg nahmen die Schiffe polnische Heimkehrer mit. Ab Juli 1946 nahm auch die sowjetische Zone Aussiedler auf.
Die Aufsicht auf der polnischen Seite oblag dem Ministerium der Wiedergewonnenen Gebiete. In erster Linie wurde erwerbslose Stadtbevölkerung ausgesiedelt, insbesondere Menschen von schwacher Gesundheit, schwangere Frauen und Alte. Die Betroffenen bekamen den Ausweisungsbefehl etwa 24 Stunden im Voraus und durften 40 Kilogramm Gepäck mitnehmen, wobei viele Wertgegenstände vor der Abreise konfisziert wurden. Von Anfang an machten sich auf polnischer Seite organisatorische Schwierigkeiten bemerkbar, die dazu führten, dass die Aussiedlung alles andere als „human“ verlief. Ein durchschnittlicher Transport umfasste rund 1.500 Menschen, die nach einer 8- bis 15-tägigen Reise in überfüllten Güterwagen die britische Besatzungszone erreichten. Die Versorgung mit Lebensmitteln war völlig unzureichend: Der Proviant war für nur vier Tage, und dazu noch nach sehr niedrigen Normen berechnet. Im Winter kam es vor, dass Waggons ohne Öfen gestellt wurden – Erfrierungen und Todesfälle waren die Folge. Unterwegs wurden die Insassen mehrmals ausgeraubt – oft bereits an den Sammelpunkten, zu denen sich Unbefugte leicht Zutritt verschaffen konnten, und nicht selten von den Wachmannschaften.
Um einem akuten Arbeitskräftemangel vorzubeugen, gab man während dieser Aussiedlungsphase Reklamationskarten in drei Kategorien aus, die ihre Besitzer vor der Ausweisung schützten. Die Inhaber weißer Reklamationsscheine sollten nur solange zurückgestellt werden, bis man sie durch Polen ersetzen konnte. Blaue Karten bekamen Vertreter von Industriezweigen, die in Polen nicht vorhanden waren – sie sollten den polnischen Nachwuchs für diese Industriezweige ausbilden. Rote Karten schließlich bekamen Spitzenkräfte, die von der Aussiedlung ganz ausgenommen waren. Im polnisch gewordenen Teil Ostpreußens begann diese Phase der Aussiedlung mit mehrmonatiger Verspätung, nämlich im August 1946, und erst im Oktober 1946 nahm sie größere Ausmaße an. In erster Linie wurden die Kreise Angerburg, Bartenstein, Braunsberg, Heilsberg, Preußisch Holland und Rastenburg, weil dort die Versorgungslage am schlechtesten war. Aus ganz Polen wurden in dieser Phase 1.649.000 Menschen ausgesiedelt (16.500 aus der Woiwodschaft Ermland-Masuren).
Angesichts der andauernden organisatorischen Schwierigkeiten, eines von den Briten verhängten Aufnahmestopps und unvorteilhafter Berichte in der westlichen Presse wurde die Aussiedlung um die Jahreswende 1946/1947 vorübergehend eingestellt und erst im Frühjahr 1947 wieder aufgenommen. Diesmal nahm nur die sowjetische Besatzungszone Aussiedler auf. Die überwiegende Mehrheit der Deutschen aus dem polnischen Teil Ostpreußens verließ erst jetzt ihre Heimat – der erste Transport ging am 20. April 1947 von Heilsberg ab. Unter den polnischen Siedlern stieß die Aktion nicht selten auf Ablehnung, da sie mit den Deutschen billige oder gar kostenlose Arbeitskräfte verloren. Ende Oktober 1947 war auch diese Phase der Aussiedlung abgeschlossen, nachdem 593.000 Menschen Polen und knapp 45.500 Ermland-Masuren verlassen hatten. Vor Ort blieben allerdings weiterhin viele zurückgestellte Fachleute, außerdem deutsche Kriegsgefangene, elternlose Kinder, Insassen von Arbeitslagern und die so genannte autochthone Bevölkerung – diejenigen also, die als polnischstämmig galten und eingebürgert wurden. Mit Ausnahme der zuletzt genannten Gruppe wurden diese verbliebenen Deutschen bis 1949 in kleineren Transporten nach und nach ausgesiedelt.
Bernadetta Nitschke: Vertreibung und Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen 1945 bis 1949, München: Oldenbourg 2003. ISBN 3-486-56687-3, 392 Seiten, 34,80 EUR.