Jugendzeit in Ostpreußen - Vertreibung

Vertreibung aus dem Osten
Deutsche und Polen erinnern sich

Ein Buch, das Brücken schlagen will und über die Vertreibungs-Terminologie in Westdeutschland, der ehemaligen DDR und Polen aufklärt.

Umschlag: Vertreibung aus dem Osten214 Beiträge gingen bei einem deutsch-polnischen Wettbewerb ein – die interessantesten Erinnerungen sind in diesem Band veröffentlicht. „Vertreibung im Zweiten Weltkrieg und danach – Deutsche und Polen erinnern sich“ hieß das ehrgeizige Unternehmen, das sich der Völkerverständigung verschrieben hat und bereits 1995 von einem deutsch-polnischen Team in Angriff genommen wurde. Deutsche und polnische Opfer der „von den Alliierten verursachten Ost-West-Verschiebung der beiden Völker“ sollten einander die eigenen Biographien erzählen, um auf diese Weise gemeinsam ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. „Brückenbau durch Verstehen und Einfühlen in die Situation der jeweils anderen Seite“ und „Vertreibung als gemeinsames Schicksal von zwei Völkern“ waren die leitenden Parolen. Zwischen den deutschen und polnischen Schicksalen lassen sich trotz aller Unterschiede im Bereich der politischen Gegebenheiten und ursächlichen Zusammenhänge erstaunlich viele Ähnlichkeiten finden – so die Überzeugung der Wettbewerbinitiatoren.

Kurze Texte von zwei prominenten Persönlichkeiten – Marion Gräfin Dönhoff und dem ehemaligen polnischen Außenminister Wladyslaw Bartoszewski bilden eine Klammer für die Erinnerungen der Zeitzeugen. Die umfangreiche Einführung bietet interessante Bemerkungen zur Vertreibungsproblematik. So wird zum Beispiel die Eingliederung der Vertriebenen in ihren neuen Heimatorten in Polen, in der DDR und der Bundesrepublik verglichen – wohl zum ersten Mal für alle drei Länder innerhalb derselben Veröffentlichung.

Zusammenfassung der Einleitung: Den Schicksalen der deutschen und polnischen Heimatvertriebenen können verbindende Gemeinsamkeiten entnommen werden. Gemeinsame Erinnerung verbindet und stiftet Identifikation mit einer nationalen oder sozialen Gruppe. Dies kann für die Völkerverständigung allerdings hinderlich sein, wenn man die Aufmerksamkeit der Betroffenen nur auf ihr eigenes Leid lenkt. Die Ereignisse der Flucht, Vertreibung und Umsiedlung wurden während des Kalten Krieges von der Politik auf beiden Seiten geschickt instrumentalisiert und waren je nach politischem Bedarf Gegenstand jahrzehntelanger propagandistischer Auseinandersetzungen.

Dies spiegelt sich auch in sprachlichen Nuancen wider. In der Bundesrepublik sprach man mit Vorliebe von „Vertreibung“ und „Vertriebenen“, um den Zwangscharakter dieser Völkerverschiebung zu betonen. Die anfangs gebräuchliche Bezeichnung „Flüchtlinge“ wurde nach und nach zurückgedrängt. In der DDR war das Thema mit einem politischen Tabu belegt – der Begriff „Umsiedlung“ wurde als „neutrales Etikett für einen verbotenen Gegenstand“ geprägt. Beiden deutschen Staaten war aber gemeinsam, dass dort die Vertreibung der ostpolnischen Bevölkerung kaum thematisiert wurde. Wenn dies im Westen doch ausnahmsweise der Fall war, wurde trotz der allgemeinen antikommunistischen Einstellung die von den polnischen Kommunisten eingeführte verschleiernde Bezeichnung „Repatriierung“ verwendet – das Wort „Vertreibung“ war nur den deutschen Opfern vorbehalten.

Der Terminus „Repatriierung“ wird in Polen bis heute bevorzugt. Er wurde von den Machthabern des kommunistischen Regimes eingeführt, um das Ansehen des „großen Bruders“ im Osten nicht zu gefährden. Außerdem war diese Bezeichnung bestens dafür geeignet, die Fiktion der „wiedergewonnenen Gebiete“ zu wahren, heißt das Wort doch soviel wie „Rückkehr“. Das Thema selbst, jahrzehntelang unterdrückt, ist in der polnischen Öffentlichkeit auch heute noch weit weniger präsent als beim westlichen Nachbarn. Ähnlich wie in Deutschland wurde in Polen ein Unterschied zwischen den eigenen und den fremden Opfern gemacht. Die Vertreibung der Deutschen verharmloste man im offiziellen Sprachgebrauch als Aussiedlung oder Migration. Das Wort „Vertreibung“ war bis 1990 weder in Polen noch in Ostdeutschland bekannt.

Vertreibung hat übrigens eine lange Tradition und war im 20. Jahrhundert ein häufiges Phänomen – man denke an die Vertreibungen nach dem Ersten Weltkrieg zwischen der Türkei, Bulgarien und Griechenland, die durch die Konferenz von Lausanne 1922/23 international anerkannt wurden. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs folgten weitere Vertreibungswellen: die Aussiedlung der Polen aus dem sog. Korridor und anderen dem Reich einverleibten Gebieten ins Generalgouvernement (bis 1941), die massenhaften Deportationen ins Innere der UdSSR in den sowjetisch besetzten Teilen Polens, die Vertreibung der Polen aus Wolhynien und Galizien durch ukrainische Banden (1943/44), die Aussiedlung der Restbevölkerung nach dem Warschauer Aufstand (August 1944) und schließlich – seit Herbst 1944 – die Vertreibung der Deutschen durch die Rote Armee in Ostpreußen, Pommern und Schlesien, die zwischen 1945 und 1948 von den Polen fortgesetzt wurde und oft mit Schikanen, Plünderungen und Übergriffen verbunden war. Bereits 1945 erfolgte auch die Aussiedlung der Ostpolen, wobei die Betroffenen freie Wahl zwischen der Option für die UdSSR und der Übersiedlung nach Polen hatten. Anders als die Deutschen durften sie ihr Mobiliar mitnehmen, waren aber ebenfalls verschiedenen Schikanen der sowjetischen Behörden ausgesetzt.

H. J. Bömelburg, R. Stößinger, R. Traba (Hrsg.): Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich. Olsztyn [Allenstein]: Borussia 2000, ISBN 3-929759-29-2, 528 Seiten, 24,50 EUR.

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